Zwischen Liebe und Hass

Am kommenden Montag saß ich wieder zwischen meinen Mitschülern in der Schule. Ich hatte den Unterricht weniger langweilig in Erinnerung, als er leider in Wirklichkeit war. Besonders fiel mir das in Physik auf.
Kaum hatte ich Platz genommen, da kam Mrs. Lind herein und überprüfte mit krächzender Stimme die Anwesenheit. Sie war eine kleine Frau von 1.50m mit ergrauten schulterlangen Haaren und einer grässlichen roten Brille. Wie jeden Tag trug sie einen Wollpullover, den sie, nach eigener Aussage, selbst gestrickt hatte, wie all ihre Exemplare. Nachdem sie fertig war, begann sie gleich Formeln an die Tafel zu kritzeln und von Magnetfeldern zu reden. Ich schrieb alles brav mit und versuchte dem Unterricht zu folgen.
Dies fiel mir jedoch schwer, da Zack, der neben mir saß, mich ständig anstubste und mich fragte, ob ich den Pulli von Mrs. Lind ebenfalls schrecklich finden würde und welchen ich aus ihrer Sammlung am Schlimmsten fand. Jedes Mal, wenn er mich ansprach, bedachte ich ihn mit einem strengen Blick, worauf er sich stumm abwandte und nach vorne schaute. Irgendwann gab er es endgültig auf mit mir ein Gespräch zu führen und verhielt sich ruhig.
Doch seit er mich gefragt hatte, ging ich die letzten Wochen in meinem Kopf zurück und versuchte mich angestrengt daran zu erinnern, welche Pullis unsere Physiklehrerin getragen hatte.
Mir fielen ein Rostbrauner, ein bunt Gestreifter, ein Orangefarbener mit Bommeln am Saum und ein Neongelber ein. Einer war grässlicher, als der Andere. Bei diesen Gedanken schüttelte ich mich. Wie konnte man solche Pullover stricken, geschweige denn anziehen?
Kein Wunder, dass sich alle Schüler hinter ihrem Rücken über sie lustig machten.
Die restliche Stunde dachte ich weiter über Mrs. Lind nach. Als ich nach dem Klingeln die vielen Rechnungen an der Tafel entdeckte, die ich weder aufgeschrieben, noch verstanden hatte, verfluchte ich mich, aber auch Zack, weil er es geschafft hatte mich abzulenken. Ich schnappte mir meinem Rucksack und folgte den anderen aus dem Klassenzimmer zur Cafeteria. Als ich Zack wenige Meter vor mir sah, eilte ich an seine Seite und schnipste ihm gegen den Nacken.
„Aua.“ Mit der rechten Hand rieb er sich die schmerzende Stelle.
„Warum hast du das gemacht?“
„Weil du mich abgelenkt hast mit deinen ewigen Bemerkungen über Mrs. Linds Pullover. Ich wollte aufpassen. Ich hab eh schon viel verpasst, da ich letzte Woche nicht da war.“
Zack setzte ein schiefes Grinsen auf und legte freundschaftlich einen Arm um meine Schultern.
„Ach, keine Panik, Holly. Ich gebe dir meine Aufzeichnungen und erkläre dir alles.“ Ich war dankbar für sein Angebot, es war jedoch fraglich, ob ich den verpassten Schulstoff bald aufholen konnte.
Mit zig anderen Schülern betraten wir die bereits gut gefüllte Cafeteria. Während sich Zack ein Stück Pizza und Salat holte, nahm ich mir eine Flasche Wasser. Ich hatte keinen Hunger. Wie üblich setzten wir uns an den Tisch, wo Vanessa, Mitch, Mikaela und Sebastian saßen.
Zack setzte sich neben Sebastian. Der einzige freie Platz war neben dem Pärchen. Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als mich auf den Plastikstuhl neben sie zu setzen.
Die Beiden hatten, wie immer, nur Augen füreinander und beachteten mich keine Sekunde. Selbst, als ich gegen den Tisch stieß, sahen sie nicht auf. Vanessa guckte mich an und lächelte aufmunternd.
Auch ihr hatte ich, wie Linda, alles erzählt, als ich sie am Sonntag endlich telefonisch erreicht hatte. Sie hatte mir aufmerksam zugehört und mir dann gebeichtet, dass es ihr ebenfalls einige Tagen nach dieser Nacht schlecht gegangen war. Nach dem Telefonat war ich beruhigt gewesen. Ich war also nicht die Einzige, an der die Ereignisse nicht spurlos vorbeigegangen waren. Ich fand es noch immer komisch, dass Linda all das nichts ausgemacht hatte. Sie war abgebrühter, als gedacht. Mitchs Stimme unterbrach meine Gedanken.
„Du bist ja wieder da. Was hattest du denn?“ Mit den Händen klemmte er sich seine langen Haare hinter die Ohren. Sein Mund war durch die ständige Knutscherei leicht gerötet. Es sah aus, als ob er Lippenstift tragen würde. Wie lächerlich.
„Ich hatte eine Erkältung“, antwortete ich und war verblüfft, dass ihm meine Abwesenheit vergangene Woche aufgefallen war. Schließlich hatten wir, außer in den Mittagspausen, nicht viel miteinander zu tun.
„Aha“, meinte er nur und beschäftigte sich wieder mit seiner Freundin.
