11. Auf der Flucht

Magnus erwachte langsam aus seinem Todesschlaf. Er räkelte sich noch im Bett, aber plötzlich richtete er sich ruckartig auf und starrte auf die leere Seite neben sich. Natürlich, Jessica war fort. Sofort war er hellwach, sprang auf und zog sich an. Er musste seine Gefährtin unbedingt finden. Nach ihr zu rufen, hatte noch keinen Sinn, wenn sie schlief. Er packte hastig seine wenigen Habseligkeiten zusammen und suchte Ronaldo in dessen Wohnräumen auf. „Ronaldo, ich muss gehen. Jessica ist einfach fort und ich muss sie suchen. Ich danke dir für deine Gastfreundschaft.“ Der Ältere verwundert: „Fort? Aber warum? Hattet ihr Streit?“ Magnus schüttelte den Kopf: „Nein. Ich weiß nicht, was los ist.“ Er hob die Hand zum Gruß: „Arrivederci.“ Und machte sich auf den Weg. Kurz darauf strebte er über die Landschaft und versuchte Jessicas Aura zu orten. Nach einiger Zeit rief er stumm nach ihr: ‘Jessica! Wo bist du? Was ist los? Antworte mir!‘ Immer wieder sandte er seinen Ruf aus, aber es kam keine Antwort.

 

 

Wieder eine neue Nacht und nun war ich ganz auf mich allein gestellt. Das war etwas völlig Neues für mich. Zumindest, als Unsterbliche und zum ersten Mal wünschte ich mir, wieder ein Mensch zu sein. Da könnte ich einfach jemanden um Hilfe bitten, oder die Organisation anrufen. Die würden alles regeln und mich zurück in die Staaten fliegen lassen. Aber ich hatte keine Zeit für Trübsal. Ich musste aufbrechen, denn Magnus suchte bestimmt nach mir. Ich hatte richtig Angst vor einem Zusammentreffen mit ihm. Nicht, weil ich dachte, er würde mir etwas tun, sondern weil ich mich vielleicht erweichen ließe. Ich konnte mir seine Entschuldigungen schon ausmalen und er würde versuchen mich zu verführen. Da erreichte mich sein Rufen, aber ich stellte mich taub. Ich wollte jetzt nicht mit ihm zusammentreffen, schwang mich in die Luft und steuerte gen Norden. Bald hatte ich Florenz erreicht. Ich warf einen letzten Blick auf das Häusermeer und flog weiter. Der Anblick der Stadt stimmte mich traurig. Ich verließ Italien wirklich ungern, aber es ging nicht anders.

Nach zwei weiteren Stunden erreichte ich den Rand der Alpen. Ich sah vor mir die schneebedeckten Gipfel aufragen und die Luft wurde merklich kühler. Wenn ich mein Tempo beibehielt, würde ich morgen schon wieder trinken müssen. Ich flog sozusagen mit Vollgas und es zehrte mehr an meinem Blutvorrat, als ich gedacht hatte. Aber ich wollte bis zum Ende der Nacht, so weit wie möglich meinem Ziel näher kommen. Nun musste ich höher hinaufsteigen, um über die Gipfel zu kommen. Ich glaube, so hoch oben war ich noch nie. Mein leichtes Sommerkleid flatterte heftig im Wind und allmählich wurden meine Glieder eiskalt. Es schneite hier sogar noch. Zum Glück konnte ich nicht frieren, aber meine Finger waren steifer geworden. Sie ließen sich schlechter beugen. Ich war mir sicher, dass unser Körper genauso einfrieren konnte, wie normales Fleisch. Das musste schrecklich sein, wenn man bei Bewusstsein war und sich nicht mehr bewegen konnte. Hoffentlich hatte ich die Berge bald passiert. Nach fast zwei Stunden war es soweit. Ich hatte das Gebirge hinter mir und unter mir tauchten einige Seen auf. Ich bewunderte die beleuchteten Städte am Rand der schwarzen Flächen und allmählich wurde meine Haut wieder wärmer. Die leichte Eisschicht auf meinen nackten Armen, schmolz dahin. Immer wieder schaute ich auf meine Armbanduhr.

Mehrere Stunden lang erblickte ich nur kleine Ortschaften und Felder, bis eine sehr große Stadt auftauchte. Ich müsste eigentlich schon über Frankreich sein und bald ragte das Wahrzeichen dieser Stadt aus dem Häusermeer auf, das meine Annahme bestätigte.  Der Eiffelturm! Er war vollständig beleuchtet und ich spürte Erleichterung. Nach meiner Vorstellung musste ich bald den Kanal erreichen. Es war jetzt drei Uhr morgens. Wie weit würde ich es bis zum Morgengrauen schaffen?  Ich beschloss, erst morgen über den Kanal zu fliegen. Mein Weg führte mich weiter, bis zur französischen Küste. Dort suchte ich einen passenden Schlafplatz. Ich hatte Glück. Hier gab es einige Ferienhäuser in der Nähe des Strandes, die gerade nicht bewohnt waren und so brach ich in eines davon ein. Ich überprüfte die verriegelten Fensterläden im Schlafzimmer und freute mich richtig, heute in einem Bett ruhen zu können. Nach einem kleinen Rundgang durch den Bungalow, spazierte ich noch am Strand entlang, bis ich die Enge in der Brust spürte. Das Rauschen der Wellen beruhigte mich und ich dachte an meine Phantasie, die ich immer mit Cornelius geteilt hatte. Unseren imaginären Strand! Ich wünschte mir, dass er mir irgendwann verzeiht. Ich wollte keine Zwietracht zwischen meinem Schöpfer und mir. Obwohl es auch einige Unsterbliche gab, die ihre Schöpfer hassten, für das, was sie ihnen angetan hatten. Martin zum Beispiel. Er konnte Lucy nie vergeben, dass sie ihn verwandelt hatte. Er hatte es anfangs auch sehr schwer, mit der neuen Situation klarzukommen. Vor allem mit dem Jagen. Er ernährte sich wochenlang von kaltem Schweineblut vom Schlachter, bis ihn doch einmal die Gier übermannte und ab da war das Eis gebrochen. Jane ließ ihn lange in dem Irrglauben, dass jedes gebissene Opfer sich verwandeln würde, nur um sein Gewissen zu entlasten, und auch damit er das Blut nicht einfach so weitergab. Die beiden lernten sich in England kennen, nicht lange nachdem Martin unsterblich geworden war. Später siedelten sie gemeinsam nach Amerika über, wo sie ja heute noch lebten. Das mit Antonio begann einige Jahre später auf dem Neujahrsfest. Der Herrscher von San Francisco hatte Martin schon länger beobachtet und wollte ihn eines Nachts auf dem Fest endlich kennen lernen. Das Treffen endete in dem berühmten Turmzimmer, in dem ich das erste Mal mit Magnus geschlafen hatte. Es gehörte ursprünglich Catherine für ihren Aufenthalt auf der Burg und ihre einstigen Gefährten durften es ebenfalls benutzen. Antonio war in dieser ersten gemeinsamen Nacht wohl sehr schockierend gewesen. Martin hatte erzählt, dass er mit ihm in den Wald geflogen sei und dabei hätten sie Teufelsanbeter aufgespürt, die gerade ein Ritual abhielten. Es brannte ein großes Feuer und Antonio spielte ihnen den Teufel vor. Er forderte ein Opfer von diesen Satansjüngern. Dann suchte er sich einen jungen Mann aus und tötete ihn. Dabei versetzte Antonio dieser tiefe Glaube an das Gute im Bösen, so in Zorn, dass er anfing, die Jünger zu zerfleischen und ins Feuer zu werfen. Er zerschmetterte ihre Körper und übergab die Sterbenden den Flammen. Das alles schockierte und faszinierte Martin zugleich. Antonios Stärke imponierte ihm. So wurden sie ein Paar. Jane akzeptierte das Dreiecksverhältnis von Anfang an, weil sie wusste, dass sie gegen Antonios Charisma sowieso nichts ausrichten konnte. Allerdings schmerzten sie die Gedankenfetzen, die sie bei Martin aufschnappte, wenn er von den Nächten mit Antonio zurückkehrte. So viel zu meinem Liebhaber in der Heimat.

