Zuerst erschuf Gott den Mann...

Nirgendwo brannte Licht. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die Luft war stickig und warm. Es roch nach Blumen und etwas Süßlichem. Vielleicht hatte jemand einen Kuchen gebacken. Der Flur war viel zu eng für sechs Personen, die dicht gedrängt hintereinander standen.
Eiskalter Schweiß legte sich auf meine Haut und verursachte bei mir einen Schüttelanfall. Mein Puls raste und meine Atemzüge waren laut. Die Anderen dagegen machten keinen Mucks. Sie waren Profis und wussten, wie man sich lautlos fortbewegte und tötete. Das war das Gefährliche an ihnen. Ich musste etwas tun, egal was. Es war meine Pflicht sie alle zu warnen. Mir musste nur schnell etwas einfallen.
Derweil gingen meine Kollegen voll freudiger Erwartung zu der kurzen Treppe am Ende des Flurs. Patton schleppte mich mit. Unterwegs sah ich die weiße Kommode, gegen die Holly vor unserem Date gerannt war und mir kam eine Idee. Als wir an ihr vorbeigingen, nutze ich die einmalige Chance und trat mehrere Male mit voller Wucht gegen das Holz. Ein lautes Krachen drang in alle Räume des Hauses. Patton, mein Aufpasser, reagierte erst spät.
„Du mieser kleiner…“
Mehr konnte ich durch seinen zusammengepressten Mund nicht verstehen.
Brutal packte er mich an den Schultern und zog mich ins Wohnzimmer. Dort schmiss er mich auf die graue Couch. Augenblicklich blieb mir die Luft weg und ich brüllte laut vor Schmerz. Ich hatte das Gefühl, dass meine Rippe sich in meine Haut bohrte und sie beinahe zerriss, um sich einen Weg aus meinem Körper zu bahnen.
Ich konnte von Glück reden, dass ich auf der Couch gelandet war und nicht auf dem Boden, denn sonst wäre ich vor Schmerz zu Grunde gegangen. Hoffentlich würden sich meine Bemühungen auszahlen und ich hätte nicht umsonst all diese Strapazen auf mich genommen.
Ich flehte, dass Holly und ihre Eltern die Polizei riefen oder verschwanden. Den größten Fehler, den sie machen konnten, war hier zu bleiben, aber woher sollten sie das wissen?
Patton stellte sich neben die Couch und beobachtete jede kleinste Regung von mir.
„Wenn du noch einmal so was abziehst, dann bringe ich dich eigenhändig um“, keifte er und widerlicher Speichel tropfte auf meine Klamotten und mein Gesicht.
Instinktiv drehte ich mich weg, dabei lauschte ich auf jedes Geräusch.
Momentan hörte ich nichts, bis auf meine eigenen Atemzüge. In mir keimte die Hoffnung, dass sie geflohen waren. Aber mich beunruhigte es, dass ich meine übrigen Kollegen ebenfalls weder hören, noch sehen konnte. Was taten sie? Sahen sie nach, wo sich die Bewohner des Hauses befanden? Ich wurde unruhig und nervös.
Dies schien auch Patton zu bemerken, denn er hockte sich hin und musterte mich.
„Dich macht die Ungewissheit wahnsinnig, oder? Du weißt nicht, was mit ihr passieren wird, aber ich könnte es dir verraten.“ Mir gefiel sein Blick, mit dem er mich ansah, absolut nicht. Er war hinterhältig und kalt.
Er würde mir das weitere Vorgehen erklären, aber nicht, um mich darauf vorzubereiten, sondern um mich zu quälen, denn ich wusste, dass Jericho nichts Gutes geplant hatte. Er wollte mich seelisch für meinen Verrat zerstören und dass würde ihm gelingen, wenn ich den toten Körper von Holly vor meinen Augen sah.
„Jericho ist beinahe an die Decke gesprungen, als Emilia ihm gesteckt hat, dass du dich in ein Mädchen verliebt und du es auch noch über deinen Beruf aufgeklärt hast. Das war ziemlich dumm von dir, Kleiner. Aber na ja, ändern kann man es nicht mehr. Es war nicht schwer, ausfindig zu machen, wo sie wohnt. Jericho hat Brolin auf dich angesetzt. Du weißt selbst, dass du nach dem Treffen im Büro zu ihr gefahren bist.“ Ich sagte nichts, stattdessen hörte ich ihm zu.
