Zurück ins Leben

Hysterisch schluchzte ich, denn die Verzweiflung und Trauer in mir erdrückten mich. Ich konnte diese Schmerzen nicht länger ertragen. Mit aller Kraft hämmerte ich mit meinen Fäusten auf dem Holzboden herum. Minutenlang.
Danach ging es mir etwas besser, dennoch blieb ich auf meinem Platz sitzen. Ich konnte und wollte nicht aufstehen.
Nach meinem Gewaltausbruch gegen den Boden war ich wie gelähmt. Apathisch starrte ich auf die gegenüberliegende weiße Wand. Vor meinen Augen tauchten eine Menge Momente aus meinem Leben auf. Meine Eltern sah ich dabei unentwegt an meiner Seite.
Sie hatten mich immer beschützt, geliebt und unterstützt, bei allem, was ich getan hatte.
Mein Schluchzen wurde erstaunlicherweise noch schlimmer. Sie fehlten mir unendlich. Ich hätte alles dafür getan sie irgendwie ins Leben zurückzuholen, aber dies war unmöglich. Mein Herzenswunsch würde niemals in Erfüllung gehen. Ich vergoss bittere Tränen. Immer mehr steigerte ich mich in meine Trauer hinein, so sehr, dass ich Atemprobleme bekam. Meiner Kehle entfleuchten erstickende Geräusche. Im Hintergrund hörte ich, wie jemand die Treppe hinaufgeeilt kam.
Das musste Olivia sein. Zwei Sekunden später sah ich sie bereits aus den Augenwinkeln im Flur stehen.
„Oh, Gott“, kreischte sie panisch und kniete sich vor mich.
„Es tut mir so leid, Holly, dass wollte ich nicht. Wenn ich gewusst hätte, wie du auf die Fotos reagierst, dann hätte ich sie dir erst später gegeben.“
Sie sprach so schell, dass ich Probleme hatte alles zu verstehen. Ich war nicht fähig ihr auf irgendeine Art zu antworten.
„Willst du in dein Zimmer?“, fragte sie mich hektisch, doch ich blieb stumm. Olivia packte mich fest bei den Schultern.
„Sag doch bitte irgendetwas, Holly“, bat sie verzweifelt und sah mich besorgt an. Jedoch hörte ich sie kaum. Ich vernahm nicht mehr, als ein nervtötendes Rauschen. Ich schloss die Augen und wünschte mir, dass sie mich alleine ließ. Aber sie ließ meine Schultern einfach nicht los und wollte nicht gehen. Ich hätte sie angeschrieen, wenn ich dazu fähig gewesen wäre ein Wort über meine Lippen zu bringen.
Ich wusste nicht genau, wie lange ich wie ein Häufchen Elend im Flur hockte, doch mir kam es wie Wochen vor. Olivia war noch immer bei mir und wusste nicht, wie sie mit meinem Gefühlsausbruch umgehen sollte.
Auf einmal hörte ich ganz leise Schritte, die sich Olivia und mir näherten. Die Augen hielt ich geschlossen. Ich spürte aber, dass Olivia mich endlich losließ und sich von mir entfernte. Ich atmete tief ein und aus.
Meine Atemzüge wurden wieder regelmäßiger und ich musste keine Angst mehr haben zu ersticken. Die heißen Tränen ließen sich aber nicht bremsen. Mein Gesicht und mein Hals waren schon ganz nass und kalt. Mir war es egal.
Ich dachte bloß an die Zeit mit meinen Eltern. Ich sah meine Mom, die mich tröstete, weil ich von der Schaukel gefallen war und dann sah ich meinen Dad, wie er mir das Fahrradfahren beibrachte.
Mir brach es das Herz, wenn ich daran dachte, dass ich sie nie wiedersehen würde. Ich schlug die Hände vors Gesicht. Plötzlich setzte sich jemand ganz nah neben mich und legte mir einen Arm um die Schultern. Durch die Wärme, die die Person ausstrahlte, fühlte ich mich geborgen. Und auf einmal fand ich es gut nicht mehr allein zu sein.
Ich öffnete die Augen und sah zur Seite. Es war keine Überraschung für mich, dass ich James neben mir entdeckte. Er war der Einzige, bei dem seine Anwesenheit ausreichte, um mich aufzuheitern. Es war merkwürdig, schließlich war er der Auslöser meiner tiefen Trauer und nun brauchte ich ihn, um mich besser zu fühlen. Leicht schüttelte ich meinen Kopf, um diese Gedanken zu verscheuchen. Ich wollte nicht mehr daran denken, was James getan und er daraufhin hinaufbeschworen hatte. Ich lehnte mich an ihn und wischte mir die restlichen Tränen aus meinem Gesicht. James hatte kein einziges Wort zu mir gesagt, seitdem er sich zu mir gesetzt hatte. Ich genoss das Schweigen. Mir war klar, warum ich mich in diesem Moment wohler bei ihm fühlte, als bei Olivia. James verstand mich und wusste, was in mir vorging.
Vor vielen Jahren hatte er dasselbe durchgemacht. Wir beide teilten dasselbe Schicksal: wir hatten durch verrückte Mörder unsere Eltern verloren. Brutal waren sie uns aus dem Leben gerissen worden. Durch diese Tatsache fühlte ich mich ihm verbundener denn je. Von Minute zu Minute ging es mir besser. Ich entfernte mich nach langer Zeit von der Wand und sah in seine grauen Augen.
„Danke, dass du für mich da bist, James.“ Er schenkte mir ein warmes Lächeln.
„Kein Problem.“ Er nahm fest meine rechte Hand und streichelte sie.
„Ich hatte wirklich Angst um dich.“ Seine Miene wurde ernst.
„Olivia hat sich große Sorgen um dich gemacht, weil sie dich einfach nicht beruhigen konnte. Sie war richtig verzweifelt, als sie mich um Hilfe gebeten hat.“
„Ich weiß“, nuschelte ich und fuhr mir durch die Haare. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich Olivia Sorgen bereitete und sie nun glaubte, Schuld an meinem Nervenzusammenbruch zu sein.
Dabei hatte sie mir bloß einen Gefallen tun wollen. Ich war ihr dankbar, dass sie mir die Fotoalben mitgebracht hatte und ich somit in schönen Erinnerungen schwelgen konnte.
„Was ist eigentlich passiert, Holly?“ James´ besorgte Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
„Olivia…Olivia hat mir Fotoalben aus meinem alten Haus gegeben. Als ich die glücklichen Gesichter meiner Eltern gesehen habe, da konnte ich mich nicht mehr zusammenreißen, wie in den vergangenen Wochen.“ Ich bekam auf einen Schlag wieder ein beklemmendes Gefühl.
„Ich habe keine Ahnung, wie ich es in der vergangenen Zeit geschafft habe nicht jeden Tag zu weinen und vor Trauer zu Grunde zu gehen.“ Er rückte näher an mich heran.
„Du hast das geschafft, weil du stark bist. Du bist so unglaublich stark, Holly.“
James durchbohrte mich mit einem eindringlichen Blick, dem ich nicht Stand halten konnte. Ich schaute auf den Boden und dachte über seine Worte nach. Ich hielt mich nicht für stark. Der einzige Grund, warum ich mich nicht Tag und Nacht in meinem Zimmer verschanzt hatte, war, dass ich abgelenkt worden war und zwar von der Angst um James´ und mein Leben. Ich fühlte mich miserabel, weil ich mir mehr Gedanken um mich selbst machte, als um meine Eltern. Ich war eine Egoistin. Eine miese Egoistin.
„Willst du dich vielleicht hinlegen?“ Fragend sah er mich an. Ich schüttelte mechanisch den Kopf.
„Nein, ich will lieber rausgehen und ein bisschen frische Luft schnappen.“ Ich stand langsam auf. James erhob sich ebenfalls.
„Soll ich dich begleiten?“
„Sei mir nicht böse, aber ich möchte lieber ein paar Minuten alleine sein.“ Ich brauchte Zeit, um mich zu beruhigen und auf andere Gedanken zu kommen und das konnte ich keinesfalls, wenn James in meiner Nähe war.
„Das verstehe ich, Holly. Ich werde in deinem Zimmer auf dich warten.“ Er gab mir einen sanften, kurzen Kuss auf den Mund, bevor er sich abwandte und zurück in mein Zimmer ging. Dagegen stieg ich die Treppe hinunter. Ich wollte gerade das Haus verlassen, als Olivia ihren Kopf aus der Wohnzimmertür streckte.
„Wo willst du denn jetzt hin?“ Sie runzelte die Stirn. Ich konnte immer noch Besorgnis in ihren Augen erkennen.
„Ich wollte nur vors Haus gehen, Olivia. Ich brauche etwas Zeit für mich.“
Ich grinste sie aufmunternd an, damit sie sah, dass es mir schon um einiges besser ging.
„Ach so.“ Sie wirkte nicht gerade begeistert, dass ich in meinem Zustand ganz alleine hinausging. Dennoch verschwand ihr Kopf wieder im Wohnzimmer und ich konnte rausgehen.
Draußen schien zwar die Sonne, doch es war zum Glück nicht so heiß, wie in den vergangenen Tagen. Gemütlich verließ ich die Veranda und schlurfte durch den Vorgarten. Das grüne Gras unter meinen Füßen war hart. Es hatte diesen Monat viel zu wenig geregnet. Ich schaute in den Himmel. Weiße Wolken zogen im Schleichtempo an meinen Augen vorbei und ein großer Vogel flog über mich hinweg. Ich senkte den Kopf und ging zuerst bis zur Straße. Dann ging ich zurück und steuerte den hüfthohen Holzzaun an, der dieses Grundstück von dem Nachbargrundstück trennte. Aus unerfindlichen Gründen betrachtete ich das Haus meiner neuen Nachbarn.
Es war von außen betrachtet größer, als unseres. Im Vorgarten blühten die verschiedensten Blumen und versprühten einen himmlischen Duft, den ich sogar bis hierher riechen konnte.
Ich atmete tief ein und schloss die Augen. Mir fiel auf, dass ich mich draußen wohler fühlte, als drinnen. Hier konnte ich klarer denken. Hier fühlte ich mich frei und nicht ständig von Olivia oder Jamie beobachtet. Ich war allein.
Ich öffnete wieder die Augen und entdeckte plötzlich ein Mädchen im anderen Garten. Sie hatte braune lange Haare mit einem Rotstich, welche sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Das Mädchen hielt eine dunkelblaue Gieskanne in der Hand und goss die zahlreichen Blumen. Ich beobachtete sie eine Weile, als sie zum Zaun schaute.
