Wir wollen einfach nur Spaß haben

Das hohe Schrillen der Türklingel, das im Haus ertönte, konnte ich bis draußen hören. Gemeinsam standen Holly und ich auf der Veranda und warteten darauf, dass uns die Tür geöffnet wurde.
Meine Stimmung war auf dem Nullpunkt. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte ich mich sogleich umgedreht und wäre davongerannt. Holly schien nicht zu bemerken, dass ich schlecht gelaunt war, denn sie schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln.
„Wir werden bestimmt Spaß haben“, flüsterte sie.
„Das werden wir noch sehen“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Denk nicht immer so negativ, James.“
„Das tue ich doch gar nicht“, widersprach ich ihr ohne Umschweife. „Ich denke bloß negativ, wenn es um deine Freunde geht.“
Mein Ton ließ keine Widerrede oder eine Weiterführung dieses Gesprächs zu.
Zu meiner Überraschung öffnete Holly den Mund, doch sie sagte nichts, denn die Tür wurde urplötzlich aufgerissen und eine vor Begeisterung strahlende Daphne trat heraus. Ihr rotbraunes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trug eine schwarze Hose und dazu einen blauen Pullover.
„Hi“, begrüßte sie uns überschwänglich. Sie ging zu Holly und nahm sie kurz in den Arm. Mich grinste sie nur an, vermutlich aus Angst, dass Holly es falsch verstehen würde, wenn sie mich umarmte.
„Ich freue mich euch zu sehen“, sagte sie energisch und klatschte in die Hände. Sie kam mir überreizt und hyperaktiv vor.
„Können wir los?“, warf Holly ein. Ihr schien Daphnes Verhalten genauso unheimlich zu sein, wie mir.
„Klar, wenn Cassidy endlich mal herunterkommen würde“, brüllte sie mit ungeduldiger Stimme ins Haus.
„Ich weiß überhaupt nicht, warum er so lange braucht.“ Genervt ging sie ins Haus zurück und schaute die Treppe hinauf. Eine Minute später hörte man lautes Fußgetrampel und Cassidy kam heruntergerannt. Seine Wangen waren durch das schnelle Laufen gerötet. Kaum hatte er Holly erblickt, da strahlte er über das ganze Gesicht. Am Liebsten hätte ich mich sofort auf ihn gestürzt und ihm sein dümmliches Grinsen aus dem Gesicht gehauen.
„Hallo“, meinte er leicht verlegen, als er bei uns ankam. Sein Gruß galt aber nur, wie sollte es auch anders sein, Holly. Mich würdigte er keines Blickes. Holly nickte ihm kurz zu und lächelte. Ich spürte, wie Wut in mir aufkam und mein Blut anfing zu kochen. Wie sollte ich ihn bloß einen ganzen Abend ertragen?
„Ich denke wir können uns auf den Weg machen“, brachte Daphne erfreut hervor und schnappte sich ihren Mantel. Auch ihr Bruder wappnete sich gegen die bevorstehende Kälte mit einer Jacke und Handschuhen. Anschließend nahm er seine Autoschlüssel in die Hand und zog die Haustür zu.
„Wir fahren mit meinem Wagen“, verkündete Cassidy laut, während er mit einem Sprung die Verandastufen überwand.
„Und wen interessiert das?“, raunte ich Holly ins Ohr.
„Fang nicht so an, James“, ermahnte sie mich mit strenger Stimme. Dann ging sie langsamen Schrittes an mir vorbei und folgte Cassidy. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihnen mit schlechter Laune hinterherzutrotten.
In mir brodelte es und meine Wut stieg ins Unermessliche, als ich sah, dass Cassidy sich wenige Meter zurückfallen ließ und anfing mit Holly zu reden. Da ich zu weit weg war, konnte ich kein einziges Wort verstehen. Laut schnaubte ich wie ein wildgewordener Stier.
„Er wird sie nicht in Ruhe lassen“, jappste Daphne, die plötzlich in meinem Blickfeld auftauchte. Sie musste sich beeilen, um mit mir Schritt zu halten.
Kurz wanderten meine Augen zu ihr. Ihre Miene verriet ihre Stimmung nicht.
„Warum sagst du mir das?“, fragte ich sie zornig.
„Weil…weil…“, begann sie atemlos, doch sie brach ab. Dann nahm sie noch einmal tief Luft, bevor sie erneut ansetzte.
„Weil ich dir klar machen will, dass, egal, was du zu meinem Bruder sagst oder du tust, er es weiterhin bei Holly versuchen wird.“
Nach ihrer Erklärung war ich mir ziemlich sicher, dass Cassidy seiner Schwester erzählt hatte, dass ich ihn vor einer Woche während ihres Besuches bei Holly bedroht hatte. Ich war froh, dass sie mir keinen Vorwurf daraus zu machen schien.
„Warum? Hat er denn keinen Skrupel davor sich an ein Mädchen heranzumachen, das vergeben ist?“, beklagte ich mich. Meine Stimme wurde von Wort zu Wort hasserfüllter. Daphne schmunzelte.
„Normalerweise macht er soetwas nicht, aber er hat sich nun mal in Holly verguckt“, erwiderte sie. Ich zuckte mit den Achseln.
„Na und? Holly ist meine Freundin und er soll sich von ihr fernhalten“, knurrte ich. Entschlossen Cassidy endlich loszuwerden, beschleunigte ich meinen Schritt, sodass ich Daphne nicht mehr neben mir sehen konnte, und eilte zu Holly.
„Wo steht denn dein Auto?“, fragte ich Cassidy, als ich die Beiden eingeholt hatte. Ich versuchte noch nicht mal meinen Tonfall freundlich klingen zu lassen.