„Dann, als wir wussten, wo sie wohnt, hat Brolin das Haus ein paar Tage lang beobachtet, damit wir herausfinden konnten, wie viele Leute dort leben. Brolin hat nur von ihren Eltern erzählt.“
„Warum müssen sie auch sterben?“, fragte ich bitter, nachdem ich meine Stimme wieder gefunden hatte.
„Wir können es nun mal nicht riskieren, dass es noch mehr Mitwisser gibt. Wer sagt uns denn, dass sie ihren Eltern nicht von deiner Tätigkeit erzählt hat?“ Höhnisch grinste er.
„Ich schwöre dir, Patton, dass sie niemals mit ihren Eltern über mich geredet hat. Sie kennen mich nicht mal. Sie haben mich nie gesehen.“ Meine Stimme wurde lauter und eindringlicher.
„Ja und wenn schon. Wir sind hier und Jericho hat den Befehl gegeben alle Personen in diesem Haus zu töten. Und für dich, mein lieber Freund, hat er sich was ganz Besonderes ausgedacht.“ Bei dieser Offenbarung blieb mir das rasende Herz augenblicklich stehen. Entsetzt riss ich die Augen auf.
„Du weißt, was ich damit sagen will, oder?“ Unverschämt zwinkerte er mir zu.
„Dir gebührt die Ehre das Leben deiner Geliebten zu beenden.“
Diese schreckliche Nachricht, die ich schon befürchtet hatte, knallte er mir gnadenlos hin. Mein ganzer Leib bebte wie verrückt. Verzweifelt presste ich die Hände gegen die Ohren und schloss meine Augen.
Nein, bitte nicht. Wieso musste dies geschehen? Hollys Tod wäre schon eine unendliche Qual für mich, jetzt sollte ausgerechnet ich ihr eine Kugel durchs Hirn jagen? Das würde ich nicht verkraften.
Ich öffnete meine Augen. Patton hatte sich erhoben und schaute ungeduldig zur Tür. Von den Anderen gab es kein Lebenszeichen. Was taten sie nur? War alles schon vorbei? Die Warterei war nervenaufreibend und unerträglich. Plötzlich durchbrach ein lautes Poltern und erstickende Schreie die unsagbare Stille. Erschrocken setzte ich mich auf und wollte schon aufstehen, doch Patton stieß mich zurück auf meinen Platz.
„Du bleibst schön hier sitzen, Kleiner.“ Ich wollte etwas sagen, aber sein aggressiver Blick hielt mich davon ab.
Ich war schon verletzt genug, da musste ich nicht noch mehr Blessuren herausfordern. Während ich mich zusammenriss, tänzelte Ophelia herein. Ihre blau-grünen Augen leuchteten ungewöhnlich hell. Tiefdunkle Schatten legten sich auf ihre zarten Gesichtszüge und verwandelten ihre Haut in ein schmutziges Grau. Sie sah schaurig aus, wie eine wandelnde Leiche.
„Was ist los?“, fragte Patton mit hektischer Stimme.
„Uns sind ihre Eltern begegnet. Vermutlich sind sie durch Jimmys Warnaktion wach geworden.“ Als sie mich ansah, fror ihr Lächeln ein und sie hatte bloß einen abschätzigen Blick für mich übrig. Sie waren also nicht geflohen, aber Ophelia hatte Holly nicht erwähnt. Vielleicht war zumindest sie meinen Kollegen entkommen.
„Und jetzt?“
„Navarro und Emilia halten sie in ihrem Schlafzimmer in Schach und Mickey sucht nach seinem Püppchen.“ Sie zeigte mit einem dünnen Finger auf mich und lächelte diabolisch.
„Wir werden sie finden und dann kann die Party beginnen.“ Patton wurde von ihrem Lächeln angesteckt und wandte seinen irren Blick zu mir.
„Du brauchst nicht zu hoffen, dass sie uns entkommen könnte, Kleiner. Du weißt ganz genau, dass uns keiner davonlaufen kann.“ Freundschaftlich boxte er mir gegen die linke Schulter. Sein bescheuertes Freundschaftsgetue war unangebracht und konnte er sich sonst wo hinstecken. Ohne Umschweife schlug ich seinen Arm weg.
