Xantina-Orc Assassine (3)

Es war früher Morgen. Der Himmel hier im Land der Orc's war viel heller und klarer, als in Tirisfal. Rosafarbene Wolken zogen über ihn hin und die Sonne tauchte bereits rotgolden über dem glasklaren Meer auf, welches das bunte Farbenspiel des Himmels zurückwarf. Durotar war eine sehr heisse, wüstenähnliche Gegend mit rotem Sand und einzigartigen, korallenfarbigen, oft mit kalkweissen Streifen, durchzogenen Felsgebilden. Einige dieser Felsgebilde, ragten wie Nadeln in den Himmel, andere besassen die Form gewaltiger Pilze. Es gab hier sehr viele Schluchten und Höhlen überall. Auch Xantina's Heimatstadt Ogrimmar war in ein solches Schluchtenlabyrinth hineingebaut.

Der Zeppelin schwebte beinahe lautlos über das Land und warf seinen Schatten auf die trockene Erde, die besonders im Abendlicht aussah, als sei sie mit Blut durchtränkt. Eine seltsame Majestät und Stille ging von diesem Land aus. Man hörte den Wind, der durch die Schluchten und über die weiten Ebenen wehte, oft entstand dadurch ein seltsames Pfeifen, das wie die Stimme aus einer anderen Welt klang. Xantina horchte oft auf diesen Wind, wenn sie allein in ihrem schlicht konstruierten, mit Fellen belegten, Bett lag und die Gesichter ihrer zahlreichen Opfer an ihrem inneren Auge vorbeihuschten. Es war dann manchmal, als würden die Geister des Windes zu ihr sprechen. Sie hasste diese Stimmen der Elemente, denn sie riefen in ihr seltsame Gefühle der Schuld wach. Meist brachte sie es fertig, sich gegen die Stimmen abzuschirmen, aber manchmal übermannten sie sie auch, wie gerade eben, als sie über das Meer geflogen war. Dann lag sie oft stundenlang wach, dachte über tausend Dinge nach und war auf einmal nicht mehr ganz sicher, ob sie auf dem richtigen Weg war. Nicht selten, geriet sie dann ganz nahe an den Abgrund des Wahnsinns, der sie immer irgendwie zu bedrohen schien. Doch dann riss sie sich wieder in die Wirklichkeit zurück, dachte an die ihr Gleichgesinnten, von welchen es doch noch ein paar in Ogrimmar gab und dann schlief sie voller Stolz, über ihre wichtige Rolle in diesem Spiel ein.

Doch auch dann noch... liessen die Toten sie nicht wirklich in Ruhe. Ihr Wispern und Stöhnen war Bestandteil von Xantina's Leben und sie hatte sich damit abgefunden, zumindest redete sie sich das immer wieder ein.

Das Luftschiff legte nun an einer grossen Plattform an, die sich auf einem weiteren, hohen Turm befand. Dieser hier aber sah etwas anders aus, als der hohe, schlanke Turm in Tirisfal. Er war etwas massiger, bestand aus einem Gerüst aus groben Holzstämmen, die oben beim quadratischen Dach mit den zwei Plattformen, spitz zuliefen und irgendwie an gewaltige Zähne erinnerten. Der Turm war zweistöckig und hatte mit Lehm verputzte Wände. Alles im Land der Orc's war viel ursprünglicher und einfacher, als im Land der Blutelfen, wo alles mit Magie erbaut worden war. Hier hatten kräftige Männer- und auch Frauenhände, noch alles selbst errichtet, ohne den ständigen Gebrauch von Magie. Zwar beherrschten die Orc's auch Magie, doch ihre Magie war ebenfalls eher ursprünglich. Dieses Volk besass noch immer eine ausgeprägte Schamanenkultur. Nur die Hexenmeister verwendeten die arkane Magie hier und sie war eher verpönt. Auch Schurken wie Xantina, hatten gewisse magische Fähigkeiten, dazu gehörte eben der Verstohlenheitszauber, oder Zauber die die Angriffe des Assassinen noch verstärkten, oder ihn etwas schneller machten. Xantina's Vater war jedoch ein Schamane, was vermutlich auch erklärte, warum die junge Orcin immer mal wieder selbst die Stimme der Elemente vernahm, nur... waren diese im Bezug auf sie eher nicht so schmeichelhaft. Manchmal beneidete sie ihren Vater irgendwie für seine enge und liebevolle Beziehung zu den Elementen.