„Es steht ein Stück die Straße runter“, erklärte er emotionslos. Er hatte es nicht gewagt, mich anzusehen.
Holly, die zwischen uns ging, schaute uns abwechselnd an. In ihren Augen erkannte ich Angst; Angst vor einer erneuten Auseinandersetzung zwischen Cassidy und mir.
Anschließend herrschte Schweigen. Zum Glück hatte er aufgehört meine Freundin anzuglotzen und mit ihr zu reden. Es dauerte noch weitere zwei Minuten, bis Cassidy endlich vor einem dunkelblauen Chevrolet stehen blieb.
Ich wollte schon zum Wagen herübergehen, doch Holly rief mich zurück.
„Was gibt´s?“
„Du fragst mich allen Ernstes was los ist?“, meinte sie verständnislos.
„Ja.“
„Du benimmst dich unmöglich, James“, fuhr sie mich an.
„Warum?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Holly wollte schon antworten, aber Daphne kam an uns vorbei und sie blieb stumm.
„Wieso steht ihr hier herum?“, fragte uns Daphne lachend. Ihre fröhliche Miene war für mich kaum auszuhalten.
„Ich will nur kurz mit James reden. Wir kommen gleich.“ Holly erwiderte das Lächeln ihrer Freundin.
„Okay.“ Daphne wandte sich um, schlenderte zum Auto ihres Bruders und stieg ein.
„Denkst du, dass du dich den Rest des Abends zusammenreißen und aufhören kannst Cassidy anzugreifen?“, fauchte sie.
„Ich greife ihn nicht an. Allerdings hätte ich guten Grund dazu, denn er himmelt dich direkt vor meinen Augen an“, giftete ich zurück. Blitzschnell stieg Hitze in mir auf und ich war kurz davor durchzudrehen.
Zum hundertsten Mal an diesem Tag fragte ich mich, warum Holly mich dazu zwang, etwas mit ihren Freunden zu unternehmen. Warum tut sie mir das an?
„Ich weiß, dass es schwer für dich ist, weil du Cassidy nicht magst, aber ich finde, dass er sich zurückhält.“
„Na klar“, murmelte ich mit sarkastischem Unterton.
„James, bitte“, flehte sie verzweifelt.
Ich mochte es nicht, wie sie in diesem Augenblick mit mir sprach, denn es kam mir vor, als wolle sie mich disziplinieren. Außerdem nahm sie Cassidy in Schutz.
Ich musste mehrmals tief durchatmen, bevor ich mich in der Verfassung glaubte weiter mit ihr zu sprechen.
„Na schön, ich halte mich zurück“, gab ich nach. Dies entlockte Holly ein zaghaftes Lächeln. Mit ihren Lippen formte sie ein „Danke.“
Nach einem letzten dankbaren Blick drehte sie mir ihren Rücken zu und machte sich auf den Weg zu Cassidys Auto. Aus der Ferne musste ich dabei zusehen, wie er sogleich aus dem Chevrolet heraussprang und ihr die Beifahrertür aufhielt. Ich fletschte die Zähne.
Ich spürte, wie sich alles in mir aufbäumte. Mein Körper schien förmlich in Flammen zu stehen.
Genauso hatte ich mich stets gefühlt, wenn ich bei meinen Aufträgen die Zielpersonen verletzt und getötet hatte. Es war kein gutes Zeichen, dass ich dieses Gefühl in mir trug.
Sicherheitshalber blieb ich draußen stehen, zumindest solange, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Es war schon einige Zeit her, dass sich diese gefährliche Leidenschaft in mir aufgetan hatte. Wenn ich ehrlich war, dann hatte ich diese Leidenschaft vermisst.
Genau, wie das Adrenalin, das durch meine Adern geströmt war, die Endorphine die meinen Körper zum Schweben gebracht hatten und auch die Schadenfreude, die sich in mir aufgetan hatte, als sich meine Opfer vor meinen Augen vor Schmerzen krümmten.
Heftig schüttelte ich den Kopf. Ich durfte solche Gedanken auf keinen Fall zulassen.
Mein Leben hatte sich vollkommen verändert und ich wollte nicht mehr zurückblicken, denn das alles gehörte zu meiner Vergangenheit. Ein gewaltfreies Leben und vor allem die grenzenlose Liebe zu Holly waren meine Zukunft.

Kaum war ich eingestiegen und hatte mich pflichtbewusst angeschnallt, da startete Cassidy bereits den Motor und fuhr los. Zum Glück fragte mich keiner von ihnen, warum ich noch so lange draußen gewesen war.
Neben mir auf der Rückbank saß eine überglückliche Daphne, die ein Lied summte. Mit ihren grünen Augen schaute sie interessiert aus dem Fenster in die Dunkelheit. Vor mir sah ich Hollys schwarzen Haarschopf, der sich keinen Zentimeter bewegte. Starr saß sie auf ihrem Platz und war ungewöhnlich still.
Cassidy linste hin und wieder verstohlen zu ihr herüber. Darauf zeigte sie keinerlei Reaktion. Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, glaubte ich zu wissen, dass sie in diesem Moment eine nachdenkliche Miene aufgesetzt hatte.
Gerne hätte ich sie gefragt, was sie beschäftigte, doch die Anwesenheit von Daphne und Cassidy hinderte mich daran.
Bequem lehnte ich mich zurück. Im Hintergrund lief leise das Radio. Da es halb acht war, wurden gerade die Nachrichten durchgesagt. Ich hörte bloß mit halbem Ohr zu. Seit wir losgefahren waren, hatte keiner von uns ein Wort gesprochen.