„Da ist wohl jemand wütend“, frohlockte er.
„Kein Wunder, wenn deine Geliebte heute sterben wird, nicht wahr?“ Ophelia kicherte melodisch und sanft. Ich konnte hier nicht mehr untätig rumsitzen und mich von ihnen verspotten lassen. Aber egal, wie sehr ich es auch wollte, ich konnte nicht aufstehen und weglaufen, denn Patton würde das zu verhindern wissen. Ich war gefangen.
Gefangen in einem kleinen Wohnzimmer auf einer grauen Couch. Aber irgendetwas musste ich doch tun können. Ich war James Roddick, ein Auftragskiller, der schon mit anderen heiklen Situationen zurecht gekommen war. Ließ ich mich tatsächlich von einem gealterten Ex-Soldaten und einer dürren Kettenraucherin aufhalten?
Nein, hier ging es um das Leben von Holly und ihrer Familie. Entschlossenheit überkam mich wie eine riesige Welle und überwältigte meinen Körper. Patton sah wieder zu Ophelia, genauer gesagt stierte er auf ihre langen Beine.
Das war meine Chance. Ich atmete noch einmal tief durch, bevor ich angriff. Ich konnte nur hoffen, dass mir meine gebrochene Rippe nicht all zuviel Ärger machte.
Und dann ging alles ganz schnell. Ich trat gegen Pattons Knie, die sich unmittelbar vor mir befanden. Augenblicklich knickte er ein. Ein dumpfes Knurren drang an meine Ohren. Mit viel Schwung sprang ich über die niedrige Lehne der Couch. Ophelia stand mit einer überraschten Miene vor mir. Sie schien nur sehr langsam zu realisieren, was geschehen war.
Eilig machte ich einen Bogen um sie und lief in den Flur. Ich bog nach rechts und eilte die Treppe geschwind nach oben.
Zwar wusste ich nicht genau, was mich dort oben erwartete, doch ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken. Jede Sekunde konnte ich von jemandem geschnappt werden. Der Schmerz in meiner Brust war nach meinem Lauf nun unerträglich. Ich ignorierte es, so gut es ging.
Die erste Tür im obersten Stock führte zu Hollys Zimmer. Sollte ich hineingehen und es riskieren, dass dort möglicherweise Mickey nach ihr suchte? Lieber nicht. Ich musste ins Elternschlafzimmer, aber wie sollte ich nur mit Navarro und Emilia fertig werden? Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Egal.
Ich öffnete die Tür nach Hollys Zimmer und stand im Badezimmer.
Zum Glück war hier niemand von meinen Kollegen. Dann musste wohl die letzte Tür das Schlafzimmer sein. Leider war die Tür geschlossen, so konnte ich mir kein Bild über die Lage verschaffen.
Doch schlimmer waren die polternden Schritte, die ich von unten hörte. Scheiße. Ich hatte keine Zeit. Gleich hieß es vier gegen einen, aber vielleicht würden Hollys Eltern mir helfen, wenn sie sahen, dass jemand hier war, um sie zu retten.
Als ich Patton auf den Stufen sah, stürmte ich ins Zimmer. Es war auf den ersten Blick das größte Zimmer im Haus. Hier war das Deckenlicht eingeschaltet worden. Das Ehebett war breit und sah schwer aus. Es stand auf der gegenüberliegenden Seite. Links befand sich ein Schreibtisch, auf dem ein Laptop, eine Lampe und eine kleine grüne Pflanze ihren Platz gefunden hatten. Rechts befand sich der Kleiderschrank.
Am Schreibtisch saß ein großer Mann mit dunklen Haaren. Seine Miene war ausdruckslos und seine Augen zeigten nichts als Leere. Er musste Hollys Vater sein. Neben ihm stand Navarro und hielt ihm eine Walther PPK gegen die Schläfe. Auf dem Bett hockte eine ängstliche Frau mit strahlend blauen Augen. Sie war unverkennbar Hollys Mutter. Leise wimmerte sie.
Kein Wunder, denn Emilia hielt ihr ein Messer an die Kehle. Sie musste es in der Küche gefunden haben, denn normalerweise trug keiner von uns ein Messer mit sich.
