Yalhan

Skala war ein Land, welches sich durch schroffe felsige Landschaft und Sümpfe auszeichnete. Finstere Wälder und Gebirge an ihren Grenzen und Bewohner, die ihre Städte unterirdisch bauten, denn das helle Licht missfiel ihnen. Die Mücken summten in der lauen Spätsommernacht.
Yalhan ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen. Erst bei Einbruch der Dunkelheit hatte er sich durchgerungen die lange Treppe der Hauptstadt Agarwan, die im Herzen des Landes lag, hinauf zu steigen. Nun sog er tief die frische Luft ein und wartete auf denjenigen, dessen Nachricht ihn vor wenigen Tagen erreicht hatte. Er verschränkte die Arme locker vor der Brust, sich fragend, was nun der Grund war für dieses Treffen, denn es war viel Zeit vergangen seit ihrem letzten.
„Es ist schon eine Weile her“, durchbrach eine tiefe Stimme hinter ihm seine Gedanken.
Sein langer schwarzer Mantel umwehte ihn, als er herumwirbelte und die vermummte Gestalt, die sich ihm genähert hatte, mit einem Nicken grüßte.
Im Gegensatz zu Yalhan, der ein gebürtiger Skalaner war und aufgrund seiner dunklen Haut mit den Schatten verschmelzen konnte, musste sein Gegenüber sich in dunkle Gewänder hüllen, die ihn gänzlich verbargen. Eine Kapuze war tief in sein Gesicht gezogen und die Stoffe waren weit, gaben keine Rückschlüsse über den Körperbau. Allein die Stimme bezeugte, dass es sich um einen Mann handelte.
„Was wollt Ihr von mir?“, fragte er, ohne lange Umschweife. Je weniger Zeit er verlor, desto besser.
Der Vermummte lächelte, jedenfalls dachte Yalhan dies, denn selbst er hatte ihm noch nie direkt in die Augen gesehen.
„Deine Hilfe bei einer kleinen Angelegenheit. Ich bat um Unterstützung und sie meinten, du wärst genau der Richtige mit deinen Fähigkeiten.“
Yalhan wandte den Blick ab und ließ ihn erneut über die Landschaft schweifen. Die Sümpfe lagen nicht weit entfernt von dem rauen Fels, auf dem sie standen. Ein einzelner Turm aus schwarzem Gestein erhob sich an der Stelle, unter der sich in den Tiefen der Erde die Hauptstadt Skalas befand und sie standen am Fuße des Turms: „Worum geht es genau?“
„Das erfährst du, sobald du in Astila angekommen bist. Es gibt dort eine Gegend, die Telrúnya genannt wird. Sei zu Beginn des nächsten Mondes dort“, die Stimme war eindringlich und jedes Wort betont.
Noch ehe er eine weitere Frage stellen konnte, wandte sich sein Gegenüber ab und verschwand in der Nacht.
Yalhan fuhr sich mit den Fingern durch die weißen Haare. Sein Gesicht verzog sich zu einer genervten Maske. Für was hielt dieser Mann ihn? Seinen persönlichen Laufburschen unter den Skalanern? Widerworte würden ihm jedoch Nichts bringen. Im Geiste überschlug er, wie lange es dauerte nach Astila zu kommen. Ein Land, das weit entfernt lag und anschloss an jenes der Verwandten der Skalaner.

