Wings (Kapitel 8 Teil 1)

Make-up, Kleid, Frisur – alles passte perfekt. Ich betonte meine Augen dezent mit einem Eyeliner und trug ein wenig Lippenbalsam auf. Nach einem langen Telefongespräch mit Stella fiel meine Entscheidung auf das lila Oberteil mit dem süßen Katzenmuster und die dazu passenden Jeans.
Ich war aufgeregt, mein Herz klopfte hart gegen meinen Brustkorb. Und das, obwohl ich es mir verbot, an das Treffen mit Alex zu denken. Ich atmete tief ein und wieder aus. Ein Hauch Parfüm durfte nicht fehlen. Zwei Spritzer waren genug, dass auch mein ganzes Zimmer nach frisch gepressten Zitrusfrüchten duftete. Es war die Art von Duft, die sofort die Laune verbesserte, sobald sie die Nase erreichte. Ich war mir sicher, dass Alex den Duft riechen würde, doch zur Sicherheit sprühte ich mich noch mehr ein. Da mein Zimmer den Eindruck einer ganzen Orangenplantage machte, öffnete ich das Fenster. Den Duft von Alex zu schnuppern war mir lieber als den ganzen Tag von meinem eigenen Parfüm betäubt zu werden. Ich warf meinem Spiegelbild ein Lächeln zu, verabschiedete mich von Lucas und ging zum Fahrrad in die Garage. Ich schob den Drahtesel vor die Haustür und sperrte diese ab, damit mein Bruder nicht entführt wird.
Die Sonne schien, das Wetter war herrlich. Ich war etwas spät dran und raste wie verrückt in die Stadt. Hoffentlich schaute Alex nicht jede Minute auf die Uhr, so wie ich es tat. Schon eine beachtliche Strecke vor dem Zielpunkt erblickte ich ihn neben seinem Rad. Er lehnte sich an eine Säule und posierte in einem rot-weiß karierten Hemd. Unter den Ärmeln schauten seine Muskeln hervor, es war ein sehr schöner Anblick. Zum Hemd trug er hellblaue 3/4-Jeans. Natürlich hatte er seine Haare hochgestellt. Er wirkte unglaublich charmant… Und äußerst attraktiv. Ich hatte auch versucht, mich schick zu machen, aber neben ihm fühlte ich mich wie eine graue Maus.
Auf seinem Handgelenk entdeckte ich zum Glück keine Uhr. Dennoch trat ich die Pedalen kräftiger, damit ich so schnell wie möglich bei ihm sein konnte. Meine Gefühle spielten verrückt, trotzdem konnte ich ihn herzhaft angrinsen, als ich vor seiner Nase die Bremsen zog. Ein vertrauter Duft erreichte meine Sinne und ich schauderte. Er erinnerte mich an die Nacht in der Disko, wo ich ihn das erste mal so intensiv wahrgenommen habe, wo er seinen Kopf auf meinen gelegt hatte, wo wir uns so nahe waren… Der Duft war herausfordernd und hatte gleichzeitig etwas spielerisches in sich. Ich zwang mich zurück in die Realität.
Alex lächelte mich ebenfalls an und ich war froh, dass mich die Geschwindigkeitsänderung nicht umgehauen hat. Was wahrscheinlich daran lag, dass er eine Sonnenbrille anhatte. Die Vorstellung war amüsant, obwohl ich ausschließen konnte, dass mir das jemals passieren würde. Ich hatte sowohl das Rad, als auch die Geschwindigkeit unter Kontrolle. Aber irgendwie hatte ich doch Angst, in Alex’ Anwesenheit etwas Peinliches zu veranstalten.
»Hey« Alex nahm die Sonnenbrille vom Kopf und gab mir zur Begrüßung zwei Küsschen auf die Wange. Zum Glück saß ich nicht mehr im Sattel. »Schon gesund?« erkundigte er sich.
»Hi« ich versuchte zu lächeln und meine Aufregung zu verstecken. »Ja, ich bin wieder fit« sagte ich. »Ich war das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, auch schon gesund.«
Ich betrachtete Alex’ Fahrrad. Es war ein Prachtexemplar aus dem sportlichen Bereich, aber das überraschte mich nicht.
»Das mit dem Kino tut mir leid« fing ich an, doch er schüttelte nur den Kopf.
»Mach dir deswegen keine Gedanken, Blanka, es ist nicht diene Schuld, dass du krank warst. Wir können ein anderes Mal ins Kino gehen« sagte er und schenkte mir sein schönstes Lächeln. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er auch schlecht gelaunt sein kann. Gut, einmal war er mies drauf, und zwar nach der Nacht, in der wir miteinander getanzt hatten… Ich sah zu ihm rauf und vergaß schnell unser Telefongespräch am darauffolgenden Tag. Ich wollte mir das Treffen von unangenehmen Erinnerungen nicht ruinieren lassen.
