14. Ein Abschied für immer und ewig

Durch Khamutef wusste ich jetzt, dass es unsere Art schon mindestens seit 5000 Jahren gab. Doch woher war sie gekommen. Siebzig Prozent nicht menschlich und unbekannt. Stammten wir von Außerirdischen ab? Das würde mich wirklich sehr interessieren.

Mein Dasein mit Cornelius verlief weiterhin sehr harmonisch. Wir lebten bereits ein Jahrzehnt zusammen, als wir uns auf die Suche nach weiteren uralten Unsterblichen machten. Wir fanden etwas anderes.

 

Es geschah, als Cornelius und ich in den Rocky Mountains unterwegs waren. Wir hatten uns kurz davor an zwei Männern von der Bergwacht, gelabt. Nun schwebten wir den Gipfeln entgegen. Mein Gefährte war direkt neben mir, als er plötzlich von etwas mitgerissen wurde. Ich blickte erschrocken nach unten und sah, wie sich eine Unsterbliche an ihm festgeklammert hatte und in seinen Nacken biss. Cornelius versuchte sie verzweifelt abzuschütteln, aber sie hatte sich an ihm festgekrallt und saugte sein Blut. Ich war entsetzt über diesen Angriff. Warum tat sie das? Waren wir in ihrem Revier unerwünscht? Mein Gefährte wehrte sich immer noch, jedoch ließ seine Kraft durch den Blutverlust, nach.

Da schoss ich auf die ineinander gewundenen Körper zu und versuchte, die Unbekannte von ihm wegzuzerren. Doch ich erhielt einen solchen Schlag von ihr vor die Brust, dass ich meterweit durch die Luft flog und Rippen brechen hörte. Ich spürte keinen Schmerz, doch mir war klar, dass Cornelius keine Chance gegen diese Frau hatte, geschweige denn ich. Die Unbekannte ließ nun von ihm ab, behielt ihn am Arm umklammert und kam blitzschnell auf mich zu, um mich ebenfalls am Handgelenk zu packen. Bevor ich richtig begriff, zog sie mich schon mit sich. Cornelius hing geschwächt und ausgezehrt an ihrer Hand. Wir flogen so schnell dahin, dass ich kaum etwas um mich herum erkennen konnte. Endlich stoppte sie vor einer Höhle. Diese Fremde zerrte uns ins Innere und schleuderte uns einfach in die hinterste Ecke ihres Domizils. Ich rappelte mich auf, kauerte zu meinem Liebsten und nahm ihn in den Arm. Die Frau betrachtete uns, dann sagte sie: „Du wirst mir dienen und er wird bald sterben.“ Ich fing zu weinen an und drückte Cornelius enger an mich. Sie ging wieder in den vorderen Teil ihres Unterschlupfes, wo ich im Vorbeistolpern einen Tisch, einen Stuhl und ein Bett gesehen hatte.

Cornelius war ganz ruhig, doch ab und zu schluchzte er und flüsterte: „Ich will nicht sterben!«, zu sich selbst.  Das wirst du nicht. Wir entkommen ihr irgendwie“, beruhigte ich ihn. Er sah mich verzweifelt an: „Für mich gibt es kein Entkommen mehr. Weißt du nicht, was sie ist?“ Ich schüttelte den Kopf: „Eine uralte Unsterbliche?“ Mein Gefährte setzte sich nun schwerfällig auf: „Nein, keine unserer Art. Sie ist eine Drude!“

„Was, eine Drude?“, stieß ich entsetzt hervor und sofort erinnerte ich mich an Antonios Erzählungen. Er nickte: „Sie sind sehr selten. Zum Glück!“ Langsam begriff ich, was das letztendlich bedeutete. Cornelius war den Tränen nahe: „Ich werde altern und sterben. In einer Woche!“ Der Schreck schlich sich langsam durch meine Glieder, je klarer mir die unausweichliche Konsequenz davon wurde. Das durfte alles nicht wahr sein. Ich konnte es nicht fassen, dass er in einigen Tagen nicht mehr sein sollte. Ich hoffte, stark genug zu sein, um seinen Anblick bis zuletzt zu ertragen. Es war so schrecklich! Ich fühlte eine unbeschreibliche Ohnmacht. Niemand und nichts konnte seinen Tod aufhalten. Zum Glück ließ sich dieses Wesen die ganze Nacht nicht mehr blicken, sonst wäre ich ihr vermutlich an die Kehle gesprungen. Ich fragte meinen Schöpfer: „Woher weißt du von ihnen?“

„Vor dreihundert Jahren fand der Jahresball noch in Rumänien statt. Dort lebte eine Drude und jedes Jahr fiel ihr einer von uns zum Opfer. Wir anderen mussten mit ansehen, wie sich schöne, stolze Männer in grauhaarige Skelette verwandelten. Sie suchte sich niemals Frauen, als Beute aus. Keine Ahnung, warum! Mein Verhängnis war unsere Jagd, bevor wir aufbrachen. Sie greifen nur an, wenn man frisches Blut getrunken hat.“