Und so schnell wie unsere Unterhaltung begonnen hatte, war sie auch schon vorbei. Ich beobachtete die Beiden, wie sie sich eng umschlungen einen Stuhl teilten und sich verliebt in die Augen sahen. Ihr Anblick war lästig und unangenehm, daran änderte die Tatsache, dass ich selbst verliebt war, absolut nichts.
Als ich erneut an James dachte, flatterte mein Herz. Ich nahm mir vor ihn sofort nach der Schule anzurufen. Die Vorfreude seine Stimme zu hören ließ mich den restlichen Schultag durchhalten.

Ich war auf dem Weg nach Hause. Mir war erst spät der Gedanke gekommen, dass ich James vor der Autofahrt hätte anrufen können, aber jetzt war es zu spät. Hibbelig wackelte ich auf meinem Sitz herum. Ich war kurz davor ihn anzurufen, aber dann trat meine Sicherheit doch in den Vordergrund und ich ließ das Handy auf dem Beifahrersitz liegen.
Andauernd wanderte mein Blick herüber und ich musste mich zusammenreißen, damit ich mich nicht während der Fahrt auf mein Telefon stürzte. Den gesamten Weg fuhr ich mit erhöhter Geschwindigkeit, damit ich so schnell wie möglich nach Hause kam. Ich überfuhr sogar eine rote Ampel.
Nach einer halben Stunde bog ich in unsere Straße ein und parkte vor dem Haus.
Ich schnappte mir mein Handy und wählte die Nummer von James. Nach quälenden Minuten nahm er endlich ab.
„Hallo?“ Ich verspürte ein Glücksgefühl.
„Hi, hier ist Holly.“
„Oh, hi. Warum rufst du an?“ Er klang hektisch.
„Wenn du keine Zeit hast, dann kann ich auch später noch mal anrufen“, schlug ich ihm vor.
„Ich habe wirklich keine Zeit, aber wie wäre es, wenn wir uns heute Abend treffen? Um sieben Uhr?“
„Okay“, brachte ich glücklich hervor.
„Ich könnte dich zu Hause abholen.“
Ich überlegte nicht lange und gab ihm meine Adresse. Ich wollte ihm sagen, wie sehr ich mich freute, doch er hatte aufgelegt. Es war nur noch das Freizeichen am Ende der Leitung zu hören. Perplex schob ich das Handy in die Hosentasche und stieg aus. Der Mercedes meines Dads war, wie erwartet, nicht da. Ich ging ins Haus. Da ich in der Schule nichts gegessen hatte, knurrte mein Magen laut und verlangte nach Nahrung.
Aus dem Kühlschrank holte ich die Reste der Gemüsesuppe, die vom gestrigen Abendessen übrig geblieben waren. Ich stellte den Topf auf den Herd.
Während die Suppe vor sich hin köchelte, stieg ich in eine graue bequeme Jogginghose und zog mir ein T-Shirt an. Dann schlenderte ich nach unten in die Küche, kippte die Suppe in einen tiefen Teller und setzte mich an den Tisch. Mein Bauch tat vor Hunger weh.
Ohne nachzudenken, schlang ich die Suppe eifrig herunter. Dabei verbrannte ich mir die Lippen und die Zunge. Die heiße Suppe floss brennend meine Speiseröhre hinab und ich bekam einen starken Hustenanfall. Das Blut schoss mir in den Kopf und meine Kehle brannte wie Feuer.
Ich ging ans Fenster, riss es auf und atmete die kühle Luft ein.
Der Husten ließ nach, doch meine Lippen und meine Zunge schmerzen noch immer. Schlecht gelaunt ließ ich die Suppe stehen und ging nach oben. Eigentlich musste ich noch Hausaufgaben machen, aber ich machte mich lieber für meine Verabredung fertig.
Ich war bereits jetzt schon aufgeregt. Zuerst duschte ich, wobei ich mir gründlich meine Beine rasierte und mir eine große Menge Shampoo auf die langen Haare kippte. Danach wickelte ich mir ein langes Handtuch um den Körper und stand ratlos vor dem Kleiderschrank.
Ich wusste nicht, was James mit mir vorhatte. Also, sollte ich etwas Bequemes, Feines oder doch lieber eine Mischung aus Beidem anziehen? Nach ewigem hin und her entschied ich mich letztendlich für ein feines Outfit.
Vorsichtig streifte ich mir ein trägerloses blassrosanes Kleid über, welches ich letzten Monat in einem kleinen Laden in der Innenstadt gekauft hatte. Es ging mir fast bis zu den Knien. Der untere Teil bestand aus Tüll und gab dem Kleid ein feen- und mädchenhaftes Aussehen. Mir gefiel es sehr, da es mehr Bein zeigte. Perfekt für diesen Abend. Vor dem Spiegel drehte ich mich im Kreis und betrachtete mich von allen Seiten.
Das Schrillen der Türglocke ließ mich aufschrecken. War es wirklich schon 19.00 Uhr? Ich eilte nach unten. Meine Eltern waren nicht zu Hause. Damit sie sich keine Sorgen machten, schrieb ich ihnen einen Zettel, der sie wissen ließ, dass ich eine Verabredung hatte. Ich heftete ihn mit einem kreisförmigen Magnet an den Kühlschrank. Erneut ertönte die Klingel.
Ich hastete in den Flur. Dort machte meine rechte Hüfte jedoch schmerzhafte Bekanntschaft mit einer weißen Kommode. Laut fluchte ich. Trotz eines übergreifenden Schmerzes in der rechten Körperhälfte ging ich mit gebückter Haltung zur Tür und öffnete sie.
