Der Winter hatte endlich Einzug gehalten. Nach diversen falschen Hoffnungen und verregneten Tagen entschloss sich Frau Holle, die Kissen auszuschütteln und die Welt mit einem dicken, weißen Teppich zu belegen. Für viele wurde der lang ersehnte Traum einer weißen Weihnacht wahr, während andere über die damit verbundenen Arbeiten wie Schneeschippen und Streuen fluchten. Auch nach dem Fest der Liebe blieb der Schnee liegen, und laut Aussage der Meteorologen würde das erst einmal so bleiben. So wurde die Zeit zwischen den Feiertagen noch ruhiger als sonst. Diejenigen, die nicht raus mussten, blieben zu Hause und betrachteten die Winterlandschaft vom Sofa aus.

Auch im städtischen Krankenhaus herrschte eine relative Ruhe. Weniger Menschen auf den Straßen bedeutete zudem weniger Unfälle, und wenn man nicht gerade in der Notaufnahme war, hätte man meinen können, dass das Krankenhaus leer stand. Patienten, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht unter ärztlicher Beobachtung stehen mussten, wurden entlassen, und die anderen auf freie Zimmer verteilt. Dementsprechend reduzierte sich die Besetzung der Stationen auf ein Minimum.

Schwester Agnes räumte die letzte Patientenakte in den Schrank und warf einen Blick auf die Uhr. Kurz nach neun, und alle anstehenden Arbeiten waren bereits erledigt. Die Dokumentation war vollständig, das Abendessen lange vorbei, und die Schälchen mit den Medikamenten standen griffbereit auf dem Tisch. All das deutete auf einen unspektakulären Nachtdienst hin. Zum Glück hatte sie sich ein Buch mitgebracht, um die Zeit bis zum Dienstende zu überbrücken.

In diesem Jahr meldete sich Agnes freiwillig für den Dienst zwischen den Jahren, um einfach nicht daheim bei ihren Eltern sein. Generell wollte sie diese Zeit eher allein verbringen und mied den Kontakt mit anderen Menschen, so gut es ging.

Mühsam unterdrückte sie ein Gähnen und widmete sich ihrer Lektüre. Die Zeit verstrich nur langsam. Ab und zu schaute sie auf die Geräte, welche die Vitalparameter der Patienten anzeigten, oder auf ihr Smartphone – aber alles blieb ruhig. Keine Alarme und auch keine neuen Nachrichten. Eigentlich konnte sie glücklich darüber sein. Eigentlich. Seufzend schlug sie ihr Buch auf und versank in einer Welt, in der die Charaktere mit anderen Problemen konfrontiert wurden.

Ein kurzes, sich wiederholendes Piepen holte sie in die Wirklichkeit zurück. Jemand hatte den Rufknopf für die Bereitschaft gedrückt. Es war kein Notfall, denn dann würden die Überwachungsgeräte frühzeitig Alarm geben. Nein, es war wohl ein besonderes Bedürfnis, das befriedigt werden wollte.

Sie hatte schon einen Verdacht: Es war sicherlich dieser kleine, freche Junge, der zu wenig Aufmerksamkeit bekam und deswegen immer wieder nach einer Schwester rief, um sie mit Kleinigkeiten zu beschäftigen. Müsste er nicht wegen der Auswirkungen seines schweren Unfalls im Krankenhaus bleiben, würde er seine Familie anstelle des Krankenhauspersonals nerven. Sie legte das Buch aus der Hand und warf einen Blick auf die Anzeige. Zu ihrer Überraschung wurde sie zu einem anderen Krankenzimmer gerufen: Frau Kaufmann. Die Dame war regelmäßig im Krankenhaus und hatte mit Anfang Neunzig das große Unglück gehabt, vor Weihnachten am Herzen operiert werden zu müssen. Sie war eine nette Patientin, die sich in ihr Schicksal fügte und keine Umstände bereitete. Agnes drückte den Knopf für das Quittieren des Alarms, stand auf und ging durch den Krankenhausflur. Ehe sie die Tür öffnete, setzte sie ein freundliches Lächeln auf. »Na, Frau Kaufmann, was kann ich für Sie tun?«

Die kleine, ältere Dame lag mit bis zum Kinn hochgezogener Decke in ihrem Bett. Ihre Lippen waren blau verfärbt, und sie zitterte leicht. »Kann ich einen Tee oder eine Decke haben? Mir ist so kalt«, antwortete sie leise.