„Wann wird sich die Wirkung zeigen?“

„In zwei Nächten kommen die ersten Falten. Danach geht es schnell.“ Langsam wurde ich müde. Der Morgen brach bald an. „Cornelius, trink von mir. Du bist so schwach.“ Er verneinte: „Ich will dich nicht auch noch vergiften.“

„Das ist mir gleich. Dann sterbe ich mit dir.“ Er streichelte mein rotes, langes Haar: „Du würdest nicht sterben. Dein Körper würde zu seiner Sterblichkeit zurückkehren und das hieß, dass du zu einer Vierzigjährigen wirst. Danach würdest du altern, wie als Mensch und sterben, wenn es dir vergönnt gewesen wäre. Wie gesagt, ihr Gift hebt nur die Unsterblichkeit auf. Für mich heißt es, dass ich nach meinem Tod weiter zerfalle, bis ich wie eine vierhundertjährige Leiche aussehe.“ Ich legte meinen Kopf in seinen Schoß und schlief ein, während er mich streichelte.

 

Am nächsten Abend ging es Cornelius viel besser. Er stand auf und ging ein wenig durch die Höhle. Die Drude saß an ihrem Tisch und beobachtete uns. Dann befahl sie mich zu sich. Vor Furcht gehorchte ich. Als ich vor ihr stand betrachtete ich ihre Gestalt. Sie war uns ähnlich und auf irgendeine Weise auch schön.. Wallendes, weißblondes Haar, fast weiße Haut, die so aussah wie unsere und gelbe Augen, die mich durchdringend ansahen. Sie hatte ein sehr spitzes Kinn und ihr fehlten die Augenbrauen. Ihre Zähne waren auch viel länger. Sie reichten bis zur Unterlippe, so dass man sie auch bei geschlossenem Mund sah. Die Drude trug nur eine Art Gewand aus grobem Wollstoff, das von einem Gürtel um die Taille gehalten wurde. Ich konnte keine Brüste darunter erkennen. War es überhaupt eine Frau?

„Hör zu, Bluttrinker! Wann brauchst du wieder Nahrung?“, fragte sie.

„Übermorgen.“

„Gut. Du wirst zwei Menschenmänner hierher bringen und einen von ihnen umwandeln. Hast du das verstanden?“

„Ja, aber warum?“ Zur Antwort knurrte sie mich an: „Du tust, was ich sage und hüte dich zu fliehen. Ich finde dich!“ Was dachte sich dieses Tier? Ich würde Cornelius doch niemals im Stich lassen. Dieses Miststück wollte, dass ich ihr die Jagd abnahm. Nachdem sie mich weggeschickt hatte, setzte ich mich wieder zu meinem Gefährten, der sich an die Höhlenwand lehnte und in seinen Mantel wickelte. Sie brauchte uns nicht einzusperren, weil sie schneller war, als wir und weil sie morgens länger wach bleiben konnte. Wir unterhielten uns nur noch in Gedanken, damit sie uns nicht belauschen konnte, aber ich glaubte, sie konnte es trotzdem. Ich ging nochmals zu ihr und fragte vorsichtig: „Wie darf ich dich ansprechen?“ Die Drude blickte zu mir auf: „Herrin!“

„Gut, Herrin. Mein Gefährte braucht Nahrung. Kann ich ihm etwas fangen?“ Sie antwortete: „Er kann von dir trinken. Es ist nicht ansteckend.“ Ich nickte und verzog mich mit meinem Schöpfer in den hintersten Teil, um ganz ungestört zu sein.

Als ich ihm sagte, dass er mich durch seinen Biss nicht vergiften konnte, sah ich seine aufkeimende Ungeduld. Ein begehrliches Glitzern in seinen Augen. Natürlich war er hungrig, aber das hätte er vorher nie zugegeben. Nun zog er mich in seine Arme und versenkte seine Zähne in meinem Hals. Sein Saugen versetzte mich in Erregung. Ich sah unseren Phantasiestrand im Mondlicht, hörte die Wellen und spürte die warme Brise auf meiner Haut. Normalerweise würde ich nun ebenfalls von ihm trinken, aber ich ließ es lieber sein, denn sonst sog ich sein vergiftetes Blut ein. Das Bluttrinken war wie ein Vorspiel. Wir tauschten weitere Zärtlichkeiten aus und Cornelius meinte, er müsse es ausnutzen, solange es ihm noch gut ging. Wir legten uns auf unseren Mänteln, auf dem Höhlenboden nieder. Die körperliche Liebe lenkte von all dem Grauen ab und wir träumten uns wieder an den Strand. Später lagen wir uns in den Armen und ich strich durch sein hellbraunes, kurzes Haar. Er sah in meine grünen Augen und meinte: „Sieh mich noch mal gut an. Ab morgen wird das alles vergehen.“

„Sei still, bitte. Ich will das nicht hören“, erwiderte ich aufgeregt. Er blieb ruhig: „Es wird so sein, ob du es willst oder nicht.“

