Wings (Kapitel 6 Teil 3)

In meiner Kontaktliste erschien erst Alex’ Name. Ich wollte ihm schreiben, doch er war schneller.
„Hallo Blanka :) Ich habe dich schon erwartet :)“ schickte er mir.
„Hey“ schrieb ich.
„Wo warst du so lang?? ;)“
„Sorry, das Internet war weg. Mein Bruder bastelt gerne am Router herum. Aber jetzt bin ich da.“
„Okay, super :)“ las ich.
„Also Mittwoch Kino?“ wollte ich wissen.
„Ja ;)“
„Welchen Film schauen wir uns an?“ Ich hatte vom derzeitigen Kinoprogramm keine Ahnung.
„Hast du einen besonderen Wunsch?“ fragte Alex.
„Eigentlich nicht…“
„Sehr gut. Dann soll es eine Überraschung werden ;)“ schrieb er mir. „Lass mich kurz die Uhrzeit schauen.“
Eine Überraschung? Klang gut. Ich durfte die Liste der aktuellen Kinofilme nicht sehen. Während Alex abwesend war, startete ich eine Konversation mit meinem Bruder. Dass uns nur eine Wand trennte, störte mich nicht.
„Bin wieder da“ teilte mir Alex mit.
„Du warst schnell :P“ kaum schickte ich Alex die Nachricht, schrieb mir mein Bruder. Ich antwortete ihm.
„Ich bin immer schnell ;)“ kam wieder von Alex.
„Oh ^^ Also solange wir uns keinen Horrorfilm anschauen, passt alles.“
„Mach dir keine Sorgen :) Passt halb sechs?“
Ich wusste nicht, wann Anna und ihre Freundinnen ins Kino wollten, hoffte jedoch, dass sie sich nicht denselben Film um dieselbe Uhrzeit anschauen würden.
„Gibt’s eine spätere Vorstellung?“ Ich musste sicher gehen.
„Wart kurz“ antwortete er. „Ja, um 19 Uhr.“
„Das wäre optimal“ schrieb ich. Ich wollte ihm auf keinen Fall verraten, dass ich an dem Tag schon mit meinen Freundinnen ins Kino gehen wollte.
„Super :) Wenn ich fragen darf, weshalb magst du keine Horrorfilme?“
„Naja… Ich mag die Szenen nicht, in denen alles Lebende zerstückelt wird o.O“ gestand ich. „Ganz im Gegensatz zu meiner Freundin Stella. Sie liebt Horrorfilme. Sie liebt alle Filme.“
„Genau das ist das spannende an Horrorfilmen ;) Wie geht’s denn deiner Freundin?“
„Ganz gut :) Obwohl ich sie viel nerve :P Aber sie ist meine beste Freundin und sie verzeiht mir jeden Blödsinn.“
„Zum Beispiel das mit deiner Abwesenheit?“ deutete Alex auf die Flucht vor dem Schularzt hin.
„Ja das auch :)“ antwortete ich.
„Weiß sie von mir?“
Ich dachte kurz darüber nach, ob ich ihm die Wahrheit schreiben soll. Doch wenn Stella meine beste Freundin ist, dann vermutet er wahrscheinlich, dass ich ihr von ihm erzählt habe. Ich schrieb Alex die Wahrheit.
„Klar :)“
„:S“ kam zurück. Was hatte das zu bedeuten?
„Was denn?“
„Ich möchte lieber im Hintergrund bleiben“ schrieb er nach langem Zögern.
Wieso wollte Alex, dass ich Stella nichts erzähle? Er verunsicherte mich.
„Es ist besser so“ hängte er noch an die Nachricht.
„Okay… Wie du willst.“
„Ich würde mich bedanken ;-)“ ich verstand seine plötzlichen Stimmungsschwankungen nicht. Oder nahm nur ich sie war, waren sie gar nur meine Stimmungsschwankungen? Ich war mir nicht sicher.
„Stell dir vor, was heute passiert ist…“ schrieb ich, um das Thema zu wechseln. Ich formulierte einen ganzen Absatz über meinen Tag, was auch ein Tagebucheintrag hätte sein können. Sein Lächeln – so stellte ich es mir vor – kam wieder zurück und blieb im weiteren Verlauf unserer Konversation. Ich dachte nicht mehr länger über seine Bitte, im Hintergrund zu bleiben, nach. Wir erzählten uns gegenseitig Witze. Später fragte er mich über Stella – wie sie ist, was sie macht, wie lange wir uns schon kennen.
Ich erfuhr, dass Alex selbst in der Stadt noch keinen großen Freundeskreis hat, da er die meiste Zeit für das Studium lernen muss. Ab und zu geht er mit einigen seiner Kumpels feiern. Am liebsten fährt er Rad oder läuft in der Natur. Seine Begeisterung für Sport erklärt seinen makellosen, trainierten Körper. Er meinte, seine Freunde sitzen lieber im Schnellrestaurant als im Fitnessstudio.
„Dann muss ich nicht an muskulöse Türsteher denken, wenn von deinen Freunden die Rede ist? :P“ scherzte ich.
„Keine Angst. Die haben leider nicht viel zum Herzeigen.“
„Und du? ^^“ Wenn wir schon beim Thema sind…
„Bist neugierig, nicht wahr? ;)“
„Naja… Du sagst, du machst viel Sport“ schrieb ich.