Der Einzige, der sprach, war der Radiomoderator, der mit begeisterter Stimme verkündete, dass es in den nächsten Tagen noch kälter werden würde und er den ersten Schnee des Jahres kaum erwarten konnte. Diese Meldung hebte meine Stimmung in keinster Weise, denn schließlich schlief ich draußen und hatte kein Dach über dem Kopf.  
Gelangweilt legte ich meine Kopf schräg und schaute durch die Frontscheibe. Die Lichtkegel der Scheinwerfer strahlten einige Meter in die Dunkelheit. Das Einzige, was ich erkannte, waren die asphaltierten Straßen, auf denen sich das Auto fortbewegte. Natürlich hielt sich Cassidy an die vorgeschriebene Geschwindigkeit, so kam mir die Viertelstunde, die wir bereits unterwegs waren, wie eine Ewigkeit vor. Ich fragte mich, wann wir endlich das Kino erreichten.
Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, verkündete Cassidy, dass wir angekommen waren. Mir fiel auf, dass wir auf demselben Parkplatz standen, wie Holly damals an dem schicksalhaften Tag, an dem ich ihr mein Geheimnis anvertraut hatte. Wenn ich mich anstrengte, dann konnte ich schwach die Umrisse des Golden Café erkennen. Wie hypnotisiert starrte ich zum Gebäude. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl in der Magengrube, aber ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden. Mein Puls beschleunigte sich rasant und mir wurde brühend heiß. Was ist nur los mit mir?
„James?“ Daphnes besorgte Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Nach langer Zeit schaffte ich es mich vom Golden Café loszureißen.
„Alles okay?“
„Ja“, antwortete ich blitzschnell. Ich wich ihrem skeptischen Blick aus und schnallte mich ab. Erst jetzt bemerkte ich, dass Holly und Cassidy das Auto bereits verlassen hatten.
„Bist du dir sicher?“ Ohne auf ihre Frage einzugehen, öffnete ich die Tür und stieg aus. Ich ging um den Wagen herum und entfernte mich ein paar Schritte von den Anderen. Ich hoffte, so Daphnes nervtötenden Fragen entgehen zu können.
Der eisige Wind kühlte meine erhitzte Haut. Ich sog die frische Luft in meine Lungen und versuchte meinen Kopf frei zu kriegen.
„Was ist denn nur mit dir los, James?“, erklang Hollys zarte Stimme hinter mir. Ich konnte hören, wie sie mit ihren Krücken zu mir herüberkam.
Plötzlich tauchte sie in meinem Blickfeld auf. Ihre langen Haare wurden ordentlich durchgewirbelt und ihre Wangen waren durch die extreme Kälte gerötet. Still drehte ich mich zu Holly, setzte ihr die Kapuze auf und musterte sie eingehend.
„Es ist nur komisch für mich, wieder hier zu sein. Mit diesem Ort verbinde ich keine guten Erinnerungen“, gab ich offen zu.
„Ich weiß, was du meinst“, nuschelte sie unsicher und senkte den Blick. Schlagartig bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie mit meiner miesen Stimmung angesteckt hatte. Dabei wollte ich, dass Holly Spaß hatte und glücklich war.
„Denk nicht weiter darüber nach, Holly“, meinte ich und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. Sie nickte.
„Das wäre wohl das Beste, schließlich will ich mir meine gute Laune nicht verderben lassen.“ Ihr Blick wanderte hoch zu meinem Gesicht. Sie schenkte mir ein bezauberndes Lächeln.
„Dir geht es doch gut, oder? Du warst im Auto so abwesend.“
Ihr Lächeln verschwand genauso schnell, wie es gekommen war. Holly schien plötzlich peinlich berührt. Betreten schaute sie wieder zu Boden.
„Mir…mir ist klar geworden, dass…dass ich heute wirklich sehr viel von dir verlange. Ich meine die Sache mit Cassidy.“ Ihre Stimme war immer leiser geworden.
Ich war von Hollys Einsicht überrascht. Ich hätte nicht erwartet, dass sie soetwas heute noch sagen würde. Ich hielt es für besser, nichts darauf zu erwidern, da ich keine Lust hatte eine erneute Diskussion über Cassidy zu beginnen.
Daher nahm ich sie lieber in meine Arme, statt ihr zu antworten. Holly legte ihren Kopf auf meine Brust und stöhnte.
„Darf ich dir was sagen?“, fragte sie und schaute zu mir hoch.
„Sicher“, entgegnete ich, bevor ich mich zu ihr herunterbeugte und ihr einen Kuss auf die Nasenspitze gab.
„Ich bin todmüde, James. Ich habe das Gefühl jeden Moment einzuschlafen.“ Passend zu ihrer Aussage gähnte sie.
„Wäre es dann nicht besser, wenn wir den Kinobesuch abbrechen und wieder zurückfahren würden?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stimme einen flehenden Unterton bekam. Holly grinste frech.
„Du würdest alles tun, um nicht mit meinen Freunden Zeit verbringen zu müssen, oder?“, fragte sie vergnügt.
„Oh, ja.“
„Wir ziehen das gemeinsam durch.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Du schaffst das“, meinte sie ermutigend, bevor sie sich streckte und mir einen Kuss auf den Adamsapfel gab.
„Wollt ihr euch noch weiter unterhalten oder können wir zum Kino gehen?“ Daphnes ungeduldige Worte wurden beinahe vom heftigen Wind verschluckt.
Holly und ich drehten uns um. Ich seufzte.
„Wir können los“, brüllte Holly ihr entgegen. Danach legte sie den Kopf schief und schaute mich aus großen Augen an.
