Zeichen

»Heute Nacht hat er mich nicht besucht.« Elena stellt diesen Satz betont beiläufig in den Raum, während sie naserümpfend und scheinbar hochkonzentriert die Rosinen aus der bis zum Rand gefüllten Müslischale klaubt. Sie kann jedoch die in ihrer Stimme unterschwellig mitschwingende Enttäuschung nicht verbergen. Priska überlegt, ob sie diese Situation als so surreal empfindet, weil ihre graue Zellen noch in der flaumigen Zuckerwatte festkleben, mit der sie die Schlaftablette vor einigen Stunden fürsorglich umhüllt hat. Oder liegt es daran, dass ihre Tochter beim Frühstück im Plauderton von einer Geistererscheinung erzählt, als handle es sich hierbei um einen neuen Kindergartenfreund? Während Elena unter dem Tisch die buntbestrumpften Beine schlenkern lässt, schützt sie ihre Augen mit einer Hand vor dem gleißenden Sonnenlicht, das kraftvoll und ungebremst die gegenüberliegende Fensterfront durchdringt. Im Gegensatz zu Priska selbst wirkt das Kind alles andere als ängstlich. Fakt ist, dass es sich bei dem unheimlichen Besucher ganz offensichtlich um keine Eintagsfliege handelt und dass Priska noch etwas Anlaufzeit benötigt, bevor sie sich imstande sieht, adäquat auf ihre Tochter einzugehen. Zumindest, was dieses Thema anbelangt. Da Elena den geheimnisvollen Gast gestern mit keiner Silbe mehr erwähnt hatte, wollten Priska und Luis zunächst versuchen, das Ganze auf sich beruhen zu lassen. Ein Fehler, wie sich nun herausstellt.
»Du glaubst mir doch, Mama, oder?« Priska räuspert sich unentschlossen. Wie Luis Antwort ausfiele, weiß sie. Er hat nicht viel übrig für übersinnliche Phänomene. Sie überlegt, aber die Watte in ihrem Schädel drückt jeden vernünftigen Denkansatz mit sanfter Gewalt in die hinterletzten Winkel ihrer lahmgelegten Gehirnwindungen. Schließlich entscheidet sie sich für die Wahrheit – für das, was ihr Bauchgefühl dem Verstand schon länger eindringlich zu vermitteln versucht. »Ja, ich glaube Dir, mein Schatz.« In Gedanken macht Luis sie gerade genüsslich einen Kopf kürzer. Elena hat derweilen alle Rosinen eliminiert und spielt nun Schiffeversenken mit den Cornflakes.
»Hat der Mann Dir gesagt, wer er ist? Kennst Du seinen Namen?« Elena schüttelt den Kopf. Eine vorwitzige Haarsträhne löst sich aus ihrem Pferdeschwanz und legt sich über ihre violetten Augen. Das Kind streicht sie mit einer routinierten Geste hinter ihr rechtes Ohr, bevor sie antwortet. Ihre Worte wählt sie mit Bedacht: »Nein, ich weiß nicht, wie er heißt. Aber er kennt Dich. Und er will wirklich ganz dringend mit Dir reden.«
»Was hindert ihn daran?« Elena sieht sie verständnislos an. Priska formuliert ihren Satz anders: »Warum kommt er dann zu Dir? Wenn er doch mit mir sprechen möchte?« Elena seufzt ein wenig ungeduldig. Sie blickt ihrer Mutter nun direkt in die Augen.
»Er ist am Anfang immer zu Dir gegangen. Aber Du hast es nicht einmal gemerkt. Erinnerst Du Dich an vorletzte Nacht? Als er bei mir im Zimmer war? Du hast ihn nicht gesehen. Und hören kannst Du ihn auch nicht. « Priska fühlt sich seltsam hilflos.
