Yoricksstadts stiller Fall

"Na endlich, sie wacht auf!", hörte Shanora die vertraute Stimme von Marbas neben sich. Sie sah sich um und bemerkte, dass sie immer noch in Ilks in Marbas Haus war. Der Wind ließ die langen, dunklen Vorhänge flattern und trug den Geruch nach Asche und Tod herein.
Das Fenster wurde sofort danach zugeschlagen: "Den Gestank erträgt ja keiner!"
Gut, auch Ation war hier. Der Elf sah sich angewidert in dem mit dunklen Holz verkleideten Raum um.
"Kannst du laufen? Sie werden uns bald finden!", eine Frauenstimme erregte Shanoras Aufmerksamkeit.
"Lillet!", Shanora richtete sich auf und betrachtete die untote Elfe, die am Rand des Sofas, auf dem man sie abgelegt hatte, saß.
"Ja, ich bin aus dem Keller geflohen, wir haben beschlossen unsere eigenen Ziele zu verfolgen!", die roten Augen der blassen Erscheinung musterten sie lange.
"Was sind eure Ziele?", fragte sie und lies ihren Blick über das ungleiche Trio schweifen.
"Ein Elf mit Heilkräften, ein Dämon mit unheimlichen Tricks und eine untote Seuchenbringerin haben sich zusammengeschlossen, um auf die Jagd zu gehen! Wir werden Deseis und seinem Begleiter ein für alle Mal den Gar ausmachen!", Marbas schien Feuer und Flamme zu sein von seinem Plan.
Shanora musterte Lillet: "Aber du hast ihn doch geliebt?"
Lillet legte traurig den Kopf zur Seite: "Das war in einem anderen Leben, ich muss aufhalten, was aus ihm geworden ist! Ich muss ihn töten!"
Shanora erhob sich langsam, sie stellte fest, das die paar Schürfwunden an den Händen und den Knien verbunden worden waren.
"Wer hat mich versorgt?", wollte sie von den Dreien wissen.
"Ich schätze der, der dich herbrachte?", Marbas schien verwirrt über die Frage. Shanora lächelte kurz, klar das Cash sich um sie gekümmert hatte. Er war nicht wie sein Vater, er war sensibel, sanft und gut. Er hatte sie gerettet.
"Es gibt noch jemanden, der hinter dem Raben her ist!", Shanora streckte sich kurz, "Wir sollten sofort aufbrechen, habt ihr eine Spur?"
Ation zog eine Braue hoch: "Du begleitest uns?"
Shanora nickte: "Vorerst! Ich suche nach wie vor nach Cash, er will Norberts Tod rächen und Deseis und seinen Komplizen alleine richten!"
Lillet erhob sich: "Wir nicht, aber noch jemand war bereit unseren Plan zu unterstützen, wir treffen sie in Amergyn in Yoricksstadt, aber wir müssen vorsichtig sein, niemand darf uns entdecken!"
Shanora nickte und fing den schwarzen Umhang auf den Marbas ihr zuwarf: "Besonders du solltest dich bedeckt halten!"
Sie nickte dem Dämon zu und warf sich den Umhang über. Lillet und Ation taten es ihr gleich.
Marbas strich über die Wand hinter dem Sofa: "Beeilt euch, ich habe ein schlechtes Gefühl was die ganze Sache angeht!"
Shanora und die anderen eilten durch das Portal, welches sie direkt in die Hauptstadt von Amergyn brachte. Die gepflasterten Straßen waren sauber und auf ihnen, umrandet von den zahlreichen kleinen Häusern, herrschte reges treiben. Händler, Arbeiter, spielende Kinder, deren Lachen durch die Gassen hallte. Ation führte Lillet und Shanora zu einem hübschen Gasthaus, eine steinerne Treppe führte in die gemütliche, mit blauen Teppichen und Polstern ausgestattete Gaststube. Es war noch nicht viel los, daher entdeckte Shanora die rothaarige Frau, welche an der Bar ein Glas Wein nach dem anderen kippte sofort.
"Caja!", stellte sie fest und warf Finns Buchmacherin einen möglichst gleichgültigen Blick zu.
"Schwester Miststück, Seuchenschnalle und natürlich die elfische Hure von Finn!", lallte diese und warf allen einen verächtlichen Blick zu.
Ation seufzte: "Was hast du? Konntest du etwas finden?"