Agnes musterte sie unauffällig. Die Operation hatte ihr sehr stark zugesetzt, und irgendwie tat sie ihr leid. »Aber natürlich doch«, entgegnete sie mit sanfter Stimme. »Ich bin gleich wieder da.« Mit diesen Worten verließ Agnes das Zimmer und kam kurze Zeit später mit einer Wolldecke sowie einer Kanne und zwei Tassen wieder herein. Auch wenn Frau Kaufmann zu schwach war, um die Augenbrauen hochzuziehen, konnte Agnes ihr die Verwunderung ansehen. »Ich habe beschlossen, Ihnen etwas Gesellschaft zu leisten«, beantwortete sie die unausgesprochene Frage.

»Aber, das müssen Sie doch nicht tun!«

Agnes schüttelte bestimmt den Kopf. »Da dulde ich keine Widerrede, Frau Kaufmann! Ob ich nun hier sitze und warte, dass mein Pieper geht, oder ob ich im Schwesternzimmer die Zeit totschlage, ist das Gleiche. Außerdem können Sie bestimmt etwas Gesellschaft gebrauchen!«

Tränen füllten die Augen der Patientin und verloren sich in den Falten ihres Gesichts. Langsam und beschämt drehte sie den Kopf weg und murmelte leise etwas vor sich hin.

Agnes schlug indessen die Krankenhausdecke zurück, breitete die Wolldecke über Frau Kaufmann aus und legte anschließend die Bettdecke wieder darüber. »So, das hätten wir schon mal. Möchten Sie Zucker in Ihren Tee?«, fragte sie, nachdem sie fertig war.

Frau Kaufmann schüttelte nur den Kopf.

Agnes befüllte daraufhin die beiden Tassen, und bald darauf stieg das Aroma von Waldfrüchten in ihre Nase. Vorsichtig nahm sie eine Tasse, setzte diese an die Lippen der Patientin und flößte ihr den Tee langsam ein. Anschließend stellte sie die Tasse auf den Tisch, der neben dem Bett stand, nahm einen Stuhl und setzte sich.

Erneut liefen Tränen über das Gesicht der Patientin.

Vorsichtig nahm Agnes deren Hand und strich beruhigend mit dem Daumen über den Handrücken. »Es ist alles in Ordnung, Sie müssen nicht weinen«, sagte sie sanft.

»Ach wissen Sie, das ist das erste Mal seit Langem, dass ich so viel Aufmerksamkeit von jemandem bekomme«, antwortete Frau Kaufmann.

Agnes nickte verständnisvoll. Sie wusste, wie oft die Dame schon hier gewesen war. »Wohnt Ihre Familie weit weg? Es hat Sie noch niemand besucht!«

Ein bitteres Lachen kam als Antwort. »Das letzte Mal, als wir uns sahen, war bei der Beisetzung meines Mannes. Die war vor fünf Jahren!«

»Nicht mal zu Weihnachten?«, fragte die Schwester nach, woraufhin Frau Kaufmann nur den Kopf schüttelte. »Aber warum das denn?«

»Die haben ihr eigenes Leben, in dem ich keinen Platz mehr habe. Es ist zu anstrengend, hierher zu kommen, und ich kann in meinem Zustand keine großen Reisen mehr unternehmen. Jetzt sowieso nicht.«

»Aber Ihre Kinder …«, setzte Agnes an und besann sich dann eines Besseren. Ihr letzter Besuch bei ihren Eltern lag auch schon länger zurück. Klar, sie hatte sich sporadisch gemeldet, aber das war es auch.

