Zehntes Lied - Der Blutkönig

Sie drehte sich zu den versammelten Männern und sah ihnen, jedem einzelnen, in die Augen, bevor sie begann.

"Mein Volk ist arm. Mein Volk ist nicht groß. Wie Kommandant Fyorr bereits so treffend formuliert hatte, wir sind hier am Arsch der Welt. Auf Osinys herrschte seit Jahrhunderten Frieden, aus ebendiesem Grund. Selbst die Eroberung durch das Kaiserreich vor all der Zeit war völlig friedlich verlaufen, statt Blut flossen Münzen. Niemand interessiert sich für uns. Hier draußen gibt es nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnen würde, nur karge Felsen, einige Felder im Inneren der Insel, und keine natürlichen Ressourcen außer den Fischen im Wasser und den paar Schafen auf den Weiden. Osinys war immer klein, weil wir davon profitiert haben, uninteressant zu sein. Auch die großen Bürgerkriege des Reiches haben wir so unbeschadet überstanden. Wir hatten hier noch nicht einmal eine Garnison. Das Aufregendste, das hier passiert ist, bevor die Schwarze Kompanie eintraf, war ein Schiffbruch vor einem halben Jahrhundert."

Die Männer mussten schmunzeln, aber es war nicht schwer, in ihren Gesichtern die Frage zu lesen, worauf Jeyla hinaus wollte.

"Ich verstehe nicht viel von militärischer Strategie, das muss ich zugeben. Aber ich habe dennoch einen Vorschlag. Eine weitere Option, die ihr, werte Herren, noch nicht bedacht habt. Ihr glaubt, aus dem großen Spiel heraus genommen worden zu sein. Das ist nur auf den ersten Blick richtig. Denn Osinys als Ausgangsposition ist natürlich ein Nachteil, wenn man auf dem Festland mitmischen will. Ihr glaubt, dass die Karten bereits neu ausgeteilt sein werden, bevor ihr an den Tisch zurückkommt. Doch ihr seht den Vorteil nicht, den ihr mit Osinys bereits zur Hand habt."

Sie ließ die Worte sacken und ihre kurze Pause fesselte die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer. Als sie sich sicher sein konnte, dass sie die Männer in ihrem Bann hatte, fuhr sie fort:

"Auf dem Festland werden die nächsten Monate, wenn nicht Jahre von einem allgegenwärtigen Kampf unzähliger Fraktionen und Parteien innerhalb dieser Fraktionen gezeichnet sein. Bündnisse werden geschmiedet werden, Verrat wird begangen werden, Männer und Frauen werden aufsteigen und fallen, Grenzen neu gezogen und kurz darauf wieder verwischt werden, Reiche entstehen und untergehen. Kurz gesagt, die Mächte dort werden sich wie Hunde auf die fettesten Näpfe stürzen und sich gegenseitig zerfleischen. Osinys ist alles andere als ein fetter Napf, und liegt zu weit ab vom Schuss. Wer hier her kommen will, gewinnt nichts dabei und lässt das, was er bereits hat, ungeschützt zurück.

Aber von Osinys aus kann man mit einigen guten Schiffen fast alle wichtigen Städte im Norden, Nordwesten und Westen erreichen. Das ist perfekt, um sowohl Handel zu treiben, als auch Überfälle schnell und effektiv zu organisieren. Der Handel kann aufleben, wenn man nur genügend Anreiz bietet. Und da Osinys, wenn ihr meinem Vorschlag folgt, der einzige langfristig sichere Hafen im gesamten Nordwesten sein wird, kann ich mir denken, dass der Aufschwung des Handels nicht lange auf sich warten lassen wird. Die Ausgangslage als Basis für Überfälle bietet sowohl leichte und schnelle Beute, als auch den Vorteil, nicht in lange Kämpfe verwickelt zu werden. Wer angreift, um zu erobern, der muss das eroberte Gebiet auch verteidigen und so seine Kräfte auf sein gesamtes Gebiet verteilen. Wer angreift, um zu plündern, der kann seine Kräfte stets fokussiert und in vollem Umfang einsetzen. Wenn ihr also mit dem Westen Handel treibt, und den Norden und damit Sigurd als Ziel für Beutezüge und Plünderungen wählt, wird er irgendwann zu einer Reaktion gezwungen sein. Aber dazu muss er erst seine Macht festigen und alle Dispute auf dem Festland klären. So haben wir Zeit und können uns vorbereiten, während wir von unserer Strategie profitieren, was die Vorbereitungen nur weiter vereinfacht. Bis Sigurd in der Lage ist, Osinys anzugreifen, wird er eine gut vorbereitete Festung antreffen, an der er sich die Zähne ausbeißen wird.