Als ich hereinkam, durchbohrte sie mich mit einem panischen und flehenden Blick. Ich hatte keine Ahnung, ob sie glaubte, dass ich ein Nachbar war, der die Schreie gehört hatte und nun zur Hilfe kam. Navarros und Emilias Blicke dagegen zeigten eine Mischung aus Wut und Entsetzen.
Emilia fackelte jedoch nicht lange und kam mit schwingendem Messer auf mich zu. Zuerst schlug ich die Tür zu, damit Patton und Ophelia mich nicht gleich entdeckten. Dann wich ich zurück, sie immer im Blick. Natürlich vergaß ich nicht, dass Navarro sich ebenfalls in diesem Raum befand, doch er musste schließlich auf Hollys Dad aufpassen.
Dieser war gefährlicher, als eine Frau, die nichts weiter tat, als apathisch auf die Tür zu starren. Emilia hatte konzentriert die Stirn in Falten gelegt. Sie dachte über ihren nächsten Schritt nach. Ich hatte nicht so viel Zeit, deshalb ging ich aufs Ganze. Ich duckte mich und rannte auf sie zu. Mit Leichtigkeit warf ich sie zu Boden und hielt sie an den Handgelenken fest. Zornig strampelte sie und wand sich in meinem Griff.
„Lass mich los, du Mistkerl“, kreischte sie mit hochrotem Kopf.
Strähnen ihres blonden Haares fielen ihr ins Gesicht. Das Messer hielt sie immer noch umklammert. Ich erhöhte den Druck auf ihre schlanken Handgelenke. Die Haut wurde feuerrot und sie jaulte auf. Mit aller Macht versuchte sie das Messer in der Hand zu behalten. Tränen des Schmerzes und der Wut rannen ihre Wangen hinab. Mit so viel Widerstand hatte ich nicht gerechnet. Die Zeit verging unerbittlich und es kam, wie es kommen musste. Die Tür wurde aufgestoßen und Patton trat ein. Sofort packte er mich um die Taille und zog mich nach oben, doch ich klammerte mich an Emilia fest.
„Schieß auf ihn, Navarro.“ Das war Ophelias verzweifelte Stimme.
„Bist du wahnsinnig? Ich könnte McDermott oder Massey treffen.“
Derweil zerrte Patton weiter an mir. Meine Muskeln waren angespannt, dennoch spürte ich die Kraft, mit der er mich traktierte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich mich noch an Emilia festhalten konnte, aber sicher nicht mehr allzu lange. Was danach passieren würde, wusste ich nicht.
Patton griff weiter nach oben. Ein Fehler, zumindest für mich. Seine klobige Hand umfasste genau meine verletzte Rippe. Ich brüllte vor Schmerz und ließ Emilia los. Mir war schwindlig und schlecht. Patton zog meinen geschwächten und schlaffen Körper an seine Seite. Emilia stand erbost auf und rieb sich die Haut ihrer Handgelenke.
„Wie ist er euch entwischt? Könnt ihr zu zweit nicht mal auf einen Verletzten aufpassen?“, schrie sie Ophelia entgegen.
„Mach nicht so einen Aufstand.“ Empört öffnete Emilia den Mund, doch sie sagte nichts.
„Er hat Patton gegen die Knie getreten und ist aus dem Zimmer gerannt.“
„Und was hast du in der Zeit getan? Ihm gelassen hinterher geguckt?“ Emilia strich sich die Haare aus dem Gesicht und funkelte ihre Rivalin aus zusammengekniffenen Augen an.
„Was geht dich das bitte an? Außerdem seid ihr ebenfalls zu zweit und ihr konntet ihn auch nicht aufhalten, nicht wahr Emilia?“ Ihre Stimme war freundlich und süß. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie sich über jemanden lustig machte oder ihn verspottete.
„Wir müssen uns ja auch noch um die zwei hier kümmern, oder?“ Sie zeigte auf Hollys Eltern. In den Augen ihrer Mutter konnte ich den Rest von Hoffnung erkennen, doch dieser verschwand ebenfalls nach und nach. Der Einzige, der sie hätte retten können, war gescheitert. Die aufkommenden Schuldgefühle und Vorwürfe erdrückten mich. Ich hatte versagt. Ich hatte sie ins Unglück gestürzt, weil ich so dumm und naiv gewesen war und Emilia vertraut hatte.
