12. Türchen

So zufrieden wie schon lange nicht mehr wickelte Hermine die Spaghetti mit hausgemachter Pesto auf ihre Gabel. Draco hatte sie tatsächlich erneut in dasselbe Restaurant eingeladen und ihr diesmal die Wahl der gemeinsamen Speise überlassen. Sie fühlte sich stets ein wenig schuldig, wenn sie in einem Restaurant Nudeln bestellte – immerhin konnte sie das auch daheim machen – aber Pesto von einem echten Italiener schmeckte eben immer noch ganz anders als aus dem Glas. Sie war im Himmel.

Dazu kam, dass Draco sich tatsächlich anständig zu benehmen wusste. So häufig sie auch auf seine traditionsbewusste Familie herabgeschaut hatte, so sehr wusste sie es doch zu schätzen, dass er exzellente Tischmanieren an den Tag legte. Alleine die Art, wie er seine Gabel in der Hand hielt, wie er seine Serviette benutzte, wie er das Weinglas anhob – sie konnte nicht anders als zuzugeben, dass traditionelle Tischmanieren einem Mann gut standen.

„Also sag mir, Granger“, durchbrach Malfoy schließlich das Schweigen, nachdem sie einige Minuten beide nur mit Essen verbracht hatten: „Hat Weasley dir inzwischen einen Heiratsantrag gemacht?“

Laut stöhnte sie auf. Natürlich würde er sie von dieser Seite angreifen, nur um sie aus der Reserve zu locken. Doch sie hatte sich vorgenommen, sein Katz-und-Maus-Spiel mitzuspielen, also würde sie ihm den Gefallen tun und darauf eingehen: „Tatsächlich haben wir eine Pause eingelegt.“

Sie sagte das so ungerührt wie möglich, als sei es selbstverständlich und würde ihr nicht innerlich das Herz brechen, und das hatte offenbar den gewünschten Effekt. Mit großen Augen blickte Draco sie an: „Eine Beziehungspause? Scheint dich ja nicht sonderlich zu berühren.“

Sarkastisch erwiderte sie: „Wenn es mich berühren würde, wäre eine Pause wohl nicht nötig, oder was meinst du?“

„Wow, eiskalt!“, entfuhr es Draco so voller Respekt, dass Hermine beinahe gelacht hätte. War ja klar, dass jemand wie Draco es gut fand, wenn man keinerlei Gefühle in eine Liebesbeziehung einbrachte.

Kopfschüttelnd erklärte sie: „Wir denken beide, dass ein wenig Abwesenheit unsere Zuneigung zueinander wieder steigern wird. Für den Moment jedenfalls bin ich … ungebunden.“

Das letzte Wort kam ihr schwer über die Lippen, denn noch immer konnte sie dieser neuen Realität nicht so locker ins Auge sehen. Doch so war es. Sie war Single.

„Und du?“, fügte sie rasch hinzu, um nicht weiter über diese Problematik sprechen zu müssen: „Hast du schon eine Frau an dich gekettet?“

„Hey“, entfuhr es Draco gespielt entrüstet: „Das klingt ja so, als müsste ich Frauen dazu zwingen, mit mir auszugehen!“

Hinterhältig grinste sie ihn an: „So sollte es auch klingen.“

Er schnaubte: „Zu deiner Information, ich musste noch nie eine Frau zu irgendetwas zwingen. Wenn überhaupt muss ich sie davon überzeugen, dass ich kein Interesse an ihr habe. Ich kann mich jedenfalls vor Angeboten kaum retten.“

Lachend griff sie nach ihrem Weinglas: „Ja, das haben wir ja schon in Hogwarts bemerkt, mh? Du hast deine Freundinnen wirklich gewechselt wie deine Unterhosen“, sie nahm einen tiefen Schluck, dann fuhr sie immer noch lachend fort: „Deswegen hat mich dich auch immer nur mit Parkinson an deiner Seite gesehen. Weil du so ein Weiberheld warst.“

„Woah, wer hätte gedacht, dass die kleine Streberin so eine spitze Zunge hat?“, kam es überrascht von Draco.

