Wings (Kapitel 9 Teil 1)

Das Schuljahr näherte sich seinem Ende. Ich verbrachte viel Zeit mit Alex, wir trafen uns mehrmals die Woche. Von Tag zu Tag lernte ich neue Seiten von ihm kennen und verliebte mich immer mehr in ihn. Stella, meine Freundin, tat mir leid. Sie beschwerte sich ständig, dass ich mir kaum mehr Zeit für sie nahm. Womit sie vermutlich auch recht hatte. Ich hätte mich ja gerne mit ihr getroffen, aber es kam jedes Mal etwas dazwischen – ein Spaziergang mit Alex oder ein Training. Das Training war sehr wichtig, ich durfte es nicht vernachlässigen. Regelmäßig flog ich meine nächtliche Strecken, um fit zu bleiben. Unsere Freundschaft litt zwar unter meiner Beziehung mit Alex, dennoch fühlte sich jeder Tag vollkommen an. Ich spürte, dass mein Leben an einem Wendepunkt angelangt war.
Am Wochenende vor der letzten Schulwoche rief mich Alex an. Er wollte am Nachmittag unbedingt persönlich mit mir reden. Ich dachte mir nichts dabei, weil ich die Tatsache, dass mich nur noch fünf Tage von den Sommerferien trennten, vor den Augen hatte. Wir machten ein Treffen in der Innenstadt aus. Es war Sonntag, das Wetter war herrlich. Ich machte mich schon früh auf den Weg und setzte mich am Fluss aufs Gras, warf meinen Kopf nach hinten und genoss die streichelnden Sonnenstrahlen. Nach einer halben Stunde spazierte ich gemütlich in die Innenstadt, wo Alex schon auf mich wartete und mich, wie immer, lächelnd empfang. Er umarmte mich und hauchte mir einen sanften Kuss auf die Lippen. Seine Hand griff nach meiner, ich fühlte mich in Sicherheit.
Wir spazierten in einen Park und setzten uns auf die nächstliegende Holzbank. Alex erzählte mir, er würde nächste Woche zu einem Seminar nach Wien reisen. Das Seminar wäre ein wichtiger Bestandteil seiner Semesterarbeit. Ich bedauerte seine Abwesenheit, da ich den letzten Schultag gerne mit ihm gefeiert hätte, aber Alex ließ mich nicht lange trauern – er hatte die brillante Idee, uns heute Abend zu treffen. Ich könnte aus dem Fenster springen und ihm meine Flugkünste zeigen. Er war begeistert, als ich freudig zustimmte.
Alex begleitete mich nach Hause und versprach mir, mir eine Nachricht zu schicken, sobald er da war. Ich ging davon aus, dass wir die ganze Nacht draußen sein würden und entschied mich deshalb für ein paar Stunden Schlaf.
Um elf wachte ich auf und schaute sofort auf mein Handy, doch Alex hatte mir noch nicht geschrieben. Ich zog mich um, bürstete die Zähne durch, machte dabei das Fenster ganz auf und tanzte im Zimmer herum. Dann setzte ich mich auf das Bett und wartete auf Alex’ Nachricht.
Ich saß lange reglos da. Mir kam schon der Gedanke, dass Alex nicht mehr kommen würde, als mein Handy summte. Ich griff nach dem Gerät und las überglücklich die Nachricht.
»Schau aus dem Fenster« schreib Alex. Ich sprang wie ein Floh vom Bett und lehnte mich aus dem Fenster.
»Alex!« schrie ich etwas zu laut.
»Pssst! Nicht so laut!« lachte er. Er stand im Garten unter meinem Fenster.
»Bin gleich unten« flüsterte ich. Dann nahm ich die zwei Decken, die schon aufgerollt auf dem Schreibtisch lagen und lehnte mich wieder aus dem Fenster.
»Alex! Fängst du sie?« fragte ich. Als er nickte, ließ ich die Decken fallen. Alex fing sie mit Leichtigkeit auf und schaute dann wieder zu mir rauf.
