2006- Kiss Kiss, Bang Bang

Gewalt bringt keine anhaltende Hoffnung, nur eine Betäubung der Hoffnungslosigkeit. 

                                                                                                      - Kingman Brewster Jr.

 

„OHHHHH, GOOOOTT!“, schrie sie ekstatisch, während er seinen harten Schwanz immer wieder schnell und unbarmherzig in ihr rein und raus bewegte. Das Kopfteil des Bettes knallte bei jedem Stoß krachend gegen die Wand, was ihn wenig störte, da laute Technomusik aus den Boxen seiner Stereoanlage dröhnte.

Die dunkelhaarige Frau, die unter ihm lag, spreizte ihre Beine noch weiter auseinander, sodass er tiefer in sie eindringen konnte.

Mickey Suffert brüllte vor Erregung und klammerte sich am Kopfteil fest. Hastig befeuchtete er seine Lippen und stieß kräftig zu.

„Oh, ja, ja, JA!!!“ Ihr ohrenbetäubendes und schrilles Gekreische war nervtötend. Am Liebsten hätte er ihr den Mund zugehalten oder sie gewürgt, damit sie still war, doch stattdessen küsste er sie. Grob glitt seine Zunge in ihren Mund und bewegte sich dort wild hin und her. Die Frau seufzte lustvoll und rammte ihre langen Fingernägel in seinen schweißnassen Rücken.

Der stechende Schmerz turnte den Rothaarigen an. Kurzerhand umfasste er ihre Fußknöchel und legte ihre Beine über seine Schultern. Mit einer Hand packte er an ihren rechten Oberschenkel und bohrte gewaltsam seine Finger in ihre zarte Haut. Eine heftige Welle der Befriedigung überwältigte ihn, als er sie immer aggressiver fickte.

„AHHHHHHH.“ Hektisch stöhnte sie und drückte ihre Hände gegen die Wand. Dann verschränkte sie ihre Beine hinter seinem Kopf.

Gelenkig ist sie, das muss ich ihr lassen, dachte er amüsiert und grinste dreckig. Dafür, dass ich sie in einer Bar aufgerissen habe, ist sie gar nicht schlecht. Wenn sie nur nicht so hysterisch rumkreischen würde! Verdammt, ich bin doch nicht der Erste, der sie bumst…

Seine Gedanken fanden ein abruptes Ende, denn sie biss ihm gerade kräftig ins Ohrläppchen.

„Deine Tattoos machen mich total scharf“, flüsterte sie und fing an zu kichern. Ihr heißer Atem kitzelte ihn und er bekam eine Gänsehaut. Das Kichern verwandelte sich in Gelächter. Es schallte durch den Raum und war hoch und klangvoll, wie Ihres. Augenblicklich machte sein Herz einen Hüpfer und sprang gegen seine Brust.

Mickey schloss die Augen und sah Sie vor sich. Bei ihrem Anblick musste er verträumt lächeln. Ihre Vollkommenheit und Schönheit vernebelten seine Sinne. Erotisch hauchte sie seinen Namen und leckte sich lasziv die Lippen, was eine Explosion in ihm auslöste.

„Gib´s mir!“, flehte sie ihn mit ihrer Stimme an. Ihre Ähnlichkeit zu der Frau, die er liebte und verehrte, war verblüffend und der Grund, warum er ausgerechnet sie in der Bar angesprochen hatte.

 

Der irische Whiskey rann brennend seine Kehle herunter und sammelte sich in seinem Magen. Es war bereits sein achter Drink, doch davon merkte Mickey Suffert nichts. Er hatte schon als Jugendlicher überdurchschnittlich viel Alkohol gesoffen, sodass aus ihm mittlerweile ein standfester Trinker geworden war.

Er verlangte beim Barkeeper gleich ein weiteres Glas. Während er wartete, ließ er seinen Blick durch die Bar schweifen. Sie war gut besucht, vor allem von jungen, attraktiven Frauen in kurzen Kleidchen, die sich eng an ihre wohlgeformten Körper schmiegten. Kichernd und quatschend saßen sie am Tresen oder auf den wenigen Ledersesseln und ließen sich von spendablen Männern teure Drinks spendieren. Mickey verzog angewidert das Gesicht. Er hasste dieses oberflächliche Getue und diese Verlogenheit. Trotzdem hockte er hier in einem blütenweißen Hemd und rauchte eine Zigarette.

