18. Dezember

Draco konnte nicht gegen seine Gefühle an. Er hatte immer noch Angst, die an Panik angrenzte und ihn zu lähmen drohte. Angst, dass Voldemort ihn im Sommer einfach töten würde, weil er seinen Auftrag nicht ausgeführt hatte. Angst, dass Hermine ihn doch noch an Dumbledore verraten würde. Angst, dass irgendetwas anderes schief gehen würde. Aber der Gedanke, dass er vielleicht Hermines Vertrauen zurück gewinnen könnte, selbst nur vorrübergehend, ließ sein Herz schneller schlagen. Als wäre die lebensbedrohliche Situation nicht real und er nur ein kleiner Schuljunge, der einen Engel entdeckt hatte. Das Lachen, das ihm unwillkürlich entwich, klang hohl in seinen Ohren und er erschrak vor sich selbst.

Die Tür quietsche kurz und das Objekt seiner Gedanken trat ein. Trotz allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, wollte er nichts lieber tun, als sie zu packen, gegen die Wand zu pressen und sie zu küssen. Das Gefühl ihres kleinen, warmen Körpers gegen seinen, ihr leises, wohliges Seufzen, während sie ihn zurückgeküsst hatte, waren lebhafte Erinnerungen, die ihm eine Flucht aus der Realität verschafften.

Entschlossen, sein merkwürdiges Verlangen zu unterdrücken, erhob er sich aus seinem Sessel und begrüßte sie: „Guten Abend. Hast du dir schön viele Fragen für mich einfallen lassen?“

„In der Tat“, gab Hermine zurück, ohne sich darum zu kümmern, die Begrüßung zu erwidern: „Und ich hoffe sehr, dass du gute Antworten hast. Ich hoffe es wirklich sehr."

„Ich auch“, murmelte Draco unhörbar für Hermine. Er ließ sich zurück in den Sessel sinken und wartete darauf, dass sie neben ihm Platz nahm.

„Okay, also“, fing sie schließlich an, nachdem sie eine Zeit lang sichtbar mit sich gerungen hatte: „Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, aber ich habe ein Problem mit deinem Plan. Vielleicht kannst du es mir ja erklären… ich hoffe für dich, dass du es erklären kannst.“

„Willst du mir drohen, Granger?“, knurrte Draco. Das hatte er nicht von ihr erwartet, nicht so zumindest. Skeptisch erwartete er ihre Antwort.

„Nein, ich meine das ganz ernst“, erwiderte sie kopfschüttelnd: „Ich hoffe wirklich für dich, dass das Problem, das ich sehe, lösen kannst. Also. Nehmen wir mal an, dass du wirklich die vergiftete Flasche von Slughorn zurückholen willst. Nehmen wir an, das gelingt dir. Du hättest dann etwas getan, was direkt dem Auftrag von Voldemort widerspricht. Ich kenne ihn sicher nicht so gut wie du, aber so, wie ich ihn einschätze, ist er nicht sonderlich gnädig mit Untergebenen, die sich ihm widersetzen.“

„Fuck“, entfuhr es Draco unwillkürlich. Natürlich hatte sie sofort diese eine Schwachstelle erkannt. Dass er einen Ersatzplan in der Hinterhand hatte, von dem er nicht wusste, ob er funktionieren würde, konnte er ihr nicht erzählen. Sie würde ihm niemals helfen, wenn sie wusste, dass er Todesser nach Hogwarts schmuggeln wollte. Sie durfte nichts davon erfahren. Er hatte gehofft, nicht über dieses Problem sprechen zu müssen, doch das war natürlich naiv gewesen.

„Was?“, hakte Hermine leise nach. Sie sah ernsthaft besorgt um ihn aus. Es war wirklich einfach zum Lachen.

„Deine Einschätzung der Situation ist absolut korrekt. Absolut korrekt“, stimmte er ihr zu: „Was soll ich sagen? Für den Augenblick ist die Aussicht, dass Dumbledore von meinem Dunklen Mal erfährt und ich dann den Kuss des Dementors erhalte, wesentlich angsteinflößender als der Tod durch einen Avada Kedavra. Ich habe genug Zeit, mir was einfallen zu lassen.“

Hermine sprang auf, Feuer in den Augen: „Ah, so. Du willst Hilfe von mir, um einen Plan, von dem ich weiß, aufzuhalten, nur um dann einen anderen Plan auszuführen, von dem ich nichts weiß!“

Das traf den Nagel auf den Kopf, wie Draco befand, doch er zwang sich, den Kopf zu schütteln und, wie er es sich zuvor überlegt hatte, eine Facette der Wahrheit zu erzählen: „Nein, das wird mein letzter Versuch sein, Dumbledore zu töten. Ich verspreche es dir, ehrlich und aufrichtig dieses Mal. Ich muss einfach hoffen, dass die Versuche genug sind, damit der Dunkle Lord mich… verschont.“

„Schwachsinn!“, fuhr Hermine ihn an: „Du weißt genauso gut wie ich, dass Versuche für ihn nicht zählen. Harry hat mir genug Geschichten erzählt. Dein Vater hat mehr als versucht, die Prophezeiung zu erlangen, es wäre ihm beinahe gelungen! Und wie nachsichtig ist dein Lord mit ihm? Wenn er nicht in Askaban säße, wer weiß, was er mit ihm angestellt hätte.“

Flüchtig fragte Draco sich, von was für einer Prophezeiung sie sprach, doch das war eine Frage für einen ruhigeren Moment. Jetzt musste er sich damit auseinander setzen, dass die naive Hermine sich offensichtlich dazu entschieden hatte, nicht länger naiv zu sein.