Blitzschnell sah ich zur Seite. Mir war es peinlich, dass sie mich dabei erwischt hatte, wie ich sie anstarrte. Jetzt konnte ich bloß hoffen, dass sie mich nicht für verrückt hielt und panisch in ihr Haus flüchtete. Doch auf einmal hörte ich direkt vor mir ein „Hi.“ Das Mädchen, das eben noch meterweit von mir entfernt war, stand nun vor dem Zaun und lächelte mich freundlich an.
„Ha…hallo“, stammelte ich verlegen und Röte stieg mir ins Gesicht.
„Ich bin Daphne Cavanaugh und du bist wohl meine neue Nachbarin.“ Eifrig nickte ich.
„Ja, wir sind vor zwei Wochen hierher gezogen. Mein Name ist Holly Dugan.“ Meine Stimme klang nun erheblich gelassener, als noch vor ein paar Sekunden. Daphne ließ schnell ihren Blick über mich schweifen. Er war prüfend und interessiert.
„Wo hast du denn vorher gewohnt?“, fragte sie und legte den Kopf schräg.
„Ich komme nicht von weit her. Ich habe vorher in einem Haus gelebt, dass bloß eine halbe Stunde von hier entfernt ist.“
„Ach so. Ich dachte schon, dass du in einer anderen Stadt gewohnt hättest.“ Sie fing leise an zu kichern. Ihr Lachen irritierte mich ein wenig, doch ich dachte nicht weiter darüber nach.
„Und wie gefällt es dir hier?“ Obwohl ihre Frage ziemlich einfach war, musste ich über meine Antwort länger nachdenken. Ich wohnte noch nicht lange genug hier, um zu wissen, ob es mir hier gefiel oder ob ich mich wohlfühlte. Ich wusste bloß, dass dieses Haus wunderschön war und ich versuchen würde mich so schnell wie möglich einzuleben, auch ohne meine Eltern.
„Es ist ganz nett hier.“ Das war zumindest eine diplomatische Antwort. Daphne grinste.
„Das ist eine nette und ruhige Gegend. Du wirst dich hier schon einleben, da bin ich mir sicher.“ Sie schien ein optimistischer und fröhlicher Mensch zu sein. Sie öffnete den Mund, um mir vermutlich noch eine weitere Frage zu stellen, als ein Junge aus dem Nachbarhaus kam und aus vollem Hals nach Daphne rief. Erschrocken zuckte sie leicht zusammen und drehte sich um.
„Wer ist das?“, fragte ich wie aus der Pistole geschossen. Als Daphne sich wieder zu mir wandte, verdrehte sie genervt die Augen.
„Das ist mein Bruder Cassidy. Das Einzige, was er gut kann, ist mir auf die Nerven gehen.“ Gleichzeitig fingen wir herzhaft an zu lachen.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Junge hektisch zu uns herüber geeilt kam. Er sah wütend aus.
Er war nur einen Kopf größer als ich, aber er sah stark aus. Er hatte dieselbe Haarfarbe wie seine Schwester. Ich fragte mich, ob sie Zwillinge waren. Daphne hielt sich derweil den Bauch vor lachen. Ihr Gesicht war knallrot.
„Warum kommst du nicht, wenn ich dich rufe?“, wollte er aufgebracht von seiner Schwester wissen, als er am Zaun ankam. Während Daphne versuchte sich zu beruhigen, fiel sein Blick auf mich.
Und auf einmal war seine Miene nicht mehr wutverzerrt, sondern überrascht. Sein Blick verklärte sich und wie hypnotisiert starrte er mich an. Es war mir unangenehm, wie er mich ansah, darum sah ich auf meine Füße. Was hatte er bloß?
„Das ist Holly“, stellte Daphne mich vor, als ob er sie nach meinem Namen gefragt hätte. Sie schien dabei zu lächeln.
„Hi“, sagte er darauf sehr leise.
„Ich bin Cassidy. Schön dich kennenzulernen.“ Seine Stimme wurde immer unsicherer. Ich wusste nicht, wie ich sein komisches Verhalten finden sollte. Trotzdem sah ich ihn erneut an und betrachtete ihn genau. Er hatte ein ovales Gesicht und stechend grüne Augen. Seine Nase war etwas länger, aber sie passte zu seinem Gesicht. Alles in allem war er ein gut aussehender Junge.
„Hallo“, begrüßte ich ihn und lächelte freundlich.
Sein Blick war unverändert starr auf mich gerichtet und es sah nicht danach aus, als ob sich dies bald ändern würde. Seine Schwester sah vergnügt zwischen uns beiden hin und her.
„Geh wieder rein, Cassidy. Ich komme gleich nach. Versprochen.“ Daphnes Worte unterbrachen seine Trance. Leicht verwirrt schaute er zu seiner Schwester. Er schien, als hätte er vergessen, dass sie überhaupt da war.
„Okay, ab…aber beeil dich ge…gefälligst“, stotterte er.
Peinlich berührt wandte er sich blitzschnell von uns ab und hechtete ins Haus. Ich runzelte die Stirn.
„Er steht wohl auf dich“, flötete Daphne und fing an zu kichern.
Wie bitte? Ihr Bruder sollte auf mich stehen? Sie spinnt wohl. Aber würde das vielleicht nicht sein Verhalten mir gegenüber erklären? In mir keimte der Verdacht auf, dass Daphne leider Recht mit ihrer Aussage hatte. Ich dagegen hatte nicht mitbekommen, dass Cassidy mich jetzt schon auf eine Art mochte, die mir gar nicht gefiel.
Ich brachte daher bloß ein „Aha“ heraus und kam mir ziemlich dämlich vor. Daphne gluckste amüsiert.
„Ich kann dich schon mal vorwarnen, Holly. Mein Bruder wird dich sicher bald fragen, ob du mit ihm ausgehen willst.“ Geschockt riss ich augenblicklich die Augen auf. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Jetzt hatte ich zusätzlich zu den Killern noch einen Verehrer am Hals, der bloß meinen Namen kannte und schon versessen darauf war mein Herz zu gewinnen. Es gab nur eine Möglichkeit ihn loszuwerden, bevor er anfing sich große Mühe zu geben, um mich zu beeindrucken.
„Du solltest deinem Bruder sagen, dass er keine Chance bei mir hat, weil ich einen Freund habe.“ Ich hoffte, dass würde Daphne davon abhalten unablässig zu grinsen, aber da irrte ich mich gewaltig. Ihr Grinsen wurde nur noch breiter.
„Das wird ihn nicht daran hindern es dennoch bei dir zu versuchen. Glaub mir.“ Unzufrieden verzog ich das Gesicht.
„Das wird meinem Freund aber gar nicht gefallen. Und ich kann dich auch schon mal vorwarnen, mit ihm ist nicht zu spaßen.“ Meine Miene war todernst. Ich wusste zwar nicht genau, wie James auf einen Nebenbuhler reagieren würde, aber er wäre bestimmt nicht glücklich darüber. Daphnes Lächeln fror ein, als sie mein Gesicht sah.
„Das war also kein Scherz?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Dein Bruder sollte sich lieber von mir fernhalten, solange er nicht etwas anderes als Freundschaft im Sinn hat.“ Ich wollte weder ihr, noch Cassidy Angst einjagen oder James als einen Gemeingefährlichen hinstellen. Ich wollte mir bloß noch mehr Ärger ersparen. Ich hatte keine Nerven für einen fremden Jungen, der sich für mich interessierte; das war das Letzte, was ich gebrauchen konnte.
„Ich werde es ihm ausrichten“, sagte sie mit einem merkwürdigen Ton. Danach herrschte Schweigen. Nach ein paar Minuten tauchte auf Daphnes Gesicht erneut ein Lächeln auf, doch diesmal kam es mir falsch vor.
„Ich muss jetzt reingehen, sonst dreht mein Bruder noch völlig durch. Wir sehen uns dann.“ Zum Abschied hob sie die Hand. Dann schnappte sie sich die Gießkanne, die sie neben sich abgestellt hatte und verschwand ins Nachbarhaus. Ich betrachtete noch einige Zeit das große Haus, ehe ich mich abwandte und direkt in jemanden hineinlief. Ich plumpste zu Boden und landete mit dem Hintern auf dem Gras.
„Tut mir leid, Holly.“ Ich hörte James` raue Stimme. Ich schaute nach oben, doch er hatte sich vor mich gekniet.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin nun mal ein Tollpatsch.“ Und ohne Vorwarnung fing ich an zu lachen. Ich hatte keine Ahnung, was plötzlich mit mir los war.
James beäugte mich skeptisch und runzelte die Stirn. Vermutlich hielt er mich für bescheuert. Er erhob sich, dabei nahm er meine linke Hand und zog mich mit einem Ruck zu sich nach oben.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er besorgt und drückte fest meine Hand.
„Ja“, presste ich mühsam zwischen zwei Lachern hervor. Mein Gesicht war heiß und ich musste nach Luft schnappen.
„Versuch dich zu beruhigen, Holly.“ Ich spürte, wie er meine Taille mit seinem rechten Arm umfasste und mich an seinen Körper presste. Ich vergrub mein Gesicht in seinem Hemd und mein lautes Gelächter wurde zu einem leisen Kichern.
„Erklär mir mal bitte, was gerade so lustig war.“ Ich zuckte mit den Achseln und sah ihn an. Hin und wieder gluckste ich vergnügt. Dann stellte ich mich auf meine Zehenspitzen und küsste ihn aufs Kinn.
„Mir war plötzlich danach, wieder richtig loszulachen und unbeschwert zu sein.“ James schenkte mir ein kurzes Lächeln.
„Wenn das so ist, dann kannst du so viel und so oft lachen, wie du willst.“ Er beugte sich zu mir herunter und küsste meine Stirn.
„Danke, dass du mir die Erlaubnis dazu gibst“, entgegnete ich sarkastisch und zwinkerte ihm zu.
„Ja, ja. Ich weiß, dass ich es falsch formuliert habe“, grummelte er beleidigt und warf mir einen finsteren Blick zu. Über sein Verhalten konnte ich nur den Kopf schütteln. Wie konnte man bloß von einer Sekunde zur Anderen so mies drauf sein?