Lässig stand James vor mir, gehüllt in einen edlen schwarzen Anzug und einem dunkelblauen Hemd.
Wieso trug er immer schwarz? Mochte er keine anderen Farben?
Er sah mein schmerzverzerrtes Gesicht, als er ins Haus trat.
„Was ist passiert?“
„Ich hab mich bloß an der Kommode da vorne gestoßen. Es tut nicht sehr weh. Bestimmt geht es mir gleich besser.“ Es passte mir gar nicht, dass James mich nicht mit strahlendem Gesicht sah, sondern halbgebückt und vom Schmerz gezeichnet.
Dennoch lächelte ich, damit er mich nicht mehr mitleidig ansah.
„Bist du dir sicher, dass es dir bald besser geht?“ Sorgenvoll musterte er mich. Warum machte sich jeder ständig Sorgen um mich? Erst meine Eltern und jetzt er.
Ich nickte und richtete mich auf, um ihm meine Genesung zu demonstrieren. Für eine Sekunde verzog sich mein Lächeln vor Schmerz, doch schnell hatte ich mich wieder unter Kontrolle. Zu meinem Pech hatte James es bemerkt, denn er bedachte mich mit einem argwöhnischen Blick.
„Ich denke nicht, dass es dir gut geht“, sagte er ernst. „Wir müssen nicht ausgehen, wir können auch hier bleiben.“
Mir gefiel der Gedanke, dass meine Eltern uns zusammen in meinem Zimmer entdeckten, ganz und gar nicht. Mein Dad mochte keine Jungen, die möglicherweise sexuelles Interesse an mir hatten. Meine Mom dagegen redete liebend gern über das Thema Männer, aber ich vermutete dahinter eigennützige Absichten.
Vermutlich wollte sie bloß sichergehen, dass ich noch Jungfrau war. Ich wusste nicht, für was für eine Art Mädchen sie mich hielt, doch ich war noch Jungfrau und ich hatte nicht vor, dass in nächster Zeit zu ändern.
Ich wollte nicht, dass sie James vergraulten, daher musste ich dafür sorgen, dass er das Haus verließ. Wortlos zog ich mir eine dünne weiße Strickjacke über und verließ das Haus.
„Wo willst du hin?“, brüllte er mir hinterher. Ich ging weiter. Hinter mir hörte ich, wie er die Tür zuknallte und mir folgte.
„Kannst du vielleicht mal für eine Minute stehen bleiben und mir verraten, wo du hingehst?“ Da er ziemlich wütend klang, blieb ich abrupt stehen. James tauchte neben mir auf und schnaubte. Ich schaute in sein zorniges Gesicht.
„Ich will ausgehen. Ich habe keine Lust zu Hause zu hocken. Meine Hüfte tut auch nicht mehr weh. Wirklich.“ Das stimmte sogar. Meine Hüfte pochte nur noch leicht.
„Das hättest du mir auch ruhig sagen können. Aber nein, du gehst gemütlich, ohne ein Wort hinaus und lässt mich stehen.“
„Tut mir ja leid, aber ich wollte dir zeigen, dass ich wohl in der Lage bin mit dir wegzugehen.“ Er schüttelte über meine Sturheit nur den Kopf. Seine Miene war ausdruckslos. Ich ging weiter, bis mich James´ Stimme wieder bremste.
„Du willst also allen Ernstes zu Fuß gehen und dabei weißt du noch nicht einmal wohin?“
Ich hätte mich für meine Dummheit schlagen können. Er hatte Recht, doch das ließ ich ihn nicht spüren. Ich drehte mich um.
„Sich bewegen ist äußerst gesund, vor allem an der frischen Luft.“ Hoffentlich kaufte er mir diese Ausrede ab. Das erste Mal, an diesem Abend, lächelte er, bevor er in schallendes Gelächter ausbrach.
Beleidigt verschränkte ich die Arme vor der Brust. Natürlich hatte er mich durchschaut. Vor ihm konnte ich nichts verheimlichen.
„Sorry, aber du musst zugeben, dass deine Aussage lächerlich ist“, brachte er mühsam zwischen zwei Lachern hervor.
Ich teilte seine Meinung nicht. Dennoch beschloss ich ihm nicht böse zu sein, schließlich war ich diejenige gewesen, die einfach losgegangen war.
Nah trat ich an ihn heran und schlang meine Arme um seine Taille. James hatte aufgehört zu lachen. Die Stille in der Straße wurde umso deutlicher. Um diese Uhrzeit war nichts mehr los, da die Familien gemeinsam beim Abendessen saßen. Bei dem Gedanken hoffte ich, dass meine Eltern nicht sauer werden würden, weil ich nicht mit ihnen aß, sondern mit einem Jungen unterwegs war.
Derweil legte James einen Arm um mich und bugsierte mich in die entgegengesetzte Richtung. Wir standen einige Meter mit dem Rücken zu meinem Haus gewandt, als ich am Straßenrand ein Motorrad entdeckte. Es sah schwer und schnell aus. Der Schriftzug an der Karosserie zeichnete es als eine Suzuki aus.
„Ist das deins?“, fragte ich ihn, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
„Ja, das ist eine Suzuki Bandit 650“, verkündete James stolz. Die Maschine war pechschwarz.
„Schwarz ist wohl deine Lieblingsfarbe.“
„Schon möglich“, flötete er fröhlich. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Die Schönheit dieses Motorrads raubte mir den Atem.