»Was soll ich denn tun?« Es erscheint ihr etwas unangemessen, dass sie ihrer kleinen Tochter eine solche Frage stellen muss, aber andernfalls drehen sie sich beide so lange weiter im Kreis, bis es ihnen der Schwindel unmöglich macht, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
»Du musst mit den Schlaftabletten aufhören!« Elenas Stimme klingt ungewohnt erwachsen. Priska zuckt zusammen. Mit solch einem Ratschlag hat sie nun wirklich nicht gerechnet. Stammt diese Empfehlung aus dem Mund des Geistermannes oder entspringt sie eher Elenas Kinderlogik, die bisweilen seltsame Blüten treibt? Ist die Vierjährige gar schon in der Lage, die Tragweite ihres Medikamentenkonsums zu ermessen? Bitte nicht! Priska schickt ein stummes Stoßgebet Richtung Firmament. Sie ist noch dabei, den Ausgang ihres verworrenen Gedankengeflechts zu finden und sich wieder auf die Unterhaltung zu fokussieren, da fährt Elena bereits fort:
»Er sagt, dass Du mit den Tabletten nicht richtig träumst. Er kann aber nur in echten Träumen mit Dir reden.« Priska ist bekannt, dass einige Mittel die Schlafarchitektur empfindlich beeinflussen und insbesondere den für die Träume notwendigen REM-Schlaf unterdrücken können. Die von ihr präferierten Wirkstoffe sollen diese Eigenschaft aber gerade nicht aufweisen. Sie muss sich jedoch eingestehen, dass der in seiner Zusammensetzung variable Medikamentencocktail, den sie sich seit einigen Jahren regelmäßig einverleibt, so einige Ingredienzien enthält, die ihrem Schlaf, beziehungsweise dem, was davon übrig ist, über die Zeit hinweg irreversibel geschadet haben könnten. Tatsächlich erinnert sie sich nur mehr vage daran, wie sich Schlafen ohne Hilfsmittel anfühlt.
»Das wird dann aber schwierig. Schließlich kann ich nicht träumen, wenn ich nicht schlafe,« gibt sie zu bedenken. Und das Tagträumen habe ich inzwischen verlernt, fügt sie im Geiste wehmütig hinzu. Zugleich fragt sie sich, wo dieses Gespräch wohl enden wird und es ist ihr ganz und gar nicht wohl dabei, das Kind mit ihren Schlaf- und Kommunikationsproblemen mit Spukgestalten zu belasten. »Meine Süße, zerbrich Dir bitte nicht den Kopf wegen Deiner alten Mama. Und dem – ähm – Besucher sagst Du einfach, er soll Dir nicht mehr auf den Wecker gehen.« Gerade noch rechtzeitig entsinnt sie sich, dass ihre Tochter nie von einem Geist gesprochen hat.
Sie steht auf und küsst Elena zärtlich auf den seidenweichen, nach Pfirsichschampoo duftenden Haarschopf.
»Warum nimmst Du mich nicht ernst, Mama!« entgegnet das Kind entrüstet. »Aber das tu ich doch, meine Elena! Ich will nur nicht, dass Du Dir wegen mir Sorgen machst. Es ist meine Aufgabe, auf Dich aufzupassen und nicht umgekehrt.« Doch Elena lässt nicht locker.
»Bitte Mama, versprich mir, dass Du es versuchst! Der Mann sagt, dass Träume gut sind. Und dass sie Dich beschützen. Es wird sonst sehr gefährlich für Dich. Das soll ich Dir ausrichten.« Nun regt sich in Priska der Groll. Wie kann sich jener ungebetene Gast nur erdreisten, ihre Tochter mit solch bedrohlichen Szenarien zu konfrontieren? Ist es ihm gleichgültig, was dieses Gefasel von Gefahr mit einer unbedarften Kinderseele anrichten kann? Die aufkeimende Wut vergegenwärtigt ihr aber auch deutlich, dass sie inzwischen tatsächlich von der Existenz des Geistermannes überzeugt ist.
Elena ist fertig damit, ihr Müsli in etwas zu verwandeln, das der Molekulargastronomie alle Ehre zu machen in der Lage ist. Sie rutscht vom Stuhl und direkt in die Arme ihrer Mutter. Priska zieht die Kleine fest an ihre Brust und flüstert ihr ins Ohr:
»Ja, ich verspreche es. Und Du versprichst mir, dass Du jetzt an etwas Schönes denkst.« Elena runzelt die Stirn. Priska müsste es eigentlich besser wissen. Krampfhafte Ablenkungsversuche misslingen immer. «Nein, pass auf. Du darfst Dir auf keinen Fall einen bunten Elefanten mit rosa Ohren und grün lackierten Fußnägeln vorstellen.« Elena muss unwillkürlich laut auflachen.
