Ich stehe neben meinem Bett und blicke verschlafen aus dem Fenster meiner Wohnung auf die verregnete Straße herunter. Das von dort empordringende lauthalse Stimmengewirr hat mich geweckt. Es handelt sich wieder um die alte, verrückte Frau, die ihren mit allem Möglichen und Unmöglichen vollgestopften Karren regelmäßig durch die Nachbarschaft schiebt. Dies tut sie auch jetzt und liefert sich dabei mit sich selbst – beziehungsweise mit denen in ihrem Kopf – eine fieberhafte Diskussion über Dinge, die nur sie versteht.

„WEG! WEG! ICH HABE SIE SELBST GEHÖRT!“
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite spaziert ein junges Pärchen.
„KEINER! HÖRT DOCH! ODER KANN KEINER DEUTSCH?“
Sie kommen vermutlich gerade vom Einkaufen in der Stadt. Sie hat eine fast leere Tüte Pommes in der Hand, er Taschen von H&M, Hollister, Hilfiger.
„VERSTEHT...NEIN, NEIN; DIE ANDEREN REDEN. KIND, WACH AUF!“
Kurz bleiben sie stehen und schauen zu der Frau hinüber; dann wenden sie sich mit einem Kopfschütteln ab. Im Weggehen beugt sich die junge Frau zu ihrem Freund oder Mann oder Lover herüber und raunt ihm etwas zu. Lachend verschwinden sie um eine Straßenecke.
Auch die Alte zieht weiter. Lediglich den Streit mit ihren für mich unsichtbaren Gesprächspartnern vernehme ich noch einige Zeit dumpf von irgendwoher. Was sie sagt, kann ich nicht mehr verstehen. Sie tut mir leid.
Ich schaue auf den Wecker, den ich nie stelle – schon kurz nach 13 Uhr.
Ich trete vom Fenster des Arbeitszimmers, um in die Küche zu gehen und mir einen Tee zu machen. Ich denke noch über die Frau nach.
Wie war sie wohl früher?‘
Ich nehme den Wasserkocher und halte ihn unter den Wasserhahn. Fast sofort nach dem Anschalten beginnt das Wasser brodelnd zu kochen.
Und wo kommt sie wohl her?‘
Ich öffne das Teeregal. Zwischen Assam und Darjeeling, Sencha und Matcha, Pfefferminze und Süßholz-Lavendel-Basilikum suche ich einen Earl Grey heraus.
Vielleicht war sie mal verheiratet. Vielleicht ist sie Mutter.
Ich hänge einen Teebeutel in die Tasse und gieße auf. Die bräunlichen Fäden beginnen sich fast wie Tentakel vom Beutel durch das siedend heiße Wasser zu ziehen.
Wahrscheinlich weiß sie das alles selbst nicht mehr.
Doch schon bald – nach etwa 4 Minuten Ziehzeit – widme ich mich lieber der Frage, was ich zum Tee frühstücken möchte.
Ich schaue in den Kühlschrank, finde aber nichts. Also nehme ich die letzten paar Vollkornkekse aus der Dose im Regal und die Banane, die schon einige braune Stellen hat. Ich schütte einen Schluck Milch in den Tee und setze mich dann mit der gestrigen Ausgabe der lokalen Tageszeitung auf das Sofa im Wohnzimmer. Ich lese meistens die Zeitung vom Tag vorher, damit ich nicht schon vor dem Frühstück raus muss. Vor allem bei diesem Wetter.
Die hintere Hälfte habe ich direkt weggeschmissen; Sport interessiert mich nicht und selbst, wenn es Wetter und Fernsehprogramm täten, bräuchte ich dafür keine Zeitung. Das Wetter sehe ich ja durchs Fenster und fern überhaupt nicht.
Wozu auch?‘, denke ich und esse einen Keks. Immerhin gibt es alles, was man sehen möchte – und noch einiges mehr, was man nicht sehen möchte – wann immer und wo immer man möchte im Internet. Sogar die Öffentlich-rechtlichen haben Online-Mediatheken und YouTube-Kanäle. Wenn ich wollte, würde ich da sicherlich auch sämtliche Sportnachrichten und Wettervorhersagen finden, die ich in der Zeitung und im Fernsehen verpasst habe. Und natürlich auch das Fernsehprogramm.
Von der Titelseite des Zeitungsrestes blickt mich irgendein Politiker vor knallrotem Hintergrund an. In der Bildunterschrift steht irgendwas von wegen „große Koalition“ und „knappe Mehrheit dafür“.
Nun also doch‘, denke ich und trinke einen Schluck Earl Grey – ich glaube, viele mögen Earl Grey nicht so gerne; wegen der Parfümierung. Aber ich finde das Bergamotten-Aroma angenehm.
Nach der Wahl hatte ich zwar auf etwas neues gehofft – aber letztlich ist das wahrscheinlich genauso gut oder schlecht, wie alles andere.
Naja, vielleicht wie fast alles andere.‘
Meine Überzeugungen vertritt eh keine Partei so richtig. Als ich einem Mitstudierenden gegenüber mal diese Meinung äußerte, stimmte er mir zu und hatte den seltsamen Einfall, man könne sich ja zusammen in einer Partei engagieren. Wie er darauf kam, weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls freundlich abgelehnt.
Ich esse noch einen Keks.
Vorbereitend für die Wahl habe ich bestimmt ein oder zwei Stunden damit zugebracht, mich über Parteien zu informieren. Ich hatte mir auch fest vorgenommen, die Parteiprogramme zu lesen – in das orangefarbene habe ich kurz reingeschaut; das war mir aber zu realitätsfern – doch dann war der Wahltag schneller da, als gedacht. Aber Farbenlehre reicht ja:
Schwarz, das ist irgendwas mit konservativ und christlich, Rot irgendwas mit sozial oder sozialistisch oder so. Grün steht für Bio und Umwelt, das finde ich gut. Gelb steht für Geld und Unternehmen und Blau steht für Bayern und Autobahnmaut, für Leitkultur und Denkmal der Schande, für Trunkenheit und Schlümpfe.
Also ab in die Kabine und bloß nicht aus Versehen Blau oder Gelb wählen. Zum Glück ist meine Lieblingsfarbe Grün und zum Glück entstehen politische Haltungen nicht durch dieselbe Mischung, wie ihre Farben.