„Willst du dir das Motorrad weiter ansehen oder können wir los?“
Ich war begeistert von schnellen Motorrädern, eher von ihrem Äußeren, aber dass ich auf einem solchen Ding sitzen und auch noch damit fahren sollte, machte mir Angst.
„Was ziehst du denn für ein Gesicht?“, fragte James.
Natürlich hatte er mein Zögern bemerkt.
„Ich habe ein bisschen Angst und gesunden Respekt vor dem schnellen Motorrad“, gab ich kleinlaut zu und trat von der Maschine weg.
„Eben sprühten deine Augen noch vor Begeisterung und jetzt willst du kneifen?“
Unsicher kaute ich an meinen Fingernägeln und betrachtete eingehend das Motorrad. Ich fürchtete mich noch immer, doch erstens wollte ich nicht hier bleiben und zweitens wollte ich nicht als Feigling dastehen. Ich musste wohl oder übel mitfahren.
„Ich kneife nicht. Von mir aus können wir los.“
Entschlossen stemmte ich die Hände in die Hüften. Ich versuchte mutig zu wirken, aber meine zittrigen Knie machten mir einen Strich durch die Rechnung. James hatte seinen Blick auf sie gerichtet. Er wusste, dass ich log. Er ging aber nicht darauf ein, sondern schlenderte zu seinem Motorrad. Mit einem Helm unterm Arm und mit einem in der Hand kam er zurück.
„Hier, den wirst du brauchen.“
Er drückte mir den schweren, unhandlichen Helm in die Hand. Mein Herz rutschte mir in die Hose. Jetzt wurde es langsam ernst.
„Ich will ja nicht, dass dir etwas passiert.“
James gab mir einen Kuss auf die Nasenspitze. Dieser Satz beruhigte mich nicht, im Gegenteil, er zeigte mir die Gefahren auf, die gleich auf mich zukommen würden. Gefahren, die mich schwer bis tödlich verletzen konnten.
Derweil zog James seinen eigenen Helm über den Kopf und schwang sich galant aufs Motorrad.
Respektvoll und ehrfürchtig stellte ich mich daneben. Mir war die bevorstehende Fahrt nicht geheurer. Ich drehte den Helm in meinen Händen, sodass die Öffnung nach oben zeigte. Skeptisch betrachtete ich die enge Öffnung. Da sollte mein Kopf reinpassen?
Vorsichtig setzte ich den Helm auf den Kopf und schob ihn grob nach unten. Meine Sicht verdunkelte sich und ich konnte bereits jetzt nicht mehr gut atmen. Mir wurde heiß. Am Liebsten hätte ich ihn mir gleich wieder vom Kopf gerissen, aber ich hatte schließlich keine andere Wahl, als ihn anzulassen. Ohne ihn würde mich James bestimmt nicht mitnehmen und außerdem wäre ich dann komplett ungeschützt.
Mit einigen Problemen versuchte ich auf die Maschine zu klettern. Ständig rutschte ich herunter, da ich nicht genug Schwung hatte. Erst, als James mit einem Arm nach hinten griff und mich mit Leichtigkeit hochzog, saß ich endlich richtig drauf. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, als er den Motor startete und dieser heftig unter mir vibrierte. Mit einem Fingerzeig symbolisierte er mir, dass ich mich an ihm festhalten sollte. Ich nickte und klammerte mich an ihm fest.
Liebend gern spürte ich seine warme Haut auf meiner. Ich bohrte meine Finger in seine Hüften. Ihn schien es nicht zu stören. Meine Hände waren schwitzig und meine Knie schlotterten. Langsam fuhr James vom Straßenrand auf die Straße. Der Wind ließ meine Haare nach hinten flattern. Meine Beine froren. Ich hatte total vergessen, dass ich bloß ein dünnes kurzes Kleid trug, aber jetzt war es zu spät. Ich konnte James ja nicht sagen, dass er umdrehen sollte, damit ich mich umziehen konnte.
Nach einigen Minuten gefiel mir zu meiner Überraschung die Fahrt. Die Lichter der Häuser und Laternen flackerten wie Blitze an uns vorbei. Ich fühlte mich befreit und glaubte zu schweben. Dies änderte sich schlagartig, als James immer mehr Gas gab und das Motorrad ständig beschleunigte. Ich bezweifelte, dass er sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeitsbegrenzung hielt.
Die Umgebung verschwamm vor meinen Augen und ich konnte nichts mehr erkennen. Ich verlor jegliches Zeitgefühl. Ich wusste nicht, wie lange wir unterwegs waren und wo wir waren, als er stark abbremste und ich gegen ihn stieß. Sogleich zog ich den verdammten Helm aus. Mit weichen Knien glitt ich vom Motorrad herunter. Als meine Füße den Bürgersteig berührten, knickte ich weg. Wenn James nicht so gute und übermenschliche Reflexe besessen und mich nicht gestützt hätte, dann hätte ich jetzt auf dem Boden gelegen. Meine Beine waren nach zwei Minuten wieder zum Gehen bereit, doch er hielt mich noch immer fest.
„Die Fahrt war wohl zu aufregend für dich.“
„Ich fand sie eigentlich ganz angenehm, bis zu dem Punkt, an dem du beschleunigt hast und wie ein Wahnsinniger durch die Straßen gerast bist.“
„Mit solch einem Motorrad muss man schnell fahren, sonst macht es gar keinen Spaß. Man lebt nur einmal.“ Er versuchte eine gerechtfertigte Begründung zu finden. Dennoch schenkte er mir einen entschuldigenden Blick.