Mit nur wenig Aufwand lässt sich unsere Insel auch gut verteidigen, da nur wenige Stellen geeignet sind, um anzulanden. Die Stadt selbst liegt auf einem Berg und ist vom Meer aus nur über einen natürlichen Hafen in den Felsenklippen oder vom Land aus über einen einzigen gangbaren Pfad zu erreichen, beides lässt sich einfach und hervorragend befestigen.

Darüber hinaus ist diese Insel wie ein reifer Apfel, den ihr nach Belieben pflücken könnt. Die Insel wird nicht verteidigt, hat keine Streitkräfte, die ihr überwinden müsstet und die Bevölkerung ist kaisertreu. Wenn der Überfall aufgeklärt wurde, werden die Leute auf eurer Seite sein.

Das also ist mein Vorschlag. Macht mit Osinys nicht nur einen vermeintlichen Nachteil zum Vorteil, sondern erkennt, dass Sigurd euch damit den Dolch in die Hand gedrückt hat, den ihr ihm eines Tages ins Herz stoßen werdet. Schließt euch keiner anderen Fraktion an! Versucht nicht, euch irgendwie durch das Gerangel auf dem Festland hindurchzuwinden. Werdet zu einer eigenen Fraktion!"

Die Männer waren sprachlos. Sie hatten den Ausführungen der fremden Frau zunehmend begeistert gelauscht und das Glänzen in ihren Augen sprach Bände.

Abschließend erklärte Jeyla: "Warum, werden sich manche fragen, schlägt eine Osinyerin die Annektion ihres eigenen Volkes durch die schwarze Kompanie vor, die gerade erst ein Blutbad unter ihren eigenen Landsleuten angerichtet hat? Diese Frage kann ich ganz einfach beantworten. Mein Volk ist schwach und irgendwann werden die Konflikte des Festlands auch uns erreichen. Irgendwann wird jemand dort zu den selben Schlüssen kommen, die ich euch gerade dargelegt habe. Und wer wird das sein? Das liegt nicht in unserer Macht. Doch ich habe gesehen, dass ihr kaisertreue und ehrenvolle Männer seid. Ich habe euer Besprechung beiwohnen können und habe mir ein Bild von euch machen können. Ihr seid fähige Männer, ihr sorgt euch um die Soldaten, die ihr unter eurem Befehl habt. Fyorr ist ein charismatischer und fähiger Anführer, der entgegen seinem Ruf kein wilder Barbar ist. Und euren Ruf als Streitmacht habt ihr sicher nicht umsonst. Wenn ich mir also aussuchen könnte, wer Osinys für sich beanspruchen soll, dann fiele mir diese Wahl nicht schwer. Die Schwarze Kompanie und das Volk von Osinys sind beide Opfer von Sigurds Intrigen. Beide sind dem Kaiser treu ergeben gewesen und wären es noch, wenn das Reich nicht zerfallen wäre. Uns verbindet mehr als die Blutschuld für den Überfall. Wir können gemeinsam Rache nehmen. Und so haben wir die besten Chancen, zu überleben. Ich bin Jeyla, Tochter von Turdig, dem Obersten des Ältestenrates von Osinys. Und ich bitte Euch, Kommandant Fyorr, zu eurem Wort zu stehen. Ihr wollt die Schuld tilgen, die ihr gegenüber meinem Volk habt? Dann geht den Bund mit Osinys ein! Nehmt die Verantwortung an, die sich aus eurer Schuld ergibt, und stellt Osinys unter euren Schutz! Im Namen des Kaisers und für die Ehre der Kompanie und für das Blut der unschuldigen Toten: Heil König Fyorr! Heil dem Blutkönig!"

Fyorrs Überraschung über Jeylas wohlüberlegten und gut durchdachten Vorschlag wurde von der Sprachlosigkeit übertrumpft, dass ihm die hübsche Rothaarige ihren Plan regelrecht aufgezwungen hatte und ihm jedes Mitspracherecht verwehrt wurde: Die Offiziere waren von Jeylas flammender Rede derart angestachelt worden, dass nicht er, der mächtige Fyorr, sondern die Menge seiner eigenen Leute ihn zum König ausrief.

"Heil König Fyorr! Heil dem Blutkönig!" erschallte der Ruf immer wieder aufs Neue und nach einem eher amüsierten als verärgertem Blick zu Jeyla stieß Fyorr schließlich seine Faust in die Luft und fügte sich in sein Schicksal.

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