Durch ein mächtiges steinernes Tor, das mit zwei hölzernen Wehrtürmen flankiert wurde, an dem die blutroten Banner der Horde flatterten, gelangte Xantina zum „Tal der Stärke“. Dies war das eigentliche Zentrum der Stadt Ogrimmar, wo sich alle wichtigen Geschäfte, das Gasthaus, die Bank und das Auktionshaus befanden. Alles war geschickt in ein Schluchtenlabyrinth hineingebaut. Die meisten Häuser, waren doppelstöckig. Ihre ziemlich flachen Dächer waren mit roten Ziegeln gedeckt. Allesamt bestanden sie aus einem Gerüst von vier Stützpfosten, die nicht selten oben sehr spitz zuliefen, sodass es wirklich aussah als ob Zähne gewaltiger Wildtiere auf den Dächern angebracht wären. Um den Effekt noch zu verstärken, war das Ober- Holz an den Spitzen noch ganz abgeschält worden, sodass das der helle Holz-Kern zum Vorschein kam. Manchmal hatte man auch einfach nur einzelne Dekorations- Spitzen auf den Dächern befestigt. Doch dadurch entstand ein einheitliches Bild und das Wesen der Orc's kam durch diese Bauweise besonders gut zum Ausdruck. Die Orc's waren ein stolzes und kämpferisches Volk. Noch immer hatten sie eine ausgeprägte Kriegskultur. Allerdings waren in den letzten Jahren einige Dinge verändert worden, und man begann mehr mit den andern Völkern zu koorperieren. Einst, getrieben von ihrem Blutrausch, hatten die Orc's grosse Schuld auf sich geladen und waren grausam und gnadenlos gewesen. Heute wurden zwar alter Traditionen noch gerne bewahrt, aber man war fortschrittlicher und ethischer geworden.

Vom Tal der Stärke aus, gelangte man in „Die Gasse“. Dies war ein verschlungener Pfad, der durch eine dunkle Schlucht führte. Auch in dieser Schlucht gab es noch einige Händler und Wohnhäuser. Durch diese Gasse gelangte man in jeden anderen Teil der Stadt: in das „Tal der Geister“, mit seinem kleinen blauen See, wo sich die Magier niedergelassen hatten, in das „Tal der Weisheit“, wo Thrall und die Schamanen ihren Sitz hatten und ins ganz nordöstlich liegende „Tal der Ehre“, wo die besten Krieger ausgebildet wurden. Die düstere Gasse mündete auch in die finstere „Kluft der Schatten“, wo die Schüler des Schattens, zu denen auch Xantina gehörte, ihr Quartier hatten.

Ihr Wohnhaus aber, befand sich im „Tal der Stärke“. Sie wandte sich sogleich nach dem Eingangs-Tor nach links und folgte einem Pfad, der auf eine Art zweite Ebene der Stadt führte. Von hier aus hatte man einen schönen Blick auf das Zentrum Orgimmar's, das in einem Fels- Kessel lag. Die roten Dächer der Häuser leuchteten im Morgenlicht wie Korallen und Blut. Wie gut das alles doch in dieses wunderschöne Land passte! Manchmal, wenn Xantina von ihrem Haus, das aussah wie die meisten hier, hinabblickte auf ihre Heimatstadt, spürte sie eine seltsame Liebe und Stolz in ihrem Herzen, für all das, was ihr Volk geschaffen hatte. Sie war selten sentimental, doch wenn dann in diesen Augenblicken.