„Morgen muss ich jagen. Für sie und für mich. Das hier ist alles meine Schuld! Ich wollte unbedingt diese uralten Unsterblichen suchen und nun verliere ich dich.“ Ich musste wieder weinen. Cornelius küsste meine Wange: „Liebling, nein. Niemand hat Schuld. Nur sie!“ Das war wohl unsere letzte unbeschwerte Nacht. Ich hatte Angst vor den nächsten Nächten, konnte mir nicht vorstellen, wie er zerfallen würde und wie schnell das gehen würde. Aber, wie fühlte er sich? Für ihn war es noch viel schlimmer. Er wusste, dass er nur noch eine Woche existierte. Für jemanden, der unsterblich war, war das ungeheuerlich.. Die Zeit würde ihn töten. „Cornelius, ich will dein Blut trinken. Dann gehe ich auch bald zugrunde.“ Er zog entsetzt seinen Arm weg, den ich schon nehmen wollte, um hineinzubeißen: „Nein, bist du verrückt. Niemals! Du musst hier rauskommen. Ich will dich nicht verlassen, mit dem Wissen, dass du in einigen Jahrzehnten ebenfalls tot sein wirst. Du musst überleben! Ich habe dich geschaffen und ich will nicht, dass es so endet.“ Ich legte meinen Kopf an seine Brust: „Und ich will nicht ohne dich weitermachen. Was wird nur aus mir werden? Ich war bis jetzt noch nie allein und ich bin doch so schwach. Wie kann ich allein dein Revier verteidigen? Darauf warten andere Junge doch nur.“ Er tätschelte meinen Arm: „Dann bitte Jack um Hilfe. Er steht dir sicher bei. „Ja, und Lorraine. Die lässt er doch nicht einfach im Stich. Ach, das ist alles Mist! Es geht nicht.“ Cornelius küsste meine Wange: „Jessica, du findest einen Weg. Tu es für mich! Das ist mein letzter Wille! Dass du ihr entkommst und noch lange weiterlebst.“ Ich nickte mit Tränen in den Augen.

 

Die nächste Nacht brach an und ich musste auf Futtersuche. Ich ließ Cornelius ungern allein, aber mein Hunger und auch meine Herrin, trieben mich hinaus ins Schneegestöber. Ich brachte zwei Bergsteiger zur Höhle, die ich beide mit einem Schlag ins Genick, betäubt hatte. Solange ich von einem trank und ihm mein Blut einflößte, kam der andere zu sich. Er starrte uns alle fassungslos an. Ein Mensch, allein unter Monstern. Obwohl wir ihm weniger Angst einjagten, als die Drude. Sie sah eben furchterregender aus, mit ihren langen Zähnen und klauenbewehrten Fingern, aber war für ihn ungefährlich. Antonio hatte mir damals erzählt, dass Druden nur Vampirblut trinken konnten. Das von Tieren und Menschen vertrugen sie nicht. Da kam ich zu der Überzeugung, dass dies sehr merkwürdige Wesen waren. Kurz vor Morgengrauen kam die Drude zu dem Menschen und brach ihm beide Beine, damit er tagsüber nicht weglaufen konnte. Sie packte seine Unterschenkel und knickte sie, wie morsche Äste. Armer Sterblicher!

 

Zu seinem Entsetzen war sein Partner in der nächsten Nacht, ebenfalls ein Monster. Toll! Das war nun mein erster Zögling, geschaffen, um bald wieder zu sterben. Doch das würde noch einige Wochen dauern, aber trotzdem. Bei meinem Schöpfer zeigten sich in dieser Nacht, die ersten Anzeichen des Verfalls. Ich erkannte Falten um die Augen, aber ich hütete mich, ihm das mitzuteilen oder ihn meine Gedanken sehen zu lassen. Ich hatte den Eindruck, als wären es bis zur Morgendämmerung mehr geworden und ich sah einige graue Strähnen in seinem Haar. Mich befiel die Angst, aber ich versuchte, ihn davon nichts anmerken zu lassen. Ich wollte ihm eine starke Partnerin sein, die ihn trösten konnte, wenn es nötig war.

 

Am nächsten Abend war mein erster Nachkomme hungrig. Er fiel ohne große Umschweife über seinen sterblichen Partner her. Die Drude warf den toten Körper danach auf die Felsen vor der Höhle. Bei meinem Gefährten war der Alterungsprozess weiter fortgeschritten. Er bekam immer mehr graue Haare und tiefere Falten im Gesicht. Zum Glück gab es hier keinen Spiegel und ich verbarg bis jetzt mein Bild von ihm in meinem Kopf. Heute musste er allerdings von mir trinken und da sah er es natürlich. Wenn er mein Blut trank, konnte ich nichts mehr vor ihm verbergen. Er war schließlich über dreihundert Jahre älter, als ich. Cornelius weinte fast die ganze restliche Nacht und mir war so elend zumute, bei all dem. Mein schöner Erschaffer siechte dahin.

