Zuneigung schenken

Rollo schlug ein. Mit einer kühlen Nicken schwang er sich nach wenigen klärenden Worten auf sein Pferd und trabte zurück zum Hafen. Thorstein sah dem Krieger nachdenklich hinterher. Hatte er sich gerade einen Feind gemacht? Er wusste es nicht. Klar aber war, dass der Bruder des Jarl ihm den Platz als ersten Steuermann neidete. Vielleicht war es nicht einmal seine Person, die Rollo im Weg war, sondern viel mehr die Tatsache, dass er dank des Sonnensteins besser und zuverlässiger navigieren konnte als jeder andere. Ragnar und er wussten zwar, dass zu seinen Fähigkeiten weit mehr gehörte, als auf den gelben Kristall zu starren, doch ob das seine Mitseefahrer auch so sahen, war eine ganz andere Frage.
Thorstein sah hinunter zu Rúna, die immer noch am Boden kniete und das kleine Bündel in ihren Armen hilflos hin und her wiegte. Er sah, dass ihre Schultern zuckten und wusste, dass sie still weinte. Ein Fluch dem Bruder des Jarl, dass er sie so erschreckt hatte.
"Sie bleibt doch bei dir!", versicherte ihr Thorstein leise. "Niemand wird dir Solvig jetzt noch wegnehmen. Niemand kann sie dir wegnehmen! Sie gehört für immer zu uns, zu dir und zu mir."
Mit verweintem Blick sah Rúna zu ihm auf. Die Verwirrung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Vermutlich hatte sie in ihrem Schmerz nur die Hälfte dessen verstanden, was Thorstein und Rollo ausgehandelt hatten. Unverwandt sah sie dem davon trabenden Reiter hinterher.
"Er ist weg", flüsterte sie. "Er hat Solvig wirklich hier gelassen."
Thorstein nickte lächelnd. "So ist es. Und dafür hat er die zwei Kühe wirklich verdient. Sobald Teitr hierherkommt, werde ich ihn bitten, schon mal eine der Färsen bringen zu lassen. Das Kalb mag sich Rollo dann im Frühjahr selber aussuchen." Thorstein überlegte kurz, ob er den Handel nicht doch besser vor Zeugen bestätigen lassen sollte. Doch dann überwog sein Gerechtigkeitssinn. Spätestens mit der Annahme der Färse würde Rollo ihren Austausch öffentlich bestätigen. Dann konnte er immer noch den Jarl als Zeugen dazu rufen.
Etwas anderes kam ihm in den Sinn und er betrachtete seine Gefährtin nachdenklich. In den letzten Tagen war er zu angeschlagen gewesen, um sich Gedanken um sein Hab und Gut zu machen. Dann war alles drunter und drüber gegangen und es war ihm nicht aufgefallen. Nun aber stellte er fest, dass er ein paar Dinge doch vermisste.
"Als man mich nach dem Unfall in die Schildhalle gebracht hat", begann er, "wer hat sich da zuerst um mich gekümmert?"
Rúna errötete bei dem Gedanken an jenen Moment, als sie dem bewusstlosen, schwer verletzten Mann die Skjorta ausgezogen hatte. Trotz aller Angst um Thorstein war es  das erste Mal gewesen, dass sie ihn bei Licht halb nackt gesehen hatte. Er war beeindruckend stark, trotz der gebrochenen Rippen. Und es hatte ihr gefallen, was sie zu sehen bekam, mehr noch, als Jorunn sie aufgefordert hatte, den blutbesudelten Mann zu waschen. Unwillig über ihre Gedanken schüttelte Rúna die Erinnerung ab. Thorstein hatte ihr eine Frage gestellt.
"Ich war das", bestätigte sie, was er sich schon gedacht hatte. "Ich habe Euch ausgezogen und gewaschen." Unwillkürlich verfiel sie wieder in jene ehrerbietige Anrede, die sie bisher jedem Mann schuldig war. Doch der Steuermann ignorierte den Ausrutscher.
"Dann weißt du auch, welche Dinge ich bei mir getragen habe?", forschte er weiter. Thorstein war sich ziemlich sicher, dass er, wenn man ihn denn bestohlen hatte, nicht Rúna dafür verantwortlich machen würde. Dennoch musste er zumindest wissen, wo sein Münzbeutel abgeblieben war und, wichtiger noch, ob sie etwas über den Verbleib des wertvollen Sonnensteins wusste.
Rúna aber, die bei der direkten Frage des Kriegers sofort wieder in ihre alte Rolle als Sklavin zurückfiel, begann haltlos zu zittern. Vorsichtig legte sie die kleine Solvig neben sich ab, dann rutschte sie auf Knien ein wenig näher zu dem sitzenden Thorstein. "Bitte vergebt mir, Herr", raunte sie kaum verständlich. "Ich habe euch euren Besitz nicht mit Absicht vorenthalten." Umständlich und vor Angst zitternd durchwühlte sie die Taschen ihres langen Rockes und zog dann mehrere Dinge ans Licht, die sie dem Steuermann mit beiden Händen und gesenktem Blick entgegenhielt.