»Wieso nicht? Ich kann ihn schon sehen.« Priska schaut besorgt drein. »Ohje, der trampelt Dir nun den ganzen Tag im Kopf herum. Und bringt bestimmt noch seine riesengroße Familie mit.«
»Das macht nichts,« kräht Elena vergnügt. »Ich werde Dir im Kindergarten ein Bild von dem Elefanten malen. Und von seinen Kindern. Das schenke ich Dir dann.«
»Ui, da freue ich mich schon,« erwidert Priska erleichtert. Sie ist sich durchaus bewusst, dass im Laufe des Tages der farbenfrohe Elefant nebst Herde verblassen und der ominöse, unsichtbare Geselle wieder seinen Platz einnehmen wird. Doch sie hofft, zumindest ein paar unbeschwerte Stunden für Elena herausgeschlagen zu haben.
Wie immer, wenn Elena im Kindergarten ist, wirkt das Haus seltsam leer und unbelebt. Mit der Milchtüte in der einen und der Kaffeetasse in der anderen Hand balanciert Priska durch den Hindernisparcours an Spielsachen, die den Weg vom Wohnzimmer in die Küche säumen. Sie hat es längst aufgegeben, diverse Stofftiere, Bausteine, Figuren, Bälle, Puzzleteile und Autos jedes Mal unverzüglich in den zugehörigen Körben und Kisten zu verstauen. Das ist vergebene Liebesmüh. Die wenige Zeit, die ihr bleibt, sollte sie eigentlich für ihre Arbeit nutzen. Nur noch ein mickriger Monat, dann müssen die Illustrationen für das zauberhafte Märchenbuch, dessen Manuskript verwaist und mahnend auf ihrem Schreibtisch liegt, fertiggestellt sein. Ein Auftrag, um den sie gekämpft hatte wie eine Löwin um ihr Baby. Und nun fehlt Priska jegliche Inspiration. Diese Geschichte ist so gut und herzlich. Das Böse zeigt sich nur selten, ist zu keinem Zeitpunkt übermächtig und wird zum Ende hin mit Leichtigkeit besiegt. In Priskas Kopf dagegen hält eine bedrückende Düsternis das Zepter fest umklammert. Die Schlaflosigkeit und die nächtlichen Panikattacken lassen auch die Tage zu einem steten Kampf gegen die bleierne Müdigkeit, Kraft- und Hoffnungslosigkeit werden. Wären Elena und Luis nicht, Priska wüsste nicht, ob sie diese Schlacht nicht bereits längst verloren hätte. Sie gibt sich redlich Mühe, ihre depressiven Verstimmungen vor ihrer Tochter zu verbergen. Es ist nicht rechtens, das Kind mit diesem grauen Schleier in Berührung zu bringen, der sich erbarmungslos und penetrant über sämtliche Farben im einst so bunten Malkasten ihres Lebens legt.
Als sie an dem großen Spiegel im Gang vorbeikommt, hebt sie versehentlich den Blick und sieht sich selbst in die Augen, deren Violettfärbung im Vergleich zu den leuchtenden Sternen ihrer Tochter abgestumpft erscheint. Ihr Gesicht ist blass und schmal. Von sich mehrenden silbernen Haarsträhnen durchzogene, schwarze Locken umrahmen das ehemals betörend strahlende, inzwischen jedoch fast erloschene Antlitz. » Was ist nur aus Dir geworden, Priska?« Sie kramt in den Hosentaschen ihrer Jeans nach einem zerfledderten Haargummi und zwingt den wilden Haarschopf in einen biederen Dutt. »Wenn ich mich schon wie eine Oma fühle, kann ich auch wie eine aussehen.« Die Mundwinkel ihres Spiegelbildes zucken und verziehen sich zu einem sarkastischen Lächeln.