In der darauffolgenden Nacht, bat ich meine Herrin darum, meinem Geliebten, den Blick in den Himmel zu erlauben. Sie ließ uns tatsächlich vor die Höhle. Dort saßen wir Arm in Arm und betrachteten die Sterne. Hier oben konnte man viel mehr sehen, als in der Stadt. Es war grandios! Cornelius fragte: „Wie schlimm ist es schon? Verschweig mir nichts. Ich muss es wissen.“ Ich sah ihn eine Weile an: „Bitte Schatz!“

„Jessica, sag einfach, wie alt ich aussehe.“ Ich nickte und meinte: „Siebzig.“ Er kämpfte mit den Tränen: „Dann bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Zwei, drei Nächte vielleicht.“

„Bitte lass uns von etwas anderem reden.“ Das taten wir dann auch. Wir schwelgten in Erinnerungen über unsere glücklichen Zeiten. Bald jährte sich die Nacht meiner Wiedergeburt. Cornelius hatte mir jedes Mal ein Geschenk gemacht und mich ausgeführt, wie an einem Geburtstag. Diesmal würde er nicht mehr sein, wenn es, soweit sein wird. Das deprimierte mich abermals. Ich glaube, er hörte es, denn er zog mich enger an sich und tätschelte meine Schulter. Er war knochiger geworden und die Haare über der Stirn waren lichter. Dann begann er von seinen früheren Zeiten zu erzählen. Das interessierte mich jedes Mal sehr. Von dem kargen Leben in der Toskana, bis zu den prunkvollen Bällen in Paris oder Wien. Die Affäre mit Jack und die darauffolgende Freundschaft der beiden. Er war in Cornelius verliebt gewesen, aber die Gefühle meines Schöpfers gehörten damals Maria. Cornelius lächelte mich mit seinem alten Gesicht an: „Du hast deine Entscheidung seither nie bereut.“

„Nein. Ich wollte es ja unbedingt. Aber nun bekomme ich Zweifel. Ich habe Angst ohne dich.“

Inzwischen hielt ich einen achtzigjährigen Mann im Arm. Er war noch knochiger geworden und wurde buckliger. Die Zähne begannen ihm auszufallen. Plötzlich sah ich zwei in seiner Handfläche und er starrte fassungslos darauf. Er weinte an meiner Schulter, während ich ihn schweigend an mich drückte. Warum musste das Schicksal ausgerechnet Cornelius strafen? Er war ja ziemlich menschlich für unsere Verhältnisse und quälte seine Opfer nicht. Er war der Verführer!

 

Mein Schöpfer schlurfte nach einer weiteren Nacht schwerfällig durch die Höhle. Wenn er sich durch das Haar fuhr, hingen ganze Strähnen zwischen seinen Fingern. Er hatte keine Tränen mehr für seinen Zerfall, ertrug es einfach. Morgen würde er bereits zu schwach zum Gehen sein. So kam es dann auch.

 

Er lag nur noch auf dem Boden, ein Greis von neunzig. Sein Körper war total ausgezehrt und er sah mich müde an. Seine zittrige Hand nahm meine: „Jessica, du musst ihr entkommen. Irgendwie musst du es schaffen. Meine Liebste! Wir hatten schöne Jahre zusammen.“ Ich weinte und nickte. Dann sagte ich: „Ich habe solche Angst vor ihr. Wie kann ich fliehen? Cornelius verlass mich nicht.“ Ich legte meinen Kopf auf seine Brust, spürte jede Rippe und er streichelte sanft mein Haar. Wir wussten beide, dass er morgen sterben würde.

 

Es geschah mitten in der Nacht. Ich verbrachte die ganze Zeit neben ihm und hielt seine knochige Hand. Sein Gesicht glich mehr einem Totenschädel, als einem Menschen. Seine Augen lagen nun tief in den Höhlen und Zähne hatte er keine mehr. Die Reißzähne waren als Letzte ausgefallen. Er konnte kaum noch sprechen, nur wispern und so unterhielten wir uns in Gedanken. Er fühlte den Tod kommen. Ich beugte mich über sein Gesicht, schloss die Augen und küsste seine ausgedorrten Lippen. Während unseres Kusses, erschlaffte seine Hand in meiner und als ich mich wieder aufrichtete, war er gestorben. Seine Augen starrten ins Unendliche. Da erfasste ein rumorender Schmerz meine Eingeweide. Ich schrie aus Verzweiflung und Trauer. Eine Welt schien zusammenzustürzen. Die Drude ließ mich toben. Sie sagte nur, dass ich ihn draußen begraben könne. Ich war am Boden zerstört. Die restliche Nacht kauerte ich weinend neben seiner Leiche und konnte es einfach nicht glauben. Cornelius war für immer fort. Der Schmerz in mir war unerträglich. Wenn wir auch keinen Körperlichen empfanden, so den Seelischen umso mehr.. Mein Nachkomme versucht,e mich zur Flucht anzustiften, aber ich zerstörte seine Illusion. Sie würde uns überall finden. Dann bestattete ich Cornelius auf einer Klippe im ewigen Eis.

 

Mein Schicksal war, jahrelang der Drude zu dienen, und irgendwann ließ sie mich gehen. Die moderne Welt war weit weg für mich. Ich kannte nur noch Eis, Schnee, Felsen und das Blut der Bergsteiger. Ich hatte die Männer, die ich verwandeln musste, über die Geschehnisse in der Welt ausgefragt. Nach fast fünfzig Jahren, wie ich später feststellen sollte, kehrte ich nach San Francisco zurück, um ein neues Leben zu beginnen. Mit der Zeit war ich mit der Drude vertrauter geworden. Sie war nicht mehr das Monster, wie anfangs. Doch sie blieb die Mörderin meines Gefährten. Cornelius Grab hatte ich während meiner Gefangenschaft oft besucht und jedes Mal geweint. Nun ließ ich ihn zurück und machte mich auf den Weg.