„Eben ;)“ Alex gab mir keine konkrete Antwort. Ich konnte mir trotzdem seine Bauchmuskeln gut vorstellen. Es musste ein herrlicher Anblick sein…
Wir redeten über unsere Ziele und Träume. Alex möchte als Anwalt sein Geld verdienen, weswegen er so hart studiert. Ich hatte noch keine Vorstellung von einem Job, aber verdienen wollte ich auch. Dazu musste ich es unbedingt bis zur Abschlussprüfung schaffen. Früher wollte ich Tierärztin oder Sängerin werden, wie viele kleine Mädchen. Oder Schneiderin – der Rock der Kindergärtnerin hatte mich als Kind sehr inspiriert. Eine Zeit lang ließ ich mich für das Nähen begeistern, doch irgendwann hat sich meine Denkweise geändert. Würde ich meinen Traumjob eigens festlegen können, so wäre ich Flugtrainerin für Menschen mit Flügeln. Vermutlich würde ich mangels potenzieller Kunden in kürzester Zeit pleite gehen. Ich bezweifelte nämlich, dass in der Umgebung andere Exemplare meiner Art existierten.
Am Spätabend wünschte ich Alex eine gute Nacht und schaltete den Laptop aus. Ich war glücklicher als glücklich, mit ihm so lange geschrieben zu haben.
Dienstag Morgen rannte Stella sofort zu mir und wollte alles wissen. Alles. Ich erzählte ihr einige Sachen, aber nicht unser ganzes Gespräch. In der ersten Pause suchte ich Anna in der Parallelklasse, deren Klassenzimmer ein Stockwerk unter uns war, und sagte das Kino ab. Sie war von ihren dünnen hellbraunen Haaren umhüllt, da sie gerade die Hausaufgaben in Mathe abschrieb. Sie hatte kaum Zeit für mich, teilte mir aber mit, dass sie den Kinobesuch sowieso verschieben wollten. Ich ging beruhigt in mein Klassenzimmer zurück. Niemand würde mich mit Alex sehen. Wir durften uns frei im Kino bewegen.
Die Sonne schien den ganzen Tag und ich bekam Lust darauf, meine nächste Tour zu planen. Diesmal ging es zum Neusiedler See nach Österreich. Der Anblick des Sees bei Mondschein war bezaubernd. Wann der perfekte Tag zum fliegen sein würde, stand noch offen. Es hing vom Wetter, von der Windlage und der Temperatur ab. Nachdem ich den Weg auf das letzte Exemplar grenzüberschreitende Landkarte eingezeichnet hatte, druckte ich ein paar neue Landkarten aus, legte sie in eine Mappe, die ich anschließend in der Schublade versaute. Einmal stellte ich sie meinem Bruder zur Schau. Das war der Moment, in dem er begriff, wieso ich immer erst früh am Morgen wieder daheim ankomme.
»Du bist viel unterwegs« stellte er fest und zog mit dem Zeigefinger über die rote Linie auf einer Landkarte. »Du erlebst Dinge, die andere nie im Leben erleben werden.«
»Das tu ich« lächelte ich sanft. »Aber vergiss nicht, dass alles seinen Preis hat.«
Was Lucas sah, war nur das Endergebnis des monate-, gar jahrelangen Trainings. Es war wie ein Kinofilm – der Zuschauer bekommt nur das Ergebnis von der langen, anstrengenden Arbeit mit. Nur die, die bei der Produktion mitgewirkt haben, wissen den Aufwand und den Erfolg zu schätzen.
»Pass bitte gut auf dich auf« sagte Lucas. »Pass auf meine einzige Schwester auf. Und denk immer an Camilla.« Dann gab er mir die Papiere zurück.
»Ich passe immer auf mich auf.« Ich legte den Papierstapel mit all den schönen Erinnerungen zurück in die dunkelblaue Mappe.
Seitdem ist sie nur dicker geworden. Ich habe schon oft philosophiert, ein Tagebuch über meine nächtliche Reisen zu schreiben. Ein Satz wie „und dann entschied sich mein MP3-Player fürs Schwimmen“ würde mich später zum Lachen bringen.
Am Abend war die Luft angenehm. Ich zog meine Laufschuhe an und ging in den Park. Mit jeder gelaufenen Runde spürte ich, dass ich dem morgigen Tag ein Stück näher rücke und glaubte die Zeit greifen zu können. Die Vögel gaben mir ein Konzert, das unterhaltsamer war, als alle gängige Popsongs zusammen.
Das Laufen ließ mich meine Muskeln spüren. Nach dem Training war ich erschöpft und fühlte mich wie in einer heißen Sauna. Es dämmerte schon, die Sonne war am Horizont verschwunden. Ich dehnte ein wenig, dann legte ich mich auf das Gras und ließ meine Glieder locker. Anhand meines Trainingsplans war ich mir sicher, die fiteste Person im ganzen Gymnasium zu sein.
Die Kälte weckte mich auf, es war finster im Park. Ich stand schwerfällig auf und ließ meinen Blick über den dunklen Park gleiten. Meine Haut war eiskalt, ich war am frieren. Im Park einzuschlafen war wohl keine gute Idee… Ich eilte zitternd nach Hause.
»Wo warst du so lange?« empfing mich meine Mutter am Eingang.
»Ich bin auf der Wiese eingeschlafen. Es ist mir kalt, ich muss sofort duschen« sagte ich in der Hoffnung, dass sie mich nicht länger aufhält.
Meine Mutter schüttelte den Kopf, gab mir aber den Weg frei. Ich rannte die Treppen hoch und stieg unter die Dusche. Heißes Wasser floss über meinen kalten Körper, wärmte mich aber nicht auf. Ich kuschelte mich in das Badetuch, dann unter die Decke. Mir war es immer noch kalt und ich zitterte, doch irgendwann gelang es mir, einzuschlafen.

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