 

Am nächsten Abend sprang ich gleich nach dem Aufwachen unter die Dusche, zog mich an und begann meinen Flug über das Meer. Meine Kräfte hatten schwer nachgelassen, wie ich feststellen musste. In England würde ich ein Opfer brauchen. Während meines Fluges über das dunkle Wasser, entdeckte ich Licht unter mir und nach näherem Betrachten stellte es sich, als ein Fischerboot heraus. Das war die Gelegenheit ungestört zu trinken und den Körper ins Meer zu werfen. Es waren nur zwei Männer auf dem Boot. Ich packte denjenigen, der draußen herumhantierte, während der andere steuerte. Diesmal war ich hastig und nicht sehr rücksichtsvoll. Der Mann stank abscheulich nach Fisch, aber das Blut schmeckte, wie gewohnt. Nachdem ich ihn über Bord geworfen hatte, schlug ich dem Zweiten mit einer Art Rohrzange, den Schädel ein. Danach warf ich ihn ebenfalls vom Boot. Langsam handelte ich genauso rücksichtslos, wie andere von uns, aber es ging um mein Überleben und dass mir niemand auf die Schliche kam. Frisch gestärkt konnte ich nun mühelos die englische Küste erreichen.

Die Nacht war noch verhältnismäßig jung, als ich in England ankam. London ich komme! Jacks Reaktion auf mein Erscheinen, machte mir weniger Sorgen, als die von Lorraine. Jetzt war ich eine Rivalin für sie, eine Geliebte von Jack und sie war die Ältere. Es war wahrscheinlich besser Jack allein direkt in London abzupassen, wenn er auf Jagd ging. Würde ich Jacks Jagdrevier wiederfinden? Damals war ich noch ein Mensch und meine Erinnerung nicht so gut. Vielleicht, fiel es mir ein, wenn ich es sah. So zog ich meine Kreise über dem Londoner Stadtgebiet. Ab und zu fühlte ich Schwingungen von anderen Unsterblichen unter mir. London beherbergte viele unserer Art und die komplette Stadt war in Reviere aufgeteilt.

Für Neugeborene gab es hier keinen Platz. Da müsste man schon um eines der Gebiete kämpfen. Im Zentrum jagten die Älteren und die Randbezirke teilten sich die Jungen. Jacks Gebiet lag wohl irgendwo dazwischen. Ich würde mich einfach die nächsten Nächte darin aufhalten, bis er auftauchen würde. So entging ich auch den Nachstellungen durch andere Vampire, denn ich wollte keinen Ärger, weil ich mich in einem fremden Gebiet herumtrieb. Jagen dürfte ich bei Jack sicher auch.

Schließlich meinte ich, ein Gebäude wiederzuerkennen. Mein Vorteil war, dass wir damals auch durch die Luft gekommen waren und nun bot sich mir das gleiche Bild. Erleichtert setzte ich zuerst einmal auf dem Dach dieses Hauses auf und blickte auf die Straße hinunter. Da hinten lag die Themse. Ja, das könnte stimmen.

Gerade war kein Mensch zu sehen und ich sprang auf den Asphalt. Dann schlenderte ich den Bürgersteig entlang und sah mich weiter um. Doch, es könnte das richtige Gebiet sein. In der Nähe befand sich ein Bahnhof. Ich hörte Züge rattern und steuerte auf dieses Geräusch zu. Kurz darauf betrat ich Victoria Station. Ich wollte ein wenig zwischen den Leuten herumspazieren. Auch zu dieser späten Stunde war noch reger Betrieb in der Eingangshalle. Für England war ich vermutlich zu luftig gekleidet. Ich trug eine schwarze Hose und ein T-Shirt dazu. Immerhin besser, als ein Sommerkleid.

Nachdem ich mir das Meiste angesehen hatte, setzte ich mich in die Halle und hing meinen Gedanken nach. Wo war Magnus inzwischen? Wusste er, wo er mich suchen musste? Ich hoffte nicht. Bestimmt irrte er noch in Italien herum. Vielleicht half ihm Ronaldo bei der Suche, oder Magnus und er vergnügten sich weiterhin gemeinsam. Da hatte er ja den richtigen Gefährten gefunden. Teilte die gleichen Perversionen, begehrte ihn, war älter und hatte ein schönes Zuhause. Ich überprüfte mein Gefühl für meinen Prinzen. Natürlich war die Liebe nicht schlagartig weg, aber das Entsetzen über sein Wesen war fast genauso stark und überwog im Moment. Ich wollte mit so einem Mann nicht zusammen sein. Das konnte ich einfach nicht. Wenn ich mit ihm weiterhin zusammenliegen würde, müsste ich immer daran denken, dass er ein wehrloses Mädchen vergewaltigt hat, dass es ihn wahrscheinlich zusätzlich erregte, dass sie Schmerzen litt.

Die Abscheu ließ mich frösteln. Ich wünschte mir so sehr, dass Jack endlich auftauchen würde. Dann wäre ich nicht mehr so allein. Die Verzweiflung erfasste mich plötzlich und Tränen flossen über meine Backen. Ich schluchzte vor mich hin. Die ganze Anspannung der letzten Nächte löste sich in einem Meer aus Tränen. Ich legte mein Gesicht in beide Hände und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt, als ich eine Stimme hörte.