„Wenn du weiterhin so schnell fährst, ist dein Leben bald vorbei und meins übrigens auch, wenn ich hinter dir sitze.“
„Ich werde versuchen mich in Zukunft zu bessern.“
„Na hoffentlich.“ Ich schaute mich um.
„Wo sind wir eigentlich?“
„Wir sind außerhalb der Stadt. Hier gibt es das beste Restaurant weit und breit. Es wird dir gefallen.“
James nahm meine Hand und gemeinsam gingen wir weiter. Ich hielt Ausschau nach einem Gebäude, in dem sich das Restaurant befinden könnte, doch ich sah nur hohe Bäume.
„Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?“ Er verdrehte die Augen.
„Ja, bin ich.“
Und als wir um die nächste Ecke bogen, kam, umsäumt von Ulmen und Kiefern, ein kleines Haus zum Vorschein. Es war so gut versteckt, das man es von der Straße aus nicht sehen konnte. Ich fragte mich, ob andere Leute das Restaurant bei dieser miserablen Lage fanden.
Das Haus wurde von Laternen an der Hauswand beleuchtet. Der Weg, der aus großen glatten Steinen bestand, war mit kleinen Lämpchen im Boden gesäumt. Die Fassade war weiß und das Dach hatte rote Schindeln. Es machte einen gemütlichen und romantischen Eindruck. Wir gingen den Weg entlang. Da es bereits dunkel war, leuchteten die Lämpchen noch intensiver und wiesen uns den Weg.
Beim Hineingehen hielt mir James charmant die Tür auf und ließ mir den Vortritt. Ich blieb in der Eingangshalle stehen, während er mit einem stämmigen und großen Kellner sprach.
Die Wände waren mit einer Holzvertäfelung verkleidet. An ihnen hingen Bilder mit Naturmotiven, unter anderem eine Waldlandschaft und ein Kornfeld. James kam zu mir und der Kellner führte uns an vielen Tischen vorbei zu unserem Platz. Die Atmosphäre, die ich bereits draußen wahrgenommen hatte, ließ sich ohne Ausnahme auf den Innenraum übertragen.
Der Boden war aus dunklem Holz, genauso, wie die Stühle. Der Rest der Einrichtung und die Wände waren in hellen und warmen Braun- oder Gelbtönen gehalten. Unser Platz war an einem hohen Fenster. Draußen lugte der Mond hinter den Baumwipfeln hervor. Die Bäume, die Büsche und die Blumen wiegten sich im Wind hin und her.
Es standen überraschend viele Tische im Raum, obwohl man von außen glaubte, dass eine solche Anzahl nicht in das kleine Haus passte. Einige waren besetzt von Paaren, wie uns. Aber waren wir überhaupt ein Paar? Diese Frage musste ich unbedingt mit ihm klären. Vielleicht war der heutige Abend dafür der richtige Anlass.
Die Stimmen der anderen Gäste drangen wie Brummen an mein Ohr. Es klang wie Bienen in einem Bienenstock. Der Kellner, der uns an den Tisch geführt hatte, bahnte sich einen Weg durch die Tischreihen und reichte uns die in grünem Leder eingebundenen Speisekarten. Gleichzeitig fragte er nach unserer Getränkewahl. Ich bestellte eine Cola, James ein Wasser.
„Und gefällt es dir?“, fragte er, nachdem der Kellner unseren Tisch verlassen hatte.
„Ich finde es traumhaft schön“, meinte ich ehrlich und schlug die Speisekarte auf.
Als ich jedoch die Preise sah, weiteten sich meine Augen und mir klappte die Kinnlade herunter. Ich sah vermutlich wie eine Idiotin aus. Alle Gerichte waren unglaublich teuer, selbst ein einfacher gemischter Salat kostete sage und schreibe 26$.
Bei solchen Preisen fragte ich mich, warum das Restaurant gut gefüllt war und noch nicht pleite gemacht hatte. Vielleicht lebten hier mehr reiche Leute, als gedacht oder sie lebten in der Umgebung und fuhren extra zum Essen hierher. Ich traute mich nicht nachzuschauen, wie viel meine bestellte Cola kostete. Entsetzt klappte ich die Karte zu.
„Stimmt was nicht?“ James hatte von seiner Karte aufgesehen und mich beobachtet. Ich wurde rot. Ich mochte es einfach nicht, wenn er mich anstarrte.
„Die Preise sind hier ziemlich hoch“, flüsterte ich über den Tisch, damit die Mitarbeiter meine Beschwerde nicht mitbekamen.
„Ich gebe zu, dass die Preise nicht ohne sind, aber das Essen ist es allemal wert. Außerdem brauchst du dir keine Gedanken zu machen, ich bezahle für dich, schließlich habe ich dich eingeladen. Such dir ohne schlechtes Gewissen das aus, was du möchtest.“
Beruhigend lächelte er mich an und widmete sich dann wieder seiner Karte. Mit einem mulmigen Gefühl schlug ich erneut die Karte auf und versuchte, trotz seines Angebotes, ein preiswerteres Gericht zu wählen.
Als uns der Kellner die Getränke brachte und uns nach unserer Essensbestellung fragte, entschied ich mich für Hähnchenbrustfilet in einer Sahnesoße mit glasierten Möhren und Pilzrisotto für unglaubliche 95$. Er wählte Hummer. Ich wusste nicht, wie viel sein Essen kostete, doch es klang teuer. Auf einmal nahm James meine Hand, die auf dem Tisch lag, und streichelte sie.