„Jetzt beruhigen wir uns erstmal und warten auf Mickey.“
Navarros Bassstimme brachte die Luft zum Vibrieren. Patton nickte ihm stumm zu, während Emilia und Ophelia sich mit abwertenden Blicken musterten. Mir blieb nichts anderes übrig, als an Pattons Seite gepresst zu werden und abzuwarten, was in den kommenden Minuten geschah. Die Übelkeit wurde stetig schlimmer und am Liebsten hätte ich mich übergeben, aber ich riss mich zusammen. Hörbar atmete ich durch den Mund, um so viel Sauerstoff, wie möglich, aufzunehmen. Alles drehte sich und meine Sicht war verklärt.
Nur am Rande bekam ich mit, wie Emilia zu Hollys Mutter zurückkehrte und das Messer wieder an ihren Hals hielt. Dann wurde es still. Ich hörte weder drinnen, noch draußen irgendein Geräusch. Es schien, als ob die Zeit stehen geblieben wäre und wir die einzigen Menschen auf dieser Welt waren. Ich fühlte mich abgeschottet und allein. Es gab niemanden, der uns noch helfen konnte. Das Einzige, was mich davon abhielt in völlige Verzweiflung zu versinken, war die Hoffnung, dass Holly sich in Sicherheit gebracht hatte. Doch meine Hoffnung wurde sogleich zerstört. Mickey durchbrach die Stille, als er schnaufend ins Zimmer kam. Verwundert und etwas verwirrt schaute er sich um.
„Wieso seid ihr denn hier? Und warum habt ihr Roddick mitgenommen?“
„Das ist eine lange Geschichte“, knurrte Emilia von ihrem Platz. Beschwichtigend hob er beide Hände.
„Okay, ich frag nicht weiter nach.“
„Hast du sie gefunden?“, fragte Ophelia und wandte sich zu Mickey. Dieser wurde gleich nervös und wusste nicht, wo er hingucken sollte.
„Ja, ich hab sie im Keller gefunden. Dort hatte sie sich hinter einem Schrank versteckt.“ Die Gewissheit, dass Mickey Holly gefunden und sie nicht geflohen war, versetzte mir einen heftigen Schmerz in meinem Herzen, der alles andere übertraf und sogar meine gebrochene Rippe in den Schatten stellte.
Ich war nicht der Einzige, den seine Worte hart trafen. Ihr Vater wurde unruhig und rutschte auf dem Stuhl hin und her. Die Waffe an seinem Kopf hielt ihn jedoch davon ab aufzuspringen und zu seiner Tochter zu laufen. Hollys Mutter weinte still auf dem Bett. Mir schnürte sich die Kehle zu. Ich konnte nur noch laut röcheln.  
„Und wo ist sie jetzt?“ Fragend sah Navarro Mickey an.
„Ich hab sie ins Bad nebenan gesperrt.“
„Gut, wir bringen die Eltern runter, dann töten wir den Vater.“ Neben Navarro ertönte ein merkwürdiges Geräusch. Hollys Vater saß erstarrt und verängstigt auf dem Schreibtischstuhl. Kein Wunder, wenn ein Haufen Fremde über seinen bevorstehenden Tod sprach.
„Wie…wieso…tun Sie uns das an?“ Seine Stimme war leise und sehr tief. Ich konnte ihm ansehen, wie viel Überwindung ihn diese Frage gekostet hatte. Navarro und die Übrigen beachteten ihn nicht eine Sekunde.
„Anschließend holen wir die Tochter und lassen sie zusehen, wie ihre Mutter stirbt.“ Gehässig grinste Navarro und sah zu Hollys Mutter, die leichenblass geworden war.
Aus ihren Augen sprach das pure Entsetzen. Ihre schmalen Lippen zitterten und ihr Atem war flach. Ich fand die Pläne meiner Kollegen schrecklich, aber ich war nicht mehr in der Lage etwas zu tun.
Nach meinem gescheiterten Rettungsversuch würden sie mich keine Sekunde mehr aus den Augen lassen. Tief im Innern hoffte ich, dass all dies bloß ein Albtraum war und ich jeden Moment aufwachen und über diese perfide Situation lachen würde, doch die Schmerzen und die Verzweiflung waren einfach zu real.