Der Anlass dafür war einfach: Sex. Normalerweise trieb er sich nicht in modernen, unpersönlichen Bars herum, da er heruntergekommene Bars, die ihren eigenen Charme besaßen, bevorzugte, aber dort konnte man keine Frauen aufreißen, jedenfalls keine Vernünftigen. Und da es auf den heutigen Tag genau drei Wochen her war, dass er das letzte Mal gefickt hatte, hatte er keine andere Wahl gehabt.  

Der Barkeeper stellte ein Glas mit einer goldgelben Flüssigkeit unter seine Nase. Mit einem kurzen Nicken bedankte er sich, bevor er sich einen Schluck genehmigte. Dann sah er dabei zu, wie eine Brünette an den Tresen trat und etwas bestellte.

Mickey durchbohrte sie mit einem verlangenden Blick. Schon als sie, mit einem rückenfreien Kleid bekleidet, die Bar betreten hatte, hatte sie sein Interesse geweckt. Seitdem ließ er sie nicht aus den Augen. Diese wanderten das gefühlte hundertste Mal über ihren Körper. Das dunkelblaue Licht, das dem Raum eine mystische Atmosphäre gab, ließ ihre helle Haut schneeweiß aussehen. Ihre Füße steckten in knallroten High Heels, durch die ihre Beine länger und schlanker wirkten.

Der Rothaarige entdeckte immer mehr Gemeinsamkeit mit Ihr, was ihn erregte. Er musste sie haben. Er musste sie ficken.

Entschlossen erhob er sich und schlenderte auf die Unbekannte zu. Diese wollte gerade ihren Cosmopolitan bezahlen. Perfektes Timing.

„Der geht auf mich.“ Als er neben ihr auftauchte und zwanzig Dollar auf den Tresen legte, drehte sie sich zu ihm. In diesem Moment schaute er ihr das erste Mal direkt ins Gesicht. Sie hatte eine süße Stupsnase, braune Rehaugen und volle Lippen. Sie war schön, aber nicht so schön, wie Sie.

„Danke,…“

„Mickey“, stellte er sich vor und streckte ihr seine rechte Hand entgegen, die sie ergriff.

„Brianna.“

„Ein hübscher Name für eine hübsche Frau.“ Sein Kompliment entlockte ihr ein strahlendes Lächeln.

„Großzügig und charmant, was habe ich nur für ein Glück“, sagte sie begeistert und nippte an ihrem Drink. An ihren glasigen Augen erkannte er, dass sie bereits einiges über den Durst getrunken hatte.

„Ich habe auch noch ganz andere Qualitäten.“ Mickey verlor keine Zeit und ging gleich zum Angriff über. Er war nicht der Typ Mann, der lange mit einer Frau flirtete und sie umgarnte. Für so etwas hatte er keine Geduld. Er stellte lieber sofort klar, was er wollte. Brianna verfiel derweil in vergnügtes Gelächter. Seine Zweideutigkeit amüsierte sie.

„Was kann ich mir denn genau unter diesen Qualitäten vorstellen?“ Sie zog verführerisch eine Augenbraue in die Höhe.

„Ich kann so gut ficken, dass dir Hören und Sehen vergeht, Baby.“ Viele Leute hätten diesen Spruch als plump, großspurig oder dreist bezeichnet, aber Mickey war sich sicher, dass er bei dieser Frau seine Wirkung nicht verfehlen würde. Und tatsächlich nahm sie sein Gesicht in ihre Hände und gab ihm einen heißen Kuss.

Das ist ja einfacher, als gedacht.

Mickey musste sich ein triumphales Grinsen verkneifen, während er sie an sich presste und ihren Hintern begrabschte.

„Wirklich? Das musst du mir erstmal beweisen, Mickey“, forderten sie ihn provokant heraus. Briannas selbstbewusste und vorlaute Art erinnerte ihn an diese unvergleichliche Frau. Nur der Gedanke an Sie machte ihn bereits atemlos und ließ sein Verlangen nach ihr ins Unermessliche steigen.

Sogleich spürte er, wie er eine Erektion bekam. Er brauchte Sex und zwar schnell. Ohne lange nachzudenken, schob er seine rechte Hand unter ihr schwarzes Kleid und fasste zwischen ihre Beine. Überrascht stellte er fest, dass sie kein Höschen trug.

„Ich bin so geil.“ Ihre Stimme war nicht mehr als ein Hauchen.

