1. Tag um Tag, Aug um Aug ...

Kein vorwärts, nur rückwärts.

Ich wendete den letzten glitzernden Silberling zwischen meinen Fingern. Schillernd bat er mich, in doch noch eine Weile zu behalten. Alles in mir, wäre dieser Bitte zu gern nachgegangen. Doch der eine kleine Teil meines Verstandes, ganz versteckt hinter der Dunkelheit, flüstert mir die unerbittliche Wahrheit ...
„Was ist nun Mädchen!?“ Das Gebrüll riss mich aus den Gedanken, nun lag meine volle Aufmerksamkeit auf dem fetten Mann vor mir. Ich schnaubte, sah ein letztes Mal auf den Silberling herab und übergab ihn dem schmierigen Mann. Brummend gab er mir das Brot.
Man musste es nicht mal kosten, um zu wissen, dass es von gestern war. Doch niemand würde sich je beschweren. Weder über sein dreckiges Aussehen oder das fertige Haar. Nicht mal über die Angewohnheit sich durch dieses zu fahren und dann den Teig zu kneten. Denn dieses ekelhafte Arschloch war der alleinige Bäcker im Dorf. Und Brot war bei weitem das Einzige bezahlbare weit und breit. Also nahm ich es, ohne zu murren. Obwohl ich ihm gerne unzählige Schimpfworte ins Gesicht geschrien hätte, während ich ihm das Knetholz immer wieder über den Schädel zog. Allein die Vorstellung genügte leider nicht um den Hass, den ich auf diesen Mann verbarg zu vermindern.
Dieser Mann lies Leute absichtlich hungern in dem er sein Brot teurer verkaufte, als eigentlich fair war, nur weil er es sich leisten konnte. Zu diesen armen Geschöpfen gehörten wir noch nicht. Dennoch schwebte diese bedrohliche Linie schon nah an meinem Hals. Irgendwann würde sie mich einholen. Wenn es so weit war, zahlte nicht nur ich den Preis meines Versagens.
Mit der Ausbeute machte ich mich auf nach Hause. Die schlammigen Straßen entlang, an den klapprigen Holzhütten vorbei zum Rand des Waldes.
Das war mein Leben. Tag für Tag. Am Hunger nagend. Vier hungrige Mäuler flehten ununterbrochen nach Essen. Ich hörte sie, selbst wenn sie nicht sprachen. Hörte sie als säßen sie genau neben mir. Ich versuchte den Gedanken abzuschütteln, doch je mehr ich es versuchte, desto lauter wurden die Stimmen in meinem Kopf.
Lang angestaute Wut in meinem Bauch ließ brennende Galle meine Kehle aufsteigen. Ein einziges Lebewesen hatte unser ganzes Leben versaut. Ein egoistischer Mann, der allem was er bisher aufgebaut hatte, den Rücken gekehrt hatte. Womit er unser Todesurteil unterschrieben hätte, hätte sich in meinem schwachen Leib nicht eine Flamme entzündet.
Ich hasste ihn. Den Hunger. Den Schmerz. Das Leid. All das, aus nur einer Handlung erschaffen. Ich schmeckte die Wut auf meiner Zunge, ein säuerlicher ätzender Geschmack. Ich presste die Zähne fest aufeinander, damit ich nicht schreien würde und nicht unnötig Aufmerksamkeit auf mich zog. Doch der Hass war da, brannte weiter in meinem Bauch, in meinem Herzen. Glühte voller Zorn und schmorte sich in meine Seele.
Ich versteckte das Leibbrot unter meinem löchrigen Mantel. Es sollte niemand wissen, was für kostbares Gut ich trug. Schon oft waren Leute wegen weniger todgeprügelt worden. Weshalb ich so unauffällig wie möglich den Heimweg hinter mich brachte. Mit gedruckten Gang stampfte ich durch den Matsch der mir fast knöcheltief an den Stiefeln hing. Die die Feuchtigkeit nicht mehr ausschlossen, weshalb meine Zehen steif vor Nässe und Kälte wurden.
Es war noch gar nicht so lange her, da konnten wir uns anständige Schuhe leisten. Heute nicht mal mehr einen Knopf. Das wenige Geld, was ich nach Hause schaffte, reichte gerade für die hungrigen Mäuler.
Ich ging an einem zerwühlten Haufen Leinentücher vorbei, dreckig und zerknüllt lagen sie am Straßenrand. Unter ihnen sah man ledrige Haut. Halb verunehrte Menschen verbargen sich unter dem Gewirr. Flüsterten nach Hilfe. Mehr Kraft hätten sie nicht mehr. Ich nahm den Blick fort. Ertrug es nicht. Denn ich sah nicht die Gesichter der Menschen. Ich sah die meiner Familie.
Schnellen Schrittes entfernte ich mich von dem elend, doch je schneller ich lief, desto schneller kam es mir hinterher. Zerfallende Leichen am Straßenrand war ein Bild, das jeden Tag auf den Wegen Mortas zu sehen war. Das Land zerfiel, vor allem in den Slams meines Dorfes. Geld hatte kaum jemand, der Tod hing knapp über unseren Köpfen und es gab keine Möglichkeit, sich aus der Spirale zu befreien, der unsere Seelen immer näher an den Abgrund zog.

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