„Du schaffst das“, wiederholte sie ein weiteres Mal und schmunzelte.
„Du traust mir eindeutig mehr zu, als ich es selbst tue“, brachte ich leicht überrascht hervor.
„Ich weiß“, entgegnete Holly, ehe sie sich in Bewegung setzte. Mit großen Schritten folgte ich ihr. Einige Meter vor uns sah ich Daphne und Cassidy, die gerade unter einer Straßenlaterne entlang gingen.
Das Kino lag in der Innenstadt. Trotz der Kälte waren noch viele Menschen unterwegs, die uns entgegen kamen. Viele Schaufenster waren beleuchtet und strahlten ihr Licht in die Dunkelheit. Während unseres Weges sprachen Holly und ich kein Wort. Ich hing meinen Gedanken nach und sie ihren. Ich zermaterte mir den Kopf, wie ich die nächsten Stunden aushalten sollte. Ich war bereits so weit, zu sagen, dass ich mich heute lieber mit zwei oder drei meiner Ex-Kollegen angelegt hätte, als mit Hollys Freunden, besonders mit Linda und Cassidy, in einem Raum zu sitzen.
Vermutlich würde jeder andere mich für diese Ansicht für bescheuert halten, aber bei ihren Freunden konnte ich machen, was ich wollte, ihre Meinung über mich würden sie niemals ändern. Zwar war es mir völlig egal, ob sie mich mochten oder nicht, aber Holly nicht.
Und da ich alles für sie tun würde, musste ich mich wohl oder übel mit ihnen auseinandersetzen.    
Ich war so in Gedanken versunken, dass ich erst spät mitbekam, dass Holly stehen geblieben war. Ich hob meinen Blick. Wir standen vor dem hell erleuchteten Kino. Mehrere Plakate präsentierten die Filme, die momentan gezeigt wurden.
Mein Blick blieb aber nicht lange an den Plakaten hängen, sondern wanderte zu der Gruppe von Menschen, die vor dem Eingang standen. Es waren Hollys Freunde, die sich angeregt unterhielten und miteinander lachten. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Holly zu ihnen herüberging. Herzlich wurde sie von Zack, Vanessa, dem Mädchen mit den kurzen Haaren, dessen Namen mir dann doch wieder eingefallen war, und Linda begrüßt.
Die jetzige Aufstellung passte genau. Sie alle standen zusammen und verstanden sich gut. Ich dagegen war weit entfernt, weil ich der Außenseiter war.
Für sie war ich der Fremde, über den sie nichts wussten und den keiner so richtig leiden konnte. Mir gegenüber waren sie skeptisch und misstrauisch.
Mit bösem Blick schaute ich zu ihnen herüber. Holly war ausgelassen und glücklich, dass erkannte ich an ihrem breiten Lächeln. Dieser Anblick vertrieb für kurze Zeit meine schlechte Laune, denn ich fand es gut, dass sie für ein paar Stunden die vergangenen, schrecklichen Ereignisse vergessen konnte.
Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und beobachtete jede Miene und jede Geste meiner Freundin. Ich konnte einfach nicht aufhören sie anzustarren.
Plötzlich schnellten ihre blauen Augen zu mir und sie sah mich verwundert an, da sie nicht wusste, warum ich immer noch hier herumstand, anstatt zu ihr zu gehen. Leise knurrte ich und mein Körper stand in Flammen. Obwohl sich alles in mir dagegen sträubte, raffte ich mich dazu auf mich der kleinen Gruppe anzuschließen. Ich setzte ein falsches Lächeln auf und stellte mich hinter Holly.
„Hallo, James“, begrüßte mich Vanessa grinsend.
Danach war es mit den Freundlichkeiten bereits vorbei. Zwar begrüßte ich Zack und sogar Linda, aber die Beiden würdigten mich keines Blickes. Mir konnte es egal sein. Ich versuchte nett zu sein, soweit es möglich war. Mehr konnte ich nicht tun. Wenn Hollys Freunde mich dennoch weiterhin hassten, dann konnte ich das nun mal nicht ändern.
„Wollen wir reingehen?“, fragte Daphne überreizt und strahlte in die Runde. Außer Vanessa und ihr war keiner richtig gut gelaunt. Selbst Holly, die sich auf diesen Abend gefreut hatte, sah deprimiert aus.
„Ja“, brummte ihr Bruder und ging schon mal voraus. Die Anderen folgten ihm, mal mehr, mal weniger begeistert. Ich bekam ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, als ich daran dachte, dass ich der Grund für die äußerst schlechte Stimmung war. Besonders, als mir bewusst wurde, dass Holly deswegen unglücklich und enttäuscht war.
„Ich glaube, ich gehe lieber. Es ist besser so“, flüsterte ich Holly zu, als ihre Freunde außer Hörweite waren.
„Nein, ist es nicht“, widersprach sie empört. „Ich bin mit dir zusammen und meine Freunde müssen sich damit abfinden“, meinte sie mit fester Stimme. Dann ging sie mit hoch erhobenem Haupt an mir vorbei und betrat das Kino. Nach einem letzten tiefen Atemzug schlenderte ich ihr hinterher.
Im Eingangsbereich war es angenehm warm. Ich öffnete meine Jacke und zog sie aus. Erst danach schaute ich mich um.
Der Boden war mit einem dunkelroten Teppich ausgekleidet und an den Wänden hingen die gleichen Filmplakate, wie draußen. Einige Meter vor mir befand sich eine beleuchtete, massive Theke, an der die Karten verkauft wurden. Gleich daneben arbeitete die Popcornmaschine schon fleißig. Ich konnte die Maiskörner wild in der Luft herumspringen sehen.