„Das war doch nur ein Witz, James. Nimm nicht gleich alles so verdammt ernst“, raunte ich verärgert. Na toll, jetzt hatte er mich mit seiner miesen Stimmung angesteckt. Laut schnaubte er und seine Augenbrauen zogen sich zusammen, doch dann wurde seine Miene reumütig.
„Du hast Recht. Ich hätte mich nicht aufregen sollen. Ich weiß nicht, was plötzlich mit mir los war.“
Er wirkte auf einmal gestresst und besorgt.
„Beunruhigt dich irgendetwas?“, fragte ich vorsichtig, weil ich ihn nicht ein weiteres Mal aufregen wollte. James sah zur Seite und schien über meine Frage nachzudenken. Er atmete sehr laut, dazu sah seine Haut ziemlich kränklich aus. Sofort beschleunigte sich mein Puls und entsetzt riss ich die Augen auf.
„Was ist los mit dir, James? Tut dir etwas weh?“ Seine Pupillen huschten hektisch hin und her und er fing an zu schwitzen. Seine Reaktion war Antwort genug.
„Du kannst mir alles sagen, dass weißt du“, sagte ich mit sanfter Stimme und legte behutsam eine Hand auf seine rechte Schulter. James´ Kopf schnellte zu mir.
„Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen.“ Es war eindeutig, dass er versuchte dieses Gesprächsthema zu beenden.
„Ich hasse es, wenn du mich anlügst, James.“ Ich war enttäuscht von ihm. Ich hatte geglaubt, dass die Heimlichkeiten zwischen uns endlich ein Ende hatten, aber anscheinend irrte ich mich gewaltig.
„Du solltest jetzt gehen“, flüsterte ich mit trauriger Stimme. Ich gab auf. Ich nahm meine Hand von seiner Schulter und ging schnurstracks zurück zum Haus. Hinter mir hörte ich James, der nach mir rief, doch ich blieb weder stehen, noch drehte ich mich um.

Am Abend saß ich mit Jamie und Olivia gemeinsam am Küchentisch. Nachdem ich wieder ins Haus gegangen war, hatte ich mich in meinem Zimmer verschanzt und hatte versucht mich abzulenken. Ich hatte nicht an James denken wollen, also hatte ich angefangen die Kartons in meinem Zimmer auszupacken.
Irgendwann war mein Onkel zu mir gekommen und gemeinsam hatten wir die restlichen Möbel aufgebaut. Dann hatte Olivia mir geholfen meine Klamotten einzuräumen. Natürlich hatte sie mich gefragt, wo James war. Ich hatte ihr bloß gesagt, dass er noch einen wichtigen Termin hätte. Sie schien mir die Lüge abgekauft zu haben, denn sie hatte nicht weiter nachgefragt.
Als ich um 17 Uhr endlich wieder alleine in meinem Zimmer gewesen war, hatte ich zuerst die Fotoalben zur Hand genommen. Nach meinem Heulanfall hatte Olivia sie auf mein Bett gelegt. Anfangs war ich nicht gerade begeistert davon gewesen, schließlich hatte Olivia hautnah miterlebt, wie ich auf die Fotos reagiert hatte.
Doch zu meiner eigenen Überraschung hatte ich mich aufs Bett gesetzt und die Alben durchgeblättert. Bei vielen Fotos hatte ich lächeln müssen und ich war froh gewesen, dass ich diesmal keine einzige Träne vergossen hatte. Während ich mir die Bilder angesehen hatte, hatte ich zwei Fotos aus den Alben herausgenommen. Beide zeigten bloß meine glücklichen Eltern. Die Fotos hatte ich in zwei Bilderrahmen gesteckt.
Dann hatte ich mir eins auf den Nachttisch gestellt und das Andere auf meinen Schreibtisch. Danach hatte ich meine Schulsachen ausgepackt. Der Anblick meiner Bücher und Ordner, die ich vorher verabscheut hatte, hatte mich traurig gestimmt. Ich hatte mich nach meinen Freunden und einem normalen Tagesablauf gesehnt. Ich hatte nicht mehr im Haus hocken wollen. Daher hatte ich beschlossen nächste Woche in die Schule zu gehen.
Jetzt musste ich nur noch Jamie und Olivia davon überzeugen, dass ich bereit dazu war.
Die Beiden sprachen über Jamies neuen Job, während ich still weiter aß und mir überlegte, wann ich das Thema Schule am Besten anschnitt. Mir war klar, dass sie beide der Meinung waren, dass es noch zu früh für mich war, wieder in die Schule zu gehen, doch ich musste versuchen sie umzustimmen. Lange würde ich es hier nicht mehr aushalten. Mir war bewusst, dass es in der Schule nicht leicht für mich werden würde, da wahrscheinlich alle wussten, dass ich meine Eltern verloren hatte.
Jeder Schüler und jeder Lehrer würde mich anstarren und ich müsste mich ihren bemitleidenden Blicken aussetzen.
Aber momentan war es mir völlig egal. Ich brauchte Normalität und dazu konnte mir bloß die Schule verhelfen. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerkte, wie Jamie mich von der Seite her besorgt ansah.
„Geht es dir wieder besser, Holly?“ Ich zuckte leicht zusammen und war verwirrt. Was wollte er von mir wissen?
„Wie bitte?“ Mein Onkel schloss kurz die Augen.
„Ich möchte wissen, ob es dir nach heute Morgen wieder besser geht.“ Ich ignorierte seinen scharfen Ton.
„Ja“, antwortete ich knapp und schob mir eine Gabel voll Kartoffelpüree in den Mund. Dann räusperte ich mich. Beide schauten augenblicklich zu mir.
„Ich möchte etwas mit euch besprechen.“ Olivia warf ihrem Mann einen undefinierbaren Blick zu.
Das fängt ja gut an, dachte ich und stöhnte.
„Ich möchte am Montag wieder in die Schule gehen“, eröffnete ich mit einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Dennoch öffnete Olivia den Mund.
„Aber…“
„Ich bin dazu bereit“, unterbrach ich sie.
„Ich will nicht mehr den ganzen Tag im Haus verbringen. Ich brauche Abwechslung und natürlich auch meine Freunde. Außerdem kann ich es mir nicht leisten noch länger zu fehlen. Ich will das Jahr bestimmt nicht wiederholen.“
Stur verschränkte ich meine Arme vor der Brust. Ernst guckte ich erst Olivia und dann meinem Onkel ins Gesicht. Beide schienen sprachlos zu sein. Ich konnte nur hoffen, dass dies ein gutes Zeichen war.
„Holly.“ Der unzufriedene Gesichtausdruck meines Onkels hatte eindeutig nichts Gutes zu bedeuten.
„Ich bin mir trotz deiner Argumente nicht sicher, ob es richtig ist dich schon in die Schule gehen zu lassen.“ Ich hatte es bereits geahnt. Es wäre zu schön gewesen, wenn sie mir sofort ihre Erlaubnis gegeben hätten.
„Bitte, Jamie“, flehte ich. „Das ist mir sehr wichtig.“
Ich setzte eine traurige Miene auf und schob meine Unterlippe vor. Gespielt schmollte ich, denn das zog bei meinem Onkel immer. Und tatsächlich gab er auf, ohne noch einmal mit seiner Frau darüber zu sprechen.
„Na gut, du darfst am Montag wieder in die Schule.“ Ich lächelte von einem Ohr zum Anderen.
„Aber wenn es dir wieder schlecht geht, dann kommst du sofort nach Hause. Ist das klar?“ Ich musste mich zwingen nicht die Augen zu verdrehen.
„Ja.“ Kaum merklich nickte er, bevor er sich wieder seinem Essen widmete. Olivia sah dagegen unzufrieden aus. Das konnte mir jedoch nicht die Stimmung trüben. Ich konnte es kaum erwarten meine Freunde wiederzusehen. Ich freute mich sogar auf den Unterricht. In diesem Moment hätte ich die ganze Welt umarmen können und das nur, weil ich wieder in die Schule durfte.        

Am Montag war ich schon sehr früh wach. Zum Einem lag es an meiner Aufregung und zum Anderen an meinem Albträumen. Trotz des Schlafmangels hatte ich gute Laune. Fröhlich stieg ich unter die Dusche und ließ mir das warme Wasser über den Körper laufen.
In diesem Augenblick dachte ich kurz an James. In den letzten zwei Tagen hatte er öfters versucht mich anzurufen, aber ich hatte nicht abgenommen. Ich hatte nicht den Drang gehabt mit ihm zu reden und mir seine Ausreden anzuhören.
Wenn er mit mir reden wollte, dann musste er schon hierher kommen und mir sagen, was mit ihm los war. Ich war noch sauer auf ihn, aber ich machte mir dennoch Sorgen um James. Es beunruhigte mich, dass er sich ganz alleine draußen aufhielt. Er hatte mir versprochen immer ein Auge auf mich zu haben, aber ich dagegen hatte keinen Schimmer, wie es ihm ging oder was er tat. Die Ungewissheit quälte mich, dennoch versuchte ich nicht weiter daran zu denken.
Nach zehn Minuten stieg ich aus der Dusche. Ich ging in mein Zimmer zurück und zog mir eine Jeans und ein violettes Top an. Danach schnappte ich mir meinen Rucksack und eilte in die Küche.
Olivia und Jamie schliefen bestimmt noch, denn nach der Uhr über dem Herd war es gerade mal halb sieben. Ich konnte mir also Zeit fürs Frühstück lassen, schließlich war es viel zu früh, um schon zur Schule zu fahren. Ich nahm mir ein Glas und schüttete Orangensaft hinein. Dann machte ich mir Müsli und setzte mich an den Küchentisch.
Während ich aß, schaute ich aus dem Fenster. Draußen war es bereits hell. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch die Wolken hindurch. Es schien ein traumhaft schöner Tag zu werden. Die Aussicht auf sonniges und warmes Wetter ließ mich fröhlich strahlen. Ich konnte es kaum erwarten endlich loszufahren.
Als ich mein Frühstück beendet hatte, war bloß eine halbe Stunde vergangen. Langsam, aber sicher, wurde ich hibbelig. Ich konnte und wollte nicht mehr länger warten. Daher beschloss ich, mich jetzt schon auf den Weg zu machen. Ich räumte das benutzte Glas und meine Müslischale in die Spülmaschine, ehe ich die Küche verließ. Danach nahm ich meinen Autoschlüssel und ging ohne Jacke aus dem Haus.
