Zeit für ein wenig Angst

Als ich drei Stunden später mit meinen Eltern die Polizeistation verließ, herrschte draußen noch immer tiefste Dunkelheit. Der helle Mond schien durch einige Baumwipfel hervor und tauchte die Straße in ein unheimliches Licht, das mich noch blasser machte, als ich ohnehin schon war.
Bevor wir gegangen waren, hatte ich auf der Damentoilette in den Spiegel gesehen und hatte entsetzt feststellen müssen, dass meine Hautfarbe den weißen Wänden hier locker Konkurrenz machte. Schockiert hatte ich mich abgewandt und war zu meinen Eltern zurückgegangen.
Die Straße war um diese Uhrzeit menschenleer und der Mercedes meines Dads war das einzige Auto weit und breit. Schweigend stiegen wir ein und fuhren nach Hause.
Meine Eltern flüsterten miteinander. Ich verstand kein einziges Wort, aber vermutlich ging es um mich und meinen Gesundheitszustand. Ich schaute nur auf meine schneeweißen Hände. Dabei wurden meine Lider schwerer. Mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, versuchte ich wach zu bleiben. Ich hatte tierische Angst vor den schrecklichen Bildern, die mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit wieder auftauchen würden, doch meine Müdigkeit überwog und der Schlaf übermannte mich.
Die Hitze war erdrückend. Es war so schwül, wie im Hochsommer, obwohl ich nicht draußen stand, sondern in einem großen weiten Raum. Er kam mir bekannt vor. Als ich die tanzenden Lichtpunkte auf dem Boden sah, wusste ich, dass ich mich im 38° befand. Ich stand mitten auf der Tanzfläche und schaute mich um.
Der Club, der sonst immer überfüllt war, war menschenleer. Selbst das Mobiliar fehlte. Obwohl ich mich nicht einen einzigen Zentimeter bewegt hatte, wurde mir heißer. Schweiß lief mir die Stirn hinab. Der Rest meines Körpers war ebenfalls nass und feucht. Meine dunklen Haare klebten wie ein Helm an meinem Kopf. Des Öfteren musste ich blinzeln, da mir der Schweiß in die Augen lief. Mit beiden Händen fächerte ich mir Luft zu, doch die Hitze ließ einfach nicht nach. Dann wurde mir plötzlich schwarz vor Augen und ich sackte ungebremst auf die Knie.
Als ich auf dem harten Boden aufschlug, schoss ein stechender Schmerz wie ein Blitz durch meine Knie. Ich kniff die Augen zusammen und betete, dass der Schmerz und die Hitze endlich aufhörten. Mein Schädel pochte und mein Herz raste. Übelkeit überkam mich, denn ich roch es wieder. Blut. Schlagartig öffnete ich die Augen und starrte schockiert auf den blutüberströmten Mann, der vor mir lag.
Er trug ein weinrotes Hemd und eine Cordhose. In seiner Stirn klaffte ein schwarzes Loch. Seine Augen waren weit geöffnet, sodass es aussah, als würden sie jeden Moment aus den Augenhöhlen fallen und auf den Boden rollen. Ich schüttelte mich. Unter ihm hatte sich eine Lache seines klebrigen Blutes gebildet, die den unangenehmen metallenen Gestank verbreitete.
Das Bild dieses toten Mannes, der vor mir lag und von knallbunten Lichtpunkten bedeckt wurde, wirkte grotesk.
Ich wollte wegschauen, aber ich konnte nicht. Entsetzt musste ich mit ansehen, wie das Loch in seiner Stirn größer wurde. Es nahm die gesamte Stirn ein.
Ich konnte sein Gehirn sehen. Schleimig und klebrig lag es frei. An einer Stelle, genau in der Mitte, konnte man erkennen, wo die Pistolenkugel durchgeschlagen war. Meine Eingeweide zogen sich zusammen und der Drang mich zu übergeben verstärkte sich. Auf einmal begann sich der Raum zu drehen. Immer und immer schneller, bis mich bloß noch Finsternis umgab.