Caja nickte und deutete auf den Wein: "Ich habe das Ende der Welt gefunden!"
Shanora wurde hellhörig: "Was meinst du damit?"
"Sie kommen! Du musst sie nicht suchen, sie werden bald hier sein!", Caja deutete dem Wirten ihr die nächste Flasche zu bringen, "Sie werden Yoricksstadt in Asche verwandeln!"
Shanora zuckte zusammen. Endlich ergab das, was sie gesehen hatte als sie den Oculus bei Finn angewendet hatte Sinn. Es war nicht die Vergangenheit gewesen, er hatte sie einen Blick in die Zukunft werfen lassen.
"Ich kann es noch verhindern!", Shanora riss Cajas Tasche an sich und holte, natürlich während sie von ihr beschimpft wurde, einen Zettel und einen Stift daraus hervor. Schnell schrieb sie ein paar Zeilen und drückte Caja den Zettel in die Hand: "Finde die Person, wir treffen uns später!"
Caja zog eine Braue hoch: "Du willst doch nicht etwa hier bleiben?"
Shanora deutete Lillet und Ation ihr zu folgen: "Ich werde verhindern, dass der Dunkle Finn bekommt und Yoricksstadt in Schutt und Asche legt!"
"Das werden wir in der Tat nicht! Nicht wir werden heute in eine Falle tappen!", eine vertraute Stimme zauberte Shanora ein Lächeln ins Gesicht.

Vor den weißen Mauern der Stadt im sicheren Versteck hinter den Bäumen manifestierte sich die Gestalt von Deseis, ungeduldig schien er auf etwas zu warten.
"Hattest du Angst ich würde nicht kommen?", neben ihm war jemand erschienen.
Deseis verzog keine Miene: "Ich hasse es bloß zu warten, Hannibal Cash!"
Dieser lächelte verächtlich: "Besser spät als nie!"
Deseis deutete Cash ihm zu folgen: "Ich bringe dich in unsere Stadt!"
Cash zog eine Braue hoch: "Ihr habt sie bereits erobert?"
Deseis nickte: "Wir haben sie unterwandert, auf das Zeichen des Dunklen werden unsere Agenten mit der Vernichtung der Stadt beginnen. Nicht einmal mein Neffe kann die Schatten aufhalten, außerdem haben wir ihn in der Hand!"
Cash starrte auf die friedlich wirkende Stadt, er schien besorgt zu sein.
"Du hast doch nicht vor eine Dummheit zu begehen, oder?", Deseis schwarze Augen blitzten auf.
Cash schüttelte den Kopf: "Ich dachte bloß nicht, das es so leicht ist eine Stadt..."
Deseis unterbrach ihn: "Wir sind Schatten, wir wandeln in der Dunkelheit, niemand kann uns aufhalten, auch deine kleine Freundin nicht!"
Cash versuchte gelassen zu bleiben: "Ich weiß nicht, wovon du redest!"
"Du hast sie gerettet, einen Moment bevor ich es selbst getan hätte, kleiner Hannibal Cash!", spottete Deseis, "Trotz deines Verbots mit den Abtrünnigen zu sprechen konntest du sie nicht zurücklassen! Sag, hast du uns verraten?"
Cash schüttelte energisch den Kopf: "Nein! Ich schwöre, dass ich kein Wort über die Pläne des Dunklen gesagt habe!"
Deseis schien sich damit zufriedenzugeben: "Gut, gehen wir!" Die beiden verließen den Wald und machten sich geradewegs auf dem Weg zur Stadt.
"Halt!", rief plötzlich eine Stimme hinter ihnen aus.
"Was... Shanora!", Cash fuhr herum, er erkannte in ihren türkisen Augen die Enttäuschung über seinen Verrat. Hinter Shanora traten Church, Celles, Ladira und Ation aus dem Wald.
"Der Dunkle wollte mich sprechen!", Church atmete schwer. Seine Haare fielen ihm wirr ins Gesicht, er war Schweißgebadet und seine Augen schienen eigenartig von den Pupillen eingenommen zu werden.
"Ihr habt den Bastard vom schwarzen Thron doch bereits, gebt mir mein Kind zurück!", flehte Ladira den Raben an.
Deseis zuckte mit den Schultern: "Wie praktisch, jetzt müssen wir nicht erst die Stadt nach ihnen absuchen!"
Cash starrte auf den Boden, er schien immer nervöser zu werden.