Doch kaum war ich die Stufen der Veranda hinuntergegangen, als mir einfiel, dass mein Ford noch gar nicht hier war. Er stand noch immer vor meinem alten Haus. Mist, wie sollte ich denn jetzt zur Schule kommen? Vielleicht könnte ich Linda anrufen und sie fragen, ob sie mich mitnahm.
Natürlich hätte ich auch Olivia oder meinen Onkel darum bitten können, aber ich hatte keine Lust auf besorgte Blicke. Außerdem hätten sie mich bestimmt noch einmal gefragt, ob ich mir mit meiner Entscheidung sicher war und darauf konnte ich redlich verzichten. Leise stöhnte ich, bevor ich mein Handy aus der Hosentasche zog und Lindas Nummer wählte. Ich hoffte, dass sie bereits wach war. Es dauerte eine Weile, bis sie abnahm.
„Warum rufst du so früh an?“ Es klang, als wäre sie tatsächlich erst durch meinen Anruf geweckt worden.
„Hab ich dich geweckt, Linda?“
„Ja“, grummelte sie und ich könnte hören, wie sie gähnte.
„Tut mir leid“, sagte ich und bekam ein schlechtes Gewissen.
„Ach, schon gut. Was ist denn?“
„Ich wollte dich fragen, ob du mich vielleicht zur Schule fahren könntest. Mein Auto ist noch in der Walnut Street.“
„Du kommst heute wieder zur Schule?“, fragte sie überrascht. Jetzt war Linda hellwach.
„Ja, ich konnte Olivia und meinen Onkel überreden. Eigentlich wollten sie, dass ich noch zu Hause bleibe.“
„Also ich finde es toll, dass du wieder zur Schule kommst. Wir alle vermissen dich.“ Ich verdrehte die Augen und musste lachen.
„Jetzt übertreib nicht, Linda.“
„Hey, dass war ernst gemeint.“ Auch sie fing an zu lachen.
„Und kannst du mich nun abholen oder nicht?“, fragte ich, nachdem am Ende der Leitung wieder Ruhe eingekehrt war.
„Wenn du mir deine neue Adresse gibst, dann komme ich in einer halben Stunde bei dir vorbei.“ Ich war froh, dass ich eine so gute Freundin wie Linda hatte. Ohne sie wäre ich aufgeschmissen.
„Danke.“
„Kein Problem, Holly.“ Bevor ich auflegte, gab ich ihr noch meine Adresse. Dann setzte ich mich auf die oberste Verandastufe.
Jetzt hieß es warten. Verträumt beobachtete ich einen Spatz, der im Vorgarten auf der Suche nach Nahrung war. Er hopste durch das Gras und ließ seinen winzigen Kopf in alle Richtungen schnellen. Eine Minute später breitete er seine Flügel aus und flog davon. Mit meinen Augen folgte ich dem Vogel, bis er aus meinem Blickfeld verschwand.
„Guten Morgen, Holly“, rief mir plötzlich eine Jungenstimme zu.
Im ersten Moment glaubte ich, dass es James war, doch als ich zum Nachbarhaus sah, entdeckte ich Cassidy auf der anderen Seite des Zauns. Es wunderte mich, dass er auch so früh auf den Beinen war.
Auf seinem Gesicht entdeckte ich ein strahlendes Lächeln. Ich musste schwer schlucken, als ich daran dachte, was Daphne mir vor ein paar Tagen gesagt hatte. Ihr Bruder stand auf mich und er würde mich nach einem Date fragen. Dabei war es ihm anscheinend egal, dass ich einen festen Freund hatte.
„Hallo.“ Mit einem schlechten Gefühl in der Magengegend winkte ich ihm zu. Ich dachte, damit wäre die Konversation zwischen uns beendet, aber ich irrte mich.
„Kann ich mal kurz mit dir reden?“ Mir rutschte das Herz in die Hose. Er wollte mich doch nicht jetzt schon fragen, ob ich mit ihm ausgehe, oder? Am Liebsten wäre ich davongerannt, aber mir blieb wohl nichts anderes übrig, als zu ihm zu gehen. Schließlich wollte ich nicht unhöflich erscheinen.
„Na klar“, entgegnete ich unsicher. Ich erhob mich und ging zum Zaun.
Je näher ich Cassidy kam, desto breiter wurde sein Grinsen. Ich konnte eine Reihe weißer Zähne sehen.
„Um was geht es?“, fragte ich ihn ohne Umschweife, weil ich das Gespräch so schnell, wie möglich, hinter mich bringen wollte.
„Ich…ich wollte dich fragen, ob du mal mit mir ausgehen würdest.“
Seine Stimme war zum Ende hin immer leiser geworden. Obwohl ich geahnt hatte, was er von mir wollte, wurde mir auf einmal ganz schlecht.
„Es muss ja nicht in den nächsten Tagen sein“, fügte er hinzu. Vermutlich hatte er mein blasses und entsetztes Gesicht bemerkt. Ich wusste zwar, was ich ihm sagen wollte, aber ich konnte nicht. Mein Mund war staubtrocken und ich bekam kein Wort heraus. Cassidys Ungeduld stieg von Minute zu Minute. Er sah unsicher und auch verletzt aus. Er tat mit leid, dass ich ihn enttäuschen musste.
„Du scheinst sehr nett zu sein, aber ich kann nicht mit dir ausgehen. Ich habe einen Freund.“ Beim letzten Wort zogen sich seine Mundwinkel nach unten. Ich hasste es, Menschen traurig zu sehen, vor allem, wenn ich schuld daran war.
„Tut mir leid, Cassidy.“ Ich brachte ein aufmunterndes Lächeln zu Stande. Er schien mir jedoch nicht zugehört zu haben. Seine Augen waren glasig und er zitterte leicht. Ich hatte Angst, dass er gleich in Ohnmacht fiel, nur, weil ich ihm eine Abfuhr erteilt hatte.
„Ist mit dir alles in Ordnung?“ Und auf einmal schaute er mir tief in die Augen. Er stellte sich gerade hin und versuchte locker zu wirken.
„Ich bin okay.“ Er fuhr sich schnell durch die kurzen Haare und ließ seinen Blick über mich schweifen.
„Du hast einen Freund, dass muss ich wohl oder übel akzeptieren“, sagte er gelassen und selbstsicher. Ich war froh über seine Einsicht, doch irgendwie wurde ich misstrauisch. Wie hatte er seine Enttäuschung so schnell überwinden können?
Während ich mich fragte, was mit ihm los war, hörte ich Lindas Stimme, die meinen Namen rief. Ich wandte meinen Blick von Cassidy ab und sah zur Straße. Dort stand Lindas Mini. Beide Fenster waren geöffnet. Hinter dem Steuer saß meine beste Freundin und sah zu mir und Cassidy herüber. Sogar bis hierhin konnte ich ihr freches Grinsen sehen, das mir ganz und gar nicht gefiel.
„Ich muss jetzt los.“ Entschuldigend sah ich ihn an, bevor ich meinen Rucksack holte, der noch auf der Veranda lag und zu Linda ins Auto stieg.
„Wer ist denn der Typ?“, fragte sie mich, als wir auf dem Weg zur High School waren.
„Er heißt Cassidy. Er wohnt nebenan“, antwortete ich wie selbstverständlich. Sie sollte bloß nicht den Eindruck bekommen, dass ich irgendein Interesse an Cassidy hatte.
„Worüber habt ihr denn eben gesprochen?“ Sie konnte sich ein hohes Kichern nicht verkneifen.
„Über nichts Besonderes“, entgegnete ich leicht gereizt.
„Wirklich nicht?“ Ein weiteres Mal ärgerte ich mich, dass ich mit Leichtigkeit zu durchschauen war. Gequält stöhnte ich laut auf.
„Na gut, er hat mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen will, aber ich habe abgelehnt. Bist du jetzt zufrieden?“, keifte ich und starrte stur aus dem Fenster.
„Ich hab doch gewusst, dass du mir etwas verheimlichst.“ Linda klang gespielt beleidigt.
„Aber warum hast du denn abgelehnt, Holly? Er sieht doch ziemlich niedlich aus, soweit ich dass beurteilen kann.“
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie fröhlich lächelte.
„Falls du es vergessen haben solltest, ich habe einen Freund.“ Ich drehte langsam meinen Kopf zu ihr. Linda zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Ja und?“, fragte sie unverfroren. Entsetzt klappte mir die Kinnlade herunter.
„Ich glaub ich hör nicht richtig!“, brüllte ich sie an.
„Jetzt reg dich nicht auf, Holly“, versuchte sie mich mit beschwichtigter Stimme zu beruhigen. Wütend schnaubte ich.
„Warum sollte ich mich nicht aufregen? Ich weiß ja, dass du James nicht leiden kannst, aber dass ist noch lange kein Grund soetwas zu sagen.“ Vor Aufregung raste mein Herz und meine Hände zitterten.
„Natürlich mag ich ihn nicht und dass solltest du eigentlich auch. Ich kann dich einfach nicht verstehen, Holly. Noch vor ein paar Wochen hast du ihn gehasst, aber jetzt liebst du ihn wie vorher. Wegen ihm hast du so sehr leiden müssen. Verstehst du das denn nicht?“
Als sie an einer roten Ampel stehen bleiben musste, sah sie zu mir. Ich erkannte sowohl Unverständnis, als auch Besorgnis in ihren braunen Augen. Und schon wieder diskutierten wir über das elende Thema. Linda konnte und wollte mich nicht verstehen und ich war es leid ihr zu erklären, warum ich James nicht endgültig verlassen hatte.
„Jetzt hör mir mal genau zu, Linda. Ich habe mich entschieden bei James zu bleiben, weil ich ihn liebe und ich möchte, dass du das akzeptierst. Du kannst also damit aufhören mir Cassidy anzudrehen, okay?“
Fragend sah ich sie an, wobei mir ihre zerknirschte Miene nicht entging. Es war offensichtlich, dass ihr meine Entscheidung gegen den Strich ging. Dies schien die erste Meinungsverschiedenheit zwischen uns zu sein, die wir nicht auf irgendeine Weise klären konnten. Ein Kompromiss war schier unmöglich.
„Tut mir leid, aber ich kann ihn nicht als deinen Freund akzeptieren, nach allem, was er dir angetan hat. James hat dich angelogen, verletzt und verraten und du hast immer noch Gefühle für ihn.“ Wie wild schüttelte sie den Kopf, als die Ampel grün wurde und sie weiterfuhr.