»Jetzt bist du dran!« lächelte er erwartungsvoll.
»Ehm.. Was?«
»Du sagtest, du würdest heute aus dem Fenster fliegen.«
Eigentlich hatte ich nicht vor, aus dem Fenster zu fliegen. Weder mit noch ohne Flügeln.
»Lieber nicht« sagte ich. »Obwohl… Ich hab heute nichts getrunken.«
»Wie meinst du das?« fragte er.
Er schaute mich so komisch an, dass ich lachen musste. Hatte ich ihm noch gar nicht erzählt, dass ich mit Alkohol im Blut nicht fliegen konnte? Es war Zeit, ihn über meine Flugunfähigkeit zu informieren.
»Wenn ich trinke, dann kann ich nicht fliegen, bis ich wieder ganz nüchtern bin…«
»Verstehe« Alex schenkte mir ein Lächeln, schien aber über irgendetwas nachzudenken.
»Ich werde die Tür benutzen« sagte ich dann. »Gib mir eine Minute.«
»Ich rühre mich nicht von der Stelle.«
Ich sprühte ein paar Spritzer von meinem Lieblingsparfüm auf mich und schlich mich leise aus dem Haus. Mein Fenster ließ ich offen, die Eingangstür sperrte ich doppelt ab. Meine Eltern und Lucas waren in Sicherheit.
»Ich dachte schon, du kommst nicht mehr« gestand ich Alex, als wir die Straße verließen.
Ich atmete die frische Abendluft ein. Sie duftete nach Sommer. Alex hatte sich auch umgezogen und trug nun eine bequeme Jogginghose und ein Shirt.
»Blanka« sagte er und presste die Decken unter seinen linken Arm. Dann nahm er meine Hand. »Wenn ich dir was verspreche, dann halte ich mich auch daran.«
Die Nacht war still, kein Wind war zu spüren. Der Vollmond leuchtete mit den Sternen am wolkenlosen Himmel, genau wie es Alex am Nachmittag prognostiziert hatte.
»Wohin gehen wir?« fragte ich neugierig. Alex war die ganze Zeit still, wir waren schon weiter weg von unserem Haus.
»Wohin möchtest du gehen?«
»Naja… Ich dachte, du hast schon ein Ziel.«
»Ja, schon lange« flüsterte er. Ich war mir nicht sicher, ob wir über dasselbe redeten. »Wie wär’s am Fluss?«
»Gute Idee« antwortete ich.
»Komm, ich kenne einen guten Platz« Alex drückte meine Hand und beschleunigte seine Schritte. Wie ein Kind, das sein Geheimnis enthüllen möchte.
Irgendwann konnte ich seinem Charme nicht mehr widerstehen. Ich blieb stehen und verlangte auf den Zehenspitzen balancierend einen Kuss. Es dauerte nicht lange, bis seine Hand meinen Hals umarmte und er mich innig küsste. Sein Duft betäubte mich.
»Gehen wir, sonst kommen wir nie an« er zog sich lächelnd zurück.
»Ja, gehen wir.«
Seine Hand griff nach meiner Taille und zog mich näher zu ihm. Alex küsste mich wieder.
»Alex!« lachte ich. »Hast du nicht gesagt, wir sollten gehen? Sonst kommen wir nie zum Fluss.«
»Hört sich gar nicht so schlecht an« sagte er verführerisch.
»Gehen wir« ich nahm seine Hand und galoppierte weiter.
Alex brachte mich zu einem reizvollen Platz am Donauufer. Hinter uns ragten die Pappeln in die Höhe. Das goldene Licht des Mondes glänzte im Wasser.
»Gefällt’s dir hier?« wollte Alex wissen.
»Es ist hier wunderschön« antwortete ich. »Wie meine nächtlichen Ausflüge…«
Alex wandte sich zu mir und beugte sich vor, damit unsere Augen in gleicher Höhe waren und musterte mein Gesicht.