Holly und ihre Freunde standen vor der Kasse und diskutierten laut miteinander. Ich konnte hören, dass sie über die Filmauswahl sprachen. Leise ging ich zu ihnen und stellte mich unauffällig neben Daphne. Innerlich hatte ich bereits abgeschaltet, als ich meinen Namen hörte.
„Was?“, fragte ich in die Runde, weil ich nicht wusste, wer mich angesprochen hatte.
„Welchen Film würdest du gerne sehen?“ Daphne schaute mich von der Seite her an.
„Ich weiß nicht genau“, antwortete ich ehrlich. Mein Blick schweifte schnell über die verschiedenen Plakate. Die Titel verrieten mir, dass drei der sieben Filme Komödien waren, in zwei anderen ging es um Liebe und wieder ein anderer war ein Thriller. Der einzige Film, der mich interessierte, war der Film mit dem Titel Bloody Valentine.
„Ich bin für den Horrorfilm“, sagte ich.
„War ja klar“, murmelte Linda miesmutig.
Ich musste mir auf die Zunge beißen, damit ich sie nicht böse anfuhr.
„Was meint ihr?“, schoss es aus Hollys Mund. Mir war klar, dass sie diese Frage bloß gestellt hatte, um dem Risiko zu entgehen, dass Linda und ich anfingen zu streiten.
Während die Anderen weiter diskutierten, funkelten mich Lindas braune Augen zornig an. Es war kaum zu übersehen, dass sie sich am Liebsten wieder mit mir angelegt hätte.
Ich erwiderte ihren Blick mit gleichgültiger Miene. Sie sollte ruhig mitbekommen, dass sie mich in keinster Weise interessierte oder sie mich einschüchtern konnte.
„Gut, die Mehrheit hat entschieden. Wir sehen uns eine Komödie an“, verkündete Vanessa auf einmal freudestrahlend. Meine Mundwinkel wanderten nach unten. Nicht nur, dass ich mir eine Komödie ansehen musste und dabei hasste ich Komödien, sondern mir hing auch Vanessas unnatürlich gute Laune zum Hals heraus.
Fröhlich ging sie mit Daphne zur Kasse, um die Karten zu kaufen. Zack und Cassidy besorgten derweil Popcorn und Getränke. Übrig blieben Holly, Linda und ich. Es waren noch keine zwei Minuten vergangen, da fing Linda schon an ihrer besten Freundin Vorwürfe zu machen.
„Ich kann nicht glauben, dass du ihn wirklich mitgebracht hast. Dabei weißt du doch, dass die Anderen ihn nicht mögen.“ Verärgert klemmte sie sich das blonde Haar hinter die Ohren.
„Du meinst wohl eher, dass du ihn nicht magst“, konterte Holly gelassen. Sie ließ sich nicht von Lindas Wutausbruch beeindrucken.
„Nein“, raunte Linda, „Zack und Cassidy können ihn auch nicht leiden.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften.
„Entschuldige mal. Ich stehe direkt neben mir, also kannst du damit aufhören dich bei Holly zu beschweren und so zu tun, als ob ich nicht da sei. Lass deinen Ärger ruhig an mir aus“, mischte ich mich in das Gespräch der Beiden ein.
Sogleich wurde ich von Linda mit einem hasserfüllten Blick traktiert. Ihre Miene zeigte nichts als Kälte und Verachtung.
„Na schön“, sie drehte ihrer Freundin den Rücken zu und wandte sich an mich. „Niemand will dich hier haben“, knurrte sie.
„Das sehe ich anders.“ Meine Stimme bekam einen aggressiven Unterton.
„Mir war klar, dass du das sagen würdest. Die Einzige, die will, dass du hier bist, ist Holly. Wir Anderen können getrost auf deine Anwesenheit verzichten“, spuckte sie mir regelrecht entgegen.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie egal mir die Meinung der Anderen ist.“ Ich stellte mich vor sie und sah herablassend auf sie herunter. Mir reichte es. Langsam, aber sicher, war für mich die Grenze überschritten.
„Schön für dich, aber für mich ist der ganze Abend ruiniert“, wandte Linda ein und reckte ihr Kinn. Sie wollte mich provozieren, keine Frage. Aufgebracht schnaubte ich, denn Provokationen konnte ich nicht aus dem Weg gehen. Das hatte ich noch nie gekonnt.
„Könnt ihr beide euch mal beruhigen?“ Fragend sah Holly zwischen Linda und mir hin und her.
„Ich will einen schönen Abend verbringen und zwar mit meinen Freunden und meinem Freund. Ist es irgendwie möglich, dass ihr euch zusammenreißt? Redet doch einfach nicht miteinander“, meinte sie atemlos. Zornig schaute sie uns an.
„Ich würde nichts lieber tun, als nicht mit ihm zu reden, aber jedes Mal, wenn ich ihn sehe, dann rege ich mich aufs Neue auf. Ich kann beim besten Willen nicht vergessen, was er dir alles angetan hat und dass solltest du auch nicht, Holly“, sagte Linda eindringlich und warf ihrer Freundin einen warnenden Blick zu. Diese stöhnte genervt.
„Ich weiß, dass du dir Sorgen um mich machst und du unbedingt willst, dass ich mich von James trenne, aber das werde ich nicht tun. Dafür liebe ich ihn viel zu sehr.“ Beim letzten Satz hatte sie mir tief in die Augen gesehen. Ein glückliches Lächeln zierte meine Lippen, das erste Mal an diesem Abend.