„Ich kann das einfach nicht glauben“, nuschelte Linda. Sie schien eher zu sich selbst zu sprechen, als zu mir.
„Was meinst du damit?“ Ich musste mich stark zusammenreißen, damit ich sie nicht scharf anfuhr. Nach meiner Frage seufzte sie und ihr Blick wurde traurig.
„Ich kann immer noch nicht glauben, worüber wir gerade reden.“ Verwirrt runzelte ich die Stirn. Linda bemerkte meine irritierte Miene.
„Ich meine die Tatsache, dass dein Freund ein Killer ist und seine Kollegen hinter dir her sind. So etwas passiert doch nur in einem Film. Zumindest hab ich das noch vor einiger Zeit geglaubt.“ Ich konnte ihr ansehen, wie sehr sie das Thema belastete.
Zum schier tausendsten Mal bereute ich es, dass ich ihr alles erzählt hatte. Ich betrachtete sie ein paar Minuten, während sie sich auf die Straße konzentrierte. Mit ihren Händen klammerte sie sich regelrecht ans Lenkrad. Erst, als Linda auf den Parkplatz der High School fuhr, brach ich das Schweigen.
„Lass uns bitte nicht mehr über James sprechen. Ich will nicht, dass wir uns irgendwann so sehr in die Haare kriegen, dass unsere Freundschaft in die Brüche geht.“ Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stimme anfing zu zittern. Kurz schweifte ihr Blick zu mir und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Linda parkte in der Nähe des Haupteinganges, schaltete den Motor ab und wandte ihren Kopf zu mir.
„Du hast recht. Wir reden nicht mehr darüber.“ Sie schenkte mir ein breites Grinsen, bevor sie meine linke Hand nahm. Dann umarmte sie mich plötzlich. Perplex erwiderte ich ihre Umarmung. Minutenlang lagen wir uns in den Armen. Diese Geste beendete unsere Auseinandersetzung und besiegelte das Versprechen, dass wir nicht mehr über James sprechen würden. Nach einer gefühlten Ewigkeit löste ich die Umarmung.
„Wir sollten langsam reingehen.“ Ich schaute nach draußen. Der Parkplatz war für diese Uhrzeit schon gut gefüllt. Viele Schüler standen mit ihren Freunden zusammen, redeten und lachten.
Auf einmal hatte ich einen Kloß im Hals und wurde nervös. Früher war es für mich das Normalste der Welt gewesen zur Schule zu fahren und in den Unterricht zu gehen, aber jetzt machte mir die Menschenmenge Angst. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Wie viel wussten die Anderen über den Tod meiner Eltern? Hatten meine Freunde vielleicht meinen Mitschülern etwas über die Beerdigung erzählt?
Aufgeregt kaute ich an meinen Fingernägeln herum. Gerne hätte ich Linda gebeten mich zurückzufahren, aber dann hätten Jamie und Olivia recht gehabt. Außerdem wollte ich nicht so schnell aufgeben. Dennoch fragte ich mich, wo mein plötzlicher Enthusiasmus hin war.
„Alles okay, Holly?“ Besorgt beäugte mich Linda. Ich fuhr mir durch die Haare und atmete tief durch.
„Mit mir ist alles in Ordnung.“ Komischerweise bekam ich ein Lächeln zu Stande, bevor ich die Tür öffnete und aus dem Mini stieg.
Seite an Seite überquerten wir den Parkplatz. Wir kamen an einem Haufen Schüler vorbei, die uns alle anglotzten. Genauer gesagt glotzten sie mich an. Sie machten es nicht einmal unauffällig, im Gegenteil. Ihre Köpfe schnellten blitzschnell zu Linda und mir herüber. Dann starrten sie uns hinterher und flüsterten miteinander. Ich fühlte mich wie ein Tier im Zoo. Ich wünschte mir, dass ich auf der Stelle unsichtbar wurde, damit ich den neugierigen und mitleidigen Blicken dieser fremden Menschen entgehen konnte.
Automatisch beschleunigte ich meinen Schritt. Ich ging so schnell, dass Linda Probleme hatte mit mir mitzuhalten. Ich schaute weder nach rechts, noch nach links. Ich hatte einen Tunnelblick. Mit Höchstgeschwindigkeit eilte ich die Treppe hinauf und betrat die High School.
Zu meinem Pech befanden sich drinnen nicht weniger Schüler, als draußen und alle schienen nur darauf gewartet zu haben, dass ich ankam. Als ich all diese Augen sah, die mich eingehend betrachteten, wurde mir speiübel. Ich wollte bloß noch hier weg und zwar auf der Stelle.
„Linda?“ Hilfesuchend wandte ich mich an meine beste Freundin.
„Ja?“ Abrupt blieb sie im Flur stehen.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffe. Ich habe das Gefühl, dass mich alle anstarren.“
Kurz schweifte mein Blick zu einer Gruppe von Mädchen. Sie waren jünger, als ich. Voller Mitleid sahen sie mich an und tuschelten leise miteinander. Schnell sah ich wieder zu Linda.
„Was wissen die denn alles?“, fragte ich panisch. Linda zuckte nur mit den Achseln. Dann guckte sie auf einmal zur Seite.
„Du weißt doch irgendwas.“ Ich stemmte die Hände in die Hüften.
„Raus damit“, forderte ich und schaute sie finster an.
„Du kennst doch Poppy Richfield.“ Ich nickte. Sie war im gleichen Biokurs wie ich. Ich hatte keine Ahnung, warum Linda mich ausgerechnet nach ihr fragte.
„Verstehst du denn nicht? Ihre Großmutter wohnt in der Walnut Street.“ Ich riss die Augen auf.
Natürlich, ihre Großmutter war Mrs. Tyler, meine alte Nachbarin, die immer die Straße beobachtete. Sie hatte ihrer Enkelin sicher erzählt, dass die Polizei und auch Leichenwagen bei meinem Haus gewesen waren, wie ich es vermutet hatte. Na toll, nur, weil Poppy, dieses Plappermaul, nicht den Mund hatte halten können, wusste mit Sicherheit die ganze Schule Bescheid. Alle wussten, dass meine Eltern durch ein Verbrechen ums Leben gekommen waren.
„Sie hat ihren Freunden bestimmt alles brühwarm erzählt und die müssen es weitergeplaudert haben“, brummte ich.
„So wird´s wohl gewesen sein“, bestätigte Linda.
„Aber mach dir keine Sorgen, Holly. Zack, Vanessa und ich werden schon dafür sorgen, dass dich keiner blöd anquatscht.“ Sie schaute sich um, wobei sie allen einen bösen Blick zuwarf. Dankbar lächelte ich sie an.
„Danke, aber ich schaff das schon. Irgendwie.“ Linda legte mir eine Hand auf die Schulter, bevor wir weiter den Flur entlanggingen.
„Das weiß ich. Ich wollte dir bloß klar machen, dass du das nicht alleine durchstehen musst.“
Nach ihren Worten musste ich mich zusammenreißen, damit ich nicht anfing zu heulen. Still liefen wir nebeneinander her. Ich versuchte den ganzen Weg, bis zu meinem Spind, die anderen Schüler zu ignorieren, doch es war schier unmöglich. Mit gesenktem Kopf eilte ich an ihnen vorbei und hoffte, dass sie sich bald an mir satt gesehen hatten.
Als ich endlich an meinem Spind ankam, öffnete ich ihn hektisch und steckte meinen Kopf hinein. Ich schloss die Augen und musste erstmal tief ein und aus atmen. Ich war froh nicht mehr die fremden Gesichter sehen zu müssen. All diese Menschen kannte ich nicht, aber sie schienen mich zu kennen und alles über mich zu wissen. Ich hätte den lieben langen Tag hier stehen können, aber die Schulglocke ertönte und plötzlich hörte ich hektisches Treiben hinter mir. Alle holten die letzten Schulsachen aus ihren Schränken und eilten zu den Klassenzimmern. Während es im Flur langsam leerer und leiser wurde, öffnete ich wieder meine Augen und schnappte mir mein Physikbuch. Dann räusperte sich Linda.
„Ich muss jetzt los. Kommst du alleine zurecht oder soll ich dich zum Physikraum begleiten?“ Ich drehte mich zu ihr um. Sie wirkte nervös. Vermutlich hatte sie Angst zu spät zum Unterricht zu kommen.
„Geh ruhig. Ich bin ja wohl in der Lage alleine zur Physikstunde zu gehen.“
„Wenn du meinst.“ Bevor sie ging, bedachte sie mich noch mit einem letzten besorgten Blick.

Wie angewurzelt stand ich vor dem Raum 118. Die Stunde hatte bereits vor zehn Minuten angefangen, doch ich hatte mich nicht dazu durchringen können, die Tür zu öffnen und hinein zu gehen. Rückblickend gesehen wäre es besser gewesen mit meinen Mitschülern den Raum zu betreten, denn dann wäre ich nicht allzu sehr aufgefallen, doch nun würde mir die ungeteilte Aufmerksamkeit sicher sein. Ich konnte mir gut vorstellen, wie es sein würde, wenn ich jetzt klopfen und eintreten würde.
Alle würden mich ansehen, Mrs. Lind mit eingerechnet. Sie würden über mich reden, auf mich zeigen und mir die ganze Zeit mitleidige Blicke zuwerfen. Ich war mir sicher, dass ich das nicht aushalten würde.
Zumindest nicht den ganzen Tag. Ich schluckte schwer und mir fielen auf einmal tausend Gründe ein, aufzugeben und wegzulaufen. Dieses Gebäude war meine persönliche Hölle auf Erden, aus der es keinen Ausweg gab. Natürlich könnte ich jederzeit gehen, aber ich konnte es mir nicht leisten noch mehr Unterrichtsstoff zu verpassen. Ich musste wieder zur Schule gehen und da ich schon mal hier war, konnte ich auch gleich zu Physik gehen. Ja, ich werde reingehen und so gut es geht dem Unterricht folgen.
Trotz meines Entschlusses wollten sich meine Beine nicht bewegen. Sie fühlten sich unglaublich schwer an. Wieso konnte ich nicht hinein gehen? War meine Angst vielleicht doch größer, als gedacht? War ich wirklich so feige? Nein, ich musste mich nicht fürchten. Ich würde mich einfach auf den Unterricht konzentrieren und den anderen keinerlei Beachtung schenken.