Abrupt schlug ich die Augen auf. Ich lag in meinem gemütlichen Bett unter der Decke. Hektisch strampelte ich mich frei und schob die Decke mit den nackten Füßen zum Bettende. Da ich noch die Klamotten trug, die ich am Vorabend angezogen hatte, musste ich im Auto eingeschlafen sein. Mein Dad musste mich ins Bett getragen haben, doch ich konnte mich an nichts erinnern. Mir war so heiß, wie in meinem Traum. Mit einem Ruck stieg ich aus dem Bett und öffnete das Fenster.
Kalte Luft strömte mir entgegen und kühlte mich ab. Ich fühlte mich besser, aber nur körperlich. Mein Inneres war durch den Traum erschüttert. Ich habe erneut diese schreckliche Nacht erlebt und dank meiner Fantasie tausendmal schlimmer, dachte ich ironisch. Tief atmete ich die kühle Luft ein und aus, bis meine Lungen brannten.
Draußen ging langsam die Sonne auf. Der Himmel war rosa und wenige Wolken zogen am Fenster vorbei. Ein kleiner Vogelschwarm kreiste um eine Eiche und zog weiter. Am Horizont leuchteten die ersten Sonnenstrahlen.
Ich freute mich auf die kommende Helligkeit. Von der Dunkelheit hatte ich mehr als genug, aber ich wusste, dass sie in einigen Stunden wiederkehrte. Allein bei dem Gedanken an die kommende Nacht begannen meine Hände zu zittern und meine Beine wurden weich wie Pudding. Mir war klar, dass ich wieder Albträume haben würde.
Am Liebsten hätte ich nie mehr in meinem Leben geschlafen, doch das ging natürlich nicht. Es war unmöglich. Laut stöhnte ich auf und setzte mich wieder aufs Bett. Ich versuchte an andere Dinge zu denken und mein Blick fiel auf den überfüllten Schreibtisch. Das half, denn ich dachte prompt an etwas anderes und zwar an die Schule. Ich hatte noch viele Hausaufgaben zu erledigen. Dass kam davon, wenn man sie bis zu letzt aufschob. Beim Gedanken an die Schule musste ich auch an Linda und Vanessa denken.
Auch sie hatten die Leiche gesehen. Wie ging es ihnen? Wurden sie ebenfalls von Albträumen gequält, die sie nicht schlafen ließen? Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich einfach raus gerannt und mich nicht um sie gekümmert hatte.
Da heute Sonntag war, beschloss ich, Linda zu besuchen und Vanessa anzurufen.
Ich stand auf und ging ins Badezimmer. Ausgiebig duschte ich, dann zog ich eine Jeans und eine kurzärmelige weiße Bluse an. Als ich in mein Zimmer zurückkam, durchströmten immer mehr Sonnenstrahlen den Raum. Seltsamerweise fühlte ich mich von ihnen beschützt, da sie die Dunkelheit bekämpft und vertrieben hatten.
Ich beobachtete noch einige Zeit, wie sie durch mein Zimmer über die Möbel wanderten. Dann ging ich leise nach unten.
Im Wohnzimmer saßen meine Eltern auf der grauen Couch und unterhielten sich angeregt. Das Gesicht meines Dads konnte ich nicht sehen, da er mit dem Rücken zu mir saß. Meine Mom saß direkt in meinem Blickfeld, doch ich erkannte sie nicht wieder. Ihre sonst so gestylten Haare waren wild durcheinander und an manchen Stellen platt gedrückt. Ihre Hände und Lippen zitterten, ihre Wangen waren eingefallen. Sie wirkte viel älter.
Doch das Schlimmste an ihrem Anblick waren ihre Augen. Sonst strotzten sie vor Freude, aber jetzt erkannte ich blanke Angst in ihnen.
Bei ihrem Anblick konnte ich nicht anders, ich lief ohne Umschweife zu ihr, umarmte sie und presste meinen Körper an ihren. Dann schaute ich sie an und lächelte aufmunternd. Auch sie brachte ein Lächeln zu Stande, was jedoch aufgesetzt war.
„Was ist los mit dir, Mom?“ Sie antwortete nicht, sondern winkte mit der Hand ab. An ihren geröteten Augen konnte ich erkennen, dass sie geweint hatte.
„Ich weiß, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Ich bin kein kleines Kind mehr, also kannst du es mir ruhig sagen.“ Keine Antwort.
Stattdessen drehte sie sich von mir weg. Ich hörte sie schluchzen.