„Liebe kann aber nicht alles überwinden, Holly. Vor allem nicht die Tatsache, dass dein Freund, wer weiß wie viele Menschen auf dem Gewissen hat. Ich an deiner Stelle hätte ihn nicht zurückgenommen. Ich hätte mich sofort von ihm getrennt, wenn er mir erzählt hätte, dass er ein Mörder ist.“ Lindas Stimme war nicht mehr von unbändigem Zorn erfüllt, sondern sie klang nachdenklich. Ihre Miene war weich, doch sie strahlte Angst und Unverständnis aus. Ihre Aufmerksamkeit galt nur Holly.
„Denk noch einmal über alles nach. Denk an die Schmerzen und die Trauer, die du die letzten Monate ertragen musstest und dass bloß, weil du ihm begegnet bist.“ Sie redete weiter auf ihre Freundin ein. Sie versuchte an Hollys Vernunft zu appellieren. Linda wollte, dass Holly es sich vielleicht doch anders überlegte und mich verließ. Am Liebsten hätte ich sie unterbrochen und gefragt, was ihr eigentlich einfiel, aber ich hielt meinen Mund, denn als ich Holly ansah, bemerkte ich den unsicheren Blick in ihren Augen.
Aufmerksam hörte sie sich jedes Wort von Linda an. Ihr schien der Rat ihrer Freundin sehr wichtig zu sein, daher wagte ich es nicht sie zu unterbrechen. Still stand ich neben den Beiden und versuchte nicht zuzuhören, wie Linda mich bei Holly schlecht machte.
Es verging eine gefühlte Ewigkeit, bis die Anderen mit den Karten und einer Menge Popcorn zurückkamen. Augenblicklich verstummte Linda und setzte eine neutrale Miene auf. Holly gelang es nicht ihren verunsicherten Gesichtsausdruck zu verbergen.
„Wir haben die Karten“, verkündete Daphne vergnügt und wedelte demonstrativ mit diesen in der Luft herum.
„Dann können wir ja reingehen“, meinte Vanessa nicht weniger gut gelaunt. Unauffällig verdrehte ich die Augen und verkniff mir einen entnervten Seufzer. Ich konnte das Ende dieses schrecklichen Abends kaum erwarten.
Ich war mit den Nerven am Ende, dabei hatte der Film nicht einmal angefangen. Gelangweilt starrte ich unentwegt auf die überdimensionale Leinwand vor mir. Der Kinosaal war gut gefüllt. Das Stimmengewirr drang als lautes Dröhnen an meine Ohren. Es klang, als säßen wir in einem Bienenstock. Neben mir unterhielt sich Holly mit Zack über die Schule. Ich hörte nur mit einem Ohr zu.
Rechts neben mir saß Vanessa. Sie war die Einzige, die nichts dagegen hatte neben mir zu sitzen. Die Anderen hatten sich so schnell wie möglich andere Plätze gesucht, weit weg von mir.
„Darf ich dich etwas Persönliches fragen, James?“ Vor Überraschung zuckte ich leicht zusammen, als Vanessa mich ansprach. Ich drehte meinen Kopf zu ihr. Kaum sah ich sie an, da wurde sie verlegen.
„Ja, darfst du“ entgegnete ich.
„Wieso haben die Anderen, besonders Linda, ein Problem mit dir?“, fragte sie beinahe entrüstet. Im ersten Moment war ich verblüfft, weil ich nicht erwartet hatte, dass sie mich direkt danach fragen würde.
„Was meinst du denn?“ Ich spielte den Ahnungslosen.
„Na ja“, fing sie an. Danach schaute sie erstmal zu den Anderen herüber, um sicherzugehen, dass keiner unser Gespräch belauschte.
„Immer, wenn Holly über dich redet oder du bei uns bist, dann wird Linda richtig wütend. Sie fängt an sich mit Holly zu streiten“, flüsterte sie geheimnisvoll.
„Wirklich?“ Es war ein leichtes für mich, so zu tun, als überraschte mich all dies.
„Ja“, hauchte Vanessa und nickte eifrig. Dabei schaute sie mich mitleidig an. Wahrscheinlich glaubte sie, dass mich die Anfeindungen der Anderen traurig machten.
„Hmm. Wenn das tatsächlich so ist, dann kann ich mir leider nicht erklären, warum mich Linda und die Anderen nicht leiden können.“
Ich hoffte, dass meine Stimme nicht allzu gleichgültig klang.
„Also ich mag dich“, gab sie unverblümt zu. Doch zwei Sekunden später sah es aus, als bereue sie ihren Ausspruch bitter. Ihre beschämte Miene brachte mich zum Schmunzeln. Vanessas Gesicht wurde augenblicklich knallrot.
„Danke“, meinte ich. „Es ist nett von dir, dass du das sagst.“ Freundlich nickte sie mir zu.
Plötzlich wurden die Lichter gedämmt, bis sie komplett aus waren. Es war das Zeichen dafür, dass der Film begann.
Als der erste Werbespot vorbei war, schloss ich die Augen und versuchte zu schlafen. Ich wollte die Komödie sowieso nicht sehen und außerdem war ich unglaublich müde. Ich genoss es, in einem beheizten Saal und einem bequemen Sitz zu sitzen, denn in wenigen Stunden würde ich schon wieder in der eisigen Kälte schlafen.
Viel Ruhe war mir aber nicht vergönnt.
Jemand rüttelte an meiner linken Schulter. Zuerst achtete ich nicht weiter darauf, doch dann wurde das Rütteln lästig. Genervt öffnete ich die Augen. Vor mir sah ich Hollys Gesicht.
„Was ist denn?“, fragte ich gereizt.