„So mach ich es. Ich schaffe das. Ich schaffe das. Ich schaffe das“, flüsterte ich wieder und wieder vor mich hin. Und tatsächlich half es mir die Worte auszusprechen. Langsam legte ich meine Hand um den Türknauf und drehte ihn.      
Kaum hatte ich einen Schritt hineingetan, da wurde es still im Raum. Keiner schien zu atmen. Zwanzig Augenpaare waren ausnahmslos auf mich gerichtet. Einige sahen mich, wie erwartet, voller Mitleid an. Andere wirkten auf mich gespannt, als ob sie nur darauf warteten, dass ich in Tränen ausbrach. Ich schaute zu Boden und versuchte das mulmige Gefühl in meiner Magengrube zu ignorieren.
„Miss Dugan?“ Mrs. Linds krächzende und unangenehme Stimme drang an mein Ohr. Ich schlurfte zu ihrem Pult herüber. Es fiel mir schwer ihr ins Gesicht zu sehen.
„Ja?“ Meine Stimme klang in diesem Moment fremd, als gehöre sie einem anderen Menschen. Mrs. Lind nahm ihre rote Brille ab und sah mich mit ihren kleinen Augen an. Ich bemühte mich das Gesicht nicht zu verziehen.
„Mein herzliches Beileid, Miss Dugan“, sagte sie laut und schaute mich traurig an. Musste sie denn so laut sprechen, dass sie jeder hören konnte? Ich wurde wütend und meine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Ich bin froh, dass sie wieder da sind. Sie sind ein tapferes Mädchen.“ Sie hob ihre rechte Hand, umfasste mein Handgelenk und drückte fest zu.
„Wie geht es Ihnen?“ In mir brodelte es. Wie konnte sie es wagen, mich ohne meine Erlaubnis anzufassen?
„Mir geht es den Umständen entsprechend“, zischte ich. Sie schien jedoch nicht zu bemerken, dass sie mich zur Weißglut brachte. Mir konnte ihr Mitleid gestohlen bleiben, denn sie hatte keine Ahnung, was in mir vorging. Niemand hier wusste es.
„Darf ich mich jetzt hinsetzen?“, fragte ich aufgebracht. Mrs. Lind riss kurz die Augen auf, bevor sie mich losließ und mit ihrem Suhl ein Stück zurückrückte.
„Na…natürlich“, stotterte sie überrascht. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Das hatte sie davon. Ich wandte mich schnell ab und setzte mich auf meinen Platz. Neben mir saß Zack, der sich viel Mühe gab mich nicht anzusehen. Mir war klar, dass alle im Raum das Gespräch zwischen uns mit angehört hatten. Das Schweigen im Raum wurde erst unterbrochen, als Mrs. Lind mit dem Unterricht begann. Sie wirkte verwirrt und nervös. Ständig musste sie Sätze neu anfangen und physikalische Rechnungen wollten ihr heute gar nicht gelingen. Ich wunderte mich, dass ich sie so sehr durcheinander gebracht hatte.
Während der ganzen Stunde war ich der Mittelpunkt. Ich spürte die Blicke meiner Mitschüler in meinem Rücken. Ihre volle Aufmerksamkeit galt nicht dem Unterricht, sondern bloß mir. Ich dagegen hörte Mrs. Lind ausnahmsweise mal aufmerksam zu.
Kurz vorm Ende der Stunde hatte sich Zack zu mir gewandt und mir zugeflüstert, dass er mir helfen würde den verpassten Stoff nachzuholen. Dankbar hatte ich ihm zugenickt und ihn angelächelt. Dann hatte er mir noch gesagt, dass ich nicht auf die Andere achten sollte, da sie doch alle Idioten seien. Leise hatte ich gekichert.
Der restliche Schultag war für mich nicht anders verlaufen, als die erste Stunde. Egal, ob ich zur Cafeteria oder zum Unterricht ging, überall waren glotzende Schüler. Selbst auf der Toilette hatte ich nicht meine Ruhe gehabt. Zwei Mädchen, die ich vorher weder gesehen, noch gesprochen hatte, hatten mich zuerst traurig angesehen, doch dann hatten sie mehr über die Vorfälle in meinem Haus erfahren wollen.
Dreist und ohne Schamesgrenze wollten sie genau wissen, was passiert war, wie es mir jetzt ging und bei wem ich nun lebte. Mit offenem Mund hatte ich ihnen entsetzt zugehört. Sie hatten so viel und so schnell auf mich eingeredet, dass ich nicht dazu gekommen war ihnen zu sagen, wie unverschämt sie doch seien.
Als sie mich aber dann noch nach der Höhe meines Erbes gefragt hatten, war ich in die Luft gegangen. Ich hatte sie angeschrieen und sie gefragt, was ihnen bloß einfiele. Das Blut war blitzschnell durch meine Adern gerauscht und mein Herz hatte wie wild gepocht. Verängstigt, aber auch verärgert hatten die beiden dummen Tussis mich angesehen, bevor sie regelrecht aus der Mädchentoilette geflüchtet waren.
Für mich war nach dieser Begegnung der Tag gelaufen. Selbst meine Freunde hatten mich beim Mittagessen nicht aufmuntern können. Natürlich hatte ich ihnen von dem Vorfall erzählt. Auch sie waren über die Fragen der Mädchen schockiert gewesen.
Zack hatte sofort wissen wollen, wer die Beidem waren, weil er sie zur Rede stellen wollte, doch ich hatte ihm gesagt, dass dies nicht nötig sei. Vanessa und Linda hatten stattdessen versucht mich abzulenken, indem sie mir die neusten Gerüchte erzählten.
Ehrlich gesagt hatte ich bloß mit halbem Ohr zugehört, weil ich mit meinen Gedanken ganz woanders gewesen war. Ich hatte an meine Eltern gedacht. Ich hatte mich gefragt, ob sie mich sehen konnte und falls ja, ob sie stolz auf mich waren. Automatisch hatte ich nach oben an die Decke gesehen. Wenn ich jetzt draußen gesessen hätte, dann hätte ich in diesem Augenblick in den hellblauen Himmel geblickt.

Auf dem Rückweg fuhr Linda zuerst zum Friedhof, bevor sie mich nach Hause brachte. Ich hatte sie in der Schule darum gebeten, weil ich das Grab meiner Eltern besuchen wollte. In den letzten Stunden war der Wunsch, in ihrer Nähe zu sein, immer stärker geworden. Ich vermisste sie und musste unbedingt bei ihnen sein.
Während der Fahrt redete Linda zwar mit mir, doch ich konnte mich nicht auf ihre Worte konzentrieren. Ich hörte sie einfach nicht. Es schien, als ob ich taub wäre.
„Holly?“ Ich erschrak, als ich meinen Namen aus ihrem Mund hörte.
„Wir sind da.“
Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich tatsächlich das Friedhofstor.
„Ich bin bald wieder da, Linda.“ Ich öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Draußen war es angenehm warm, obwohl es leicht bewölkt war. Ich passierte das Tor und machte mich auf dem Weg zum Grab meiner Eltern.
Nach ein paar Minuten stand ich vor dem hohen, glatten Marmorstein. Die Hitze in den vergangenen Wochen hatte bei den zahlreichen Blumen ihre Spuren hinterlassen. Sie waren durch den Wassermangel verwelkt und vertrocknet. Sogleich machte ich mir Vorwürfe, weil ich lange Zeit nicht hier gewesen war und mich um die Pflege des Grabes gekümmert hatte.
Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ ich meinen Rucksack auf das Gras fallen und begann die Blumen, die nicht mehr zu retten waren, aufzusammeln und unter eine nahe stehende Ulme zu werfen.
Nach getaner Arbeit wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und setzte mich auf die Stelle neben meinem Rucksack. Das Grab sah jetzt viel besser und gepflegter aus. Ich nahm mir vor, dass nächste Mal, wenn ich hier war, eine Gießkanne mitzunehmen.
Mein Blick blieb an den Namen meiner Eltern hängen. Wie gebahnt starrte ich sie an. Ich wurde traurig und mein Herz schwer.
„Tut mir leid, dass ich erst jetzt wieder hier bin. Ich wollte euch schon lange besuchen, aber irgendwie bin ich nicht dazu gekommen“, sagte ich laut, in der Hoffnung, dass sie mich vielleicht hören konnten.
„Ich weiß nicht, ob ihr mich Tag und Nacht sehen könnt, aber wenn es so ist, dann hoffe ich, dass ich euch nicht enttäusche.“ Meine Stimme wurde brüchig und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen.
„Bitte seid mir nicht böse, weil ich noch mit James zusammen bin. Vermutlich wisst ihr jetzt, dass er der Auslöser für all die schrecklichen Ereignisse in dieser Nacht gewesen ist. Bitte verzeiht mir, dass ich ihn nicht verlassen habe, nachdem ich erfahren habe, was er ist.“ Ich musste mehrmals hintereinander schwer schlucken. Meinen Kopf ließ ich zum Namen meines Dads schnellen.
„Ich hätte vorsichtiger sein müssen, wie du es mir immer gesagt hast, Dad. Nun muss ich mit den Konsequenzen leben, egal, wie schwer es mir auch fällt.“
Ich schluchzte und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Es war eine große Erleichterung für mich, ihnen all das zu sagen, was ich so lange in mir getragen und verschwiegen hatte. Nachdem ich mich einigermaßen wieder beruhigt hatte, wandte ich mich an meine Mom.
„Unsere Beziehung war immer etwas ganz besonderes für mich, Mom. Ich konnte jeder Zeit zu dir kommen. Ich hätte dir auch alles über James erzählen müssen.“
Nach meiner Rede senkte ich den Kopf und versuchte mich zusammenzureißen, denn ich war kurz davor vor Schmerz, Trauer und Einsamkeit loszuschreien. Ich vermisste meine Eltern. Das klaffende Loch in meinem Herzen, welches ihr Tod mir zugefügt hatte, würde niemals in meinem Leben geschlossen werden. Von niemandem.
Meine Verzweiflung stieg ins Unermessliche und auf einmal fragte ich mich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war hierher zu kommen. Für mich war es wohl doch noch zu früh. Viel zu früh.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit ich bereits vor dem Grab meiner Eltern verbracht hatte, als sich plötzlich ein Schatten über mich legte. Hinter mir hörte ich laute Atemzüge.