»Wohin möchtest du fahren?« fragte er mich.
Ich schaute zum Himmel. Die Sonne schien wundervoll, es waren weit und breit keine Wolken zu sehen.
»Wir könnten dem Radweg neben der Donau entlangfahren. Die Landschaft ist echt sehenswert.«
»Hört sich ganz danach an, als würde sich jemand auskennen« scherzte er. Alex nickte den Kopf zur Seite und musterte meine Augen.
Wie recht er doch hatte.
»Ich bin viel unterwegs« sagte ich schulterzuckend.
Die Strecke an der Donau war mein Lieblingsweg und perfekt geeignet für kürzere Flüge. Die Landschaft hatte etwas mystisches, ich liebte die tanzenden Schatten der riesigen Bäume. In windigen Nächten nahm ich keine Musik mit, sondern hörte dem Rascheln der Blätter zu. Doch die Landschaft hatte nicht nur von oben was zu bieten — dem Fluss entlang zog sich ein schöner Radweg. Anders als in der Stadt unterbrachen hier keine Ampeln und Fussgängerzonen die Radtour. Der Weg bot sich somit für schnelle Fahrten an. Ich kannte ihn in- und auswendig.
»Dann lass uns fahren« nickte Alex und setzte sich auf sein Fahrrad. Er schob die Sonnenbrille vor die Augen und ließ mich vorfahren.
Wir rollten auf den teilweise chaotischen Strecken durch die Stadt, bis wir die Gemeindegrenze erreichten, wo der Donauradweg begann. Wir fuhren langsam nebeneinander und unterhielten uns. Der Gegenverkehr unterbrach uns immer wieder, aber das störte uns nicht.

»Was sagst du zu dem dort?« fragte ich Alex auf den vierstöckigen Heuballenhaufen zeigend. Wir befanden uns zwischen zwei Ortschaften, links und rechts von der Straße waren großflächige Felder. Das Gebilde aus den Heuballen stand schon seit einer Ewigkeit auf dem Sonnenblumenfeld. »Wir könnten raufklettern.«
»Ist das dein Ernst?« lachte Alex.
»Ja. Die Aussicht ist herrlich. Das letzte Mal haben mir sogar andere Radfahrer zugewinkt« antwortete ich.
Alex dachte wohl, dass ich ihn an der Nase herumführen will. Es war nicht schwer, auf den obersten Heuballen zu klettern, aber fliegend würde es schneller gehen.
»Komm schon« seufzte ich. Alex überlegte.
»Von mir aus können wir uns raufsetzen« sagte er schließlich. »Aber ich dachte soeben, dass du nur Witze machst.«
»Schaue ich so aus?« ich versuchte, ernst zu wirken. Alex prustete los.
»Nein, tust du nicht« stellte er fest.
Wir bogen auf das Feld ab. Der Boden war so uneben, dass mich mein Fahrrad fast vom Sitz warf. Wir ritten wild über die ausgetrocknete Erde zu den Heuballen. Ich legte das Rad ins Gras, Alex tat dasselbe.
»Ein Wettkampf? Wer zuerst oben ist, gewinnt?« fragte ich herausfordernd und hoffte, dass ich gewinnen würde, wenn Alex die Herausforderung annimmt. So schick gekleidet hätte ich ihn mir nicht als Gewinner vorstellen können. Er würde vielleicht noch auf die ersten Heuballen klettern, während ich oben lächelnd auf ihn warte.
»Okay« hörte ich. Und wir rannten los.
Aus dem ersten Anlauf wurde nichts, mir gelang es nicht, mich an den Heuballen festzuhalten. Zu meiner großen Enttäuschung und Überraschung zugleich war es Alex, der mühelos hinaufsprang und in kürzester Zeit ganz oben war, ehe ich auf die erste Ebene klettern konnte. Vielleicht hatte er mich nur besiegt, weil er größer war als ich… Er hüpfte wieder runter und ich versuchte ihn zu erreichen, doch er wich mir aus. Wir spielten eine Runde Fangen, dann half er mir auf den höchsten Heuballen und wir setzten uns hin.
Zugegeben, das Klettern musste ich noch üben. Wie gesagt, fliegend wäre ich zuerst oben gewesen, egal wie schnell er geklettert wäre. Leider durfte ich zu dieser Tageszeit hier nicht fliegen.
»Wie hast du das gemacht?« wollte ich wissen. Das Heu kratzte Muster auf meine nackten Beine.
»Was denn?« Alex lächelte unschuldig.
»Dass du auf den Heuballen so leicht herumhüpfst als würdest du das jeden Tag machen.«
Er schaute in die Ferne, dann zu mir.
»Vielleicht mache ich das jeden Tag?«
Diesmal fühlte ich mich verunsichert. Es war ausgeschlossen, dass Heuballen besteigen in Alex’ täglichem Sportprogramm vorkamen.
»Ich habe drei Jahre lang geklettert« klärte er mich auf.