Jemand Vertrautes fragte: „Jessica?“ Ich blickte auf und als ich den blonden Mann mit dem fragenden Gesichtsausdruck vor mir sah, sprang ich auf, umarmte ihn stürmisch und drückte ihn eng an mich: „Oh Jack!“ Zaghaft legte er eine Hand an meinen Hinterkopf und den anderen Arm schlang er um meinen Rücken. Ich heulte bitterlich an seine Schulter und stammelte: „Ich bin so froh dich zu sehen. Endlich, habe ich dich gefunden.“ Jack war total überrumpelt: „Was ist denn passiert? Du bist ja völlig durcheinander.“ Ich schluchzte noch so heftig, dass ich nicht antworten konnte. Jack schob mich ein wenig von sich, um mich anzusehen. Dabei verfinsterte sich sein Gesicht: „Hat er dir was angetan?“ Ich schüttelte nur den Kopf. „Ist er hier?“ Wieder verneinte ich mit dieser Geste. Dann brachte ich endlich einen Ton heraus: „Ich habe ihn verlassen. Frag mich nicht warum.“ Jack verdrehte die Augen: „Schon wieder deine Geheimniskrämerei, aber nun gut. Komm zuerst mal mit!“

„Wohin?“

„Na, zu mir nach Haus“, sagte er und zog mich mit sich. Ich sträubte mich: „Aber Lorraine. Was wird sie dazu sagen?“ Jack entgegnete: „Nichts. Das geht schon in Ordnung. Du bist mein Gast.“ Das kam mir bekannt vor, doch bei Jack würden mich keine solchen Abgründe erwarten. Ich konnte nicht in sein Hirn eindringen, aber er brannte sicherlich vor Neugierde, was passiert war. Ganz der Gentleman, geduldete er sich und fragte mich überhaupt nichts über Magnus.

 

Wir flogen zu seinem Haus und er führte mich in ein altbekanntes Zimmer, in dem ich vor knapp drei Jahren noch als Sterbliche saß. Lorraine war nicht hier. Ich spürte sonst niemanden, außer uns. John, der Butler schlief schon längst. Das Haus war also völlig ruhig. Jack setzte sich in einen Sessel und bot mir den anderen an. Nachdem ich mich gesetzt hatte, musterte er mich eine Weile. Ich wurde verlegen: „Bitte, sag jetzt nichts. Ich weiß, dass ich dumm und blind war und ich bereue mein Verhalten wirklich sehr. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen.“ Ich getraute mich nicht, nach Cornelius zu fragen, aber Jack wusste wohl, was in mir vorging: „Er leidet immer noch sehr darunter.“

„Was verlangst du von mir? Ich bereue es ja. Und ja, du hattest recht mit Magnus.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, aber er erwiderte nichts.

Welch glücklicher Zufall, dass er heute jagen war. Seine Haut war rosig und seine Lippen rot. „Wie hast du mich gefunden?“, wollte ich wissen. Er grinste: „Ich habe einen Unsterblichen gespürt und war neugierig. Dann sah ich dich zusammengekauert auf der Bank sitzen und fragte mich, ob es tatsächlich du bist.“ Ich lächelte: „Zum Glück bist du gekommen. Ich war so verzweifelt.“ Er nickte: „Das habe ich gehört.“ Sein Blick fiel auf meine Tüte: „Ist das alles, was du bei dir hast?“

„Ja. Zusammengeklaut in einem Geschäft in Siena. Magnus Palazzo ist vor kurzem abgebrannt. Wir zogen herum und hatten gerade Unterschlupf bei einem Unsterblichen gefunden. Dann bin ich überstürzt abgehauen. In zwei Nächten reiste ich hierher nach London. Ich wusste nicht wohin, Jack. Ich hoffe, du verzeihst, dass ich dich belästige.“ Daraufhin lachte er: „Du und mich belästigen? Da solltest du mich aber besser kennen.“ Dieses spitzbübische Grinsen hatte ich wirklich vermisst. Jack trug heute Abend Tarnkleidung. Schwarze Lederjacke zur selben Hose. Ich dachte abermals an die Nächte vor drei Jahren. Nun gehörte ich dazu und es kam mir bereits wie eine Ewigkeit vor. Für mein knappes Jahr, als Unsterbliche hatte ich schon einiges erlebt. Wäre der Brand nicht ausgebrochen, würde ich immer noch bei Magnus sein. Jack ergriff wieder das Wort: „Warum ist sein Haus niedergebrannt?« Ich erwiderte: „Sein Ofen für die Leichen ist explodiert. Dabei ist alles eingestürzt und verbrannt. Wir waren fast zwei Nächte verschüttet, bis wir uns freigegraben hatten. Wir hatten Riesenglück, dass wir in seinem Sarkophag aus Granit lagen. Ansonsten würde ich jetzt als verkohltes Skelett umher wandeln. Seitdem habe ich meine negative Meinung über solche Ruhestätten revidiert.“ Jack meinte: „Man lernt nie aus. Zum Glück ist dir nichts passiert. Aber tröste dich. Deine Strapazen machen dich nur stärker.“ Ich seufzte: „Schwacher Trost!“ Und dachte an Antonio.

Er war immer auf der Jagd nach mehr Macht gewesen und ist es wahrscheinlich immer noch. Durch Duelle hatte er größere Stärke gewonnen und am meisten durch die Sonne. Er ließ sich bewusst von ihr verbrennen, nur um mächtiger zu werden. Dabei riskierte er seine Existenz. Er hatte ja nicht mit Sicherheit gewusst, ob er schon alt genug war, um von ihr nicht vernichtet zu werden. Er fuhr volles Risiko und nahm wochenlange Qualen auf sich, bis seine Haut wieder geheilt war. Der Lohn für seine Leiden war, dass er einen Vorsprung von zweihundert Jahren erhielt. Seine Fähigkeiten entsprachen nun einem Unsterblichen von siebenhundert Jahren, obwohl er schon vorher für sein wahres Alter sehr stark war. Er stammte immerhin von göttlichem Blut ab. Catherine, seine Schöpferin, war von Jonathan erschaffen worden und der war das Kind eines Gottes. Das waren Unsterbliche, die ein Jahrtausend überdauert hatten. Würde ich auch so alt werden? Vermutlich nicht, bei meinem Glück. Zuerst musste ich mal mein erstes Jahrhundert schaffen. Das war noch lang genug.

„Was denkst du?“, riss mich Jack aus meinen Überlegungen heraus. „Ach, nichts Bestimmtes. Ich wäre gern schon hundert Jahre alt. Dann wäre ich nicht mehr so schwach.“ Jack grinste wieder: „Das geht schneller, als du glaubst. Und so schwach bist du doch gar nicht. Morgen könnten wir den Londoner Club besuchen. Hast du Lust? Wir fahren mit dem Auto hin.“ Ich lächelte: „Ja, gern. Das lenkt mich ein bisschen ab. Willst du die Erinnerungen wieder auffrischen, oder warum das Auto?“ Er meinte: „Ich bin doch nicht auf Jagd und ich liebe meine Sportwagen. Die müssen bewegt werden.“

„Okay, wie du willst. Mir ist es egal. Aber leider bin ich jetzt müde. Kannst du mir einen Schlafplatz anbieten?“ Jack erhob sich aus seinem Sessel: „Natürlich. Eines der Gästezimmer. Ich werde John Bescheid geben, damit dich niemand stört und du musst nur die Tür abschließen.“ Ja, auf den treuergebenen John war Verlass.