Sofort verkrampften sich meine Muskeln und ich bekam panische Angst, denn die Erinnerungen an die Beerdigung kehrten zurück. Ich war mir sicher, dass ein Killer hinter mir stand und wenn ich ganz großes Pech hatte, dann war es Ophelia. Ich wagte es nicht mich umzudrehen oder mich überhaupt zu bewegen. Ich blieb einfach sitzen.
„Hallo, Holly.“ Ich atmete erleichtert aus und mein Puls normalisierte sich langsam, als ich James´ Stimme erkannte. Dieser ließ sich sogleich neben mir nieder und sah mich von der Seite her an.
„Schleich dich nicht immer so an. Du hast mich zu Tode erschreckt“, fuhr ich ihn an. Trotz meiner Wut musste ich mich zwingen ihm nicht um den Hals zu fallen, weil ich froh war, dass er hier war und nicht einer seiner Ex-Kollegen, die mir nach dem Leben trachteten.
„Tut mir leid“, entgegnete er.
„Und das gilt auch für mein Verhalten bei unserem letzten Treffen.“ Er klang reumütig. Auf einmal wurde ich hellhörig. Ich sah ihm tief in die Augen.
„Was war an dem Tag bloß los mit dir, James?“ Unsicher erwiderte er meinen Blick.
„Ich habe dir damals nicht gesagt, was mit mir los ist, weil ich nicht wollte, dass du dir wieder Sorgen um mich machst.“ Ich wollte schon fragen, was er damit meinte, als er mir seine rechte Hand auf den Mund legte.
„Ich werde dir schon alles erklären, Holly.“ Seine Miene war ernst.
Ich konnte sehen, dass er mit sich kämpfte. Ungeduldig wartete ich auf seine Erklärung. Als James bemerkte, dass ich gewillt war ihm ohne Unterbrechungen zuzuhören, ließ er seine Hand sinken.
„An dem Tag ging es mir gesundheitlich nicht gut. Ich hatte starke Schmerzen im Bein. Vermutlich hat sich die Wunde trotz des Verbandes entzündet. Ich hätte wohl besser gleich etwas gegen die Blutung tun sollen, anstatt durch die halbe Stadt zu rennen.“ Er lächelte bitter. Darum hatte er damals so kränklich ausgesehen.
„Das hättest du mir doch sagen können.“ Zur Antwort zuckte er leicht mit den Achseln. Ich verdrehte darauf nur die Augen. In diesem Moment wurde mir endgültig klar, dass ich James wohl nie richtig verstehen würde und seine Aktionen und Reaktionen nachvollziehen könnte.
„Du bist doch hoffentlich zum Arzt gegangen, oder?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass sich meine Stimme mit Panik füllte. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als er nickte.
„Ich bin noch mal ins Krankenhaus gegangen, auch wenn es mir schwer fiel dich alleine zu lassen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welche Vorwürfe ich mir gemacht habe.“ Er ballte seine rechte Hand zur Faust. Er schien wütend auf sich selbst zu sein. Behutsam legte ich meine Hände auf die geballte Faust.
„Du musst nicht immer in meiner Nähe sein. Ich kann auch gut auf mich selbst aufpassen.“ Er schnaubte.
„Normalerweise würde ich dir ja zustimmen, aber nicht in unserer Situation. Wir reden hier von routinierten Auftragskillern, Holly. Gegen sie hast du nicht den Hauch einer Chance, glaub mir.“
Ich wusste, dass er recht hatte, schließlich hatte ich am eigenen Leib erfahren, zu was diese Leute fähig waren.
„Und geht es dir jetzt wieder besser? Ich meine nach dem Arztbesuch.“ Ich versuchte das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
„Ja“, antwortete er knapp.
„Hat der Arzt dich gefragt, wie das mit deinem Bein passiert ist?“ James verzog das Gesicht und sah zu Boden. Ich ahnte Böses.
„Er hat doch nicht schon wieder die Polizei angerufen, oder?“, fragte ich laut und sah ihn entsetzt an. Hektisch schüttelte er den Kopf. Ich war erleichtert.
„Nein, ich habe ihm dieselbe Geschichte wie deinem Onkel erzählt.“ Auf einmal war ich nicht mehr erleichtert, sondern verwirrt.
„Und das hat er tatsächlich geglaubt? Ich dachte, dass man als Arzt eine Schusswunde von einer Schnittwunde unterscheiden kann.“ Ich zog die Augenbrauen zusammen, während James ein merkwürdiges Geräusch von sich gab. Es war eine Mischung aus Röcheln und Husten. Irgendetwas stimmte an seiner Geschichte nicht. Es war eindeutig, dass er log.
„Du hast mir versprochen mich nie wieder zu belügen, James“, sagte ich enttäuscht und sah zum Grab meiner Eltern. Daraufhin seufzte er.
„Stimmt.“ Des Öfteren fuhr er sich gedankenverloren durch die dunklen Haare.
„Ich habe ein bisschen nachgeholfen, damit es zu einer Schnittwunde wird“, flüsterte er, in der Hoffnung, dass ich ihn nicht verstehen würde.
Ich hatte zwar jedes einzelne Wort genau gehört, aber dennoch konnte ich nicht glauben, was er gerade gesagt hatte. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. Selbst er würde niemals soweit gehen sich selbst zu verletzen, um zu vertuschen, dass er angeschossen worden war. Oder vielleicht doch?
„Erklär mir bitte, was du damit meinst“, bat ich, obwohl ich Angst davor hatte die Wahrheit zu erfahren.
„Es…es war mir klar, dass der Arzt erkennen würde, dass ich erneut angeschossen worden bin, darum musste ich es wie eine Schnittwunde aussehen lassen.“ Er warf mir einen merkwürdigen Blick zu, den ich nicht bestimmen konnte.
„Während du dich in der Schule aufgehalten hast, wo du ständig unter Leuten warst und ich somit keine Angst haben musste, dass du alleine bist, habe ich mir erlaubt in der Umgebung nach etwas zu suchen, womit ich mich schneiden konnte.“ Schlagartig fing ich an zu zittern und meine Haut wurde bleich. Am Liebsten hätte ich das Gespräch sofort beendet, doch James sprach unbekümmert weiter.
„Irgendwann habe ich in der Nähe einer Baustelle einen handgroßen Glassplitter gefunden. Ohne lange darüber nachzudenken, habe ich ihn genommen, mir den Verband abgemacht, den Splitter an meinem Hemd halbwegs gesäubert und na, ja, danach hab ich mir das scharfe Glas über die Wunde gezogen.“
Den letzten Satz hatte er hektisch heruntergerasselt. Er schaute an mir vorbei und beobachtete irgendetwas hinter mir. Es war offensichtlich, dass er mich nicht ansehen wollte, denn er wusste ganz genau, was ich von dieser kranken und idiotischen Aktion hielt.
Ich hatte ja schon geahnt, dass James einen Hang zum Masochismus hatte, aber dass er sich selbst mit einem dreckigen Glassplitter ins Bein und dann auch noch über die entzündete Wunde schneiden würde, hätte ich niemals von ihm gedacht.
Mir wurde speiübel, als ich daran dachte, wie sehr dies geschmerzt haben musste. Ich wollte ihm sagen, wie bescheuert und auch gefährlich seine Aktion gewesen war, doch mir fehlten einfach die Worte.
James hatte sich derweil keinen Millimeter bewegt. Das Einzige, was er tat, war mit der rechten Hand das Gras in seiner Nähe herauszurupfen. Neben ihm schüttelte ich kaum merklich den Kopf. Er war total durchgeknallt und völlig wahnsinnig. Ich hatte das Gefühl, dass ich mir mehr Sorgen um ihn machen musste, als er um mich und dabei musste ich James vor seinen eigenen riskanten Ideen schützen.
„Ich verstehe einfach nicht, wie du das tun konntest. Ist dir nicht klar, wie gefährlich sowas ist?“, fragte ich ihn mit bebender Stimme. Er blieb jedoch stumm.
„Wie kommst du immer auf solch verrückte Ideen?“ Keine Antwort. Langsam wurde ich sauer. Ich umfasste mit der rechten Hand sein Kinn und drehte sein Gesicht zu mir. Seine grauen Augen fixierten mich.
„Willst du jetzt nicht mehr mit mir reden?“ Vorwurfsvoll sah ich James an. Er stöhnte gequält auf.
„Reden wir nicht darüber, Holly. Ich weiß, dass es gefährlich war und du nicht verstehen kannst, warum ich das getan habe, aber es ist nun mal passiert und damit hat sich die Sache“, antwortete er leicht trotzig.
„Die Sache ist noch lange nicht vorbei. Ich will, dass du nie wieder deine Gesundheit so leichtfertig aufs Spiel setzt. Ist das klar?“ Augenblicklich wurde seine Miene emotionslos und seine Augen eiskalt.
„Du sagst mir nicht, was ich tun oder lassen soll“, knurrte er und zog seinen Kopf zurück. Verletzt ließ ich meine Hand langsam sinken. Wieso konnte er mich nicht verstehen? Wieso konnte er nicht einmal auf mich hören, anstatt so dickköpfig zu sein?
Verzweifelt sah ich erneut auf den Marmorstein, der vor mir aus der Erde zu wachsen schien. Ich konnte nicht glauben, dass James und ich uns tatsächlich auf einem Friedhof lautstark stritten. Ich schämte mich in Grund und Boden. Solch einen Frevel hätte ich nicht von mir erwartet. Mein Unverständnis für seine Tat und die Enttäuschung über mein eigenes respektloses Verhalten trieben mir heiße Tränen in die Augen, die mir keine Sekunde später die Wangen hinab liefen.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich immer wieder vor mich hin. Dabei kniete ich mich demütig vor den Grabstein.
Über mir sangen fröhlich die Vögel und der Himmel klärte sich langsam. Die Wolken ließen immer mehr Sonnenstrahlen hindurch, die auf meinen Rücken fielen und meine Haut wärmten. Ich versuchte James´ Anwesenheit auszublenden und mich bloß auf meine Eltern zu konzentrieren, doch so einfach ließ er sich nicht ignorieren. Ich saß nicht einmal fünf Minuten auf meinem Platz, als ich aus den Augenwinkeln sah, wie er sich neben mich stellte. Seine Augen blieben ebenfalls am Grab meiner Eltern hängen. Sein Blick verklärte sich und auf einmal wirkte er mit seinen Gedanken ganz weit weg. Stocksteif stand er wie angewurzelt auf einer Stelle und bewegte kaum merklich seine Lippen.