„Du siehst wunderschön aus.“ Verlegen beobachtete ich die Bewegungen seiner Hand.
„Ist es dir unangenehm, wenn ich dir Komplimente mache?“ Meine Ohren wurden heiß und mein Herz pochte laut gegen meine Brust.
„Nein, aber ich bin es nicht gewohnt.“
„Dann sollte ich besser damit weiter machen, denn ich finde es niedlich, wenn du verlegen bist und rot wirst.“ Tief schaute James mir in die Augen.
Wieso in aller Welt mochte er meine Verlegenheit? Mir war sie peinlich und sie tauchte im ungünstigsten Moment auf. Ich wollte die Aufmerksamkeit von mir lenken, daher fragte ich ihn nach seiner Arbeit. Eine der wenigen Informationen, die ich über ihn hatte.
„Was transportierst du eigentlich als Kurier?“ Die Frage kam für James so plötzlich, dass er ruckartig meine Hand losließ. Hoffentlich war ich ihm nicht wieder zu nahe getreten. Ich hatte keine Lust auf eine frostige Atmosphäre zwischen uns, wie im Park. Ich konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn zu rattern begann.
„Hauptsächlich Eilpakete für Firmen und Geschäfte.“ Er nahm erneut meine Hand. Ich ergriff die Chance, die sich mir bot und fragte weiter nach. Wer weiß, wann er wieder meine Fragen ohne große Aufregung beantworten würde. James erzählte mir, dass er seit einem halben Jahr für einen ansässigen Kurierdienst in Schichten arbeitete.
Während unserer Unterhaltung kam das Essen. Es schmeckte ausgezeichnet, doch meiner Meinung nach hätte es für 95$ ruhig mehr sein können. Derweil kamen immer mehr Gäste, die die leeren Plätze füllten. Die Atmosphäre war angenehm und die Luft war schwül. Schnell war mein Glas mit Cola leer gewesen und ich hatte ein Neues bestellen müssen.
„Und wo wohnst du?“, fragte ich ihn weiter aus.
„Ich wohne seit zwei Jahren etwas außerhalb der Innenstadt in meiner eigenen Wohnung.“
„Warum bist du schon mit 16 ausgezogen? Hattest du Probleme mit deinen Eltern?“ Ich konnte mir nicht vorstellen jetzt auszuziehen und völlig auf mich allein gestellt zu sein.
Nach meiner Frage wurde James´ Blick traurig und schmerzerfüllt. Ich biss mir auf die Lippe. Ich hatte das arge Gefühl, dass ich diese Frage nicht hätte stellen sollen.
„Meine Eltern sind vor vielen Jahren gestorben.“
Ich schluckte schwer und meine Augen wurden feucht. Am Liebsten hätte ich die Zeit zurückgedreht und diese Frage niemals ausgesprochen, aber es ließ sich nun mal nicht mehr ändern. James schüttelte den Kopf, als ob er dadurch die Gedanken an den Tod seiner Eltern verscheuchen wollte. Er brachte ein trauriges Lächeln zu Stande.
„Tut mir leid“, sagte ich und tupfte mir mit meiner Servierte über meine nassen Augen.
„Ist nicht schlimm, du konntest es ja nicht wissen.“
Ich bewunderte ihn, weil er sich im Gegensatz zu mir zusammenreißen konnte. Es waren nicht mal meine Eltern. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie ich mich fühlen würde, wenn meine Eltern starben. Ich wollte gar nicht daran denken.
Wir saßen noch eine Weile im Restaurant, wobei James mir wie üblich Fragen stellte, anstatt selber welche zu beantworten. Ich konnte mir nicht genau erklären, warum er kaum etwas über sein Leben preisgab, doch hinter der unnahbaren Fassade vermutete ich eine traurige Lebensgeschichte. Dass würde zumindest seine Begeisterung für mein geordnetes und langweiliges Leben erklären. Irgendwann würde ich schon dahinterkommen.
Nach drei Stunden verlangte James die Rechnung. Mir war nicht wohl dabei, dass er alles bezahlte, vor allem, da ich keine Ahnung hatte, was er als Kurier verdiente.
„Du musst wirklich nicht alles alleine bezahlen“, versuchte ich ihn zu überreden, doch er blieb stur, bezahlte die gesamte Summe und gab noch ein saftiges Trinkgeld. Er schien mehr zu verdienen, als ich gedacht hatte. Genau wusste ich nicht, was er ausgegeben hatte, denn er hatte sich strikt geweigert mir die Rechnung zu zeigen.
Wir verließen das Restaurant. Draußen war es eiskalt. Bei jedem Atemzug bildete sich eine Nebelwolke in der Luft. James zog mich eng an seine Seite, um mich zu wärmen. Es half nicht viel, denn meine Beine waren der Kälte ungeschützt ausgeliefert.
Nun stand der Mond hoch am Himmel und ich konnte viele Sterne entdecken. Wenn es nicht so kalt gewesen wäre, dann hätte ich mich sogleich ins Gras fallen lassen und die Sterne bestaunt. Stattdessen gingen wir zum Motorrad zurück. Ich quälte meinen Kopf wieder in den kleinen Helm und nahm hinter ihm Platz.