„Dann lass uns gehen und du bekommst den geilsten Fick deines Lebens.“

 

Die Erinnerung an ihr Kennenlernen verblasste so schnell, wie sie gekommen war und machte Platz für weitere Bilder von Ihr. Sie warf sich das seidige dunkle Haar über die schmalen Schultern und lächelte ihn an. Dann fing sie an zu tanzen. Elegant und sexy bewegte sie ihren makellosen Körper und machte ihn damit fast wahnsinnig.

„Ich liebe dich, Michael Suffert.“ Er glaubte den Verstand zu verlieren, denn endlich sprach Sie die Worte aus, nach denen er sich schon so lange sehnte. Wellen der Leidenschaft überwältigten ihn und brachten ihn dazu, sich in seine Fantasie hineinzusteigern. Als er seine Augen wieder öffnete, lag nicht Brianna unter ihm, sondern Sie. Ihr Stöhnen erregte ihn so sehr, dass er zum Höhepunkt kam.

Erschöpft rollte er sich auf die Matratze und fuhr sich durch die feuchten Haare. Nach der Anstrengung atmete Mickey schnell und unregelmäßig, doch das war ihm scheißegal. Er war…

„Wer zum Teufel ist Ophelia?“, schrie Brianna aufgebracht und unterbrach seine Gedanken. Sie saß neben ihm und funkelte ihn hasserfüllt an.

„Was?“

„Du hast mich während des Sex Ophelia genannt!“ Verwirrt runzelte er die Stirn. Hatte er das wirklich? Der Rothaarige konnte sich nicht erinnern.

„Ist sie deine Ex?“ Ihre quietschende Stimme klingelte ihm unangenehm in den Ohren. „Oder ist sie deine Freundin, du Arschloch?“

„Pass auf, was du sagst“, knurrte er und warf ihr einen gefährlichen Blick zu. Brianna blieb jedoch unbeeindruckt.

„Kannst du mir mal eine Antwort geben?“

„Ach, halt´s Maul, Miststück!“ Mickeys Hochgefühl war mit einem Mal dahin. Wieso muss sie jetzt auch so rumzicken, huh? Genervt setzte er sich auf und schwang die Beine über die Bettkante.

„Wie redest du eigentlich mit mir?“, keifte sie empört, was ihm den letzten Nerv raubte. „Zuerst nennst du mich Ophelia und jetzt beleidigst du mich auch noch.“ Zornig schnaubte sie, bevor sie sich erhob und ihre Klamotten einsammelte.

„Das lasse ich mir von einem dreckigen, kleinen Pisser nicht gefallen.“ Er zuckte bloß belanglos mit den Achseln, während Brianna sich ihr Kleid anzog und in ihre Schuhe schlüpfte.

„Auf nimmer wiedersehen, du beschissener Wichser.“

„VERPISS DICH, DRECKSSCHLAMPE!!!“, brüllte Mickey ihr hinterher, als sie überstürzt die Wohnung verließ. Sekunden später hörte er, wie sie mit voller Wucht die Tür zuschlug.

Undankbares Flittchen. Ich bezahle ihr einen Drink, ich ficke sie und dann haut sie einfach ab. Zumindest hat dieses verdammte Geschrei endlich ein Ende.

Mickey grinste erleichtert, als er sich erhob und ins Badezimmer schlurfte. Er schaltete das Licht ein und stellte sich unter die Dusche. Ihm war es egal, dass das Wasser zuerst eiskalt war und Zeit brauchte, um warm zu werden. Schnell wusch er sich die kurzen Haare, ehe er Rasierschaum in seinem Gesicht auftrug und sich, ein Lied pfeifend, gründlich rasierte. Obwohl die Nacht mit Brianna nicht so geendet hatte, wie erwartet, war er dennoch zufrieden und gut gelaunt. Er hatte Sex gehabt und das war die Hauptsache.

Nach wenigen Minuten drehte er das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Dichter Dunst verklärte seine Sicht und erschwerte ihm die Orientierung. Mit kleinen, vorsichtigen Schritten schaffte er es zum Waschbecken. Mit der rechten Hand wischte Mickey flüchtig über den Spiegel, um sich selbst sehen zu können. Grüne Augen blickten ihm entgegen, die trüb und müde wirkten. Kein Wunder, denn in den vergangenen Nächten hatte er kaum geschlafen. Lieber hatte er in Bars herumgehangen und sich betrunken, um seine Einsamkeit zu verdrängen.

Diese Einsamkeit, die seit Jahren sein Leben beherrschte und ihn in tiefste Verzweiflung stürzte. Dabei sehnte er sich nach einer Beziehung; nach einer Frau, der er vertrauen konnte und die er liebte.