 

Die Stadt hatte sich kaum verändert. Sogar das Haus meines Schöpfers stand noch und wurde von anderen Unsterblichen bewohnt. Ich näherte mich sehr vorsichtig. Es war ein Pärchen. Er einige Jahrhunderte alt und sie einige Jahrzehnte. Das erinnerte mich wieder an Cornelius und ich kämpfte mit den Tränen. Ich flog weiter zu Antonios Grundstück. Dort stand nun eine prächtigere Villa, als früher und zum Glück wohnte er noch dort. Er war immer ein guter Freund von mir gewesen, als ich noch hier lebte. Ich setzte auf der Terrasse auf und schickte sofort einen stummen Ruf: ‚Antonio, wo bist du? Hier ist Jessica!‘ Er ließ nicht lange auf sich warten. Plötzlich stand er vor mir und musterte mich von Kopf bis Fuß. Dann erhellte sich seine Miene und er sagte: „Tatsächlich! Du lebst. Wo ist Cornelius?“ Ich senkte betrübt die Augen: „Tot. Sein Körper liegt in den Rockies.“

„Du siehst furchtbar aus. Was ist geschehen?“

Er meinte wohl mein zerzaustes verfilztes Haar, meine krallenartigen Fingernägel und dass ich nur Lumpen am Leib trug. „Wir wollten in den Bergen nach alten Unsterblichen suchen und fanden eine Drude.“ Er nahm mich am Arm, führte mich ins Haus und bot mir einen Platz auf dem Sofa an. Ich setzte mich und fuhr mit der Erzählung fort: „Sie fiel Cornelius in der Luft an. Er war direkt neben mir und als sie von ihm getrunken hatte, zog sie mich auch mit sich und brachte uns in ihre Höhle im ewigen Schnee. Cornelius alterte und starb und ich musste ihr Nahrung beschaffen. Sie ließ mich auf die Jagd und ab und zu musste ich ein Opfer für sie umwandeln. Das ging jahrelang so. Oft dauerte es Wochen, bis sie einen meiner Zöglinge tötete. In der Zeit fragte ich die Männer über die Welt draußen aus. Wie lange war ich in den Bergen?« Antonio erwiderte: „Achtundvierzig Jahre.“

„Oh Gott. So lange ist mein Liebster schon tot. Ich habe bereits gesehen, dass andere in unserem Haus leben.“ Antonio lächelte: „Es sind Freunde von Jack. Er kommt öfters her.“

„Wirklich? So ein Zufall.“ Er betrachtete mich sehr genau. Dann meinte er: „Ich denke, du bist nun reif für die Wahrheit über unsere Art. Allanah, meine Gefährtin, soll dir aber zuerst im Bad helfen und dich neu einkleiden. Dann werden wir reden.“ Das klang sehr bedeutend. Ich war gespannt, was er mir erzählen wollte. Mein Gefühl, dass er mehr wusste, als er je zugegeben hatte, schien sich zu bestätigen. „Danke, Antonio. Ich bin noch ganz durcheinander.“ Eine kleine Frau mit dunklen, langen Locken kam herein. Antonio stellte mich vor: „Das ist Jessica! Hilf ihr ein bisschen beim Anziehen.“

„Ist gut. Komm!“, forderte sie mich auf. Mein Fleisch wurde langsam warm im heißen Wasser der Wanne. Das war wie im Paradies. Allanah wusch mir die Haare und meinte dann: „Da ist nichts mehr zu retten. Ich muss alles abschneiden.“

„Wenn es sein muss. Mach ruhig! Sie wachsen ja wieder.“ So fielen die langen Zotteln.

 

Nach einer Weile erschien ich wieder bei meinem Gastgeber in Jeans, T-Shirt und kurzen Haaren. Ich setzte mich in den Sessel ihm gegenüber und er begann: „Nun gut. Nachdem, was du alles mitgemacht hast, ist es nur gerecht, dass du es erfährst.“ Er machte eine Pause und betrachtete mich eingehend. Dann fuhr er fort: „Es geschah vor zwölftausend Jahren. Da landete ein Raumschiff auf der Erde und es enthielt Wesen aus einem anderen Sonnensystem. Die Sterblichen nannten sie Katzenmenschen, wegen ihrem Aussehen. Sie besaßen grüne oder gelbe Augen mit schlitzförmigen Pupillen, spitze Ohren und lange Eckzähne. Sie hatten friedliche Absichten, aber als die Menschen bemerkten, dass die Wesen nur Blut tranken und weil sie vom Himmel gekommen waren, begannen sie, ihnen Opfer darzubringen. Die Fremden töteten diese Leute nicht, sondern brachten sie in ihr Schiff. Nach vielen Jahren verließen sie unseren Planeten wieder und ließen zwei Mutationen zurück. Uns und die Druden, als unsere natürlichen Feinde. Wir sind eine Mischung aus ihnen und den Menschen. Wir waren ein Experiment und vor sechzig Jahren kehrten die Wesen zurück, um zu sehen, was aus uns geworden ist. Die Druden sind ihnen ähnlicher, als wir.“