Ihr Vater lebte auch noch hier, allerdings kam er meist erst spät nach Hause und sie sahen sich kaum, weil auch Xantina oft in der Nacht unterwegs war. Sie lebte im unteren Stock des Gebäudes und ihr Vater im oberen. Das war ihr ganz recht so, denn so bekam er es nicht immer mit, wenn sie sich zu unmöglichsten Zeiten aus dem Haus stahl, um ihre Aufträge zu erfüllen. Eigentlich lebten die beiden sehr nebeneinander her. Ihr Vater bedauerte das manchmal und er forderte seine Tochter immer wieder auf, etwas mehr mit ihm zu unternehmen, auch wenn beide kaum Zeit dafür zur Verfügung hatten. „Es sind nur einfache Dinge, die eine Familie teilen kann, “ sprach er dann „und sei es nur mal ein gemeinsames Frühstück, oder etwas zusammensitzen am Feierabend.“ Doch Xantina wollte davon nichts wissen. Sie lebte lieber ihr eigenes Leben und fragte sich manchmal, warum sie eigentlich nicht längst ausgezogen war. Doch irgendwas hielt sie noch hier. Sie konnte nicht genau sagen was, aber irgendwie hing sie doch auf seltsame Weise an ihrem Vater. Vermutlich weil er noch der einzige war, der sie...vor diesem drohenden Abgrund in ihr bewahrte. Doch das war ihr natürlich nicht bewusst.

Xantina's Mutter, so hatte man ihr erzählt, war schon längst gestorben. Sie sei im letzten grossen Krieg gefallen. Manchmal vermisste die junge Orcin schon eine Mutter, doch Asurania, die Hexenmeisterin war Im Laufer der Zeit zu einer Art Mutterersatz für sie geworden.

 

Xantina betrat das stille Haus und wollte gerade ihre privaten Räumlichkeiten betreten, als sie vom Stockwerkt über sich eine tiefe Stimme vernahm. Ein grosser, muskulöser Orc mit grüner Haut, spitzen Hauern und braunroten Augen kam den Aufgang herab, der vom Obergeschoss ins untere führte. Er besass dunkelrotes, langes Haar wie seine Tochter, und einen langen Bart. Beides hatte er zu gepflegten Zöpfen geflochten. Er trug eine schlichte Robe aus hellbraunem Leder. Wie alle, männlichen Orc's, wirkte er auf den ersten Blick ziemlich furchterregend. Doch in seinen Augen lag ein gütiger, weiser Ausdruck, wenn man genauer hinschaute. Sein Wesen war auch sehr gütig und weise. Wegen seiner charakterlichen Stärken, war er einer der wichtigsten Schamanen in der Thrall- Ära geworden.