Ich bewunderte Jacks Vertrauen in diesen Sterblichen und fragte mich, wie er ihn gefunden hatte. Nicht jeder Mensch akzeptierte so ohne weiteres, dass sein Arbeitgeber ein Vampir war. Das war vermutlich ein seltener Glücksfall. Bevor Jack mich in mein Zimmer führte, ging er in die Küche und begann ein Blatt Papier voll zuschreiben, das er schließlich mit einer Obstschale beschwerte. „Anweisungen für John morgen“, meinte er, als wir hinausgingen. „Du hast großes Glück mit ihm, oder?!“ Jack sah zur Decke hinauf: „Ja doch. Bald muss ich jemand Neues finden. Das bereitet mir jetzt schon Kopfzerbrechen.“ Ich stutzte: „Wieso jemand anderes?“ Jack lächelte: „Na, John geht in Rente. Ich habe schon alles vorbereitet, aber leider noch keinen Nachfolger.“

„Was vorbereitet?“, fragte ich neugierig weiter. „Seinen Ruhestand. Ein Haus, seine Pension und ein Auto. Damit er sorglos leben kann.“ Inzwischen standen wir in dem Gästezimmer: „Jack, hat er dich jemals gefragt?“

„Was gefragt?“ Ich verschloss die Fensterläden: „Ob du ... na, du weißt schon.“ Er blieb ernst: „Nein, hat er nicht. Er hat mich auch nie über mein Dasein befragt.“ Ich zog noch die Vorhänge zu. Als ich mich zu Jack umwandte, stand er bereits an der Tür. „Bekomme ich keinen Gute-Nacht-Kuss?“, fragte ich mit unschuldigem Blick. Er kam näher: „Doch. Wenn du das möchtest.“ Er legte seine Hände auf meine Schultern und unsere Lippen trafen sich kurz. Dann verabschiedete er sich mit einem „Schlaf gut!“ Und schloss die Tür. Zufrieden kuschelte ich mich in das Bett, zog die Decke über den Kopf und dämmerte in der Finsternis in meinen Schlaf. Hier war ich in Sicherheit. Jack würde nicht zulassen, dass mir etwas geschah.

 

Jack liebte schnelle Luxuskarossen. Er sammelte Sportwagen aus englischen Autoschmieden, mit karger Inneneinrichtung, aber starken Motoren. Für ihn zähle die Kraft eines Wagens. Das Aufheulen beim Gas geben und wenn der Schub ihn in die Ledersitze presse. Er fügte hinzu, dass das genauso süchtig machte, wie ein pulsierender Menschenkörper. Tja, nur mit dem kleinen Unterschied, dass er in dem vibrierenden Auto drinsaß. Nun standen wir vor sechs Wagen, die fein säuberlich nebeneinander geparkt waren. Zwei Limousinen, Bentley und Rolls Royce natürlich. Dann ein Jaguar-Cabrio und Jacks Spielzeuge. Flache, breite Karossen in Schwarz, rot und silbern. Den Schwarzen kannte ich ja schon. „Und, welchen sollen wir nehmen?“, fragte er unternehmungslustig. Ich zuckte die Schultern und Jack entschied sich für den roten Aston Martin. Der Kühlergrill sah fast so gefährlich aus, wie unsere Zähne, um den Asphalt zu verschlingen. Ich kletterte in den Beifahrersitz, denn anders konnte man das Einsteigen in diese PS-Maschinen nicht beschreiben. Als Jack neben mir saß, sagte er grinsend: „Festhalten.“

Er drückte den Startknopf und alles um mich herum erbebte und das Röhren des Motors dröhnte in meinen Ohren. Bestimmt wegen mir, legte er einen Kavalierstart hin. Das Gefährt sprang regelrecht aus der Garage, wie eine Raubkatze und fegte schwanzwedelnd durch den Kies bis zur Straße. Auf der geraden Landstraße trat Jack voll ins Gas und ich lernte den Schub kennen. Meine Rückseite presste sich immer fester in den Sitz und die Landschaft bewegte sich pfeilschnell vorbei. Es war geil! Da musste ich ihm Recht geben. Überall fühlte ich ein Kribbeln auf der Haut. Jack erklärte mir, dass das die Vibrationen des Autos wären, die wir so spürten. Ich hörte das gierige Gurgeln, mit dem der Wagen den Sprit verschlang, wie wir das Blut. Bei mir regte sich plötzlich etwas anderes und ich sah meinen Begleiter fragend an. Er nickte nur zweideutig lächelnd. Für uns war das wirklich ein fahrender Vibrator. Kurz danach spazierten wir durch Jacks Gebiet und er erklärte mir seine Jagdplätze, die ich nun auch benutzen musste. Morgen war es ja wieder soweit. Engländer waren sehr empfindlich, was fremde Unsterbliche in ihrem Revier betraf. So auch Jack. Er sagte, ich dürfe den Abschaum, den ich in seinem Revier antreffen würde, sofort vernichten. „Falls du diese Kanalratten siehst, mach kurzen Prozess. Die sind alle schwach. Erst umgewandelt von ebenfalls Schwachen. Verkriechen sich in der Kanalisation und vermehren sich wirklich wie die Ratten. Die geben das Blut an jeden Deppen weiter. Ungeziefer!“ Dabei schüttelte er sich geekelt. Zu unserer Überraschung entdeckte Jack eine Gruppe „Ratten“. Sie wurden von den anderen tatsächlich so genannt. Schon ihr Anblick machte Jack wütend. Er grollte leise und seine Augen bekamen einen deutlichen Schimmer.

Sie gingen auf der anderen Straßenseite und wir folgten ihnen unauffällig. Sie waren jung erschaffen worden, wie Jack gesagt hatte. Da war noch keiner zwanzig. Die Gruppe bestand aus drei Männern und zwei Frauen. ‚Du erledigst die Weiber. Ich nehme die Kerle.‘ Ich sah ihn entsetzt an: ‚Aber ich bin noch nie auf Artgenossen losgegangen.‘

Du springst sie an und reißt ihnen die Kehle raus. Dann bluten sie schnell aus und du kannst sie problemlos köpfen.‘ Dabei steckte er mir ein langes Messer zu. Halb benommen nahm ich es. Konnte ich diese beiden Mädchen töten? Wir verfolgten sie weiter. Jack schien fest entschlossen, diese Jugendlichen zu vernichten. Durch meine frühere Arbeit wusste ich ja bereits, dass dieses Säubern üblich war. Nur würde ich es diesmal selbst tun. Ich beschloss, es durchzustehen. In gewisser Weise war ich Jack auch einen Gefallen schuldig. Und der Mord an den Frauen würde mich stärker machen.