„Außerirdische? Das hatte ich bereits vermutet.“

Plötzlich schlenderte ein junger Unsterblicher herein, setzte sich neben Antonio und küsste ihn. Der Ältere sagte: „Das ist Marcel. Er lebt auch bei mir.“ Ich nickte dem großen, dunkelhaarigen Mann zu: „Hallo Marcel. Ich bin Jessica.“

„Hi“, war seine knappe Antwort. Er legte eine Hand auf Antonios Schenkel und streichelte ihn ein wenig. Der Jüngere war sehr hübsch, hatte grüne Augen. Dann schien Antonio ihn wegzuschicken, weil Marcel sich ohne Kommentar erhob und hinausging. Der Hausherr erwähnte: „Er ist ein geborener Vampir.“ Ich wollte wissen, ob bei ihm etwas anders war, als bei uns Verwandelten. „Ja, er tötet gnadenlos, weil er nie ein Mensch war. Sie sind nur Nahrung für ihn. Ich habe ihm allerdings Manieren beigebracht und seine Flegeljahre sind schon längst vorbei. Du kennst ja pubertierende Sterbliche und nun stell dir das bei einem Vampir vor. Ein weiterer Unterschied ist, dass seine Kräfte schneller zunehmen werden. Er eifert mir nach. Schon als kleiner Junge wollte er so sein, wie ich.“ Dabei musste er lachen. Sicherlich erinnerte er sich an eine Begebenheit. Da fiel mir Silvio wieder ein. Wo war er? Antonio wurde sofort ernst und meinte: „Ich musste ihn töten. Er hat meine alte Villa niedergebrannt und Eve und Susan vernichtet. Allanah hätte er hungern lassen, wäre ich nicht von meiner Reise zurückgekehrt. Er war wohl eifersüchtig auf mich, als Unsterblicher.“

„Dann ist ja einiges passiert, solange ich weg war.“ Er bemerkte: „Allerdings.“ Mich beschäftigte noch die Verwandtschaft von uns zu diesen Wesen. „Wie sehen die Aliens denn genau aus?“, fragte ich ihn.

„Nun, sie sind so groß, wie Menschen, aber sind schmaler gebaut, haben weißblonde, lange Haare am Oberkopf und wie schon gesagt, spitze Ohren, Katzenaugen und lange Reißzähne. So lang, wie bei der Drude. Und lange, gebogene Fingernägel. Äußerlich kann man ihr Geschlecht nicht erkennen, denn sie sind Zwitter. Das erklärt unsere Neigung zu beiden Geschlechtern, nach der Umwandlung.“

„Weißt du, wie die Umwandlung überhaupt funktioniert?“, wollte ich unbedingt wissen. Antonio lachte: „Du kannst dir vorstellen, dass das für mich, als Kind der Renaissance, zuerst böhmische Dörfer waren. Aber ich versuche, es so gut ich kann zu erklären. Also, wir übertragen unsere Gene durch das Einflößen unseres Blutes, auf den Auserwählten. Damit der Menschenkörper sie annimmt, muss er an die Schwelle des Todes gebracht werden. Nur da, ist er schwach genug, damit unser Gen-Code, den menschlichen verändern kann. Es funktioniert, wie bei der Infektion mit einer Krankheit. Der Körper ist geschwächt und wird von einem Virus befallen, der dann die Zellen verändert und sich vermehrt. Haben sich unsere Gene mit dem des Menschen vermischt, beginnt die Verwandlung nach diesem neuen Code. Am Ende können wir den Anwärter töten, denn das verantwortliche Gen, hat ihn schon unsterblich gemacht und unser Herz brauchen wir ja nicht mehr, um zu existieren. Zuerst verwandeln wir uns äußerlich und innen dauert es noch eine Nacht länger. Deshalb verspüren Neugeborene erst in der zweiten Nacht ihres Daseins, den Hunger.“ Nichts mit bösen Mächten, dem Teufel und all das. Er lächelte: „Ja, du hast recht. Es wäre gefährlich, es bekannt werden zu lassen. Viele von uns wären sicher enttäuscht, wenn unsere Schöpfung so banal ist. Nur ein Experiment! Sie würden ihre Hemmungen, der Menschheit gegenüber verlieren. Dann würde unsere Natur entlarvt werden und es käme zum Krieg zwischen Sterblichen und Unsterblichen. Die Menschen akzeptieren keine Geschöpfe, die über ihnen in der Nahrungskette stehen.“ Ich nickte: „Aber, sag. Was hat es jetzt mit dem Gift der Drude auf sich?“