»Ja? Was wollen Sie sagen?«, fragte Frau Kaufmann.

»Ach, schon gut. Erzählen Sie mir doch etwas von sich!«, bat sie die Patientin, um das peinliche Schweigen zu beenden.

»Ich soll etwas erzählen? Von mir? Wie kommen Sie jetzt darauf?«

»Nun, ich habe Sie schon oft genug hier gesehen und bin von Natur aus neugierig«, erwiderte Agnes mit einem warmen Lächeln.

Und so erzählte Ilse Kaufmann ihre Lebensgeschichte: Wie sie als junges Mädchen mit ihrer Familie aus Oberschlesien floh und bei dieser Flucht ihren zukünftigen Mann Herbert kennenlernte. Nach Ende des Krieges halfen sie beim Wiederaufbau und heirateten. Bald darauf fanden sie auch wieder Arbeit, Herbert als Bauschlosser und Ilse als Sekretärin in einem großen Unternehmen. Bernd und Katja, ihre beiden Kinder, kamen während des Wirtschaftswunders zur Welt. Somit war es Ilse möglich, ihre Arbeit ruhen zu lassen und sich der Erziehung zu widmen. Den Ruhestand genossen sie und ihr Mann gemeinsam und unternahmen viele Reisen. Sei es eine Wanderung durch die Alpen, eine Motorradtour durch Europa oder eine kleine Kreuzfahrt im Mittelmeer. Trotz aller Höhen und Tiefen waren sie glücklich verheiratet und hielten zusammen, auch, als bei Herbert Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt wurde. Mit dieser Diagnose konnten keine Reisen mehr unternommen werden, und Ilse bemühte sich, ihren Mann so gut es ging zu hegen und zu pflegen, ehe er verstarb.

Agnes beneidete die ältere Dame um die glückliche Ehe und schämte sich sofort dafür. Es war einfach nicht richtig, immerhin litt ihr Gegenüber unter dem Verlust ihres Ehemannes.

»Und Sie, mein Kind? Nun sind Sie dran, immerhin möchte ich nun meinerseits wissen, mit wem ich es zu tun habe. Vor allem möchte ich wissen, was so ein junges Ding wie Sie dazu bewegt, an den Feiertagen im Krankenhaus zu arbeiten.«

Nun war es an Agnes, ihre Geschichte zu erzählen. Als sie erklären wollte, warum sie Weihnachten nicht bei ihrer Familie verbrachte, geriet sie ins Stocken. »Ich habe mich von meinem Freund getrennt. Deswegen bin ich dieses Jahr auch hier. Ich wollte der Frage ausweichen, warum Thomas nicht dabei ist. Das hätte nur die Stimmung versaut«, brachte sie hervor.

»Gab es einen Grund für die Trennung?«

Agnes konnte nur mit den Schultern zucken. »Nein, nicht direkt. Aber ich fühlte mich irgendwie eingeengt. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich erst mal etwas Ruhe und Abstand von ihm brauche.«

»Und, wie hat er es aufgefasst?«

»Er zeigte sich verständnisvoll und meinte, er sei trotz allem noch da, wenn ich ihn bräuchte. Aber …«

»Aber?«

Agnes seufzte schwer. Ja, das altbekannte Aber. Es war genauso wie mit dem Wort eigentlich. Eigentlich wollte sie Ruhe und Abstand, aber sie hätte sich über die eine oder andere Nachricht von Thomas gefreut. So kam es ihr vor, als ob es nur eine hohle Phrase sei, die er verwendet hatte. Ilse sagte nichts mehr, denn sie verstand, was Agnes sagen wollte. Eine Zeit lang saßen beide schweigend da, jede mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

»Es ist lange her, dass ich mich so gut mit jemandem unterhalten habe«, brach Ilse das Schweigen.

Agnes nickte nur stumm.