"Das ist der Dank dafür das wir uns um dich gekümmert haben Junge?", rief Ation ihm zu, "Wir hätten dich dort verrotten lassen sollen!"
Der Rabe schien von so vielen Gefühlen genervt zu sein: "Folgt mir, der Meister möchte euch sprechen!"
Schweigend bewegte sich die Gruppe durch die immer noch friedlichen Straßen von Yoricksstadt, bis hin zu den eisernen Toren des Schlosses.
Man ließ Deseis einfach passieren, wahrscheinlich hatten sie die Wachen schon lange bestochen oder durch Dämonen ausgetauscht. Sie nickten ihm nur kurz zu und öffneten das Tor.
Shanora biss sich auf die Lippe und versuchte weiterhin ihre Tränen zu unterdrücken. Church neben ihr schwitzte weiter, ihm schien es nicht gut zu gehen. Sie versuchte Blickkontakt zu Cash zu bekommen, aber er starrte nur auf den Boden.
Die erste Träne rann über ihre Wange, langsam schritten sie, völlig verstummt, durch den Gang bis hin in die kleine Kapelle des Schlosses.
Am Altar stand kein Priester, sondern der Dunkle, lächelnd erwartete er seine Gäste.
Deseis hielt plötzlich an und deutete auf die Sitzbänke: "Nehmt Platz und wagt es nicht eine Dummheit zu versuchen oder Saphira wird mit ihrem Leben dafür bezahlen!"
Ladira und Celles ließen sich auf eine der hölzernen Bänke fallen, Ation tat es ihnen gleich. Shanora stand steif da und starrte dem Dunklen in die Augen.
Gelbe Augen.
Cash packte sie plötzlich und drückte sie auf eine der Bänke, sein Gesicht war so nah an ihrem, das ihre Wangen sich streiften.
"Alles wird gut! Er ist nicht unter uns!", flüsterte er ihr zu und wischte möglichst unauffällig die Tränen aus ihrem Gesicht.
Chruch blieb auf dem Gang stehen und hab langsam den Kopf.
Der Dunkle blickte ihn erwartungsvoll an: "Und am Ende steht auch der lästige Erbe Agares vor mir um das Knie zu beugen!"
Church wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann blickte er auf den Altar.
"Du Bastard!", er schnellte ein paar Schritte nach vorne, aber Deseis stellte sich ihm in den Weg.
"Zwing mich nicht das Mädchen zu töten, sie hat genug durchgemacht, ein Wunder, das sie überlebt hat!", herrschte er Church an. Shanora erblickte nun ebenfalls, was auf dem Altar lag. Der Körper ihres Bruders.
"NEIN!", sie sprang auf und wollte nach vorne laufen, aber Cash hielt sie auf.
"Ist er tot?", Churchs ganzer Körper schien sich anzuspannen, die Adern auf seiner Schweißnassen Stirn traten pochend hervor.
Der Dunkle ließ seinen Blick abfällig über Finns Körper gleiten: "Noch nicht, du wirst ihn töten!"
Chruch schrie auf: "Du hast dein Söhnchen wieder, er scheint genau so ein mieser Verräter die Daddy zu sein! Gib mir meine Frau zurück!"
Der Dunkle verneigte sich amüsiert vor seinem unfreiwilligen Publikum: "Ach ja, stimmt, mein Schatten hat dir ja eine Nachricht überbracht! Warum also nicht, du kannst deine Schlampe zurück haben. Ich habe genug um deinen Willen zu brechen!"
Shanora kauerte sich zitternd auf der Bank, alles um sie schien zu verschwimmen. Ladira und Celles rangen um ihre Fassung, die Panik schien zum Greifen nahe. Ation musste sich beherrschen, um nicht aufzustehen. Niemand durfte nun die Herausgabe von Saphira stören oder gar verhindern.
"Bringt sie her!", rief der Dunkle, plötzlich schien er von schwarzem Rauch umgeben zu sein. Daraus entsprangen zwei Männer in schwarzen Mänteln. Ihre Gesichter waren von geschnitzten Masken die dämonische Fratzen darstellten verborgen, die hievten einen Körper vor den Altar. Weißes Haar viel über das Gesicht der Frau, ihre eisblauen Augen waren rot und aufgequollen. Ihr Gesicht von Schmerzen verzerrt, sie trug zerfetzte Lumpen und schien durch die Hölle gegangen zu sein.