„Du warst wieder lange weg“, sprach er, allerdings mehr besorgt als vorwurfvoll. „Ich hatte noch einen Auftrag zu erfüllen Vater“, erwiderte Xantina etwas unterkühlt. „Ein weiterer Mordauftrag vielleicht?“ „Du weisst, dass ich darüber nicht reden kann“, erwiderte sie. „Ja, so ist das wohl, “ gab ihr Vater etwas betrübt zurück. „Was hast denn du so gemacht?“ fragte die junge Orcin um etwas von sich abzulenken. „Hatte auch einige Aufträge zu erfüllen. Ich musste dazu nach Sen'Jiin. Es geht um das Problem mit den Hexern von Zalazane. Sie sind vollkommen dem Bösen verfallen. So ist es, wenn man sich mit den dunklen Mächten zu sehr einlässt.“ Er schaute seine Tochter ernst an, doch Xantina tat, als ob sie es nicht bemerkt hätte. „Ja“, sprach sie „die Trolle hatten ja früher schon einen Hang zu dunklen Gottheiten, wie Al Hakkar z.B.“ „Man kann das nicht so verallgemeinern“, verteidigte ihr Vater die Trolle. „Die meisten haben sich schliesslich gegen die dunklen Götter aufgelehnt. Nein...es ist eine andere Gefahr, die uns bedroht, uns alle bedroht und das ist die Brennende Legion. Unser Volk war einst ein Diener der Brennenden Legion und noch heute müssen wir gegen gewisse Abgründe in uns kämpfen, damit es uns nicht einst so ergeht, wie den Trollen von Zalazane. Besonders die Hexenmeister müssen da aufpassen und...noch ein paar andere.“ Er schaute seine Tochter vielsagend an und Xantina wurde sogleich ungehalten. „Ich weiss, dass du denkst ich bin auf einem Irrweg. Doch woher willst du denn wissen, dass der Kurs den du verfolgst, der Richtige ist?“ „Weil ich im Einklang bin mit der Welt. Ich spüre tief in meinem Innern, dass den Orc's ihre Blutschuld vergeben werden kann, wenn wir uns nur bemühen im Einklang mit allem zu sein. Liebe und Frieden, sind nie falsch.“ „Aber es gebiert so manchen Schwächling“, erwiderte Xantina mit beissendem Sarkasmus in der Stimme. Thralliok wurde durch ihre Worte verletzt, dennoch blieb er ruhig. „Man kann von den Leuten, die den neuen Kurs des Friedens und des Einklanges verfolgen, alles Mögliche sagen. Aber ihr Gewissen ist bestimmt reiner als das jener, die noch immer an Altem haften. Ist denn dein Gewissen rein, Tochter?“ Er schaute sie an und seine rotbraunen Augen, drangen bis auf den Grund ihrer Seele. „Ich tue einfach was getan werden muss“, sprach sie. „Das tue ich auch, aber ich mache es im Einklang mit meinem Gewissen.“ Xantina kochte vor Wut, aber sie schwieg, denn irgendwas in ihrem Innern meldete sich und liess sie plötzlich zweifeln. Ihr Vater schaffte es immer wieder, sie zu verunsichern. Um wieder etwas von sich abzulenken, sprach sie: „Dann findest du also auch Asurania haftet noch zu sehr am Alten und hat keine reines Gewissen? Magst du sie deshalb nicht?“ „Es beunruhigt mich in der Tat, dass Asurania sich ständig mit dämonischen Mächten abgibt. Diese Art der Magie, ist sehr gefährlich. Die bösen Mächte können einen übermannen. Manchmal denke ich, es ist schon so weit, wenn ich sie von der glorreichen Zeit der einstigen Orc- Hexenmeister von Draenor schwärmen höre. Diese Zeit, war eine der dunkelsten überhaupt in der Geschichte unseres Volkes. Gul'dan hat damals, getrieben von der Brennenden Legion, alle zu dieser Dämonenmagie verführt, obgleich unsere Kultur eine ausgeprägte Schamanenkultur war, die im Einklang war mit allem Leben. Die damaligen Hexenmeister, haben sogar ihren eigenen Heimatplaneten mit ihrer schwarzen Magie zerstört und dann wollten sie auch noch die Macht über Azeroth an sich reissen. Das alles ist wenig rühmlich für unser Volk. Darum versteh ich nicht, weshalb Asurania diese Zeiten so glorifiziert.“ „Vermutlich, weil die heutige Hexenmeister Gesellschaft ein zahnloser Löwe geworden ist, ebenso wie unser ganzes Volk.“ „Man muss nicht ständig Krieg führen und Eroberungszüge unternehmen, um respektiert zu werden. Im Gegenteil! Die neue, friedliche Politik von Thrall, schafft uns eher Freunde als Feinde in der Welt Azeroth. Viele Traditionen bestehen ja nach wie vor weiter, ebenso wie bei den Tauren. Doch man muss deswegen niemanden unterjochen, oder beherrschen.“ „Das ist es ja eben!“ rief Xantina aus: „Man will mit allen gut Freund sein, auch mit den ärgsten Feinden, unter denen die Orc's einst litten, vornehmlich die Menschen. Wir brauchen keine Freundschaft mit den Menschen!“ „Es ist als ob ich Asurania reden hörte“, gab Thralliok zurück. „Das ist es ja, was mich beunruhigt.“ „Bist du sicher, dass sie nicht meine Mutter ist?“ fragte Xantina ironisch. „Nein...sie...ist ganz bestimmt nicht deine Mutter“, sprach ihr Vater und seine Stimme klang auf einmal seltsam. „Asurania...ist ganz anders...als es deine Mutter es war. Deine Mutter, hat meine Einstellung in allem geteilt. Ich vermisse sie manchmal sehr!"...

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