Ein leichter Luftzug wandert an ihrem Rücken vorbei und bringt das Windspiel an der Eingangstüre sanft zum Klingen. Mit einem Mal fühlt sich Priska gar nicht mehr so allein. Es ist ihr unbehaglich zumute, wie sie da vor dem Spiegel steht. Die tanzenden und singenden Stäbe des Windspiels und den rustikalen, überdimensionalen Bauernschrank, in dem sie ihre Jacken und Mäntel aufbewahren, hinter sich wissend. Jetzt fehlte es nur noch, dass aus dem Schatten dieses monströsen Möbelstücks plötzlich der Gespenstermann hervortritt, denkt sie. War es wirklich so eine gute Idee gewesen, Elenas Glauben an den Geist zu nähren? Und wie soll sie selbst nun mit der irren Vorstellung umgehen, dass dieser ominöse Geselle tatsächlich existiert? Nach drei Nächten ohne Schlaftabletten wird sie die Spukgestalt mit Sicherheit sehen können. Dafür würden ihre überdrehten, ins Paranoide abdriftenden Gedanken schon sorgen. Bitter lacht sie auf. Die Liebe zu ihrem Kind und ihr sehnlicher Wunsch, Elena nicht allein zu lassen mit dieser gespenstischen Parallelwelt, haben sie dazu gebracht, sich dieses wahnwitzige Versprechen abringen zu lassen. »Keine Schlaftabletten mehr. Du lieber Gott. Ich bin noch verrückter, als ich dachte.«
Als sie mit einer frischen Tasse Kaffee von der Küche ins Arbeitszimmer schlurft, sieht sie unter einer, achtlos auf die oberste Stufe der Kellertreppe geworfenen Kuscheldecke, ein Ohr von Professor Schrumpel hervorspitzen. Elena und sie haben den heiß geliebten Teddybären schon für endgültig verschollen gehalten. Priska eilt zum Teppenabgang, um den treuen Gefährten zu befreien. Prompt tritt sie auf eine Hängebrücke aus dem Sortiment von Elenas Holzeisenbahn. Ein stechender Schmerz durchfährt ihren Fuß. Fast hätte sie sich den heißen Kaffee über die Hand gegossen. Fluchend beugt sie sich zu Professor Schrumpel hinunter und stellt den Keramikbecher neben sich auf den Boden. In dem Augenblick, als sie den Bären aus seiner Deckengruft zieht, hört sie hinter sich ein Schnaufen. Es klingt nach Luis, aber er kann es nicht sein. Mit einem Ruck fährt sie herum und stößt dabei doch noch die Kaffeetasse um. Die dunkle Brühe ergießt sich über den Fliesenboden und tropft die Stufen hinunter. Wie erwartet, steht niemand hinter ihr. Aber das Atemgeräusch war echt. Viel zu laut und eindeutig, um es einer überschäumenden Einbildungskraft in die Schuhe schieben zu können. Priska hält verwirrt inne. Ist ein Gespenst – als ätherisches, immaterielles Wesen – wirklich in der Lage, zu keuchen wie ein aus der Übung gekommener Langstreckenläufer? Sie weiß nicht, ob sie sich ängstigen oder amüsieren soll. Da ertönt das angestrengte Schnaufen erneut. Diesmal direkt an ihrem Ohr. Priskas Anflug von Heiterkeit ist dahin. Das Blut rauscht in ihren Ohren und ihr Herz klopft bis zum Hals. Sie wagt es nicht einmal, den Kopf zu drehen. Jemand atmet schwer. Nur wenige Zentimeter von ihr entfernt. Und doch kann sie ihn nicht sehen. Sie fühlt sich wie in einem Alptraum. Die Knopfaugen des Teddys starren sie wissend an. Das eine braun, das andere blau. Nach einem Unfall in der Waschmaschine musste Priska improvisieren.
Lautes Klopfen an der Haustüre zerreißt das mit unsichtbaren Fäden gewebte Netz, welches sich in den vergangenen Minuten – oder waren es nur Sekunden – über Priska gelegt und sie aus ihrer vertrauten Welt gezogen hat. Von einem Moment auf den nächsten ist auch das Schnaufen verstummt. Der Paketbote mustert sie neugierig, während sie ihm den Erhalt der neuen Zeichenutensilien schriftlich bestätigt.