„Du willst doch nicht schlafen, oder?“ Aus ihrer Stimme konnte ich Enttäuschung heraushören.
„Nein“, log ich.
„Gut.“ Breit grinste sie mich an. Danach beugte sie sich zu mir herüber und küsste mich innig.
„Dann kann ich dich ja unentwegt küssen“, schloss sie frech an. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände und gab mir einen leidenschaftlichen Kuss. Dieser Moment war einer von denen, die einem ewig vorkamen. Nach etlichen Minuten löste ich mich atemlos von ihr.
„Ich dachte, du wolltest dir den Film ansehen“, wandte ich ein, als ich im Hintergrund den Song eines weiteren Werbespots hörte.
„Tja“, Holly zuckte mit den Achseln, „ich hab es mir eben anders überlegt.
„Das finde ich gut“, entgegnete ich und legte meinen Arm um ihre Schultern. Holly schmiegte sich an mich und nahm meine linke Hand.
„Ich liebe dich, James“, hauchte sie und starrte mich an. Ich legte meine Stirn gegen ihre und erwiderte ihren Blick.
„Ich weiß, aber ich liebe dich viel mehr“, entgegnete ich mit leiser Stimme. Heftig schüttelte sie ihren Kopf. Ihre schwarzen Haare wirbelten durch die Luft.
„Nein“, widersprach sie gespielt empört. „Ich liebe dich genauso sehr, wie du mich liebst.“
„Das ist mir klar, Holly. Ich wollte dich doch bloß ärgern“, sagte ich. Anschließend küsste ich sie auf die Nasenspitze.
Zufrieden lächelte sie mich an.
„Ich bin froh, dass du mitgekommen bist.“
„Hatte ich denn eine Wahl?“, fragte ich unverfroren und zog eine Augenbraue in die Höhe. Dies brachte mir gleich einen schwachen Schlag gegen den Brustkorb ein.
„Ich habe dich zu nichts gezwungen, James“, brachte sie etwas lauter hervor. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Vanessa neugierig zu uns herüberlinste. Ich hielt es für besser nichts auf ihre Aussage zu erwidern.
Stattdessen lehnte ich mich zurück und schaute auf die Leinwand. Dort wurde gerade die erste Szene der Komödie gezeigt. Neben mir schnaubte Holly und ließ sich mit verschränkten Armen in ihren Sitz zurückfallen. Ich achtete nicht weiter auf sie. Irgendwann würde sie sich schon beruhigen.
Nach einer halben Stunde stöhnte ich gelangweilt und schaute auf den Boden. Der Film gefiel mir überhaupt nicht.
Eigentlich war mir das schon vorher klar gewesen, darum hatte ich ja für den Horrorfilm gestimmt. Die Anderen dagegen sahen gebannt auf die Leinwand, dabei lachten sie hin und wieder über einen Witz. Ich wusste nicht, wie ich die restlichen eineinhalb Stunden ertragen sollte.
Holly schien eher an dem dämlichen Film interessiert zu sein, als daran, sich mit mir zu unterhalten. Schlagartig machte sich grenzenloser Frust in mir breit.
Doch plötzlich wurde ich aufmerksam, als einige Plätze links neben mir Cassidy aufstand.
Vermutlich wollte er auf die Toilette gehen. Ich wartete ein paar Sekunden ab, bis ich mich ebenfalls erhob.
„Wo willst du hin?“, fragte mich Holly und schaute zu mir hoch.
„Auf die Toilette“, antwortete ich und quetschte mich an ihr vorbei.
In diesem Moment drehte sie ihren Kopf und ihre Augen wanderten zu Cassidy. Ihr Gesicht zeigte pures Entsetzen.
„Das glaube ich dir nicht. Du willst Cassidy hinterher“, stellte sie mit ernster Stimme fest.
„Ja“, entgegnete ich trocken und ging unbescholten weiter.
„Nein, du gehst nicht. Du bleibst hier.“ Holly wollte mich festhalten, aber ich zog meinen Arm weg.
Schnellen Schrittes ging ich die Sitzreihe entlang und lief die Treppen zur Eingangstür des Kinosaals hinauf. Ich öffnete die Tür und betrat das jetzt beinahe menschenleere Kino. Da sich momentan alle Besucher die Filme ansahen, waren nur die Mitarbeiter anwesend. Ich ließ meinen Blick auf Suche nach den Toiletten umherschweifen. Mir gegenüber, ein paar Meter entfernt, entdeckte ich die Herrentoilette. Fast im Laufschritt durchquerte ich die Halle und betrat den gefliesten Raum.
Kaum hatte ich einen Fuß hineingesetzt, da sah ich Cassidy, der sich die Hände wusch. Er schien nicht bemerkt zu haben, dass ich an der Tür war, denn seine Augen waren unentwegt auf seine Hände gerichtet. Leise machte ich einen Schritt nach vorne und schloss die Tür. Erst als er sich zum Papierhandtuchbehälter wandte, fiel ich ihm ins Auge. Sofort wich er zurück, bis er mit seinem Rücken an die nächste Wand stieß.
„Was ist denn los mit dir, Cassidy?“, fragte ich hämisch und ging einen großen Schritt auf ihn zu.
„Du hast doch keine Angst vor mir, oder?“ Süffisant grinste ich ihn an.
„Nein“, meinte er und versuchte selbstsicher zu wirken, indem er sich gerade hinstellte und sein Kinn nach oben reckte.
„Dass glaube ich aber schon.“ Ich ging noch näher an ihn heran. Genugtuung erfüllte mich, als ich bemerkte, dass er leicht zusammenzuckte.