»Oh. Das hast du noch gar nicht erwähnt« das würde erklären, weshalb er so schnell oben war.
»Habe ich nur nebenbei gemacht. Eine tolle Freizeitbeschäftigung.«
»Ich beneide deine Kraft und Ausdauer« sagte ich.
Für einen kurzen Augenblick kam mir der Gedanke, dass Alex vom Fliegen so fit war. Hatte er auch Flügel? Das hätte ich bemerkt. Und er hätte meine Flügel auch längst bemerken müssen. Außerdem war das Fliegen nicht die einzige Sportart, die einen fit hielt. Es gab zahlreiche andere, die Kraft und Ausdauer mit sich brachten. Ich nahm mir vor, die nächsten einsamen Nachmittage hier bei den Heuballen zu verbringen und das Raufklettern zu trainieren.
»Ich bin ein Mann, du ein Mädchen« gab er liebevoll an. Ich streckte ihm meine Zunge entgegen und zeigte mich beleidigt. Er wusste natürlich, dass alles nur gespielt war, rückte dennoch näher und versuchte, mir in die Augen zu schauen.
»Was schaust du so?«
»Sei doch nicht so böse, sonst fällt noch der Himmel auf unseren Kopf« warnte mich Alex. Kurz darauf donnerte es. Ich blickte rauf, sah aber keine Wolken.
»Woher hast du das gewusst?« fragte ich erstaunt. Meine Augen weiteten sich, Alex’ Blick hielt mich gefangen. Seine grünen Augen wirkten hypnotisierend.
»Hinter dir« die Lage schien ihn zu amüsieren. »Vorhin hat’s geblitzt.«
Ich drehte mich um und erblickte die monumentalen, dunklen Regenwolken am Himmel, die einen Angriff auf uns starteten. Schaut nach einem Gewitter aus… Ich zuckte zusammen. Was mache ich, wenn es anfängt, heftig zu regnen? Ich wusste nicht, ob mein Korsett im nassen Zustand den Umriss meiner Flügel preisgeben würde.
»Darf ich dir die Zukunft vorhersagen?« Alex riss mich aus der beginnenden Nervosität. Er schien sich nicht mit den Regenwolken zu beschäftigen. Vielleicht hatte er recht – ich betete, dass die Wolken vorbeiziehen und uns trocken lassen.
»Klar« antwortete ich und streckte meine Hände aus. Er umschloss sie mit seinen warmen Fingern.
»Deine Hände sind ja eiskalt« sagte Alex besorgt.
»Ich muss mich in dieser Hitze irgendwie kühlen« improvisierte ich. Es war die Nervosität, die meine Glieder betäubte.
Er schüttelte den Kopf und streichelte mit dem Zeigefinger über meine Handfläche, was mich angenehm schaudern ließ. Es kostete mich meine ganze Kraft, nicht die Augen zu schließen und seine Berührungen zu offensichtlich zu genießen. Ich beobachtete ihn, während er meine Hände musterte. Alex schaute verdammt gut aus. Zu gut, um jetzt hier zu sitzen und die Zeit mit einem Mädchen zu verbringen, das nicht für ihn bestimmt ist. Ich bemerkte, dass meine Augen geschlossen waren. Zu gerne hätte ich meine Flügel gegen eine glückliche Beziehung getauscht.
»Vor dir liegt eine wundervolle Zukunft. Das Schicksal hat dich ausgewählt, um eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Eines Tages wirst du die Welt retten!« sagte er robotisch, ich musste lachen.
Was für eine Vorhersage! Das Einzige, was ich retten musste, war mein Platz in der Schule. Und vielleicht mich selbst.
»Ich glaub’s dir« betonte ich sarkastisch.
Er betrachtete mich lange, bevor er sich wieder meinen Händen widmete. Seine Vorhersage wurde von Blitz und Donner unterbrochen. Alex meinte, ich würde einen reichen Mann heiraten und mindestens zwei Dutzend Kinder bekommen, darunter Drillinge und Vierlinge. Was für eine Zukunft… Ob meine Kinder auch Flügel hätten?
»Wir sollten gehen. Ob ich nun drei- oder vierhundert Enkelkinder haben werde, ist unwichtig« ich zog meine Hände aus seiner warmen Umarmung.
»Wir werden nicht trocken davonkommen« stellte er fest. »Komm, beeilen wir uns.«
Ich musste nicht einmal aufblicken, um seine Worte bestätigt zu bekommen. Das Gewitter war zum Greifen nah. Und schon wieder spürte ich die aufsteigende Panik in mir. Ich hatte Angst, dass meine Flügel ans Tageslicht kommen würden. Wir kletterten vom Heustapel runter und liefen zu unseren Fahrrädern. Innerhalb von Minuten verdunkelte sich der Himmel. Der Regen erwischte uns auf dem Radweg zwischen zwei Ortschaften.

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