„Komm, Holly, lassen wir deine Mom etwas allein.“ Ich erschrak, als ich auf einmal die tiefe Stimme meines Dads vom anderen Ende der Couch vernahm. Er erhob sich und wartete darauf, dass ich ebenfalls aufstand. Ich berührte noch kurz die Schulter meiner Mom, bevor ich mit meinem Dad das Wohnzimmer verließ. Ich folgte ihm in die Küche.
„Was ist los?“, fragte ich, noch bevor ich mich hingesetzt hatte.
„Deine Mom macht sich sehr große Sorgen um dich.“
Ich hatte bereits den Mund geöffnet, um ihm klar zu machen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, aber er hob bestimmend die Hand, um mich zu stoppen.
„Mir ist bewusst, dass du das Verhalten deiner Mom für übertrieben hälst, aber du musst uns beide verstehen, Holly.“ Perplex schaute ich ihm dabei zu, wie er eine Bierflasche aus dem Kühlschrank holte. Ich war es nicht gewohnt, dass mein Dad offen über seine Gefühle sprach, besonders in meiner Anwesenheit.
„Als wir von dem Polizisten, der dich in der Nacht aufs Revier gebracht hat, erfahren haben, dass ein Mord im 38° stattgefunden hat und du die Leiche gesehen und später weitere Schüsse gehört hast, waren wir geschockt.“ Seine Miene war ernst.
„Dad, mir ist doch nichts passiert“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Mein Gott, Holly, verstehst du das nicht? Du hättest in dieser Straße sterben können!“, donnerte er mit lauter, aufbrausender Stimme.
„Aber…“
„Versuch das nicht herunterzuspielen“, unterbrach er mich.
„Wenn du dem Täter begegnet wärst, dann hätten wir dich nicht auf der Polizeistation abholen müssen, sondern in der Leichenhalle.“
Seine Stimme brach ab und dann sah ich meinen Dad das zweite Mal in meinem Leben weinen. Genau genommen kannte ich das erste Mal nur von einem Familienvideo. Es war nach meiner Geburt gewesen. Er hatte neben meiner Mom am Krankenbett gestanden und mich in seinen Armen gehalten.
Stumm saß ich am Tisch und wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte. Ich war mit der Situation überfordert. Es erschreckte mich, dass meine Eltern so viel Angst um mich hatten.
Mein Dad wischte sich grob über die Augen und nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche. Mit feuchten Augen schaute er mich entschuldigend an. Ich wusste, dass es ihm leid tat, dass er mich angeschrieen hatte und ich war ihm nicht böse, auch meiner Mom nicht. Ich konnte sie verstehen.
Ich selbst hatte die ganze Zeit die Tatsache verdrängt, dass ich knapp dem Tod entkommen war. Und nun, nachdem mein Dad dies offen ausgesprochen hatte, fühlte ich mich beklommen.
Mein Dad setzte sich neben mich und legte einen Arm um meine Schulter. Ich vergrub mein Gesicht in seinem Pullover und kämpfte plötzlich selbst mit den Tränen. Minutenlang saßen wir eng beieinander am Küchentisch und spendeten uns gegenseitig Trost. Langsam beruhigte ich mich wieder und auch mein Dad entspannte sich.
„Du solltest noch etwas schlafen“, brummte er und streichelte mir über den Kopf. Mir gefiel der Gedanke, schlafen zu gehen, nicht, vor allem um diese Tageszeit, doch ich wollte meinen Dad nicht unnötig aufregen. Er brauchte auch seine Ruhe. Es würde wohl reichen ins Zimmer zu gehen, die Vorhänge vorzuziehen und mich ruhig zu verhalten. Ich hatte genug geschlafen.
„Du hast Recht“, stimmte ich ihm ernst zu und löste mich aus der Umarmung. Er schenkte mir ein kurzes Lächeln, dann ging ich hinaus.
Kurz blieb ich noch vor dem Wohnzimmer stehen und überlegte, ob ich zu meiner Mom gehen sollte, doch es war wohl besser, wenn ich sie alleine ließ. Im Moment konnte ich sie nicht beruhigen, also lief ich in mein Zimmer und schloss leise die Tür. Die Morgensonne hatte den Raum aufgewärmt und die gesamte Einrichtung strahlte. Ich liebte den Anblick der herumwirbelnden Staubkörner im Licht.