»Darf ich noch einen Wunsch äußern?«

»Aber natürlich doch.«

»Sollte etwas passieren, hol mich bitte nicht mehr zurück.«

Agnes fuhr auf. »Sagen Sie doch so etwas nicht! Sie sind doch auf dem Wege der Besserung!«

Ilse lachte schwach. »Du hast noch viel zu lernen, mein Kind. Mit dem Alter weiß man gewisse Dinge einzuschätzen. Mir geht es ehrlich gesagt nicht gut. Mich würde es wundern, wenn ich hier überhaupt noch rauskomme. Ich bin sehr schwach.«

»Aber … Aber …« Händeringend suchte Agnes nach Gegenargumenten.

Ilse drückte ihre Hand. »Es ist schon in Ordnung. Wenn es soweit ist, dann soll es so sein. Ich möchte nicht mehr in diese Welt zurückgeholt werden und wieder in diesem kalten, sterilen Raum aufwachen. Weißt du, was das Schlimmste am Älterwerden ist?«

Agnes schüttelte den Kopf.

»Man verpasst immer mehr. Zuerst verliert man seine Kraft, dann die Kontrolle über seinen Körper und am Ende seine Gesundheit. Ich würde gerne noch mal einen Blick über die Alpentäler werfen oder an der Adria spazieren gehen, aber das schaffe ich nicht mehr. Stattdessen liege ich hier, angeschlossen an diese Maschinen und warte auf das Ende. Es kümmert sich niemand um mich, und ebenso interessiert es niemanden, dass ich öfter im Krankenhaus bin als zu Hause. Ich habe mich immer über den Frühling gefreut. Wenn es warm wurde und alles blühte, bin ich oft spazieren gegangen. Das hat mich immer gefreut und half mir auch, Herberts Tod zu verkraften. Aber jetzt? Ich weiß nicht mehr, wie lange ich keinen Frühling mehr erlebt habe. Ich bin einfach nur müde. Die täglichen Schmerzen und Probleme kosten mich zu viel Kraft, um weiterzumachen. Lange habe ich mich gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe und dafür büßen muss. Aber vermutlich ist so der Lauf des Lebens. Und wie gesagt, ich habe mich lange nicht mehr so gut unterhalten wie heute. Ich könnte einfach entschlafen und wäre glücklich. Also, versprichst du mir, dafür zu sorgen, dass ich nicht zurückgeholt werde?«

Agnes biss sich auf die Unterlippe. Sie konnte Ilse sehr gut verstehen, aber sie musste auch an ihre Arbeit und die damit verbundenen moralischen Bindungen denken. Sie würde sehr viel Ärger bekommen, wenn jemand davon erführe. Dennoch nickte sie.

Ein Lächeln breitete sich auf Ilses Gesicht aus und glättete die Falten um ihren Mund.

»Danke!«, murmelte sie und schloss die Augen.

Agnes wartete, bis Ilse eingeschlafen war, räumte leise das Geschirr weg, kehrte zur alten Dame zurück und ergriff wieder deren Hand. Lange saß sie auf ihrem Stuhl und sinnierte über die vergangenen Stunden. Besonders die Beziehung von Ilse und Herbert brachte sie zum Nachdenken. Sie erkannte, dass es vielleicht falsch war, auf Thomas zu warten. Vielleicht sollte sie den ersten Schritt wagen. Sie würde ihn noch vorm Jahreswechsel anrufen.

Ein schrilles Klingeln riss Agnes aus ihren Gedanken. Sie warf einen schnellen Blick auf den Monitor. Die Anzeige blinkte hektisch. Einen Moment zögerte Agnes noch, ehe sie den Stromstecker des Gerätes herauszog. Versprochen ist versprochen, dachte sie mit einem traurigen Lächeln. Stumme Tränen liefen über ihr Gesicht. Agnes murmelte ein letztes Lebewohl, ehe sie aufstand, um einen Geräteausfall zu protokollieren, der den Alarm unterdrückt hatte.

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