„Was ist denn mit dir? Du hast doch sonst so eine große Klappe. Das hast du auf der Halloweenparty ja eindrucksvoll bewiesen“, knurrte ich zornig, als ich daran dachte, wie er mich beleidigt und mir ins Gesicht geschlagen hatte.
Cassidy wurde kreidebleich und seine Hände zitterten. Mit seinen grünen Augen fixierte er die Tür.
„Warum bist du mir gefolgt?“
„Wie kommst du darauf, dass ich dir gefolgt bin? Ich wollte nur auf die Toilette gehen“, entgegnete ich und setzte eine unschuldige Miene auf.
„Dass glaube ich dir nicht.“ Cassidys Stimme war plötzlich ganz laut. Mutig kam er auf mich zu und baute sich vor mir auf. Er schüchterte mich nicht ein, da er um einiges kleiner war, als ich.
„Und warum glaubst du mir nicht?“
„Weil ich dir nicht traue. Holly sollte sich einen neuen Freund suchen, der nicht brutal ist und andere Leute bedroht.“ Ich gluckste.
„Ich vermute mal, dass du am Liebsten ihr neuer Freund wärst“, spottete ich. Mit ernster Miene nickte er. Diese kleine Bewegung brachte mich zur Weißglut.
Ohne darüber nachzudenken, schubste ich ihn mit aller Kraft gegen die geflieste Wand. Laut schnappte er nach Luft, bevor er auf den Boden plumpste. Mit der rechten Hand fasste er sich an den Hinterkopf.
„Anscheinend hast du meine letzte Drohung nicht ernst genommen, Cassidy“, raunte ich und hockte mich vor ihn. Ich legte den Kopf schräg und sah ihn abwertend an. Cassidys Augen zeigten hingegen Angst.
„Wie kommst du dazu, mir zu sagen, dass du ein besserer Freund für Holly wärst? Ich bin mit ihr zusammen. Ich liebe sie und sie liebt mich. Vielleicht hast du es noch nicht mitbekommen, aber sie hat kein Interesse an dir und dass wird sich auch nicht ändern“, erklärte ich ihm schroff.
„Ich…ich finde, dass Ho…Holly jemand besseren verdient hat“, stammelte er. Trotz seiner Angst traute er sich mich schlecht zu machen. Wollte oder konnte er meine Drohungen nicht verstehen?
„Ich weiß wirklich nicht, was Holly an dir findet“, sagte Cassidy mit fester Stimme. Dann blickte er mich herausfordernd an.
„Jetzt hör mir genau zu“, dröhnte ich, „wenn du es noch einmal wagst, so mit mir zu reden oder dich bei Holly einzuschmeicheln, dann lernst du mich erst richtig kennen, dass schwöre ich dir.“ Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, packte ich ihm am Kragen und zog ihn mit mir nach oben. Mit meiner rechten Hand fasste ich an seine Kehle. Ich war kurz davor zuzudrücken, als hinter uns die Tür aufgestoßen wurde.
„Lass ihn sofort los, James“, kreischte Holly.
Mist, ich hätte mir denken können, dass sie mir folgen würde. Wütend ließ ich meine Hand sinken, drehte mich um und ging schnurstracks an ihr vorbei. Ich hatte keine Lust mit ihr zu reden, weil sie sicherlich von mir verlangen würde, dass ich mich bei Cassidy entschuldigte. Ich hatte den Kinosaal fast erreicht, da hörte ich Hollys aufgebrachte Stimme hinter mir.
„HEY!!!“ Ich ging weiter.
„Bleib stehen. Ich muss mit dir reden“, brüllte sie wütend. Ich drang mich dazu durch vor dem Eingang des Kinosaals stehen zu bleiben. Ich wandte mich ihr zu. Holly ging so schnell, wie es ihr mit den Krücken möglich war. Eine Minute später stand sie vor mir. Laut rang sie nach Atem.
„Warum hast du das gemacht? Warum hast du Cassidy angegriffen?“ Fassungslos blickte sie mir entgegen.
„Weil er ein Idiot ist, der nicht kapieren will, dass du meine Freundin bist“, blaffte ich sie an und verschränkte die Arme.
„Das ist aber kein Grund ihm Gewalt anzutun“, brachte sie entschlossen hervor.
„Eine andere Sprache scheint er aber nicht zu verstehen“, keifte ich zurück und trat von einem Bein aufs Andere. Ich fand es lächerlich darüber zu diskutieren, warum ich Cassidy angegriffen hatte und ob es richtig gewesen war oder nicht.
„Wieso konntest du ihm nicht einfach sagen, was dich stört? Ich glaube er hätte dir auch zugehört und dich verstanden, wenn du ihn nicht gegen eine Wand gepresst hättest“, sagte sie in einem beschwichtigenden Ton.
„Ich bin eben so, Holly. Ich war noch nie der Typ, der seine Probleme mit Reden gelöst hat. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann bedrohe ich und setze Gewalt ein. Die Zeit als Auftragskiller sitzt tief in mir drin und meine Verhaltensweisen kann ich nicht abschütteln“, erklärte ich ihr, während ich sie durchdringend ansah.
Ihre Miene war emotionslos, als sie langsam anfing zu nicken. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.
„Versuch das nächste Mal dich zusammenzureißen, okay?“, fragte Holly geistesabwesend.
Ihre Augen gingen ins Leere und der Ton ihrer Stimme war genauso gefühllos, wie ihr Gesichtsausdruck.
Ihr Verhalten beunruhigte mich, dennoch hielt ich es für besser, sie nicht zu fragen, was mit ihr los war.
„Ich werde es versuchen.“

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