„Was tust du?“, wollte ich verblüfft wissen. Meine Wut war auf einmal vergessen. Erschrocken zuckte er zusammen, ehe er mir einen kurzen, unsicheren Blick zuwarf. Er wirkte ertappt.
„Ich entschuldige mich“, murmelte er verlegen.
„Wie bitte?“ James wandte sich vom Grab ab.
„Ich entschuldige mich bei deinem Eltern für das, was ich ihnen angetan habe“, entgegnete er ernst, ohne mich anzusehen. Schockiert fiel mir die Kinnlade herunter.
„Ich will nicht, dass du dich entschuldigst. Weder bei ihnen, noch bei mir. Nie mehr.“ Mein bitterer Ton ließ keine Widerrede zu. Entschlossen verschränkte ich die Arme vor der Brust. Ich hoffte, dass er jetzt niemals wieder in meiner Gegenwart über meine Eltern sprechen würde. Ich konnte es nicht ertragen, wenn er dieses Thema in den Mund nahm, nach allem, was geschehen war.
Ich atmete tief ein und versuchte meinen Unmut herunterzuschlucken.
Als sich James plötzlich räusperte, schaute ich nach oben. Er war vor mir stehen geblieben und hielt mir seine rechte Hand hin. Zuerst zögerte ich, doch dann ergriff ich sie. Mit einem Ruck zog er mich nach oben. Ich stand vor ihm, als er mir einen sanften Kuss auf die Stirn gab.
„Ich tue es nie wieder. Versprochen“, hauchte er mir ins Ohr. Dann küsste er mich auf den Kopf und streichelte mir zärtlich über die Wange.
Ich war zwar noch immer sauer auf ihn, weil er mit einem unglaublichen Leichtsinn durchs Leben ging und er auch noch die Dreistigkeit besessen hatte, sich wieder einmal zu entschuldigen und dass auch noch am Grab meiner Eltern, aber ich schluckte meinen Ärger einfach herunter und schlang meine Arme um ihn.
Uns beiden war klar das Streitereien zwischen uns das Schlimmste in unserer Situation waren. Wir mussten zusammenhalten und uns einander vertrauen. Das war das Wichtigste.
„WAS MACHT DER DENN HIER?“ Lindas kreischende Stimme dröhnte über den gesamten Friedhof. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ein Streit mit meinem Freund reichte wohl nicht. Jetzt kam vermutlich noch einer mit meiner besten Freundin dazu.
Ich seufzte laut, bevor ich mich von James löste. Linda stand nur wenige Meter von uns entfernt. Wutentbrannt schnaubte sie und funkelte James böse an. Sicherheitshalber ging ich zu ihr, um sie zu beruhigen.
„Reg dich nicht so auf, Linda. Bitte“, flehte ich sie an.
„Warum ist er hier?“, zischte sie, ohne James dabei auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.
„Er ist immer in meiner Nähe, Linda. Er passt auf mich auf“, erklärte ich ihr und hoffte, dass sie ihren Zorn langsam runterfahren würde.
„Erinnerst du dich noch an unser Gespräch von heute morgen?“
„Ja und ich habe dir versprochen, dass wir nicht mehr über James reden, aber nicht, dass ich ihn nicht anschreien darf“, donnerte sie so laut, dass es auch James verstehen konnte. Dieser kam mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck zu uns herüber.
„Was hat die denn für ein Problem?“, fragte er mich und zeigte auf Linda. Gespielt ahnungslos zuckte ich mit den Achseln.
„Du bist mein Problem“, giftete sie ihn an.
„Du kennst mich doch gar nicht“, entgegnete James gelassen und setzte ein gleichgültiges Gesicht auf.
„Ich weiß genug über dich.“
„Was soll das heißen?“ Auf einmal klang James unsicher. Linda lächelte daraufhin gehässig.
„Glaubst du etwa, dass ich nicht weiß, dass du ein Killer bist und du die Schuld am Tod von Hollys Eltern trägst?“ James´ Kopf schnellte sofort zu mir und anstatt Linda anzuschreien, bekam ich die volle Ladung seiner Wut ab.
„Du hast ihr alles erzählt? Bist du wahnsinnig?“, keifte er mich an. Bevor ich mich rechtfertigen konnte, ging Linda zu James. Jetzt trennte sie nur noch ein mickriger Meter.
„Hör auf sie anzuschreien. Sie hat mir alles erzählt, weil ich ihre beste Freundin bin und sie jemanden gebraucht hat, dem sie vertrauen kann. Du bist ja offensichtlich der Falsche gewesen.“
Während die Beiden sich stritten, guckte ich zwischen ihnen hin und her. Ich wollte dazwischen gehen und sie dazu bringen aufzuhören, aber ich konnte nicht. Es schien, als sei ich an meinem Platz festgewachsen. Ich fühlte mich nutzlos. Derweil ging der Streit zwischen James und Linda in die nächste Runde.
„Du hast ja gar keine Ahnung, was es für dich bedeutet über alles Bescheid zu wissen.“
James` Gesicht war wutverzerrt. Ich wusste, dass es ihn aufregte, dass ein Mädchen, das er immer nur bei mir gesehen hatte und welches ihn nicht kannte, dermaßen angriff, doch er wollte Linda auch die Gefahren klar machen, die ihr drohten.
„Holly hat mir gesagt, dass es lebensgefährlich ist, aber erst, wenn deine Killerfreunde erfahren, dass ich alles weiß“, höhnte sie und grinste überlegen. James ballte die Hand zur Faust.
„Sie sind nicht meine Freunde; dass sind sie auch niemals gewesen. Ich bin kein Killer mehr und ich habe auch nicht vor, jemals wieder zu einem zu werden“, brüllte er und fletschte wild die Zähne. Es war nicht gut, sich in James´ Nähe aufzuhalten, wenn er so aufgebracht war. Langsam, aber sicher, machte ich mir Sorgen um meine Freundin. Hoffentlich ging sie nicht zu weit.
„Na sicher“, entgegnete sie spöttisch. „Seit du Holly begegnet bist, hat sie nur noch Schmerz und Trauer erlebt. Du hast ihr Leben zerstört.“ An James´ Kopf pochte eine Ader. Das war kein gutes Zeichen.
„Wie gesagt, du hast keine Ahnung“, sagte er leise und kam Linda gefährlich nahe. Dieser Anblick ließ mich wieder klar denken. Schnurstracks ging ich auf James zu, packte ihm fest am rechten Arm und zerrte ihn mit aller Kraft von Linda weg. Ich konnte bloß hoffen, dass meine Freundin so vernünftig war und uns nicht folgte.
Ich hatte Mühe, James dazu zu bringen, sich von Linda zu entfernen. Seine Muskeln waren angespannt und fühlten sich hart an. Als ich mühsam einen Sicherheitsabstand von dreißig Metern erarbeitet hatte, ließ ich ihn los. Trotz der Distanz sah er unablässig zu Linda herüber.
„James, sieh mich an.“ Keine Reaktion.
„JAMES!“, schrie ich und schlug ihm gegen den Brustkorb.
„Was?“, fauchte er entnervt. Endlich schaute er mich an, auch wenn sein Blick hasserfüllt war.
„Das ist genug.“
„Sie hat doch angefangen“, verteidigte er sich und schob Linda die Schuld zu.
„Ich weiß, aber du hast sie genauso angegriffen, wie du sie.“
„Stimmt gar nicht“, nuschelte er und war trotzig, wie ein kleiner Junge.
„Ich will, dass du dich zusammenreißt. Sicherlich war es falsch von ihr, dich gleich anzuschreien, aber das ist kein Grund, dass du sofort nachziehst. Sie ist meine Freundin und mir sehr wichtig. Ich will nicht, dass ihr euch streitet.“ Ich redete mit sanfter Stimme auf ihn ein.
„Ich kann dich ja verstehen, doch ich bezweifle stark, dass wir uns jemals sympathisch werden. Das kann ich dir jetzt schon sagen.“ James klang schon etwas ruhiger, dennoch war es besser, wenn er erstmal nicht in Lindas Nähe war.
„Ich sag es zwar nicht gerne, aber du hast recht.“ Es war eine ernüchternde Erkenntnis. Ich hätte mir gewünscht, dass sich die beiden gut verstehen würde, durch James´ Vergangenheit war dies jedoch unmöglich. Linda würde ihn niemals an meiner Seite akzeptieren.
„Ich werde mit Linda reden“, meinte ich.
„Tu das“, raunte er.
„Und du bleibst gefällig hier stehen“, befahl ich mit erhobenem Zeigefinger, bevor ich zu meiner Freundin ging.
Linda scharrte gewaltsam mit ihren Schuhen über das Gras. Je näher ich ihr kam, desto besser konnte ich ihre roten Wangen erkennen. Es war eindeutig, dass sie stinksauer war.
„Alles okay?“, fragte ich sie, als ich in ihre Hörweite kam. Zur Antwort lachte sie übertrieben hoch.
„Sieht es so aus, als ob alles okay wäre?“
„Nein.“ Ich lächelte zaghaft.
„Ich mag ihn nicht“, äußerte sie verächtlich. Dann sah sie an mir vorbei. Ich wusste, dass sie James anstarrte.
„Das ist mir gar nicht aufgefallen“, sagte ich sarkastisch. Linda schnaubte.
„Er ist ein Mistkerl.“
„Du magst ihn nicht, ich hab´ s verstanden. Trotzdem hast du nicht das Recht, dich so aufzuführen.“ Nach James musste ich nun ihr verklickern, dass sie sich in seiner Nähe am Riemen reißen musste. Mir zuliebe.
„Tut mit ja leid, dass ich ausgeflippt bin, aber als ich ihn gesehen habe, konnte ich einfach nicht anders.“
Entschuldigend sah sie mir in die Augen.
„Ich werde dir jetzt das sagen, was ich auch James gesagt habe: ich möchte, dass du dich zusammenreißt, weil ich James liebe und er mir wichtig ist. Ich will nicht, dass ihr euch streitet.“
Ich konnte sehen, wie Linda einen inneren Kampf ausfochte. Ich war überrascht, dass sie unnachgiebiger war, als James. Nachdenklich ging sie von links nach rechts. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten. Nach einer gefühlten Ewigkeit blieb Linda vor mir stehen.
„Mir wird es zwar nicht leicht fallen, aber ich tue dir den Gefallen, Holly.“ Sie setzte ein Lächeln auf. Im Gegenzug umarmte ich sie.
„Danke.“

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