Als ich reihum in die Gesichter meiner Kollegen sah, konnte ich ausnahmslos erregte und heimtückische Mienen erkennen. Sie widerten mich alle an. Ohne Ausnahme. Ich ekelte mich aber auch vor mir selbst, denn ich war vor nicht allzu langer Zeit auch so gewesen.
Erst vor wenigen Stunden hatte ich mich an der Angst des Mannes, den ich angegriffen hatte, erfreut. Ich schämte mich in Grund und Boden. Jetzt erst wurde mir bewusst, wie sich meine Opfer gefühlt haben mussten, als ich in ihre Häuser gekommen war und ihr Leben bedroht hatte. Nun war ich selbst zu einem Opfer geworden. Ich würde niemals wieder einer Menschenseele derartiges antun, solange ich lebte. Wenn es nach meinen Kollegen ging, dann würde mein Leben aber bloß noch wenige Stunden dauern.
Aber das würde ich mit meiner verbliebenen Kraft verhindern, denn ich hatte mir eins vorgenommen: die Letzten, die ich töten würde, würden meine Kollegen sein. Jeder von ihnen, auch Jericho. Und sie würden für all ihre Missetaten leiden müssen. Bevor ich jedoch meine Rache ausüben und genießen konnte, musste ich zuerst mein Leben und das von Holly retten. Ohne sie würde ich nichts tun.
Brutal wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als Navarro Hollys Vater nach oben zog und ihn zur Tür schubste. Die Waffe drückte er ihm in den Rücken. Auch Emilia stand auf und folgte den Beiden gemeinsam mit Hollys Mutter. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die Eheleute wohl das letzte Mal in ihrem Leben ihre Hände ineinander legten.
Ophelia betrachtete eingehend ihre Fingernägel, während sie sich gegen die Wand lehnte. Mickey stellte sich direkt neben sie, um einen Blick in ihren Ausschnitt werfen zu können. Seine Augen wurden glasig und verträumt. Derweil standen Patton und ich unverändert im Raum. Ich fragte mich, warum wir den Anderen nicht ins Wohnzimmer folgten, doch ich war so gesehen froh, Hollys Eltern nicht sterben sehen zu müssen. Vermutlich hielten sie mich hier fest, weil sie befürchteten, dass ich wieder Ärger machte. Sie würden mich erst nach unten bringen, wenn der schlimmste Moment für mich gekommen war: der Mord an Holly.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich sie und mich retten sollte. Es würde wohl eine improvisierte Aktion mit einer Menge Glück werden.
Unten hörte ich auf einmal hektisches Treiben. Es rumpelte und krachte. Möglicherweise wehrte sich Hollys Vater mit allen Möglichkeiten, die er hatte, um seine Familie und sich selbst zu schützen. Ich zweifelte jedoch sehr stark an seinem Erfolg, denn er musste sich allein gegen Profis behaupten. Urplötzlich wurde es mit einem Mal erschreckend still. Ich wurde unruhig. Die Anderen schien die Geräuschkulisse nur wenig, bis gar nicht zu stören. Patton scharrte gelangweilt mit dem Fuß und starrte geistesabwesend in die Luft.
Ophelia lächelte derweil Mickey amüsiert an und strich ihm durchs rote Haar. Sein gesamter Körper versteifte sich unter ihrer Berührung. Mit ihrer zarten Stimme flüsterte sie ihm etwas ins Ohr, was ihn zu einem dämlichen Grinsen verleitete. Er war nichts weiter, als ein triebgesteuerter Lustmolch.
Ich wandte meinen Blick ab und versuchte mich auf die nächsten Minuten zu konzentrieren. Wenn ich mit Holly in einem Raum war, dann würde mir vielleicht etwas einfallen, um zu fliehen. Aber wie würde sie auf mich reagieren? Sie würde wissen, dass ich geredet hatte und ich somit der Schuldige an dem Tod ihrer Eltern war. Das würde sie mir nie verzeihen. Niemals.
Plötzlich hatte ich Angst ihr zu begegnen; ihr unter die Augen zu treten, nachdem ich Unheil über ihre Familie gebracht hatte. Sie würde mich hassen und aufhören mich zu lieben. Das wäre für mich der Weltuntergang.