„Ganz einfach! Ihr Speichel enthält ein Virus, das das Unsterblichkeits-Gen zerstört. Damit beginnt bei den Meisten dann der Alterungsprozess.“ Ich erinnerte mich wieder an Cornelius Zerfall und Tränen kullerten über meine Wangen. Antonio sagte: „Es ist furchtbar, das mit ansehen zu müssen. Ich habe es auch erlebt und es erfüllte mich damals mit Grauen. Nach allem, was du durchmachen musstest, finde ich es nur gerecht, dass du die Wahrheit erfahren solltest. Normalerweise hüte ich sie, wie ein Grab.“

„Ich danke dir dafür. Mich hat unser Ursprung schon immer interessiert. Weißt du auch, von wo die Außerirdischen gekommen sind?“ Er antwortete: „Nur, dass ihr Planet ein Wüstenplanet, in einem anderen Sonnensystem unserer Milchstraße, war. Er wurde von zwei Sonnen beschienen, die einige Jahre, Tag sein ließen. Es gab keine Pflanzen auf der Oberfläche. Nur Geröll und Sand. Wegen der Hitze am Boden spielte sich das Leben unterhalb der Erde ab. Im Innern lebten die Wesen in Höhlen. Doch sie verschliefen die Sonnenjahre fast vollständig. Daher haben wir die Fähigkeit zum Komaschlaf, von ihnen. Dann verdunkelten sich die Sonnen, durch einen riesigen Nachbarplaneten, der sich dazwischen schob und es wurde jahrelang Nacht. Sie erwachten, wenn die Sonnenfinsternis eingetreten war, und kamen ins Freie. Weil sich auf ihrem Planeten, das Leben nur unter der Erde abspielte, entwickelte ihr Körper keinen UV-Schutz. Sie haben kalkweiße Haut und sie verschmort in der Sonne, wie unsere. Außer ihnen, gab es nur niederes Getier, wie Würmer und weil es ansonsten nichts, als Nahrung gab, spezialisierten sie sich mit der Zeit auf das Blut dieser Tiere, als effektivste Nahrungsquelle.“ Nun wusste ich Bescheid! Was für mächtige Geschöpfe mussten sie sein, wenn wir nur Bastarde von ihnen waren.

 

Am Morgen führte ich Antonio in den Keller hinunter und wies mir ein Gästezimmer zu. Er habe es für Besuch eingerichtet. Er gewährte mir für unbestimmte Zeit Unterschlupf und ließ mich in seinem Revier jagen. Allanah bemerkte schnell, dass ich mich nicht körperlich zu ihrem Schöpfer hingezogen fühlte und wurde eine gute Freundin von mir. Anfangs hatte sie mich als Konkurrentin gesehen. Dafür machte mir Marcel Avancen. Er versuchte, mich immer wieder zu umgarnen. Bis jetzt genoss ich das Spiel, ihm nicht das zu gewähren, was er begehrte. Er war sehr eingebildet und deshalb widerstand ich ihm. Ansonsten war er wirklich ein hübscher Unsterblicher. Eines Abends sagte Antonio zu mir: »Du hast ihr Blut getrunken.« Ich wusste zuerst nicht, was er meinte: „Wessen Blut?“

„Das der Drude. Sie hat dich trinken lassen und es wirkt, weil du eine Frau bist.“ Ich blickte in seine braunen Augen: „Woher weißt du das?“ Er schmunzelte überlegen: „Die Kraft, die du ausstrahlst. Du könntest niemals so stark sein, nachdem du so viele Vampire gezeugt hast. Jeder Zögling raubt uns Kraft. Also, ist nur ihr Speichel giftig, nicht aber ihr Blut. Sag, wie ist es von ihr zu trinken?“ Ich musste lächeln: „Überirdisch! Wir kamen uns mit der Zeit näher. Sie hatte wohl auch Bedürfnisse. Manchmal streichelte sie mich und nahm mich in ihre Arme. Dann durfte ich trinken. Sie musste es mir nicht sagen. Bei dieser Geste wusste ich es. Ihre Haut war sehr fest, so dass ich meine Zähne regelrecht hinein rammen musste. Mein Saugen erregte sie.“

 

Einige Nächte später teilte mir Antonio mit, dass Jack in der Stadt wäre. Sofort machte ich mich auf die Suche nach ihm. Ich flog zu Cornelius früherem Haus, aber er war gerade nicht dort. Ich spürte nur die anderen. Schlief er überhaupt hier? Danach stattete ich dem Club einen Besuch ab, aber auch dort konnte ich ihn nicht finden. Dann erinnerte ich mich an Cornelius ehemaliges Jagdrevier, den Park. Vielleicht war Jack heute hungrig. Ich beeilte mich, um ihn noch dort anzutreffen.

Als ich über den Bäumen schwebte spürte ich das Vibrieren in mir. Es war also einer von uns da unten. Ich stellte mich auf den Ast eines Baumes und meine Augen durchsuchten das Dickicht unter mir. Von irgendwoher drang ein Rascheln an meine Ohren und ich erkannte eine Gestalt zwischen den dichten Zweigen. Ich glitt langsam zu Boden und schlich näher. Von diesem Lebewesen ging kein Pulsschlag aus. Es war der andere Unsterbliche und ich unterdrückte alle Gedanken. Dank des Drudenblutes konnte ich nun meine Schwingungen ausschalten. Ich hatte dadurch die Fähigkeiten einer Dreihundertjährigen erreicht, obwohl ich erst siebenundachtzig war. Es hatte auch den angenehmen Nebeneffekt, dass ich nur noch alle vier Nächte Blut benötigte. Endlich sah ich ihn. Er stand gerade neben den Resten seiner Mahlzeit. Ein junger verwahrloster Mann zu seinen Füßen. Warum vergrub er ihn nicht?