Als die Gruppe in eine einsame, schmale Gasse einbog, sagte Jack stumm: ‚Jetzt‘, und ich sprang die Erste von hinten an, wirbelte sie herum und biss mit aller Kraft in ihren Hals, um einen ganzen Fleischbrocken herauszureißen. Das Blut schoss in einem Schwall in mein Gesicht und ich packte ihren Arm, weil sie fauchend versuchte, mich zu kratzen. Ich spürte, wie schwach sie war. Nicht viel stärker, als ein Mensch. Mühelos presste ich sie an die Häuserwand und wich ihrem anderen fuchtelnden Arm aus. Dann schleuderte ich sie ärgerlich an die gegenüberliegende Hauswand, hörte Knochen brechen und landete neben ihr, als sie auf dem Pflaster aufschlug. Sie kam nicht mehr dazu, sich aufzurichten, weil ich mit dem Messer ihr Genick traf und der Kopf fiel. Dann sah ich mich nach der Zweiten um, die gerade versuchte zu fliehen. Schnell hatte ich sie eingeholt und sie wehrte sich kaum vor Angst. Zitternd starrte sie mich an, als ich sie mit einer Hand an der Kehle packte. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander, aber sie flehte nicht um Gnade. Als ich ausholte, schloss sie die Augen und erwartete meinen Hieb. Das imponierte mir. Nun lag ihr kopfloser, zuckender Körper vor mir und um meine Füße herum krochen die Adern, die sich aus dem Halsstumpf herauswanden. Deshalb stieß ich den Kopf weiter weg, damit sich die jeweiligen Enden nicht fanden. Glücklicherweise spürten die geköpften Mädchen nichts mehr. Für sie war ihr Dasein bereits zu Ende, jedoch erst die morgige Sonne würde die Vernichtung beenden. Darum schleppten wir die Körper auf ein hohes Dach, entkleideten sie und legten die Köpfe auf die andere Seite des Flachdaches. Jack und ich waren voller Blut. Mit Sterblichen würden wir nie so ein Gemetzel veranstalten. Das wäre pure Verschwendung! Mein Begleiter hatte einige Verletzungen davongetragen. Kratzer und Bisse an den Armen. Ich hatte nur wenige Schrammen an den Armen. Er hatte sich mit den drei Männern auch mehr abmühen müssen.

Wir standen noch eine Weile neben den Leibern und ich beobachtete diese Adern. Die Finger der Fünf bewegten sich noch ein wenig und ab und zu zuckte ein Bein. Aber nach einiger Zeit erstarb alles. Jack ergriff als Erster das Wort: „Na, das wäre erledigt. Wieder ein paar weniger in meiner Gegend.“ Ich nickte nur und dachte an das tapfere Mädchen, das seinen Tod so hingenommen hatte. Als ich es Jack erzählte, meinte er: „Sie hat eben gewusst, dass du stärker bist und dass sie keine Chance hat. Da hat sie sich in ihr Schicksal ergeben.“

„Ja, aber sie hat mich nicht mal angefleht, sie zu verschonen. Ein Sterblicher hätte das getan. Sogar die brutalsten Mörder winseln und jammern, bevor ich ihnen den Hals durchbeiße.“ Jack entgegnete: „Dazu sind wir zu stolz. Wir wissen, wann es zu Ende ist.“ Dann sah er an sich hinunter:

„Die Klamotten sind auch ruiniert. Fliegen wir nach Hause. So können wir nicht ins Auto. Ich hole es morgen wieder.“ Gesagt getan.

 

In Jacks Villa gingen wir zuerst ins Bad, schmissen unsere blutdurchtränkten Kleider auf einen Haufen und stiegen gemeinsam in die Dusche. Jack hatte eine sehr geräumige runde Dusche, in der Mitte des Zimmers. Also, würden wir uns nicht zwangsläufig näher kommen. Ich denke, das war auch gar nicht seine Absicht. Das warme Wasser tat gut nach dem kalten Wind. Ich nahm das Duschgel aus der Halterung, goss etwas in meine Handfläche und begann mich einzuseifen. Jack tat dasselbe. Ich musterte ihn ein wenig und er gefiel mir immer noch. Er sagte: „Ich muss dich loben, Jessica. Du hast dich vorher wacker geschlagen, für dein junges Alter.“

„Danke. Aber es sollte die Ausnahme bleiben. Ich tat es nicht unbedingt gern.“ Jack nickte: „Ist gut. Das brauchst du auch nicht.“ Seine Blicke wurden lüsterner, aber er war zu schüchtern, um mir näher zu kommen. Ich wusste nicht, ob es eine gute Idee war, darauf einzugehen. Ich sehnte mich mehr nach Geborgenheit, als nach Sex. So verließen wir die Dusche wieder und trockneten uns ab. Jack reichte mir einen weißen Bademantel, nachdem er sich denselben übergezogen hatte und wir tappten zu meinem Zimmer.

Dort setzten wir uns zusammen auf das Bett. Jack fragte: „Liebst du Magnus noch?“ Ich starrte einige Zeit auf die Bettdecke: „Ich weiß es nicht. Ich denke schon, aber ich verachte ihn noch mehr, als dass ich ihn liebe. Das kannst du jetzt nicht verstehen, aber mich erschreckte sein Wesen zutiefst. Mehr will ich dazu nicht sagen.“ Er legte sich auf die Seite und stützte mit einem Arm seinen Kopf ab: „Gut, das musst du nicht. Mir genügt was ich bereits weiß.“ Dabei strich er sacht über meine Wange. „Danke, Jack. Es tut so gut mit jemandem Vertrautem zu reden. Du bist der Einzige, zu dem ich gehen konnte.“ Er lächelte: „Mach dir keine Sorgen mehr. Du kannst hierbleiben, solange du willst. Lorraine hat nichts dagegen.“

„Das ist gut. Wo ist sie?“, fragte ich. Jack sprang wieder auf: „Unten. Komm! Sie möchte dich begrüßen. Zieh dir was Frisches an.“ Lorraine trat mir mit einem freundlichen Lächeln gegenüber und reichte mir die Hand: „Hallo Jessica! So sieht man sich wieder.“ Ich erwiderte die Begrüßung und wir setzten uns zu dritt in das Wohnzimmer. Sie saß mir gegenüber und gab sich sehr freundlich: „Jack erzählte, dass du völlig heimatlos bist. Das war sicherlich ein schreckliches Erlebnis.“

„Ja, das war es. Ich bin froh, dass die Flammen mich verschont haben“, antwortete ich. War ihr Interesse ehrlich gemeint? Nun, ich würde sicher bald feststellen, wie ich sie einzuschätzen hatte. Sie machte einen so unschuldigen Eindruck mit ihren dunklen Locken, den großen, dunklen Augen und diesem Puppengesicht. Ich war ganz anders und mich wunderte wieder, warum Jack mich damals zur Gefährtin wollte. Mir hätte er also sein Blut gegeben, aber ihr hatte er es verweigert. Sicher wusste sie nichts über seine früheren Pläne, sonst würde sie mir wahrscheinlich anders begegnen. Nach unserer Unterhaltung verzog ich mich schließlich. Den Club wollten wir am nächsten Abend besuchen, nach meiner Jagd. Jack wollte mich begleiten, aber ich lehnte ab. Ich musste allein sein, wenn ich trank. Es war etwas anderes, wenn wir beide jagen würden, aber er würde mich nur beobachten und das wollte ich nicht. Ich sagte zu ihm, dass wir uns dort treffen, wenn ich fertig war. Damit war er einverstanden.