Ungläubig erkannte der Krieger in den Händen seiner Gefährtin seine Pfeife samt Tabaksbeutel und das kleine Amulett, den Thorshammer, den er zu tragen pflegte. Dass sie ihm diese Kleinigkeiten wie eine ertappte Verbrecherin präsentierte und sich vor ihm demütigte, als habe es nie Vertrauen zwischen ihnen gegeben, war für den Mann ernüchternd.
"Rúna!", versuchte er sie zu besänftigen. "Ich habe dich nicht gefragt, weil ich dich für eine Diebin hielt. Warum solltest du mir auch meine Pfeife wegnehmen, es sei denn, der Tabak ist derzeit nicht gut für mich?"
Thorstein lachte leise, um ihr noch ein wenig die Angst zu nehmen. Und siehe da, es gelang ihm. Vorsichtig sah Rúna zu ihm auf.
"Ich wollte das nicht!", versicherte sie erneut. "Ich habe einfach vergessen, dir deine Sachen zurückzugeben. Jorunn wollte nicht, dass etwas wegkommt. Also habe ich sie bei mir getragen …"
Thorstein nickte. Die Völva war umsichtig genug, um so etwas anzuweisen. "Ich denke, es wäre gut, wenn du meine Pfeife noch eine Weile bei dir behältst", bat er. "Jetzt zu rauchen ist für mich sicher keine gute Idee. Und so komme ich gar nicht erst in Versuchung …" Freundlich lächelte er seine Gefährtin an, als er nach dem Amulett griff. "Mjölnir aber würde ich gern zurücknehmen", gab er zu. "Es fühlt sich seltsam an, so ganz ohne den Schutz der Götter."
Der Steuermann sah zufrieden, dass sich seine Rúna ein wenig entspannte. Dennoch stand noch eine ganz andere Frage im Raum und es war sinnlos, sie weiter aufzuschieben. Nachdenklich sah er noch einmal auf Rúnas Hände, die ratlos die Tabakspfeife drehten. "Ich hatte noch etwas anderes bei mir, etwas von großem Wert. Weißt du davon, Rúna?"
Die junge Frau nickte. Es war für sie eine seltsame Sache gewesen, als sie Thorsteins Beutel und jenes kleine Päckchen in den Händen gehalten hatte. Falsch hatte es sich angefühlt, wie etwas Verbotenes. Sofort war sie mit ihrem Fund zu Jorunn geeilt, als würden die Dinge ihre Hände verbrennen. Nein! Sie wollte keinesfalls an Thorsteins Besitz rühren.
Auch die Völva war der Ansicht, dass es besser wäre, wenn sie die Schätze des Steuermannes verwahrte. Zwar hatte sie Vertrauen in Rúna, was sie dem Mädchen auch sofort versicherte, doch verstieß es gegen jede Regel, wenn eine Sklavin den Besitz ihres Herrn verwahrte.
"Ich habe Jorunn zwei Sachen gegeben", erklärte sie dem wartenden Thorstein. "Euren Münzbeutel und ein kleines eckiges Päckchen. Sie hat beides in Verwahrung genommen und Ihr könnt es zurückfordern, wann immer Ihr es wünscht."
Der Steuermann lächelte. Er hatte doch gewusst, dass man Rúna vertrauen konnte. Es war klug von ihr, die Dinge an Jorunn weiterzugeben. Nicht auszudenken, wenn irgendein Neider den Sonnenstein gestohlen hätte, während er bewusstlos gewesen war. Lächelnd nickte er seiner Gefährtin zu. "Vielen Dank, Rúna, dass du so umsichtig gehandelt hast." Einen Moment lang dachte er nach. "Hast du dir angeschaut, was in dem Päckchen verwahrt war?"
Wieder zuckte die junge Frau zusammen und schüttelte dann eindringlich den Kopf. "Natürlich nicht, Thorstein. Was denkst du von mir?"
Doch der Steuermann hatte einen ganz anderen Gedankengang. Zufällig war sein Blick zum Hafen gewandert. Die Knorr war bereit, abzulegen. Das musste sich Rúna nicht auch noch ansehen, nach allem, was sie heute erlebt hate.
"Schade!" murmelte er. "Ich hätte dir gern meinen wichtigsten Schatz gezeigt." Entspannt setzte er sich ein wenig bequemer hin und lehnte seinen Rücken an die Hauswand. "Weißt du, in dem Päckchen ist mein Sonnenstein, ein Kristall, der mir hilft, auch bei Wolken und Nebel den richtigen Weg über das Meer zu finden."
Zufrieden sah er, wie sich die Aufmerksamkeit seiner Gefährtin ganz auf ihn richtete. Wenn er nur lang genug erzählte, würde die Straumfjorðurnautr, die gerade ihre Ruder zu Wasser ließ, auslaufen, ohne dass es ihr auffiel und erneutes Unbehagen bereitete. So war er sehr befriedigt, als ihre leise Bitte ihm entgegenkam. "Erzählst du mir davon, Thorstein?"
Dann, als der Steuermann ihr liebevoll zunickte, nahm Rúna ihre kleine Solvig wieder in den Arm und ließ sich von den Geschichten ihres Kriegers in eine andere, eine fremde Welt voller Abenteuer entführen.

Comments

  • Author Portrait

    Rùna wird wohl noch lange brauchen, um seelisch zu gesunden. Sie hat ja schon viel Schlimmes erlebt... Es berührt mich, wie zartfühlend Thorstein mit ihr umgeht, auch, dass er sie vom Auslaufen der Schiffe ablenken will. Die kleine Solvig hat wunderbare Ersatzeltern bekommen!

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