Dann, ohne Vorwarnung, ertönten ein Schuss und ein qualvoller, herzzerreißender Schrei einer Frau aus dem Wohnzimmer, der mir durch Mark und Bein ging. Meine Unachtsamkeit hatte das erste unschuldige Opfer gefordert: Hollys Vater.
Entweder Emilia oder Navarro hatten auf ihn geschossen. Es reichte eine einzige Kugel aus, um seinen Kopf und sein Hirn zu durchschlagen und somit seinen Tod herbeizuführen.
Er tat mir unendlich leid. Ich konnte nur ahnen, wie sich seine Frau jetzt fühlen mochte. Sie hatte mit ansehen müssen, wie ihr geliebter Mann erschossen wurde und bald war sie selbst an der Reihe. Eben war sie schon völlig verstört und apathisch gewesen, doch nun musste sie einem Nervenzusammenbruch nahe sein.
Als der Schuss ertönt war, waren die Köpfe meiner Kollegen zur Tür geschnellt.
Jetzt grinste Ophelia hämisch und Mickey durchbohrte mich mit einem Blick, der mir zu sagen schien, dass ich an alledem Schuld war und ich es nicht anders verdient hatte. Minutenlang starrten wir uns an. Keiner wagte es seinen Blick abzuwenden.
Patton kommentierte das Kräftemessen zwischen Mickey und mir mit einem vergnügten Glucksen. Ophelia verdrehte dagegen entnervt die Augen und spielte an ihrem Pferdeschwanz. Das Spiel zwischen uns beiden ging weiter. Ich würde garantiert nicht aufgeben. Er sollte wissen, dass ich meinen Kampfgeist nicht verloren hatte und alles tun würde, um sie aufzuhalten. Seine Gesichtsmuskeln hatte er angespannt. Nur die Mundwinkel zuckten ab und zu.
Die Tür wurde geöffnet und Navarro stand im Rahmen. Seine langen Haare waren feucht vom Schweiß und die Brust hob und senkte sich sehr schnell. Auf seiner abgenutzten Lederjacke entdeckte ich tiefrote Blutflecken. Augenblicklich verzog ich das Gesicht. Sein Blick huschte zwischen Mickey und mir hin und her.
„Was ist denn hier schon wieder los?“
„Die Beiden veranstalten bloß einen ihrer ewigen Wettkämpfen“, antwortete Patton.
„Hört endlich mit dem albernen Spielchen auf. Wir haben Wichtigeres zu tun.“ Seine Stimme klang gestresst. Tatsächlich hörte Mickey auf ihn und schaute zu ihm herüber.
„Erzähl mal, Navarro, wie habt ihr euch im Wohnzimmer ohne uns amüsiert?“, fragte Ophelia plötzlich mit zweideutiger Tonlage und zwinkerte ihm zu.
„Sehr witzig, Ophelia. Emilia hat, wie besprochen, den Vater kaltgemacht. Ihr hättet sehen sollen, wie seine Alte in Tränen ausgebrochen und dann zusammengeklappt ist. Einfach unbezahlbar.“ Dreckig feixte er. In mir brodelte unbändige Wut, die mich zu ersticken drohte.
„Wie schön, dass ihr euren Spaß habt und wir hier die Babysitter spielen müssen.“
„Du kannst aber auch nur meckern, oder?“
„Natürlich, schließlich bin ich eine Frau und Frauen kann man es nie Recht machen.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und schaute Navarro herausfordernd an.
„Ja, ja. Eigentlich bin ich hier, um euch nach unten zu holen und nicht, um mit dir zu streiten, egal, wie sehr mich unsere Unterhaltungen immer wieder aufs Neue erfreuen.“ Höflich machte Ophelia einen Knicks.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ Gleichzeitig brachen sie in schallendes Gelächter aus. Mickey sah eifersüchtig zu, wie Navarro einen Arm um Ophelia legte.
„Vergiss nicht unsere Gefangene aus ihrem Verlies zu befreien und nach unten zu schaffen. Sie soll ja nicht den Tod ihrer Mutter verpassen.“ Er grinste und verließ gemeinsam mit Ophelia das Zimmer.

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beta
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