Trotzdem zog ich die Vorhänge zu. Sofort verwandelte sich die heitere Atmosphäre; wurde hoffnungslos und angsteinflössend. Nur die Wärme erinnerte an die Sonne, die eben noch durchs Fenster geschienen hatte.
Damit meine Gedanken nicht zum Vorabend abdrifteten, setzte ich mich an den Schreibtisch, schaltete meine kleine blaue Lampe an und widmete mich den Hausaufgaben.
Manchmal hörte ich Schritte auf dem Flur, die vor meiner Zimmertür verstummten. Ich vermutete, dass mein Dad kontrollierte, ob ich tatsächlich schlief. Immer, wenn ich ihn hörte, knipste ich schnell das Licht aus und blieb starr, wie eine Salzsäure, sitzen.
Dann und wann hatte das Telefon schrill geklingelt. Jedes Mal sprang ich blitzschnell auf, da ich Linda oder Vanessa hinter den Anrufen vermutete, doch ich traute mich nicht das Zimmer zu verlassen, da mein Dad mich sowieso wieder ins Bett schicken würde. Wahrscheinlich hätte er mich auch nicht telefonieren lassen.
Zum ersten Mal an diesem Tag schaute ich auf die Uhr. Es war bereits zehn. Wieso war der Tag so rasend schnell vorbeigegangen?
Verdammt, ich wollte doch Linda besuchen, aber dafür war es jetzt zu spät. Meine dämliche Vergesslichkeit. Konnte ich nicht eine andere Eigenschaft von meinem Vater haben?
Sein kaum vorhandener Drang zu weinen wäre nicht schlecht. Gegen ihn war ich eine richtige Heulsuse.
Fest rieb ich mir die Augen, die durch die permanente Anstrengung und das grelle Licht leicht brannten. Auf einmal drohte die Müdigkeit mich zu übermannen. Ich gähnte ausgiebig, trottete zum Bett, zog die Klamotten aus und legte mich hin. Die Angst vor erneuten Albträumen machte mich jedoch gleich wieder hellwach.
Auf keinen Fall wollte ich zum 38° zurückkehren und dem toten Mann aufs Gehirn starren. Gewaltsam hielt ich mit den Daumen und Zeigefingern meine Augen geöffnet, doch meine Lider fielen trotzdem immer wieder zu.
Ich musste mich bewegen. Wenn ich herumlief, konnte ich ja schließlich nicht einschlafen. Energisch sprang ich aus dem Bett und drehte Runde um Runde durch mein Zimmer.
Die Stunden zogen dahin und bald stellte ich erschrocken fest, dass die körperliche Betätigung auch nicht mehr viel half. Die Müdigkeit kam wieder und so sehr ich es versuchte, ich kam nicht dagegen an. Ich gab auf, schließlich konnte ich ja nicht ewig im Zimmer umherwandeln. Also legte ich mich ängstlich ins Bett und sank in einen unruhigen Schlaf.
Wieder spürte ich die Hitze und roch den Gestank des Blutes. Ich war wieder da, aber diesmal würde ich nicht stehen bleiben.
Ich wollte einen Ausweg aus dem Albtraum finden und raste in jeden Winkel und in jede Ecke, doch es gab keinen Ausgang. Energisch stürmte ich die Treppe hinauf und lief zur Eingangstür, aber sie war nicht da. Stattdessen stand ich vor einen dunklen kahlen Wand. Mit den Fäusten hämmerte ich dagegen.
„Ich will hier raus!“, schrie ich verzweifelt. Meine Bewegungen wurden hektischer.
Durch die Hitze hatte ich das Gefühl zu schmelzen. Ich konnte nicht richtig atmen und auch nicht klar denken. Ich musste hier raus, egal wie. Gedankenlos lief ich zurück in den Großraum. Wieder ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen, aber ich sah weder ein Fenster, noch eine Tür.
Aus den Augenwinkeln entdeckte ich den mir bekannten schwarzen Klumpen. Die Leiche.
Die Leiche, die in der Hitze vor sich hingammelte. Angewidert verzog ich das Gesicht und blickte zu Boden, der jedoch nicht mehr trocken und aus Linoleum war, sondern nass und aus Asphalt. Der Hitze wich schlagartig eisige Kälte. Der Schweiß verschwand und machte Platz für eine Gänsehaut. Als ich nach oben schaute, sah ich den wolkenlosen klaren Himmel. Einzelne Sterne funkelten über meinem Kopf.
