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Ein Donnerschlag zerriss die Stille, zerriss meinen Traum, der mich wie ein warmer Schleier umhüllt hatte. Von einem Moment auf den Anderen war ich hellwach, und wähnte mich dennoch schlafend. Mein Herz ging rasend schnell. Der Traum war lebendig gewesen, und einen Moment konnte ich ihn kaum von der Realität unterscheiden, die mich nun wieder umfing und mit aller Macht auf mich eindrang. Die sanften Töne, warmen Farben und weichen Empfindungen wichen dem harten Trommeln von Regen gegen die Scheiben und grellen Blitzen. Und schon jetzt konnte ich mich der Einzelheiten meiner nächtlichen Fantasie nicht mehr entsinnen. Die Erinnerung war mir entronnen, wie Wasser aus einem Sieb

Eine Weile starrte ich an die Decke, versuchte mich zu erinnern oder wieder einzuschlafen, während ich auf den Regen lauschte. Mit jeder Sekunde, die seit meinem Erwachen verstrich, entfaltete er mehr und mehr eine beruhigende Wirkung, klang weicher und angenehmer.

Doch die Rückkehr in das Reich des Schlafes blieb mir verwehrt und so setzte ich mich auf und gähnte. Ein Blick auf den Wecker, während ein Blitz die Nacht erhellte. Kurz nach vier. Bis auf den Regen und den vereinzelten Donner war es totenstill. Kein Motorenlärm drang von der Straße in mein kleines Zimmer.

Da ich ohnehin nicht mehr einschlafen konnte, beschloss ich die frühmorgendliche Einsamkeit auszukosten und einen Spaziergang durch die Stadt zu unternehmen. Aus den Kleidungsstücken, die wild verstreut um meine Matratze herum lagen, suchte ich mir einen dicken Pullover und streifte ihn mir über. Dann zog ich meine Hose an und schlich vorsichtig, darauf bedacht Sven nicht zu wecken, durch die Wohnung bis zur Tür. Dort nahm ich meine Jacke vom Kleiderhaken, schloss die Tür auf und ging nach draußen.

Kaum war ich auf die Straße getreten, begann der Wind an mir zu zerren. Kalter Regen schlug mir entgegen, überzog bald meinen ganzen Körper mit einem eisigen Film. Ich zog mir die Kapuze tief ins Gesicht. Ziellos schritt ich an den hohen Steingiganten vorbei, die zu beiden Seiten von mir aufragten. Dunkle Titanen, bedrohlich und abweisend. Erinnerungen stiegen in mir auf. Erinnerungen an sonnige Tage, grüne Wiesen und einem Gefühl von Leichtigkeit. Erinnerungen an das Haus, in dem ich vor vielen Jahren mit meinen Eltern den Sommer verbrachte, weit abseits der großen Stadt. Hätte ich gewusst, dass das Leben zwischen stählernen Türmen wie ein Gefängnis ist, wäre ich wohl für immer dort geblieben. Doch jetzt hielten mich Freundschaftsbande hier, Gewohnheiten und natürlich Ravenna. Vor allem Ravenna.

Versunken in diese Gedanken stellte ich mich in einen überdachten Hauseingang und zog meine Zigarettenpackung aus der Jackentasche. Mein Versuch eine Zigarette aus der Schachtel zu holen wirkte linkisch und ungeschickt, doch schließlich hatte ich das Papier des Filters zwischen meinen Lippen. Der Geruch des Tabaks stieg mir in die Nase, vermischt mit dem frischen Duft des Regens, der die Ausdünstungen der Großstadt hinfort spülte.

Das vertraute klicken meines Feuerzeugs begleitete den kleinen Lichtblitz, eine Flamme erhellte mein Gesicht. Ich spürte die Wärme auf meinen Wangen, als ich das Feuer an meinen Mund führte um die Zigarette anzuzünden. Ich nahm einen tiefen Zug, sog den Rauch tief in meine Lungenflügel ein, hielt ihn dort, bis es schmerzte. Und als ich ausatmete spürte ich, wie meine Gedanken etwas ruhiger wurden und meine Muskeln sich entspannten. Nur das wohlige, schummrige Gefühl, das Rauschen im Kopf, der leichte Schwindel blieben aus. Der Schwindel, dem ich hinterherjagte, seit ich meine erste Zigarette geraucht hatte. Verträumt sah ich auf die halb volle Schachtel in meiner Hand und aus einer Laune heraus zerdrückte ich sie und ließ sie in eine Pfütze fallen, den Stummel aus meinem Mundwinkel hinterher. Warum war mir vorher nie aufgefallen, wie sehr der Zigarettenqualm in meinem Mund nach Industrie schmeckte? Nach kalten Lagerhallen voller Dieseldampf?

Angewidert trat ich aus meiner eigenen Rauchwolke hervor auf die Straße, schlug die Kapuze zurück, legte den Kopf in den Nacken und ließ den Regen auf mein Gesicht trommeln. Er hatte etwas reinigendes. Ich schloss die Augen und sah die Bilder vor mir: ein kleines Ferienhaus auf dem Land, mit einem niedrigen Dach und einer weitläufigen, hölzernen Veranda. Es war ein kühler Sommertag gewesen, und es ging ein leichter Nieselregen auf das kräftig grüne Gras nieder. Ich hatte, wie auch in dieser stürmischen Nacht, einfach nur da gestanden, um den Regen auf meinen Wangen zu spüren. Es erschien mir wie ein Privileg der Kindheit, so sorglos und befreit etwas so alltägliches so intensiv zu genießen. 

Ich begann mich zu fragen, was aus dem Haus geworden war. Ich hatte es nicht mehr betreten, seit meine Eltern sich hatten scheiden lassen,  kurz nachdem ich ausgezogen war. Hatten sie es verkauft? Oder stand es vergessen in der Wildnis, mit Spinnenweben auf der Veranda? Es würde Ravenna dort sicher gefallen. Beinahe konnte ich sie vor mir sehen, wie eine schwarze Erscheinung zwischen den dunklen Tannen am Waldesrand. Ich musste dorthin zurück. Und ich musste sie mitnehmen. Diese Flucht aus der Stadt war das, was ich, was wir brauchten.

Ich malte mir die Rückkehr an den Ort meiner Kindheit in den schönsten Farben aus, konnte beinahe Ravennas helles Lachen hören und regenschwere Tannenzweige riechen. Konnte Sonnenlicht und sanften Wind auf meiner Haut spüren. Doch bald, allzu bald war ich zurück in der Wirklichkeit. Zwischen grauen Häusern, kaltem Regen, grauen Himmeln und dem Wind, der erbarmungslos an meiner Jacke zerrte. Ich begann zu frösteln und voller Sehnsucht und glücklicher Vorahnung machte ich mich auf den Weg zurück nach Hause. Die nächtliche Dunkelheit wich dem Zwielicht des Tages. Es erschien mir heller als noch ein paar Wochen zuvor.

Comments

  • Author Portrait

    Sogleich fühlt man sich direkt in deine Geschichte hineinversetzt! Wunderschön! :-)

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