Sie grinste breit: „Du hast dir nie die Mühe gemacht, dich mit mir zu unterhalten, woher solltest du das also wissen?“

Es gefiel ihr, dass Draco sich im Laufe des Mittagessens offensichtlich entspannt hatte. Sie war darauf bedacht, vorläufig das Thema der Vase nicht noch einmal anzuschneiden, ehe sie nicht noch ein wenig in seiner Gunst gestiegen war. Und wenn das hieß, dass sie mit ihm flirten musste, würde sie das auch tun. Es machte ihr tatsächlich Spaß, ihm diese Seite von sich zu zeigen, gerade weil es ihn so aus dem Konzept brachte.

„Du warst in Hogwarts nie sonderlich einladend“, konterte Draco, während er die letzten Reste von seinem Teller zusammenschob: „Vielleicht hätte ich mich ja richtig mit dir … unterhalten, wenn du nicht so besserwisserisch gewesen wärst.“

Hermine war nicht entgangen, wie er sie bei dem Wort unterhalten direkt angeschaut hatte, doch sie war nicht bereit, ob der Andeutung rot anzulaufen. Stattdessen erwiderte sie sarkastisch: „Genau, weil du zu Schulzeiten so bekannt dafür warst, dich mit Harrys Freunden ausgezeichnet zu verstehen.“

Ein leises Lachen ertönte: „Vielleicht hätte ich dich ja davon überzeugen können, dass ich eine bessere Gesellschaft bin als Potter?“

Ein Schauer rann Hermines Rücken hinab. Der tiefe Tonfall von Dracos Stimme sagte ihr nur zu deutlich, welche Form von Gesellschaft er meinte. Und die Tatsache, dass das letzte Mal, als sie in Harrys Gesellschaft gewesen war, jegliche Grenze überschritten hatte, machte diesen Gedanken nicht besser. Wollte Malfoy wirklich andeuten, dass er sich auf sie eingelassen hätte? Trotz Blutstatus, trotz ihrer Freunde? Sie seufzte tief. Vermutlich wollte er sie nur aufziehen, um zu schauen, wie weit er gehen konnte, ehe sie die Nerven verlor. Sein intensiver Blick jedenfalls war ein deutliches Indiz, dass er auf eine Reaktion ihrerseits wartete.

Sie wusste, sie würde es noch bereuen, aber sie konnte jetzt nicht klein beigeben: „Du könntest ja versuchen, das jetzt nachzuholen.“

Schmunzelnd registrierte sie, wie seine Augen sich leicht weiteten. Ganz offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sie auf seine Flirterei einsteigen würde. Gut so. Je mehr es ihr gelang, ihn aus der Bahn zu werfen und ihm vorzugaukeln, dass sie sich auf seinen Charme einlassen wollte, umso leichter wäre es später, ihn um den Finger zu wickeln. Sie musste nur dafür sorgen, dass er ihr Zutritt zum Keller gewährte, ohne dass seine Mutter davon wusste, danach konnte sie ihn immer noch wieder auf die korrekte Distanz bringen.

Verwunderte über sich selbst und ihre hinterhältige Art zu denken, nahm Hermine noch einen Schluck aus ihrem Weinglas. Vermutlich sollte sie nicht zu viel Mitleid für Malfoy empfinden. Er war ein Kriegsopfer, ja, aber er war immer noch ein schlechter Mensch, der sie ihr Leben lang diskriminiert und beleidigt hatte. Geschah ihm nur Recht, wenn er jetzt von ihr ein wenig hereingelegt würde.

Zufrieden bemerkte sie, dass ein ganz neuer Glanz in seine Augen getreten war, als er entgegnete: „Dann werde ich mir alle Mühe geben. Vergiss nicht, dass du mich hierzu aufgefordert hast, Granger, und beschwer dich später nicht über die Nebenwirkungen!“

Sie kicherte. Malfoy war so ein typischer Mann – konnte keine Herausforderung ablehnen, konnte nicht widerstehen, wenn eine Frau sich empfänglich für seinen Charme zeigte. Oh ja, er würde sein blaues Wunder erleben.

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