Für heute habe ich genug über Politik nachgedacht. Ich nehme noch zwei Schlucke Tee und überspringe ein paar Seiten. Ich überfliege ein paar Überschriften im Wirtschaftsteil, ohne wirklich vorzuhaben, einen Artikel zu lesen:

„Bitcoin-Blase bläst sich weiter auf“– „DAX hat zugelegt“– „Wann platzt die Bitcoin-Blase?“– „Schon wieder Streik – Gewerkschaft kriegt den Hals nicht voll“ – „Stable genius – US-Präsident ist Satoshi Nakamoto“

An einem Artikel bleibe ich dann doch kurz hängen:
„Robbenbabys mussten stundenlang Abgase einatmen“
Ich blinzle ungläubig und lese die Überschrift erneut:
„Robbenbabys mussten stundenlang Abgase einatmen“
Doch, steht da wirklich. Fassungslos fange ich an, den ersten Absatz zu lesen:

„In einer Untersuchung, welche zeigen sollte, wie sauber deutsche Dieselmotoren sind, wurden zehn Robbenbabys mehrere Stunden in einem Raum mit Abgasen eingesperrt. Die Studie ist von einer Lobbygruppe in Auftrag gegeben worden, welche von den großen deutschen Autobauern finanziert wurde, mittlerweile aber aufgelöst ist. Diese entschuldigten sich für das Bekanntwerden dieser Methode und räumten ein, man hätte die Informationen über die Untersuchung sorgfältiger behandeln sollen.“