Zu meinem Pech beschleunigte er, wie bei der Hinfahrt. Meine Beschwerde war ihm wohl egal. Ich kniff die Augen zu und betete, dass die Fahrt bald endete.
Und als ob James meine Gedanken gelesen hätte, bremste er ab und hielt an. Ich öffnete die Augen und bemerkte, dass wir nicht bei mir Zuhause waren, sondern vor einem Bürogebäude, welches sowohl in die Höhe, als auch in die Länge gezogen war. Oben war trotz der Uhrzeit noch Licht zu sehen.
James stieg ab, zog den Helm vom Kopf und wandte sich zu mir. Seine Haare standen stürmisch ab und waren feucht vom Schweiß. So gefiel er mir noch besser, als sonst. Ich nahm den nervigen Helm ab und klemmte ihn mir unter den rechten Arm. Dann stieg ich ab.
„Was machen wir hier?“
„Hier ist das Büro vom Kurierdienst. Ich muss kurz rein und etwas wegen meiner Arbeitszeit besprechen. Es dauert bestimmt nicht lange.“
Schnellen Schrittes betrat er das Gebäude, das wie ein Klotz in der Landschaft wirkte. Warum musste er noch so spät zu seinem Arbeitgeber? Warum war der Kurierdienst überhaupt noch geöffnet? Ich war überfragt.
Die umliegenden Häuser waren verlassen und sahen alt aus, da die Farbe der Fassaden bereits abblätterte. In der Straße war kein Mensch zu sehen. Mir war diese Gegend unheimlich. Hoffentlich kam James bald wieder.
Ich ging wenige Meter die Straße auf und wieder ab, um die Wartezeit zu überbrücken und mich warm zu halten. Gerade wandte ich mich wieder dem Motorrad zu, als ich gegen jemanden stieß. Hart prallte ich ab und geriet ins Straucheln.
Ich konnte ein lautes „Aua“ hören. Mein Gegenüber war stehen geblieben. Es war ein Mann mittleren Alters. Sein Haar lichtete sich bereits an einigen Stellen und die Falten um die Augen waren tief. Seine Kleidung war abgenutzt und stand vor Dreck.
„Entschuldigen Sie“, sagte ich. Der Mann betrachtete mich mit glitzernden Augen von oben bis unten.
„Kein Problem, Süße“, entgegnete er und lächelte. Dabei entblößte er seine gelblichen Zähne und sein extrem hoch gewandertes Zahnfleisch. Ich roch eine starke Bierfahne. Verängstigt wich ich zurück, als er schwankend auf mich zukam. Er war eindeutig betrunken.
„Was machst du denn hier so alleine, Süße?“
Ich antwortete ihm nicht. Ich wollte bloß weg von ihm, denn ich mochte seinen Blick und den Spitznamen, den er mir gab, ganz und gar nicht. Als ich an ihm vorbei wollte, hielt er mich am Arm fest. Ich bekam Panik. Fest drückte er zu und grinste breit.
„Lassen Sie mich los“, jammerte ich und rüttelte an seinem Handgelenk. Seine Haut war rissig und trocken. Angewidert zog ich meine Hand zurück. Er kam immer näher. Ich fühlte mich bedrängt und hilflos.
„Du willst doch nicht schon gehen, oder Süße?“ Mir gefiel sein Tonfall nicht, wenn er mich Süße nannte. Am Liebsten hätte ich geschrieen, doch die Angst schnürte mir die Kehle zu.
Dann, wie aus dem Nichts, tauchte James neben mir auf und stieß den Mann von mir weg. Ich rieb mir mein Handgelenk, das einen roten Fleck an der Stelle aufwies, an der mich der Betrunkene gepackt hatte.
Nach dem Stoß von James taumelte der Mann, womöglich auch aufgrund seiner Trunkenheit. Ich blieb wie angewurzelt stehen und sah mit an, wie er meinen Angreifer immer und immer wieder mit voller Wucht ins Gesicht schlug.
Aus der Nase des Mannes schoss eine Menge Blut und die Stirn zeigte eine Platzwunde. Als James erneut zuschlug, ertönte ein knackendes Geräusch und ein kleiner weißer Gegenstand flog aus seinem Mund.
Ich schaute genauer hin und erkannte am Straßenrand einen Zahn. Der Mann schlug die Hände vors Gesicht und jaulte vor Schmerz.
Einen kurzen Moment konnte ich einen Blick auf sein Gesicht werfen. Es sah merkwürdig eingedrückt und deformiert aus. James griff ihn erneut an und trat ihm so schnell die Beine weg, dass ich nicht sehen konnte, wie er es gemacht hatte. Mit einem lauten Plumps fiel der Mann auf den Asphalt und schlug hart auf.
Doch anstatt ihn in Ruhe zu lassen, trat James ständig auf seinen zusammengerollten Körper ein. Zuerst gegen die Rippen, sodass ihm die Luft wegblieb, dann mehrmals in den Bauch und schließlich einige Male gegen den ungeschützten Kopf. Der Mann krümmte sich hilflos und kauerte sich noch mehr zusammen, zum Schutz vor den Schlägen und Tritten.
Ich schaute der Szenerie geschockt zu und war nicht fähig mich zu bewegen. Blut überströmte das Gesicht des Mannes und lief zu Boden. Seine Kleidung sog das Blut auf und es schien, als ob er eine rote statt eine gelbe abgenutzte Jacke trug. Wiederholt hörte ich ein Knacken.
