X. Erwachen

Ihre Augenlider waren völlig verklebt von getrockneten Tränen und Erschöpfung.
Sie hörte ein Piepen direkt neben ihrem Kopf. Zwar konnte sie nicht genau erkennen, was geschehen war und festzustellen, ob sie noch immer im Flur lag, fiel ihr genauso schwer.
War dort nicht etwas? Ja. Doch.
Ein flüsternder, ruhiger und lieblicher Ton holte sie aus dem tiefen Schlaf hervor.
"Cherie?", sie wusste ihren Kosenamen. Cherie. Das hatte immer ihre Mutter zu ihr gesagt. Es hieß 'Schatz' oder 'Liebling' und stammte aus dem Französischen. So wie ihr Vorname, Anouk.
Das schläfrige, junge Mädchen drehte und wandte sich. Sie lag offenbar in einem Bett. Es war so schön warm und gemütlich, da war es nicht leicht für sie die Augen zu öffnen. Zumal diese so oder so kaum ein Blinzeln zuließen, aber Anouk bewältigte dies.
"Endlich, Gott sei Dank!", neben der lieblichen Frauenstimme erklang eine Männerstimme. Sie gehörte offensichtlich einem Mann, den Anouk gut kannte und schätzte, obwohl sie ihn eine lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. Nun konnte sie ihm wieder in seine leuchtenden Augen blicken. Sie waren mit einem Schleier aus Tränen bedeckt, ähnlich wie die der Frau auf der anderen Seite des Bettes.
"Oh, Cherie", die Frau atmete tief aus, dann ergriff sie die Hand der Jugendlichen im Bett.
"Maman?", entgegnete Anouk zugleich erfüllt mit Verwirrung und einer ehrlichen Hoffnung.
"Ja", bestätigte die ältere Dame, die stark grau meliert war. Ihre Haare hatten aber noch viel von ihrer ursprünglichen dunkelbraunen Kolorierung.
"Du lebst?", fragte das Mädchen und auch ihr stiegen Tränen in die Augen.
Ihre Mutter nahm sie erleichtert in den Arm, sagte dann jedoch zu ihr in einer irritierten Art: "Natürlich, mein Schatz. Wie kommst du denn darauf, dass ich es nicht täte?"
Anouk schluckte kurz.
"Dann war der Fall wohl doch schlimmer als angenommen, oder?", der Mann neben ihnen ergriff das Wort. Es war eindeutig ihr Vater. Der Mann, den Anouk verlassen hatte, als er einer Wahnvorstellung zum Opfer gefallen war ... die sich nun auf sehr eigenartige Weise aufzulösen schien.
"Fall?", fragte sie und drückte sich sanft aus den Armen ihrer Mutter, welche ihr kopfschüttelnd erklärte: "Ach, mein lieber, lieber Engel. Wir waren auf dem Weg zu dir. Wir haben dich in den letzten Wochen einige Male angerufen, aber du bist nie ans Telefon gegangen. Dann haben wir uns entschlossen einfach bei dir vorbeizuschauen. Aber ... entweder warst du immer unterwegs oder du wolltest uns die Tür nicht aufmachen. Wir haben schreckliche Angst bekommen und uns Sorgen gemacht."
Der schlanke, fast-kahle Mann fuhr fort: "Du hast auf keine unserer Annäherungsversuche reagiert. Das ging schon seit Monaten so.
Und gestern Nachmittag, als ich von der Arbeit kam, dachte ich, ich versuch‘s noch einmal und wollte dich besuchen.
Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt als ich dich gefunden habe!
Wie hast du das bloß gemacht?"
"W-was gemacht?", wollte sie wissen. Bisher machte das, was ihre Eltern ihr weißmachen wollten, keinen Sinn. Zumindest erkannte Anouk ihn nicht.
"Du bist die Treppe runtergefallen. Ich war ganz außer mir vor Sorge! Dann hab ich natürlich den Krankenwagen gerufen. Kind, Kind, Kind. Was hast du in den letzten Wochen bloß getrieben. Wieso hast du nicht auf uns reagiert? Warst du sauer auf uns?", im Gesicht ihres Vaters erkannte sie Unverständnis und eine große Portion Melancholie.
"Ich weiß es nicht. Es tut mir leid", sprach Anouk, den Blick auf die Bettdecke gerichtet.