»Könntest du jetzt fliegen?«
»W… Wieso?« ich kam durcheinander, wenn ich seinen Atem auf meinen Lippen spürte. »Sollte ich?«
Alex’ Augen verrieten mir, wie angespannt er war. Er hat mich noch nie fliegen gesehen. Warum sollte ich es ihm nicht zeigen wollen? Er war doch schließlich mein Freund. Und hier konnte uns niemand sehen.
»Seit wir zusammen sind, versuche ich mir vorzustellen, wie du fliegst« hauchte er ganz leise und legte seine weichen Lippen auf meine, während sein Daumen mein Kinn streichelte.
»Du möchtest mich fliegen sehen« stellte ich fest. Seine Berührungen lähmten mich.
»Nichts mehr als das« bestätigte Alex.
Ich versuchte, seine Anziehungskraft auszublenden und trat einige Schritte zurück. Da ich davon ausging, ihm meine Flugkünste zu zeigen, zog ich mein Korsett ausnahmsweise nicht an. Meine Flügel umarmten locker meine Taille. Ich zog Pullover und Shirt aus und gab sie Alex. Seine grünen Augen weiteten sich, wie ich meine Flügel ausbreitete.
»Na dann…« flüsterte ich ihm lächelnd zu.
Ich ging zu einem Baum, hielt mich fest und schlug kräftig mit den Flügeln, bis sie ihre wahre Größe erreichten.
»Du wirst jetzt wirklich fliegen« seine Stimme zitterte hinter meinem Rücken, obwohl ich noch gar nicht in der Luft war. Wie wird er wohl reagieren?
»Ja, ich werde fliegen.«
»Nicht dass du dich erkältest…« Alex versuchte, seine Nervosität zu verstecken.
»Werd ich nicht, keine Sorge« sagte ich und nahm Anlauf.
Ich spürte seinen Blick im Rücken, als würde er darauf warten, wann er aus dem Traum aufwacht. Mein ganzer Körper erwartete den Moment, in dem ich mich in die Luft heben würde. Ein falscher Schritt – dachte ich mir –, und ich lande im Fluss. Doch bevor ich nass wurde, sprang ich weg. Der Wind griff unter meine Flügel und hob mich in die Höhe. Ich hätte gern sein Gesicht gesehen, während ich immer höher und höher flog, aber ich musste mich darauf konzentrieren, den Bäumen nicht zu nahe zu kommen. Als Alex nur noch ein Punkt am Ufer war, schloss ich meine zwei Flügel und überließ mich dem freien Fall. Knapp über dem Fluss öffnetet ich sie wieder und drehte eine Runde um ihn. Einen kurzen Moment lang sah ich sein Gesicht im Mondschein und erkannte sein versteiftes Lächeln. Er sah nicht erschrocken, sondern erstaunt aus. Seine Glieder waren starr, nur sein Kopf folgte meinem Flug. Ich lächelte ihn an, als ich noch einmal vorbeiflog. Nachdem ich den Fluss einige Male überquerte, landete ich wild flatternd auf einem großen, stabilen Baum. Alex sah sich irritiert um und fand mich erst, als ich loslachte.
»Wie gefällt’s dir?« fragte ich grinsend.
Er stand reglos am Ufer und sagte nichts. Ich fing an, mir Sorgen zu machen. Hoffentlich hatte er keinen Schock erlitten…
»Das… Ist… Unglaublich…« stöhnte er leise, sein Mund blieb halb offen.
Ich setzte mich auf den Ast und hielt mich mit beiden Händen daran fest.
»Es war wundervoll« setzte er fort. »Du übertriffst meine Vorstellungen in undenkbarem Ausmaß… Was das Fliegen betrifft…. Wunderschön….«
Was könnte ich sagen? Ich war froh, dass ich bei ihm keine bleibenden Schäden verursacht hatte. Ich wandte mein Gesicht dem Mond zu, schloss die Augen und ließ Alex ausnüchtern.

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