"Wie du siehst, fast wie neu!", spottete der Dunkle und seine Lakaien warfen die Frau auf den steinernen Boden, wo sie unsanft auf den Knien landete.
"Saphira, willst du deine Familie nicht begrüßen? Ich muss dir zu deinem treuen Gefährten gratulieren! Er hat seine Seele für dich und deinen Bastard verkauft!", spottete der Dunkle. Church eilte zu Saphira und hob sie auf: "Was hat er dir angetan? Was ist mit deinen Haaren passiert?" Schnell brachte er sie zu der Bank auf der Celles und Ladira zitternd warteten.
"Church, er hat ihn, er hat unseren Sohn!", flüsterte Saphira bevor Ladira sie in die Arme schloss und Church sich wieder dem Dunklen zuwendete.
"Was redest du da?", zischte er ihr noch zu.
"Kein Grund zu tuscheln!", der Dunkle verzog angewidert das Gesicht, "Church, haben sie dir etwa verheimlicht, dass du auch ein Kind hast? Falls man diesen kleinen Knirps schon so nennen kann, er ist doch kaum ein paar Stunden alt!"
Chruchs Körper begann zu zittern, schwarze Fäden schossen unkontrolliert daraus hervor und tanzten wie Schlangen in der Luft.
"Er muss sich beruhigen, sonst wird es brechen!", rief Ation erschrocken aus.
"Sag mir, das er lügt! Sag mir, das ich Ladira falsch verstanden habe und du mir das nicht verheimlicht hast.", Churchs Stimme klang zittrig und brüchig. Seine Worte waren eindeutig an Saphira gerichtet.
"Es tut mir so Leid!", brachte diese unter Tränen hervor, "Es stimmt, er hat unseren Sohn!"
Der Dunkle schien angesichts dessen was mit Church passierte nervös zu werden.
"Was bricht? Redet schon ihr Maden!", schrie er in Richtung der anderen.
Shanora starrte ihn an, seine gelben Augen.
"Er ist nicht echt.", murmelte sie zuerst leise, dann aber schrie sie, "Er ist nicht echt! Er ist ein Betrüger! Das ist nicht der Dunkle!"
Nun warf auch Ladira einen genauen Blick auf den Mann. Sie erkannte, das es sich bloß um eine billige Kopie zu handeln schien.
"Die Augen!", rief Celles aus, "Ich kenne die Augen meines Vaters, sie waren nicht gelb! Wer bist du?"
Der Mann, der sich für den Dunklen ausgegeben hatte, schien die Maskerade ebenfalls satt zu haben, sein aussehen veränderte sich.
"Es macht also keinen Sinn mehr euch zu täuschen!", die Stimme klang nach Finn, er sah auch bis auf die gelben Augen aus wie Finn.
"Suma!", fauchte Shanora, "Die ganze Zeit über warst du es!"
"Es scheint ich habe meine Tarnung vernachlässigt... Verzeiht, so eine Geburt strapaziert die Nerven, all das Geschrei!", Suma spuckte voller Abscheu auf den Boden, um seine Verachtung auszudrücken.
Shanora unternahm einen weiteren Versuch sich aus Cash Griff zu befreien, aber er hielt sie eisern fest.
"Gib ihnen ihr Kind zurück oder ich werde dich vernichten!", brüllte sie voller Wut. Suma zeigte auf sie und schnitt eine Grimasse, dann brach er in schallendes Gelächter aus. Sein höhnisches Lachen erfüllte die Kapelle und plötzlich schien es Asche zu regnen.
Das Dach war verschwunden, der Himmel über ihnen von Wolken überseht und die Schreie der Bürger von Yoricksstadt hallten zu ihnen.
"Was ist hier passiert?", Ladira erhob sich entsetzt.
"Euer Frieden war schon immer eine Illusion!", Suma verbeugte sich, "Während wir hier geplaudert haben und ihr euch nur auf mich konzentriert habt haben meine Agenten die Stadt in Schutt und Asche gelegt, inklusive all eurer Verbündeter!"
Shanora schluckte schwer, ihre Vision von der brennenden Stadt und dem Tod von Allister. Sie war gerade wahr geworden. Sie ließ die Arme sinken und hörte auf sich zu wehren. Die Dunkelheit war einfach zu mächtig, Suma war zu mächtig. Was konnten sie schon gegen ihn ausrichten. Sie alle wurden nun Zeuge des stillen Falls von Yoricksstadt.

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beta
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