Dann legte sie ihre Hand an ihren Kopf. Dabei bemerkte sie die raue Oberfläche eines Verbandes. Sie war also tatsächlich eine Treppe hinuntergestürzt?
"Der Arzt meinte es war ein ziemlich schwerer Sturz aus dem dritten Stock. Du hast eine Platzwunde. Genau da wo dein Haaransatz anfängt", er zeigte mit dem Zeigefinger auf sein eigenes, kärgliches Resthaar und Anouk tastete die Stelle auf ihrem Kopf ab. Sie biss die Zähne zusammen und stöhnte. Der Schmerz war grauenvoll.
"Es ist in Ordnung, Liebling. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Die in der Universität wissen schon Bescheid. Mach dir darum keine Sorgen", versicherte ihre Mutter.
"Der Doktor wollte gleich noch einmal kommen. Ich hoffe er kann dir etwas gegen die Schmerzen geben ... und die Amnesie", erklärte ihr Vater, während das Mädchen sich langsam über den ganzen Kopf fuhr.
"Schätzchen? Wieso ... warst du eigentlich so überrascht darüber, dass ich lebe?", ihre Mutter warf ihr einen lieb gemeinten Blick zu.
"Das ... weiß ich nicht genau", stammelte ihre Tochter. Anouk fühlte eine unangenehme Leere in ihrem Kopf. Sie wusste nicht einmal mehr, was sie gestern Nachmittag überhaupt getan hatte. So sehr sie sich auch anstrengte und verkrampft darüber grübelte, nicht der kleinste Gedanke kam ihr in den Sinn.
"Oh. Noch etwas", bemerkte der betagte Herr und nahm eine Kleinigkeit von der Kommode neben dem Bett, "jemand hat das hier für dich da gelassen, anscheinend. Plötzlich stand es dort. Wir waren einen Augenblick lang nicht im Zimmer und als wir wiederkamen, war es hier."
Er überreichte ihr ein schmales Päckchen, sie nahm es verdutzt entgegen und begann sogleich es aufzureißen.
Überrascht erblickte sie das sonderbare Geschenk. Es war ein Fotorahmen. Er befand sich verkehrt herum in der Verpackung. Sie drehte ihn herum...
Das Bild aus ihrem Wohnungsflur. Das Bild ihrer Familie.
Anouk schaute verblüfft auf das Bild und ihre Eltern schienen ebenso verwundert zu sein, da sah sie zwischen den Köpfen der beiden für den Moment - und war er noch so kurz - ein drittes Gesicht.
Es gehörte einem Mann. Ein junger Mann mit kurzen, braunen Haaren, Stoppelbart und einer schmalen Statur. Er schaute sie mit einem starren Lächeln an und, man konnte es kaum erkennen, aber er zwinkerte ihr zu.
"Liebling. Ist alles in Ordnung?", fragte ihre Mutter und sowohl sie als auch ihr Mann schauten auf die Wand hinter sich, an der zuvor der braunhaarige Jugendliche gelehnt, sich mit einem seiner Füße abgestützt und die Arme vor der Brust verschränkt hatte.
Nachdem Anouk mit einem geistesabwesenden Kopfnicken der Frage ihrer Mutter aus dem Weg zu gehen versuchte, warf sie noch einmal einen Blick zur Wand, aber der befremdliche Junge war fort.
"Nanu. War das ... eben schon da?", bemerkte ihr Vater und deutete auf einen kleinen Zettel, der zwischen dem Rahmen und dem Glas des Bilderrahmens klemmte.
Anouk nahm ihn vorsichtig mit Zeigefinger und Daumen auf, wobei sie eine seltsame, beinahe erdrückende Präsenz spürte. Sie begann jedoch, nach einer letzten sorgenvollen Musterung ihrer Umgebung, leise zu lesen, was auf dem verwitterten Stück Papier stand:
"Auf die Stirn nimm diesen Kuss!
Und da ich nun scheiden muss,
So bekenne ich zum Schluss
Dies noch: Unrecht habt ihr kaum,
Die ihr meint, ich lebte Traum;
Doch, wenn Hoffnung jäh enflohn
In Tag, in Nacht, in Vision
Oder anderm Sinn und Wort –
Ist sie darum weniger fort?
Schaun und Scheinen ist nur Schaum,
Nichts als Traum in einem Traum!
Gezeichnet, IR"

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