»Haben Sie gerade einen Geist gesehen? Sie wirken so verstört?« Wenn der gute Mann wüsste, wie nah er mit seiner leichthin geäußerten Redewendung an der Wahrheit entlangschrammt.
»Nein, mir geht`s gut,« murmelt Priska und ergänzt in Gedanken: »Gesehen habe ich ihn nicht, nur gehört, aber das reicht mir schon.«
Sie trägt das leichte, aber etwas sperrige Paket ins Arbeitszimmer und macht sich direkt daran, es zu öffnen. Auf der Suche nach der spitzen Schere, mit welcher sie üblicherweise das hartnäckige Klebeband durchtrennt, bleibt ihr Blick an der Terrassentür hängen. Jemand hat mit den Fingern ein filigranes Herz auf die beschlagene Scheibe gemalt. Elena kann es nicht gewesen sein. Die Zeichnung befindet sich zu weit oben. Hätte sich nicht eben jender gespenstische Vorfall ereignet, dann würde Priska sofort an Luis denken. Solche kleinen, liebevollen Gesten passen durchaus zu seiner Vorstellung von Romantik. Doch hätte er wohl eher die Duschwand oder den Badezimmerspiegel als Malgrund gewählt. Wenn das Herz vom Geistermann stammt, dann hat er einen seltsamen Sinn für Humor. In ihr regt sich eine leise Ahnung. «Nein, das kann nicht sein« verwirft sie den Gedanken sofort, ehe er sich weiter ausformen und wahrhaft Gestalt annehmen kann.
Endlich hat Priska die Schere gefunden. Sie befreit den Kasten mit den 120 Buntstiften aus seinem Gefängnis und auch diesmal verfehlt die nach dem Vorbild des Regenbogens sortierte Farbenpracht ihre Wirkung nicht. Es ist, als läge Magie in der Luft. Die Stifte sind ein lebensbejahendes und noch immer verheissungsvolles Sinnbild all dessen, was möglich ist, sich aber noch entfalten will und muss. Priska spürt das altbekannte Kribbeln in Kopf und Fingerspitzen. »Märchenbuch, das Warten ist vorbei!« Sie streicht über das nüchtern anmutende Manuskript, welches die ihm innewohnenden, fantastischen Schöpfungen erst demjenigen offenbart, der es aufschlägt und mit seinen Augen, Gedanken und Emotionen die Worte zum Leben erweckt.
Priska ist selbst kein Freund der digitalen Zeichenkunst, obgleich sie die entsprechenden Arbeiten ihrer Kollegen schätzt. Sie bevorzugt die altmodische Variante und fertigt ihre Illustrationen mit Pinsel und Farbstiften. Zarte Aquarelle und detailverliebte Buntstiftzeichnungen sind ihr Markenzeichen. Wie wäre es als Aufwärmübung mit dem lustigen Elefanten, den sie Elena in den Kopf gepflanzt hat? Sie nimmt einen rosafarbenen Buntstift zur Hand. Im selben Moment erinnert sie sich daran, dass sie das Kaffeemalheur an der Kellertreppe noch nicht beseitigt hat. Schnell legt sie den Stift beiseite. Doch sie hat ihn zu nah an der Kante platziert. Er fällt vom Schreibtisch hinunter und rollt unter das Canapé, welches an der gegenüberliegenden Zimmerwand zu einem Nickerchen einlädt. Ein verlockendes Angebot, das Priska bisher jedoch ausgeschlagen hat. Es gelingt ihr so gut wie nie, tagsüber zu schlafen, sei die Müdigkeit auch noch so groß. Als sie vor dem kleinen Sofa widerstrebend in die Knie geht, ereignet sich vor ihrem inneren Auge der Klassiker aller Horrorszenarien: Eine hagere Leichenhand an einem dürren, langen Arm schießt aus dem undurchdringlichen Dunkel unter der Liege hervor und umklammert ihren Fußknöchel wie ein Schraubstock. Glühende Augen, aus denen ihr das Böse förmlich entgegenspringt, beobachten sie lauernd. Priska schüttelt diese klischeehaften und dennoch beängstigenden Gedankenbilder brüsk ab. Es war klar, dass ihr über kurz oder lang die Sicherungen durchbrennen. Abermals schlägt ihr Herz Kapriolen, als sie endlich unter das Canapé lugt. Mit zitternden Fingern tastet sie nach dem verschwundenen Zeichengerät und rechnet fest damit, dass gleich die bleiche Klaue nach ihr greift. Sie ist tatsächlich erleichtert, als ihr statt dessen der Stift entgegenkullert. Wer ihm den nötigen Schubs verpasst hat, interessiert sie nicht.