Ich stand in einer verlassenen Straße, die weder einen Anfang, noch ein Ende besaß. Unendlich zog sie sich in beide Richtungen. Jetzt bibberte ich nicht vor Angst, sondern vor Kälte. Dennoch war ich froh, dem 38° entkommen zu sein. Meine Atmung normalisierte sich.
Ich wollte mich gerade hinsetzten, als ich ein ohrenbetäubendes Krachen hörte. Dann folgte ein Zweites. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich zwar der Hitze und der widerlichen Leiche entkommen war, aber nicht dem Mörder.
Ohne weiter nachzudenken, wirbelte ich herum und lief in die entgegengesetzte Richtung. An mir zogen hohe Hauswände vorbei, die sich glichen wie das eine Ei dem Anderen. Ununterbrochen rannte ich immer weiter und schneller, in der Hoffnung, dass ich vor dem Mörder fliehen konnte. Fehlanzeige.
Nur wenige Meter hinter mir erklangen schwere Schritte und rasselnde Atemzüge. Er kam näher. Die Panik und die Angst erdrückten mich. Meine Konzentration ließ nach und ehe ich mich versah, kam ich ins Stolpern und fiel der Länge nach hin. Der Schmerz kam schnell und hart. Tränen stiegen in meine Augen und vernebelten meine Sicht. Für einen Moment blieb ich einfach liegen. Ich wollte nicht mehr um mein Leben rennen. Wenn der Mörder mich erwischte, dann starb ich eben. Mir war es vollkommen egal. Die Schritte hinter mir wurden lauter und lauter.
Ich schloss die Augen und wartete auf den Tod. Ich fragte mich, wie es war, wenn man starb. Sah man tatsächlich das Licht am Ende des berüchtigten Tunnels? Zogen alle wichtigen Ereignisse seines Lebens an einem vorbei? Bevor ich diese Erfahrung machen konnte, wurde ich gewaltsam aufgerichtet. Scharf sog ich die Luft ein. Der Schmerz schwappte über meinen gesamten Körper und überwältigte mich. Mir wurde schwindlig und ich hatte das Gefühl bald in Ohnmacht zu fallen. Jedoch hielten mich zwei starke Hände fest an den Schultern. Ich wollte wissen, wer vor mir stand, darum riss ich die Augen auf und war überrascht.
James, der Mann mit den ausdrucksstarken grauen Augen, schaute mich an. Er war hier, um mich zu retten. Wieder einmal. Ohne ein Wort schmiegte ich mich an ihn und fühlte mich gleich geborgen. Sein Herz schlug ruhig und gleichmäßig. Ich hörte den Schlägen einfach zu. Vergessen waren der Mörder und mein Tod. Alles um mich herum blendete ich aus und konzentrierte mich bloß auf ihn.
Während ich James umklammerte, stand er stocksteif da und rührte sich nicht. Verunsichert trat ich einen Schritt zurück und sah in sein Gesicht. Seine eiskalten grauen Augen sprühten Funken vor Zorn und Hass. Ich wich zurück. Was hatte er bloß? Hatte ich etwas falsch gemacht? Mochte er meine Berührungen nicht? Wenn es so war, warum sagte er dann nichts?
„Was…was ist denn?“, stotterte ich unsicher. Ich ging weiter zurück, ihn immer im Blick. Er sagte nichts, sondern schaute mich nur weiter an. Ein Schatten hatte sich auf sein makelloses Gesicht gelegt. Plötzlich verwandelte sich seine ernste Miene in ein diabolisches Grinsen und verzerrte sein Gesicht zu einer grässlichen Maske.
Mir lief ein Schauer über den Rücken, welcher meinen Körper stark zittern ließ. James eilte auf mich zu und packte meine Handgelenke. Mit aller Kraft drückte er zu und schleuderte mich wieder auf das harte Kopfsteinpflaster. Still rannen mir Tränen die Wangen hinab. Ein heftiger Wind peitschte um uns und zerrte an meiner Kleidung. Dann legte sich ein großer dunkler Schatten über mich.