Der Mann schrie wie am Spieß und rollte apathisch hin und her. Ich schloss die Augen und hielt mir die Ohren zu. Dennoch drangen würgende Geräusche zu mir durch und kurz darauf roch ich Erbrochenes. Mir wurde übel. Ich wollte, dass James aufhörte. Der Mann hatte mich zwar belästigt, aber so eine Behandlung hatte kein Mensch verdient. Ich musste ihn stoppen, koste es was es wolle.
Entschlossen öffnete ich die Augen und schritt auf James zu. Starker Blutgeruch lag über der gewaltsamen Szenerie. Mir wurde schwindlig.
„Es reicht“, raunte ich und fasste James an den Schultern. Seine Muskeln waren angespannt. Er reagierte nicht auf mich und trat weiter auf den Mann ein.
„Es reicht“, wiederholte ich lauter und boxte ihn mit aller Kraft auf den Rücken. Keine Reaktion.
„ES REICHT JETZT, JAMES“, schrie ich ihn verzweifelt und aufgebracht an. Dies schien zu wirken, denn er wandte sich von seinem Opfer ab und drehte sich zu mir. Sein Gesicht war wutverzerrt und purer Hass funkelte in seinen grauen Augen. Er schien nicht zu wissen, wo er war, denn öfters kniff er die Augen zu und schaute sich leicht verwirrt um.
„Lass uns gehen“, flüsterte ich ihm zu. Sein Atem ging schnell und unregelmäßig. James antwortete mir nicht. Ich zog ihn am Arm Richtung Motorrad, aber er schüttelte mich energisch ab und ging schnurstracks zurück.
„Komm sofort wieder her“, brüllte ich und hatte das Gefühl ein ungehorsames Kind zu rufen.
Er packte den Mann am Kragen und zog ihn ohne große Probleme hoch. Sein Kopf fiel in den Nacken und baumelte leicht hin und her. Da seine Augen geschlossen waren, vermutete ich, dass er bewusstlos war. Er wird doch wohl keinen Bewusstlosen schlagen, oder?
Ich hatte James für einen jungen Mann mit Anstand und gutem Benehmen gehalten, doch als ich sah, wie er mit beiden Händen den Hals des Mannes umschloss und zudrückte, war ich geschockt.
Ich konnte nicht glauben, was sich vor meinen Augen abspielte. Es war wie in einem falschen Film. Ich musste ihn aufhalten, trotz meiner Angst; meiner Angst vor ihm und seinem unbändigen Zorn.
Noch einmal atmete ich tief ein, bevor ich mich hinter James stellte, die Arme um seine Taille schlang und mit aller Kraft, die ich momentan aufbringen konnte, versuchte ihn wegzuziehen. Natürlich brachte das absolut nichts, da er viel stärker war, als ich.
Danach probierte ich alles Mögliche, um ihn aufzuhalten. Ich trat gegen seine Beine, zerrte an seinen Armen und biss ihm sogar kraftvoll in seinen Oberarm, doch nichts wirkte. James nahm mich in keinster Weise wahr.
Ich hatte Angst, dass er den Mann umbringen würde. Also sprang ich als letzten Versuch auf seinen Rücken und flüsterte ihm beruhigende Worte ins Ohr.
Es war eine andere Taktik, als meine gewaltsamen Versuche ihn von seinem Handeln abzubringen.
„Lass ihn los, James. Du hast den Mann bereits schwer verletzt. Ich bin in Ordnung, er hat mir nichts getan. Ich möchte, dass du sofort mit diesem Unsinn aufhörst und mich nach Hause bringst. Bitte lass ihn los, du machst mir Angst.“
Stumme Tränen rannen hastig mein Gesicht hinab. Tatsächlich ließ James den Mann los und trat einen Schritt zurück. Es sah aus, als ob er von einem bösen Zauber belegt und dieser nun aufgehoben worden war. Ich glitt von seinem Rücken und beobachtete ihn.
Sein Blick war nicht mehr hasserfüllt, sondern ungläubig. Von seiner Stirn lief Schweiß, der an seinem Hemdkragen gestoppt wurde. Er wandte sich ab, ohne mich, oder den blutüberströmten Mann eines Blickes zu würdigen. Ich hastete hinter James her, hielt aber noch Abstand.
„Sollten wir nicht einen Krankenwagen rufen?“, rief ich ihm zu.
„Nein“, war seine knappe Antwort. Ich war fassungslos.
„Warum nicht?“ Er wirbelte herum und schaute mich finster an.
„Weil der widerliche Kerl, der dich belästigt hat, es nichts anderes verdient hat, als halbtot auf der Straße zu liegen“, keifte er mich an. Er klang gleichgültig. Ich konnte nicht glauben, was ich aus seinem Mund hörte.
Abrupt blieb ich stehen, nahm mein Handy und wählte die Notrufnummer. Mir war es egal, was er dachte. Ich konnte keinen schwer verletzten Menschen hilflos liegen lassen.
Während des Anrufs hatte sich James bereits auf das Motorrad geschwungen. Mit laufendem Motor wartete er auf mich. Ich hatte jedoch nicht vor mit ihm zurückzufahren. Zwar war der Rückweg weit und die Straße war mir unbekannt, doch ich hatte solch eine Strecke schon einmal geschafft und niemals wäre ich mit einem Menschen mitgefahren, der sich so rücksichtslos und kaltherzig verhalten hatte. Statt zu ihm zu gehen, wandte ich mich ab und lief in die entgegengesetzte Richtung.

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