Nachdem sie eine halbe Küchenpapierrolle geopfert hat, um sämtliche Kaffespuren von Boden und Treppenstufen zu tilgen, setzt sie sich endlich an den Schreibtisch. Den rosafarbenen Stift hat sie wieder zu seinen ähnlich getönten Kumpanen im Metalletui verfrachtet. Ihr ist bewusst, das sie sich albern verhält, aber sie scheut sich nun, ausgerechnet damit zu zeichnen. Noch schwebt ein Hauch von Inspiration in diesem Raum. Priska versucht, sich in die Märchengeschichte hineinzudenken, ehe die Muse endgültig beleidigt abrauscht. Sie lässt sich in das sonnige Reich der Feen und Elfen entführen, zeichnet Blumen- , Baum- und Waldelfen und muss dabei an ihren Traum von vorletzter Nacht denken, der ebenso beschwingt und fröhlich begonnen hat. Sie verliert beim Zeichnen jegliches Zeitgefühl und die Freude, die sie dabei empfindet, all diese heiteren Wesen auf ihren Skizzenblock zu bannen, besänftigt ihr aufgewühltes Gemüt. Fast fühlt sie sich ausgeglichen. Ein Zustand, der Priska nur selten vergönnt ist.
Schließlich muss sie jedoch innehalten, um die verkrampften Finger zu lockern. Langsam strömt das Blut in ihre rechte Hand zurück. Priska betrachtet indess ihre letzte Zeichnung. Eine blonde Fee mit transparenten, irisierenden Flügeln blickt sie freundlich und ein wenig nachdenklich an. Blaue, von kindlicher Naivität geprägte Kulleraugen sollten es werden. Blau sind sie tatsächlich. Nicht so hell wie ein mit Schäfchenwolken besiedelter Himmel an einem Sommertag, aber auch nicht ganz so dunkel wie eine sternenlose Nacht. Es sind schöne Augen, jedoch bar jeglicher unverfangener Leichtigkeit. Statt dessen spiegelt sich eine Weisheit in ihnen, die Priska nicht einmal im Ansatz erahnen kann. »Jetzt werde nur nicht wieder melodramatisch«, ermahnt sie sich. An dem Gewand muss sie noch etwas feilen. Das grüne, bauschige Kleid wirkt zu viktorianisch für eine Fee. Es muss etwas luftiger werden. Zuvor jedoch versieht Priska die bemerkenswerten Augen, von denen sie gar nicht glauben kann, dass sie diese selbst gezeichnet hat, mit einzelnen, goldenen Sprenkeln. Das Setzen der kleinen, leuchtenden Punkte hat etwas Meditatives an sich. Hin und wieder entweicht Priska ein herzhaftes Gähnen. Ihre Lider werden schwer und irgendwann verschwimmt das Antlitz der Fee vor ihren Augen.
Vielleicht sollte sie die Gelegenheit wirklich nutzen und versuchen, ein wenig zu schlafen. Um 14.00Uhr wird sie Elena aus dem Kindergarten abholen. Bis dahin sind es noch anderthalb Stunden. Sie schlurft zum Canapé hinüber und sinkt in die weichen Polster. Ihre Füße schwingt sie hurtig über den Rand. Noch ist es ihr nicht gelungen, die gruselige Kreatur aus ihrer Vorstellung zu löschen. Während sie darauf wartet, dass sich ein Schlaffenster öffnet, lässt sie den heutigen Vormittag Revue passieren. Sie kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die vergangenen Stunden einen tiefen Krater in das Konstrukt gesprengt haben, das Priska bisher für ihr Leben gehalten hat. Doch ist diese Vorstellung nicht bedrohlich genug, um sie wach zu halten. »Wenn ich jetzt einschlafe, grenzt das an ein Wunder«, denkt sie noch. Dann ist sie in den Schlaf hinübergeglitten.