Den Rest des Artikels lese ich gar nicht mehr, sondern krame mein Handy aus der Hosentasche und suche einen passenden Online-Artikel, um den Link zu posten. Dazu schreibe ich noch:
„Schweinerei! Statt hilfloser Robben sollte man lieber die Manager nehmen! Ist doch nicht so schlimm, wenn die Motoren angeblich so sauber sind! #Tierquäler #Robbenbaby #Dieselgate“
Außerdem schicke ich ein Foto der Artikelüberschrift zusammen mit einem von zwei Mittelfingern umrahmten Kotz-Emoji gefolgt von einem Kackhaufen an alle meine Snapchat-Freunde.
Zufrieden mit meinem Beitrag zur öffentlichen Diskussion lege ich die Zeitung wieder weg, esse meine Kekse und die Banane auf und trinke den Tee aus, der mittlerweile eine angenehme Temperatur erreicht hat.
Mir fällt ein, dass ich einkaufen sollte, also stehe ich auf, ziehe Jacke und Schuhe an, hole die Einkaufsliste aus der Küche und betrete das Treppenhaus. Es ist etwas kühl, da das Fenster offen steht. Mal wieder. Es steht andauernd offen und ich weiß nicht, ob es immer wieder geöffnet wird – zum Beispiel von der Putzkraft, die angeblich wöchentlich das Treppenhaus reinigt, die ich aber in den drei Jahren, die ich hier wohne, erst einmal gesehen habe – oder ob es einfach nur nie geschlossen wird. Ich gehe am Fenster vorbei die Treppe herunter. Im Erdgeschoss angekommen setze ich meine Kapuze auf und trete in den Nieselregen. Die alte Frau scheint ihre Runde gedreht zu haben, denn ich höre sie wieder – diesmal aus der entgegengesetzten Richtung.
Ich laufe die Straße entlang, auf der nur vereinzelt Menschen zu sehen sind. Wegen des Wetters sitzen die meisten Leute zu Hause oder in Cafés. Jedenfalls vermute ich das, denn letztere scheinen durch die Fenster rammelvoll.
Nur eine Frau kommt mir entgegen. Sie führt ein kleines Mädchen – wohl ihre Tochter – an der Hand und bringt sie, wie für Stadtmütter üblich, bestimmt zum Klavierunterricht oder zum Ballett oder sonstwo hin.
Kinder haben mit Schule und Hausaufgaben ja noch nicht genug zu tun. Nein, nein. Man muss sie auch noch hierhin und dorthin schleifen, um ihnen auch die letzte Freizeit zu nehmen, in der sie noch Kinder sein und mit Freunden spielen könnten.‘
Empört darüber, wie man so unmenschlich sein kann, nehme ich mein Handy und berichte ein paar Freunden per WhatsApp von der Rücksichtslosigkeit, die dem armen Kind zuteil wird. Dabei stoße ich fast mit einem älteren Herrn zusammen. Ich murmle eine Entschuldigung und gehe weiter.
Vor dem Supermarkt steht eine Frau und verkauft für zwei Euro pro Stück eine dieser Straßenzeitungen. Ich denke daran, eine zu kaufen, lasse es dann aber doch. Der Inhalt interessiert mich bestimmt eh nicht, also würde ich sie nur kurz durchblättern und dann direkt wegschmeißen. Außerdem gebe ich Bettlern – und irgendwie kann man die Frau ja zu diesen zählen – ohnehin ungerne Bargeld, damit sie es nicht für Alkohol, Zigaretten oder andere Drogen ausgeben. Aber das Konzept finde ich natürlich gut und unterstützenswert. So haben diese Menschen eine einigermaßen feste Arbeit und müssen sich nicht wie Bettler fühlen.
Ich betrete also den Supermarkt und suche Äpfel, Bananen, Tomaten, Milch, Käse und Müsli zusammen. Außerdem neue Vollkornkekse, da ich die alten ja aufgegessen habe. Von den Tageszeitungen nehme ich, wie üblich, die zweitgünstigste für zwei-zwanzig, um sie morgen beim Frühstück zu lesen. Der Aufmacher scheint mir jetzt schon uninteressant, aber man will sich ja informieren. Und au“serdem ist der meistens eh bei allen Zeitungen derselbe. Ich stelle mich an der Kasse an, komme an die Reihe und bezahle. Beim Rausgehen kaufe ich noch ein Schokobrötchen beim Bäcker im Eingangsbereich, welches ich der Frau vor dem Laden mit einem Lächeln in die Hand drücke: „Gern geschehen.” Dann gehe ich. Nach ein paar Schritten fällt mir auf, dass sie sich gar nicht bedankt hat. Ich blicke noch einmal zurück und sehe, wie sie mir kopfschüttelnd nachsieht. Fast bekomme ich schlechte Laune, aber die durchbrechende Sonne lenkt mich ab.
Auf halbem Weg zu meiner Wohnung vibriert mein Handy. Ich schaue auf den Bildschirm und lese:
„Woher weißt du das?“
Verwirrt stecke ich das Handy wieder weg. Ich werde mir zu Hause überlegen, was er meint. Jetzt genieße ich erstmal den Spaziergang. Ich biege extra eine Kreuzung zu früh ab, um den Weg etwas zu verlängern. Zu Hause angekommen hole ich meinen Schlüssel aus der Tasche, schließe die Haustür auf, gehe die Treppe hinauf – vorbei an dem noch immer offenen Fenster – schließe die Wohnungstür auf, ziehe Jacke und Schuhe aus und bringe die Einkäufe in die Küche.

Danach gehe ich ins Wohnzimmer, hole die alte Zeitung und schmeiße sie zusammen mit der hinteren Hälfte der Neuen in den Müll.

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