Tage später in Astila, wischte Yalhan das Blut einer Elfe von seinem Dolch. Ihr noch warmer Körper lag leblos vor ihm am Boden und ihr Lebenssaft tränkte diesen in seiner roten Farbe.
Sie waren in einem Wald nahe dem Schloss von Telrúnya und er fragte sich, wofür er überhaupt gerufen worden war, wenn sein Auftraggeber doch bereits eine Gehilfin gehabt hätte.
„Gut gemacht. Sie wäre nur eine Last gewesen“, die Stimme des Vermummten drang an Yalhans spitze Ohren.
Er entgegnete ohne den Blick von der Klinge zu heben: „Wohin geht unsere Reise nun?“
Ein raues Lachen erklang. „Unsere Reise?“, die Stimme klang spöttisch genug, dass Yalhan mit vor Wut funkelten bernsteingelben Augen aufsah, „Deine Aufgabe ist es die Frau mit den Silberaugen zu beobachten, die in dem Schloss dort drüben wohnt und sicher zu stellen, dass sie den Hafen unbehelligt erreicht und ein Schiff nach Aurenien besteigt.“
„Das kann nicht Euer Ernst sein?“, Yalhan lachte leicht auf, um seine Ungläubigkeit zu überspielen. Er trat über den Leichnam der Elfe auf den Vermummten zu. „Wenn Ihr einen Babysitter braucht, dann hättet Ihr die da“, sein Finger zeigte auf die Elfe, „auch dafür hernehmen können.“
„Sie hätte früher oder später Fragen gestellt.“
„Das tue ich auch!“, seine Stimme war gepresst, bemüht ruhig zu bleiben, „Was ist so wichtig an dieser Frau? Wer ist sie überhaupt?“
„Sie ist Teil des Plans und ohne sie geht dieser nicht auf. Das ist alles, was du vorerst wissen musst. Wenn du deine Sache gut machst, erfährst du mehr. Gib also acht auf sie“, der Vermummte beobachtete vergnügt, wie sein Gegenüber tief Luft einsog, um sich zu beruhigen. Er griff nach den Zügeln seines Pferdes, um sich auf deren Rücken zu schwingen. Die Zügel des anderen Pferdes hatte er am Sattel befestigt.
Schon wendete er das Pferd und ritt den Waldpfad hinab, fort von diesem Ort, an dem er Yalhan zurückließ.

Während der Reiter mit seinen Pferden kleiner wurde und im Wald verschwand, ballte Yalhan die behandschuhten Fäuste. Sein Blick richtete sich zum Himmel, der zwischen den Baumkronen durchschien. Die Wut kochte in ihm. Wie ein Diener wurde er behandelt, wie ein einfacher Lakai. Das war all das Gold nicht wert, das er für seine Dienste bekam. Wieder hatte er nur eine ausweichende Antwort auf seine Frage bekommen.
Ein Tritt seiner Stiefel traf den Körper der Elfe. Es folgte ein Zweiter und ein Dritter. Kein Laut drang über ihre Lippen, die längst das Leben ausgehaucht hatten. Es machte ihn nur noch wütender. Er wollte, dass sie schrie, um es nicht selbst tun zu müssen.
Schwer atmend, fuhr er sich über sein Gesicht. „Beruhig dich“, flüsterte er und schloss die Augen, um sich zu konzentrieren.
Als er sie öffnete, wanderte sein Blick hinauf zu den Baumkronen. Der Himmel zwischen diesen färbte sich rot. Es war bereits Abend und die Nacht brach herein, die er herbeisehnte. Yalhan wusste, dass die Bewohner der Oberfläche den Tag mit seiner wärmenden Sonne bevorzugten, während seine Augen in ihrem hellen Licht schmerzten. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf die Elfe. Er musste ihren Körper loswerden, bevor sich allzu viele wilde Tiere näherten und seine Nachtruhe störten, denn irgendwie musste er es schaffen, Schlaf zu finden, um am nächsten Morgen ausgeruht zu sein.
Ein Seufzen entglitt ihm, als er seinen Mantel abstreifte und über einen Ast warf. Rasch wurden die Ärmel seines schwarzen Hemdes hochgekrempelt und etwas gesucht, mit dem er eine Grube in den Waldboden graben konnte, um sie darin zu platzieren. Seine Wahl fiel auf einen dickeren Ast, der vom Wind aus den Bäumen gerissen worden war.
Yalhan packte die rothaarige Elfe unter den Achseln, um sie zu ihrem Grab, das er in weiche Erde zwischen den Wurzeln eines Baumes ausgehoben hatte, zu schleifen. Ihr Kopf baumelte schlaff hinab und ihr blutverklebtes Gesicht wäre wohl hübsch gewesen und hätte jemand anderem gefallen, doch er empfand nichts als Abscheu ihr gegenüber. Sie war eine Elfe mit feiner, heller Haut gewesen. Eine Lichtanbeterin aus Aurenien, vermutete er, denn sie trug die dort landesübliche Kleidung einer Waldläuferin.
Mit einem Tritt beförderte er sie samt ihren Waffen in die Grube und scharrte mit den bestiefelten Füßen die lose Erde über sie, bis nichts mehr von ihr zu sehen war.

Comments

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    Supi! Es geht weiter! Toll geschrieben, mal sehen wie sich Yalhan noch so entwickelt. Eine interessante Figur! :-)

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    Wow! Toll geht es weiter! :-)

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    Ich als zweiter :D freut mich das es endlich weitergeht mit der Geschichte. :)

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    Ich hatte es als erster!!! XD

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