Elena liegt in ihrem Bett. Wie immer hat sie sich in der für sie typischen Embryonenhaltung eingekuschelt. Ihr Gesichtszüge sind weich und entspannt. Offensichtlich befindet sie sich im Tiefschlaf. Sie atmet so flach, dass Priska es nicht hören kann. Sie steht still an der Türschwelle und genießt dieses Bild des Friedens. Im Hintergrund erklingt leise die Gute-Nacht-Musik. Um sich herum hat Elena den geliebten Professor Schrumpel und noch eine ganze Schar weiterer Kuscheltiere drapiert, die Priska nicht im Einzelnen ausmachen kann. Dazu ist es zu schummrig. Das dort muss die Puppe Lotta sein mit ihren geflochtenen Zöpfen und etwas weiter unten scheint es sich Elenas Plüschhase bequem gemacht zu haben. Doch zu welchem Kuscheltier gehört dieser lange Schatten direkt neben ihrer Tochter? Priska überlegt noch, ob es sich dabei um das Stillkissen handeln könnte, ein Relikt aus Elenas Babyzeit, als sich der Schatten langsam erhebt. Priska stockt der Atem. Was ist das? Aus dem unförmigen Schemen wird ein Mädchenkörper. Das Kind scheint in Elenas Alter zu sein. Doch wirkt es seltsam durchscheinend und ohne klare Kontur. Allein ihr kurzes Kleid und die Schleife in ihrem Haar heben sich deutlich von der wabernden Gestalt ab. Sowohl Gewand als auch Haarschmuck sind von einem leuchtenden Rot, das sich weigert, von der Dunkelheit verschluckt zu werden. Priska muss unwillkürlich an den aus den Siebzigern stammenden Film »Wenn die Gondeln Trauer tragen« denken und ihr schaudert.
In ihr schreit alles danach, ihre Tochter aus dem Dunstkreis dieses Wesens herauszulösen und sie macht ein paar rasche Schritte auf das Geistermädchen zu, welches nun seinerseits den Kopf in ihre Richtung wendet. Priska wird flau im Magen und die mittlerweile vertraute Kälte ergreift erneut Besitz von ihr. Sie kann dem Kind nicht in die Augen sehen. Zu groß ist die Angst, dass sie sich dann nicht mehr von der Stelle würde rühren können. Obwohl sie davon ausgeht, dass das Antlitz dieses Wesens wahrscheinlich eher einem gesichtslosen Fleck denn einer grauenvollen Fratze gleichkommt. Sie hat Elena fast erreicht. In dem Moment ergreift das Mädchen mit dem roten Kleid plötzlich die Flucht. Was hat sie da in ihrer Hand? Das muss eine ebenfalls in roten Stoff gehüllte Puppe sein.
Das Gespensterkind bewegt sich zur Balkontüre hin. Erst jetzt wird sich Priska der dunklen Männergestalt gewahr, die dort wartet. Mit einer fließenden Bewegung zieht sie die noch schlafende Elena in ihre zitternden Arme. Ihr Blick ist jedoch nach wie vor auf die beiden nebulösen Geschöpfe gerichtet. Der Schemen an der Balkontüre tritt nun etwas hervor. Fast wirkt es so, als lege er es absichtlich darauf an, dass das schwache Licht aus dem Flur ihn erfasst. Priskas Herz vergisst für einen Moment zu schlagen. Ihre Ahnung war richtig. Es ist Ranieri, in dessen Arme sich das Geistermädchen flüchtet.

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    Es ist einfach ein Vergnügen, in deine Geschichte einzutauchen! Obwohl es mich immer wieder friert und ich vor Spannung den Atem anhalte... :-)

beta
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