„Okay, okay“, sagte er resigniert: „Du hast ja Recht. Ich habe eine andere Idee. Aber ich sage dir, ich habe nicht vor, Dumbledore zu töten. Oder sonst irgendwen. Ich… ich glaube nicht, dass ich jemanden töten kann. Ich kann das einfach nicht."

Gegen seinen Willen ergriff die lähmende Panik wieder Besitz von ihm. Verärgert ballte er die Fäuste – das war nicht, weswegen er hier war. Er hatte genug von dieser kalten Angst.

„Draco“, flüsterte Hermine neben ihm: „Genau das ist der Grund, warum ich deinem Dunklen Mal keine Beachtung geschenkt habe. Du bist nicht der Typ, der einfach einen anderen Menschen töten könnte. Das bist du nicht. Und das ist gut, wirklich. Das ist gut. Und du bist mehr als mutig, diese Entscheidung zu treffen, obwohl du dich damit gegen Voldemort stellst.“

Sie hatte sich vor ihn gestellt und seine Hand ergriffen, während sie diese Worte gesagt hatte, und damit war es um ihn geschehen. Es war ihm egal, dass sie ihn gestern noch für einen Mörder gehalten hatte. Es war ihm egal, ob sie ihn hasste oder nicht. Er fuhr aus seinem Sessel hoch, packte sie an ihrer Krawatte und zog sie an sich. Die ganze angestaute Frustration, sein unbändiges Verlangen nach ihr, der Streit zwischen ihnen, all das entlud sich auf einen Schlag, als er sie gegen das Bücherregal neben den Sesseln drängt und sie mit aller Macht küsste.

Sie wehrte sich nur einen Augenblick, ehe sie nachgab und den Kuss mit gleicher Leidenschaft erwiderte. Er hielt seine Augen fest geschlossen, um sich ganz auf das Gefühl konzentrieren zu können, das der kleine, zerbrechliche Körper zwischen seinen Beinen in ihm auslöste. Sie war so warm, so zierlich und trotzdem so voller Leidenschaft. Gierig biss er in ihre Lippe, um sie dazu zu bewegen, ihren Mund zu öffnen. Ebenso begierig gab sie nach, öffnete sich ihm vollends, ließ ihre Zunge gegen seine gleiten und klammerte sich dabei immer fester an ihn.

Und obwohl sie ebenso vor Verlangen glühte wie er, dauerte es nicht lange, bis Hermine ihn entschlossen von sich weg schob. Streng blickte sie ihn an: „Das geht nicht, Draco“, sagte sie bestimmt: „Wir können nicht mitten in so einem wichtigen Gespräch… auf Abwege geraten. Wir müssen über Slughorn reden. Einen Plan erstellen. So sehr ich deine Ablenkung auch schätze“, bei diesen Worten wurde sie leiser und lief rot an: „Wir haben Arbeit.“

Mühsam kämpfte Draco darum, seinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie hatte ja Recht. Einen Schritt nach dem anderen. Wenn sie erstmal die Flasche Alkohol unschädlich gemacht hatten, konnte er ihr immer noch die Kleider vom Leib reißen und alles um sich herum vergessen.

„Ja“, sagte er rau: „Richtig, völlig richtig.“

Er sah ihr zu, wie sie sich wieder setzte und ihm bedeutete, es ihr gleich zu tun. Er konnte nur den Kopf schütteln über sich. Was er hier tat, war mehr als schäbig. Es war offensichtlich, dass Hermine irgendetwas in ihm sah, dass sie ihm um alles in der Welt vertrauen wollte und dass sie sein Begehren zumindest teilweise erwiderte. Die Reparatur des Verschwindekabinetts war ein Verrat an allem, was zwischen ihnen war, und er wusste es nur zu genau. Er verstrickte sich sehenden Auges in etwas, aus dem er niemals heil rauskommen würde.

Doch wenn Hermine Granger neben ihm saß und ihn anlächelte, ihn ansah, als ob er wirklich ihr Vertrauen verdiente, da fiel es ihm einfach zu schwer, an die ferne Zukunft, an den Zorn Voldemorts oder ihre Enttäuschung zu denken. Solange sie an seiner Seite war, war die Panik weg und er fühlte sich gut. Solange sie an seiner Seite war, konnte er über die unmittelbare Gegenwart nicht hinaussehen. Sie war alles, was zählte.

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