Plötzlich spürte ich weitere Schwingungen. Ein anderer Unsterblicher ging auf Jack zu, der ihm nun Geld in die Hand drückte. Daraufhin stopfte der Fremde die Leiche in einen schwarzen Plastiksack und trug ihn fort. Neugierig folgte ich dem Unbekannten, bis zu seinem schwarzen Van. Er warf den Sack ins Innere und fuhr davon. Seit wann gab es so einen Service? Dann dachte ich wieder an Jack und kehrte zum Gebüsch zurück.

Natürlich war er schon fort, aber ich erhaschte seine Aura noch und folgte ihm schnell. „Immer noch so gewissenhaft, Jack«, sagte ich hinter ihm. Er fuhr blitzschnell herum. Dann blickte er mich einige Sekunden an bis sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete: „Jessica! Gott sei Dank, du lebst.“

Ich fiel ihm spontan um den Hals: „Ich bin so froh, dich zu sehen, Jack.“ Er erwiderte: „Ich bin ebenfalls froh dich zu sehen. Cornelius?“ Ich konnte nur den Kopf schütteln und er nickte traurig. Er hätte gern gewusst, was passiert war, spürte aber, dass ich noch nicht darüber sprechen wollte. Also, geduldete er sich. Wir spazierten durch den Park und redeten. Er erzählte, dass er wieder allein wäre. Lorraine hatte ihn für einen anderen verlassen und lebe jetzt in Irland. Sie hatten sich am Ende nur noch gestritten. Bald jede Nacht und kurze Zeit später eröffnete sie ihm, dass sie zu ihrem neuen Gefährten ziehen würde. Jack genoss zuerst sein Single- Dasein, wie es auch die Menschen taten, aber mittlerweile wünschte er sich wieder eine Partnerin. „So, dann bist du auf der Suche?“, fragte ich. Er erwiderte: „Nein, nicht direkt. Ich lass mich überraschen.“

„Wird es abermals eine Sterbliche sein?“ Er sah zu Boden: „Ich weiß es nicht. Das soll das Schicksal entscheiden. Gibt es bei dir jemand Neues?“ Ich verneinte: „Ich treffe mich nur unverbindlich mit Martin, wie früher. Im Moment wohne ich bei Antonio. Er hat mich nach meiner Rückkehr aufgenommen.“ Jack schwieg kurze Zeit und starrte auf seine Füße: „Möchtest du mit mir nach London kommen? Dann wären wir beide nicht mehr allein.“ Ich sah ihn an: „Ich weiß nicht. Wie stellst du dir das vor?“ Er hob beschwichtigend die Hände: „Nur bei mir wohnen. Ich verlange nichts von dir.“

„Vielleicht keine schlechte Idee. Ich kann Antonio nicht ewig zur Last fallen und ich fühle mich sehr wohl in deiner Gegenwart. Ich bin wirklich erleichtert, dich wiederzusehen.“ Jack grinste erfreut und nahm meine Hand im Weitergehen: „Was machen wir jetzt?“

„Lass uns in eine sterbliche Bar gehen.“ Daraufhin schwangen wir uns in die Lüfte und begaben uns in ein Lokal. Da begann ich das schreckliche Erlebnis zu erzählen. Jack hörte verständnisvoll zu und hielt meine Hand, die auf dem Tisch lag. Als ich geendet hatte, fragte er: „Hatte er Schmerzen?“

„Nein, aber Gebrechen wie ein alter Mensch. Er konnte nur noch schleppend gehen und am Ende gar nicht mehr. Er fühlte sich zusehends schwächer, doch er ertrug das alles sehr tapfer. Am schlimmsten war es, als er von mir trank und in meinen Gedanken sah, wie sehr er schon gealtert war. Danach weinte er die restliche Nacht um seine verlorene Jugend. Ich habe ihn dann im Gletschereis begraben.“ Jack blickte nachdenklich vor sich hin. Cornelius Verlust schmerzte ihn fast genauso, wie mich. Sein Liebhaber und Freund kam nie mehr zurück: „Meinst du, er ist nun erlöst?“

„Ja, das glaube ich. Er kehrte wieder zu seiner Sterblichkeit zurück. Ich denke, dass die Seele nur in diesem Fall befreit wird. Wenn wir vernichtet werden, bleibt sie in den verbrannten Überresten gefangen. So ist zumindest der Glaube.“

„Etwas anderes. Wenn du mit mir kommen willst, dann solltest du gleich morgen mit Packen anfangen. Ich bin nicht mehr lange hier. Hast du viele Sachen?“ Ich grinste: „Nein. Das passt wahrscheinlich in zwei Koffer.“ Jack lächelte: „Gut. Dann ist das ja schnell erledigt.“

 

 

 

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