 

Endlich konnte ich wieder einen prächtigen Mörder erbeuten. Die waren in der Toskana Mangelware gewesen und erst recht im Hinterland. In so einer Stadt, wie London wimmelte es schon fast von dieser Spezies. Ich ging gemächlich an der Themse entlang und dachte: ‚Wo bist du, mein Killer? Komm zu mir. Ich erwarte dich todessehnsüchtig.‘ Daraufhin musste ich lachen. Ich stellte mir vor, mein Körper wäre ein Magnet und würde ihn anziehen. Das wirkte normalerweise und so auch heute. Von weitem erkannte ich eine dunkle Gestalt im Schatten einer Hausnische stehen.

Während ich weiter in seine Richtung ging, prüfte ich seinen Geruch. Er sagte mir zu und ich sah, dass er sehr groß und kräftig war. Das würde einen schönen Kampf geben. Meine Erregung stieg und seine ebenfalls. Er machte sich bereit herauszuspringen. Als er es dann tat, riss er mich mit sich in die Nische und versuchte, sein Messer in meinen Bauch zu rammen. Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte ich es ihm entrissen und drückte nun ihn an die Wand. Er starrte entsetzt in meine schwach glimmenden Augen und auf meine entblößten Zähne: „Oh Gott! Was bist du?“ Zur Antwort biss ich zu. Er wehrte sich sehr heftig, wie ich erwartet hatte. Er riss an meinen Haaren, packte mit seiner Pranke mein Kinn und versuchte mich wegzudrücken. „Geh weg von mir, du Ausgeburt der Hölle! Lass mich los!“, schrie er. Sein Knie rammte er mir immer wieder in den Bauch, seine Finger krallten sich in meine Wange und mit einer Faust schlug er auf meinen Hinterkopf ein. Das nützte ihm alles nichts. Ich trank unbeirrt weiter, bis er zu schwach zum Stehen war. Dann ließ ich ihn zu Boden gleiten, kauerte neben ihm nieder und öffnete seine Wunde weiter. Ab jetzt war seine Gegenwehr nur noch schwach, aber er kämpfte bis zum Tod. Als der Strom versiegte, lehnte ich mich an die Wand, genoss das heftige Pochen meines Körpers und lauschte meinem keuchenden Atem. Nach einigen Minuten beruhigte sich mein Innerstes. Das Klopfen an meine Schläfen war kaum noch spürbar und meine Lungen fielen zusammen, bis zur nächsten Erregung. Nun stand ich auf, packte den Kerl am Arm und trug ihn durch die Luft, bis über den Fluss. Dort ließ ich ihn aus großer Höhe aufs Wasser klatschen.

 

Jack wartete sicher schon beim Club. Ich war so gespannt, wer sich von den Unsterblichen dort aufhielt. Vielleicht kannte ich sogar jemanden. Zielstrebig ging ich diesmal an der Warteschlange vor der Disco vorbei. Ein kurzer Blickwechsel mit dem Türsteher genügte und er hielt mir die Tür auf, obwohl er mich überhaupt nicht kannte. Er wusste nur, dass ich eine von ihnen war. Im Innern zwängte ich mich zuerst durch die Sterblichen. Das war ein merkwürdiges Gefühl überall vibrierende, heiße Körper an mir zu spüren und sie fühlten sich so weich und zerbrechlich an. Ich getraute mich kaum mich hindurch zu quetschen aus Angst dabei jemandem weh zu tun. Schließlich hatte ich den besagten Notausgang erreicht und schlüpfte schnell durch die Tür. Heute stand kein Aufpasser davor. Drinnen erschien es mir nun nicht mehr zu dunkel, aber das blinkende Licht der Tanzflächenbeleuchtung war ein wenig unangenehm. Jack wartete schon an der blaubeleuchteten Bar und grinste, als ich mich neben ihn stellte. „Hast du noch hergefunden?“ Ich grinste zurück: „Gerade noch so. Jetzt ist es schon anders, als damals.“ Ich blickte mich um, betrachtete das Männerangebot, aber ich hatte noch keine Lust auf ein Abenteuer. Magnus saß noch zu tief in meinen Gedanken. Was er jetzt gerade wohl tat? Vermisste er mich? ‚Ach, Jessica, diese Gedanken waren blöd!‘, dachte ich mir. Ich musste ihn vergessen. So ein Monster verdiente keine Zuneigung. Magnus Aussehen gepaart mit Cornelius Charakter. Dann wäre er der absolute Traumtyp.

Jack lächelte mir zu: „Du denkst immer noch an ihn.“ Ich nickte: „Sieht man das?“ Denn Jack konnte nicht in meine Gedanken eindringen, wenn ich es nicht wollte. „Na ja, du sahst so grüblerisch aus.“ Meine Blicke schweiften über die Menge: „Ach, ich will nicht an ihn denken, aber es passiert einfach. Er verdient es nicht, dass ich auch nur einen Gedanken an ihn verschwende.“ Jack bat: „Sag mir doch, was er getan hat, dass du nach den wenigen Monaten eine solche Abneigung gegen ihn hast.“ Er sah mich interessiert an und ich dachte, dass ich ihm vertrauen konnte. Jack war immer ein guter Freund gewesen und er würde mich sicher verstehen. Er war nicht sonderlich gut auf Magnus zu sprechen. Das war klar und was ich jetzt zu berichten hatte, würde ihn in seinem Hass bestätigen. Ich zögerte noch, Jack senkte den Blick und sagte: „Sag es mir, wann du willst. Das Einzige was ich weiß, ist, dass es dir schwerfällt darüber zu reden. Es muss dich sehr geschockt haben.“ Ich erwiderte: „Ja, sehr. So sehr, dass ich flüchtete. Ich packte meine wenigen Klamotten in diese Tüte und verschwand in derselben Nacht. Er hat meine Flucht wahrscheinlich kurz vor Morgengrauen bemerkt, als er sich schlafen legte. Normalerweise schlummere ich ja schon lange vor ihm. Ich verbrachte den Tag noch in der Nähe in einem Schuppen und in der nächsten Nacht bin ich sofort los. Ich wollte auf keinen Fall, dass er mich findet, weil er mich sicher wieder herumgekriegt hätte mit seinen Entschuldigungen und Verführungskünsten.“ Jack nickte seufzend: „Ja, diese Künste haben bei dir leider schon öfters gut gewirkt. Was ist denn an diesem Kerl so besonders?“ Ich zuckte die Achseln: „Hm, er sieht traumhaft aus und er ist sehr, sehr leidenschaftlich. Das fand ich anziehend, aber hinter dieser schönen Fassade verbirgt sich der tiefste Abgrund, den ich je kennen gelernt habe.“ Jack fügte hinzu: „Dass er kein Unschuldslamm ist, ist bekannt. Cornelius wusste einiges über seine Vergangenheit von anderen. Ich bin wirklich froh, dass du von ihm weg bist. Ich hatte Angst um dich.“ Der liebe Jack hatte sich Sorgen gemacht. Das las ich schon in Florenz aus seiner Warnung heraus. Ich strich über seine Wange: „Das war süß von dir.“ Er grinste nur.