Er gehörte James. Geräuschlos kniete er sich neben mich. Seine Augen blitzten, als er eine Pistole zog und sie auf mich richtete. Jetzt war der Zeitpunkt meines Todes gekommen. Das hatte Gott also für mich vorgesehen: den Tod mit 16 in einer dunklen Straße. Ich konnte mir was Besseres vorstellen.
Ich schloss die Augen, bereit meinem Schicksal entgegenzutreten. Doch anstatt eines Schusses hörte ich ein sich wiederholendes hohes Schrillen. Vorsichtig öffnete ich die Augen und sah direkt auf den Auslöser dieses Geräuschs: mein Wecker. Mir raubte das Schrillen den letzten Nerv, aber ich konnte mich nicht zum Aufstehen aufraffen. Ich war wie gelähmt.
Den Traum hatte ich noch vor Augen. Das Grinsen von James, meine panische Angst und schließlich die Pistole, die auf mich gerichtet war. Ich schnappte mir meine Decke am Fußende und wickelte mich fest darin ein.
Das Schrillen ging weiter und hallte durch den stillen Raum. Ich wunderte mich, dass er überhaupt losgegangen war. Es war Wochenende und ich hatte ihn am Freitag ausgestellt.
Wohlig kuschelte ich mich in die Decke und zog sie über den Kopf. Nun drang der Klang des Weckers nur noch gedämpft an mein Ohr. Ich wurde erneut schläfrig. Die Wärme hüllte mich ein und wiegte mich in den Schlaf. Diesmal war er traumlos.

Erholter erwachte ich. Der Wecker war verstummt und die Decke war ordentlich über mir ausgebreitet. Verwirrt kratzte ich mich am Kopf, als mein Dad eintrat.
„Oh, du bist ja wach“, bemerkte er überrascht.
„Warst du schon mal hier?“ Er nickte.
„Hast du meinen Wecker ausgestellt?“ Ausgiebig gähnte ich.
„Ja. Er hat eine halbe Stunde lang geschrillt, daher wusste ich, dass du noch schläfst.“ Ich war trotz des blöden Weckers eingeschlafen? Wow, ich musste wohl ziemlich müde gewesen sein.
„Ich frage mich, warum er überhaupt geklingelt hat. Ich habe ihn gar nicht gestellt.“ Prüfend nahm ich den Wecker in die Hände und betrachtete ihn eingehend. Er musste kaputt sein.
„Ich habe ihn gestellt, als du geschlafen hast. Ich dachte, dass du womöglich in die Schule gehen willst, aber nun denke ich, dass du zu Hause bleiben solltest, bis es dir wirklich besser geht.“ Ein besorgter Blick traf mich.
„Ist heute denn nicht Sonntag?“
„Nein, es ist schon Diensttag. Du hast ziemlich viel geschlafen. Wahrscheinlich kommst du deswegen mit den Wochentagen durcheinander.“ Ich war völlig verwirrt. Hatte ich tatsächlich so viele Stunden geschlafen?
„Ist alles in Ordnung, Holly?“ Geisterabwesend nickte ich.
„Gut. Ich werde dann mal die Schule anrufen und sagen, dass du heute auch nicht kommst. Soll ich dir vielleicht etwas von unten mitbringen?“
„Ähm…ein Wasser wäre toll. Musst du selbst nicht zur Arbeit?“ Er lächelte leicht.
„Deine Mutter und ich haben uns für diese Woche Urlaub genommen. Ich denke wir sollten alle erstmal zur Ruhe kommen.“
Was war denn mit ihm los? Sonst hasste er es nicht zu arbeiten, er mochte sogar den Urlaub nicht wirklich. Und warum ließ er mich nicht zur Schule? Er war doch erpicht darauf, dass ich nichts an Unterrichtsstoff verpasste. Mein Dad musste sich ernsthafte Sorgen um meine Mom und mich machen.
Eigentlich hatte er Recht. Ich sollte mich ausruhen, aber ich verpasste dadurch die Chance mit Linda und Vanessa zu sprechen.
Ich war durch den vielen Schlaf nicht dazu gekommen die Beiden anzurufen. Ehrlich gesagt hatte ich es bis zu diesem Zeitpunkt vergessen, aber das gab ich nur ungern zu.
„Leg dich hin und ruh dich aus. Ich komm gleich und bring dir dein Wasser“, meinte er, bevor er sich umdrehte und das Zimmer verließ.

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beta
Fairy Dust

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