Zwölftes Lied - Wohin die Reise geht

Der Kaiser war tot. Das Reich wurde von seinen eigenen Generälen wie das Rind vom Schlachter in seine Einzelteile zerlegt. Die Sonne des Kaisers war endgültig untergegangen. Dass nun der Traum dieses großen und weisen Mannes für alle Zeit ausgeträumt war, stimmte ihn traurig. Es war nicht gerecht von den Göttern, dem großartigsten Reich der Menschheitsgeschichte einen solch ehrlosen Untergang zu bescheiden.

Fyorr hatte seit jenem ersten Treffen mit dem Kaiser ein Ziel verfolgt, hatte in seinem Leben einen Sinn gesehen, eine Aufgabe, die es zu erfüllen galt. Der Zerfall des Kaiserreichs hatte ein Loch hinterlassen, dort, wo dieser Sinn einst all sein Handeln bestimmt hatte.

Jetzt, da Jeyla ihm die Krone von Osinys geradezu aufgezwungen hatte, tat er sich schwer damit, darin einen erfüllenden Sinn für sich selbst zu entdecken. Dass er die Pflicht hatte, seine Männer, und nun auch Osinys zu führen, stand für ihn außer Frage. Nur - wohin sollte er führen? Ohne eine Vision, ohne einen Plan hinter seinem Handeln wäre er ein schlechter Führer, dazu verdammt, zu reagieren, statt zu agieren.

Ja, er brauchte einen Plan. Er schwang sich vom Bett und rief nach der Wache. Die Zeltplane schwang beiseite und der junge Soldat, der gerade Wachdienst hatte, betrat das einfache und praktisch orientierte Zelt seines frisch gebackenen Königs.

"Komman... Euer Majestät?"

Eine Anrede, an die sich zu gewöhnen er wohl noch lange brauchen würde. Fyorr verzieh dem Soldaten seinen Patzer und räusperte sich. "Bringt mir diese Jeyla. Ich muss mich mit ihr besprechen."

"Jawohl, mein König!" Die Wache salutierte und verschwand eilig aus dem Zelt. Fyorr hatte kaum Zeit, sich an seinen Kartentisch zu setzen, als Jeyla bereits eintrat.

"Ihr habt mich gerufen, mein König?"

Der Blick, den er ihr zuwarf, hätte alles bedeuten können. Er entschied sich, nicht auf die seltsam spöttisch wirkende Anrede einzugehen und bedeutete ihr, sich zu setzen.

"Ich bin überrascht, dass Ihr noch immer hier seid."

Sie seufzte. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich hier fertig bin. Jetzt, wo Ihr König von Osinys seid, hätte ich auch schlecht einfach verschwinden können."

Fyorr nickte. "Das ist wohl wahr. Es gibt in der Tat noch etwas zu tun. Einiges sogar. Zunächst muss die Bevölkerung über die Lage informiert werden. Davor allerdings sollte ich mich mit dem Ältestenrat treffen. Ich wünsche, dass Ihr ein Treffen arrangiert, morgen Mittag, hier im Lager. Schafft Ihr das?"

Jeyla musste lachen. "Ja, natürlich. Aber ich muss Euch warnen, der Ältestenrat ist ein zänkischer Haufen. Ihr werdet mit Widerstand rechnen müssen. Kann ich darauf zählen, dass ihr diese Angelegenheit friedlich lösen werdet?"

Fyorr hob irritiert die Augenbrauen. "Natürlich."

"Wunderbar. Ich werde sofort aufbrechen."

"Moment. Eine Sache wäre da noch." Sie war bereits halb aufgestanden und hielt verwundert inne. Langsam sank sie in den Klappstuhl zurück und wartete auf eine Erklärung.

"Ich muss Euch meinen Respekt erweisen. Euer Vorschlag war wahrlich der vernünftigste, und auch wenn es mir nicht gefällt, wie die Sache gelaufen ist, muss ich mich bedanken. Doch, Euer Plan ist kurzfristig angelegt, relativ gesehen. Die Rache an Sigurd kann auf der Reise nur eine Zwischenstation sein, nicht das Ziel. Man gründet kein Königreich und baut es auf, nur um an einer einzigen Person Rache zu üben. Das wäre unehrenhaft und ungerecht gegenüber der Bevölkerung und den Soldaten. Wohin also soll die Reise gehen? Was soll das Ziel werden? Nach welchem Traum sollen wir streben?"

Überrascht stieß Jeyla Luft zwischen den Zähnen hindurch, und das leise Zischen huschte kaum hörbar durch das spartanisch eingerichtete Zelt.

"Ich denke, da die Richtung zumindest vorgegeben ist, wird sich alles weitere auf dem Weg klären. Sich jetzt einem übergeordneten Ziel zu verschreiben wäre schlecht. Es würde uns die notwendige Flexibilität nehmen, die wir wegen Sigurd brauchen werden. Bis Sigurd erledigt ist, wird eine Menge Zeit vergehen und in dieser Zeit wird sich sicherlich etwas ergeben."

Fyorr nickte trübsinnig. "Ja, das klingt nachvollziehbar. Verschieben wir das also." Er dachte noch kurz darüber nach, dann hakte er die Sache ab. Es brachte nichts, da etwas zu erzwingen. Es gab aber andere Dinge, die seiner Aufmerksamkeit bedurften.

"Meine Männer sind Soldaten. Wir sind erfahrene Kämpfer, Strategen und Logistiker. Aber auf dem politischen Parkett und in wirtschaftlichen Belangen befürchte ich, haben wir Defizite aufzuweisen. Ich würde Euch gerne in meinen Beraterstab aufnehmen, wenn morgen alles klappt. Sorgt also dafür, und der Posten ist Euch sicher. Die Schärfe Eures Geistes habt Ihr bereits unter Beweis gestellt. Wenn Ihr auch in praktischen Dingen nützlich seid, habe ich Verwendung für Euch. Was haltet Ihr davon?"

Jeyla starrte ihn an. Wieder musste sie daran denken, wie rasant sich Umstände ändern konnten. Schließlich neigte sie leicht den Kopf. "Ihr könnt auf mich zählen, mein König."

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