Dann fühlte ich Blicke auf mir, intensive Blicke und ich sah mich um. Meine Augen blieben an einem Unsterblichen hängen, der an einer Säule neben der Tanzfläche lehnte. Er kam mir bekannt vor. Dunkle, halblange Haare mit grauen Strähnen durchzogen und stechendblaue Augen. Ich ging die mir bekannten Vampire aus meiner Zeit, als Beschatterin durch. War das Nicholas? Das reife Alter würde stimmen und er lebte in London. Als sich unsere Blicke trafen, lächelte er und war dann plötzlich verschwunden. So sehr ich auch suchte, ich konnte ihn nirgends mehr entdecken. Jack bemerkte meine Unruhe: „Was ist, Jessica?“ Ich reckte noch immer den Hals: ‚Ich meinte, ich hätte Nicholas gesehen. Kann das sein?‘ Jack blickte sich ebenfalls um: ‚Möglich, aber normalerweise kommen die Älteren nicht hierher. Die gehen in andere Clubs.‘

Na ja, so alt ist er nun auch wieder nicht‘, erwiderte ich. Jack entgegnete: ‚Immerhin über dreihundert.‘

Nicholas Geschichte hatte mich, als Sterbliche fasziniert. Er wurde zum Vampir, um einer tödlichen Krankheit zu entfliehen. Ein Freund von ihm machte ihn dazu und die ersten Jahre verbrachten sie gemeinsam. Nicholas schmerzte die Trennung von seiner Familie und vor allem von seiner geliebten Frau. Er beobachtete sie bald jede Nacht und irgendwann erlag er der Versuchung und teilte wieder das Bett mit ihr. Dieser Verstoß gegen den Kodex, blieb nur ohne Folgen, weil Estelle es für einen erotischen Wunschtraum gehalten hatte. Für sie war ihr Gatte gestorben. Sie hatte ihn ja schließlich beerdigt. Mit Hilfe seines Freundes hatte Nicholas seine Beisetzung inszeniert, um für die Welt tot zu sein. Niemand hatte bemerkt, dass der Sarg einen anderen Leichnam enthielt. Doch Nicholas mischte sich ein weiteres Mal in das Leben der Menschen ein. Seine Frau heiratete wieder, aber war nicht glücklich mit ihrem zweiten Mann. Er verspielte Nicholas angehäuftes Vermögen und stritt oft mit Estelle. Einmal rastete er aus, schlug Estelle zu Boden und trat auf sie ein. Nicholas, der draußen am Fenster stand, konnte da nicht mehr zusehen, stürzte hinein und schleuderte den Mann von seiner Frau weg. Daraufhin stach der andere Nicholas ein Messer in die Schulter, als der sich besorgt über Estelle beugte. Nicholas verschonte den Kerl nur, um Estelle nicht noch mehr zu ängstigen. Er warnte ihn nur und es wirkte, weil sich Nicholas ungerührt das Messer wieder herausgezogen hatte. Die Sterblichen hielten ihn für einen Geist. Nicholas trug seine unter Schock stehende Frau ins Bett und versprach sie immer zu beschützen.

 

Nun wollte ich gehen und Jack war einverstanden. Er lotste mich zu seinem schwarzen Bugatti und wir fuhren zu seinem Haus zurück. Auf der Fahrt sprach ich kaum und Jack nötigte mich auch nicht dazu. Er war so rücksichtsvoll. Ab und zu blickte ich zu ihm hinüber. Irgendwie war er süß. Nein, das war das falsche Wort. Attraktiv passte eher. Magnus schoss wieder in mein Hirn. Ich sah ihn nackt vor mir stehen mit diesem süßlich verruchten Lächeln. Verdammt! Ich wollte solche Gedanken nicht mehr haben, aber die Vorstellung an seinen Körper und seine Berührungen erregten mich immer noch. Tief seufzend blickte ich auf das Eisentor, das sich gerade vor der Motorhaube öffnete. Jack sah mich an:  „Was ist?“

„Ach, ich kriege ihn nicht aus meinem Kopf.“ Er tätschelte meinen Schenkel: „Das geht auch nicht so schnell. Sei nicht ungeduldig mit dir.“ Seine Berührung hatte mich elektrisiert. Ich legte meine Finger auf seine und streichelte seinen Handrücken, während er in die Garage fuhr. Dann hauchte ich erregt: „Kommst du mit in mein Zimmer?“ Jack sah mich zuerst verwundert an, aber dann verklärten sich seine Augen ein wenig und er flüsterte: „Gern.“

Kaum hatte sich die Tür meines Schlafgemachs hinter uns geschlossen, zog ich ihn ungestüm an mich und presste meine Lippen auf seine. Jack ließ sich nur zu gern darauf ein. Unter Küssen und dem Weg zum Bett, streiften wir uns hastig die Kleider vom Leib und ließen uns engumschlungen auf die Matratze fallen. Wir wälzten uns küssend darauf und dann liebkoste er mit den Lippen meine Brüste. Ich fühlte die Härte seiner Begierde an meinem Schenkel und konnte es gar nicht mehr erwarten, schlang meine Beine um seine Lenden und raunte in sein Ohr: „Komm! Worauf wartest du?“ Er antwortete mit einem leidenschaftlichen Kuss und glitt in mich hinein. Es fühlte sich vertraut an und das wollte ich auch. Er war im Moment der Halt für mich in dieser unsterblichen Welt. Irgendwie tat ich es gern mit ihm. Jack biss mir währenddessen in die Kehle, was mir ein lautes Stöhnen entlockte. Es war einfach überwältigend beides in mir zu spüren. Seinen Schwanz und seine Zähne. Das hatte mir bei Magnus immer so gefallen. Schnell verscheuchte ich diese Gedanken wieder. Ich wollte Jack nicht damit kränken. Aber nun tauchten die Szenen mit dem Mädchen vor meinen Augen auf. Die Vorstellung, wie Magnus sich an ihr verging, beherrschte meinen Kopf und Jack sah es, weil er von mir trank. Er hielt inne: „Sollen wir es lieber sein lassen?“ Ich strich ihm einige Strähnen aus der Stirn: „Nein, ich möchte, dass du weitermachst. Außer du willst nicht mehr.“ Jack küsste mich: „Doch, aber wenn es dich zu sehr an seine Schandtaten erinnert.“ Ich lächelte und krallte eine Hand in seinen Hintern: „Ach was. Besorg‹s mir!“ Das tat er dann auch und es erinnerte mich an die Liebelei mit ihm in Cornelius Haus. Was für eine unbeschwerte Zeit war das noch gewesen.

Schließlich erbebten wir und Jack blieb danach noch in mir liegen. Ich streichelte zärtlich über seine Haare und seinen Rücken und er hatte seinen Kopf auf meine Brust gelegt. Ich lauschte unseren flacher werdenden Atemzügen. Das Rauschen meines Blutes in den Ohren wurde ebenfalls schwächer. Tja, nur beim Aussaugen und beim Sex erwachten unsere Körper zum Leben. Obwohl, beim Sex war es nur der Atem. Unser Herz brauchte einen laufenden Motor, um anzuspringen. Deswegen war es auch so erregend von Menschen zu trinken. Bei Tieren funktionierte das irgendwie nicht. Ich selbst hatte es noch nie ausprobiert, aber ich ließ es mir erzählen. „Jack, hast du schon von Tieren getrunken?“ Er sah zu mir auf: „Nein und das will ich auch nicht. Bäh! So was ist für Schwächlinge. Das machen diese „Ratten vielleicht.“ Ich verdrehte die Augen: „Es hätte ja sein können, du wärst einmal in einer Notlage gewesen.“ Er schüttelte den Kopf: „Zum Glück nicht. Du?“

„Nein. Ich dachte gerade nur darüber nach, wieso wir bei Tieren keinen Herzschlag haben, jedoch bei Menschen. Das ist irgendwie seltsam.“ Jack wälzte sich von mir herunter: „Über was du dir Gedanken machst. So ist es eben.“ Ich stütze meinen Kopf auf einen Arm: „Interessieren dich solche Dinge überhaupt nicht? Warum du ausgerechnet so bist und nicht anders?“ Jack zuckte mit den Schultern: „Eigentlich nicht. Ich bin froh, dass ich dieses Aussehen habe und diese Fähigkeiten. Mehr brauche ich nicht. Du grübelst zu viel“, bemerkte er lachend und sagte neckisch: „Meine Forscherin!« Ich wandte mich scheinbar beleidigt von ihm ab: „Mach dich nur lustig.“ Jack rückte näher an meine Rückseite und küsste meine Schulter: „War das der Grund wieso du Magnus verlassen hast? Weil er junge Mädchen tötete.«

„Nein. Ich wusste, dass er Mädchen in sein Haus lockte, um zu trinken. Aber ich konnte nie dabei zusehen, weil die Körper entsprechend zugerichtet waren. Nein, es war die Tatsache, dass er ein Mädchen zu Tode quälte nur aus Vergnügen. Er hatte nicht mal von ihr getrunken, oder nur wenig. Es war nicht aus Hunger gewesen. Die anderen hatte er in seiner Blutgier so zugerichtet. Verstehst du? Er hatte Spaß daran, oder es erregte ihn dieses Mädchen auszupeitschen und zu missbrauchen und ihr am Ende den Hals rumzudrehen. Da konnte ich nicht mehr bei ihm bleiben. Das ging nicht mehr. Den Rest habe ich dir ja schon erzählt.“ Jack nickte und starrte vor sich hin: „Das ist krass. Es gibt leider auch unter den Unsterblichen welche mit abartigen Neigungen. Wahrscheinlich hatten sie das als Menschen schon und unsere Natur verstärkt es noch. Ich persönlich könnte so etwas nie tun. Ich bin wirklich froh, dass du von ihm weg bist. Wer weiß? Vielleicht hätte sein abartiger Charakter noch auf dich abgefärbt.“ Ich umarmte ihn: „Ach Jack! Du bist ein wahrer Freund. Ich hoffe nur, er findet mich nicht.“ Jack murmelte: „Ja, das hoff ich auch.“

 

Ich hatte eine angenehme Zeit bei Jack und Lorraine. Langsam trat Magnus immer mehr in den Hintergrund. Ab und zu verbrachte ich mit Jack eine stürmische Liebesnacht, was Lorraine anscheinend nicht störte. Sie war seine Gefährtin und mich sah sie nur als Untermieterin. Auch gut, denn ich war nicht scharf auf einen Streit. Ich wollte auch gar nichts Ernstes mit Jack. Im Moment war alles bestens so. Ich besuchte gern die Partys in unseren Kreisen. Hier in England fanden sie meistens auf Burgen oder Schlössern statt. Mir gefielen die Atmosphäre und das aristokratische Gehabe dieser adligen Unsterblichen. Sie hielten sich schon für etwas Besseres, aber sie sahen mir meine Fehler im Benehmen nach. Ich war ja eine unkultivierte Amerikanerin.

Auf einer dieser Partys traf ich Nicholas wieder und ich verfiel ihm eine Zeit lang. Ich vernachlässigte Jack und traf mich einige Male mit Nicholas in seinem Haus, um unseren Trieb auszuleben. Er wollte nichts Festes mit mir, was mir eigentlich recht war. Er hatte seine drei Gefährtinnen, mit denen er zusammenlebte. Nicholas war fast so wild, wie Magnus es gewesen war und das genoss ich natürlich sehr.

 

Inzwischen kam der Herbst und eines Abends sagte mir Jack, dass er bald zu Cornelius reisen würde. Sein jährlicher Besuch stand an und dann stellte er mir eine schwerwiegende Frage: „Jessica, möchtest du mich begleiten? Cornelius bittet dich darum.“ Ich war ganz perplex: „Er will mich sehen? Nach allem, was ich ihm angetan habe.“ Jack berichtete mir, dass er Cornelius gleich geschrieben hatte, als ich hier in London aufgetaucht war und dass sich mein Schöpfer jedes Mal nach mir erkundigt hätte in seinen Mails. Jack fügte hinzu: „Er möchte eine Aussprache mit dir. In Florenz war Magnus im Weg gewesen. Er wollte da nur schnell die Stadt verlassen. Er würde sich wirklich freuen, wenn du kommst und er müsste sich nicht mehr mit so vielen unbeantworteten Fragen quälen.“ Ich dachte eine Weile nach. Cornelius wiedersehen. Konnte ich ihm noch in die Augen schauen? Andererseits würde ich ihn schon gern wiedertreffen. Die Abreise war in zwei Wochen. Ich brauchte noch Bedenkzeit.

 

 

 

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