Bei diesem Gedanken breitete sich plötzlich ein tauber Schmerz in seiner Brust aus. Mickey Suffert fühlte diesen Schmerz jedes Mal, wenn ihm bewusst wurde, dass es solch eine Frau zwar für ihn gab, er diese aber niemals haben würde: Ophelia Monroe. Seit ihrer ersten Begegnung vor drei Jahren vergötterte er seine Kollegin und war ihr heillos verfallen. Sie war der einzige Mensch, der Gefühle wie Sehnsucht, Liebe und Zuneigung in ihm weckte.

Darum hatte er nur an sie denken können. Darum wünschte er sich nichts mehr, als dass sie heute in seinem Bett gelegen hätte; dass sie ihn liebte.

Der Rothaarige seufzte lautlos und senkte den Blick. Er war deprimiert. Er brauchte schnell etwas, um sich besser zu fühlen und er kannte nur ein effektives Mittel: Koks.

Er verlor keine Zeit und kramte im Schrank über dem Waschbecken herum, bis er ein Tütchen mit weißem Pulver in den Händen hielt. Sogleich stiegen Erinnerungen an seine Jugend in ihm hoch. Damals, mit vierzehn Jahren, hatte er seine ersten Drogen vertickt. Angefangen hatte er mit Marihuana und Schmerztabletten, was ihm bereits nach wenigen Wochen einen beträchtlichen Kundenstamm eingebracht hatte.

Er hatte nicht schlecht verdient und daher beschlossen, auch Kokain, Heroin und Ecstasy anzubieten. Für Mickey waren die nächsten viereinhalb Jahre die erfolgreichsten seines jungen Lebens gewesen, schließlich war er der Dealer Nummer Eins, der seine Kunden mit erstklassigem Stoff versorgte.

Mit Sicherheit wäre er jetzt immer noch im Drogengeschäft, wenn er eines Nachts nicht William Cunningham begegnet wäre. Dieser war beruflich in Boston gewesen, darum war ihr erstes Treffen eher zufällig. Mickey hatte an diesem Tag in einer verlassenen Nebenstraße einen Deal mit einem neuen Kunden durchgezogen. Dieser hatte zu wenig Geld bei sich gehabt und gehofft, einen gnädigen Aufschub von ihm zu bekommen.

Ein spöttisches Lächeln hatte sich nach dieser Bitte auf seinen dünnen Lippen abgezeichnet. Wie naiv zu glauben, dass er, Mickey Suffert, auf solch miese Tricks hereinfallen würde.  

Sein Versuch, ihn zu verarschen und hinzuhalten, war sein Verhängnis. Der Rothaarige hatte kurzen Prozess gemacht. Emotionslos hatte er ihm einen so gewaltigen Faustschlag verpasst, dass er ihm die Nase, das linke Jochbein und den Oberkiefer gebrochen hatte. Blut war ihm ins Gesicht und aufs Hemd gespritzt, doch das hatte ihn nicht sonderlich interessiert. Ohne noch weiter seine wertvolle Zeit an diesen Hurensohn zu verschwenden, hatte er ihm einfach das Genick gebrochen.

Einen Augenblick später war William wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte ihn auf einen Drink eingeladen. In dieser Nacht hatte er Mickey ein Angebot unterbreitet. Er solle mit ihm nach New Jersey kommen und für ihn als Auftragskiller arbeiten. Als der fremde Mann ihm die Verdienstmöglichkeiten in diesem Metier aufzeigte, hatte er nicht lange gezögert. Schon am nächsten Tag hatte er seine Habseligkeiten gepackt und war seinem neuen Boss nach Saint Berkaine gefolgt. Ihm hatte es zunächst allerdings etwas ausgemacht seine Heimatstadt und einige sehr gute Kunden zu verlassen.

Besonders erinnerte er sich an einen außergewöhnlichen Mann, der bei ihm regelmäßig Koks gekauft hatte. Er hatte ihn auf Mitte zwanzig geschätzt. Mit seinen pechschwarzen Haaren, den dunklen braunen Augen und der ungesunden, bleichen Hautfarbe hatte er ihn an den Tod höchstpersönlich erinnert; an einen unverschämt gut aussehenden Teufel, dem jede Frau hinterher guckte. Seine Attraktivität war das Einzige, was Mickey jemals gestört hatte, denn er selbst empfand sich als hässlich.

Doch trotz der großen äußerlichen Unterschiede hatte der Rothaarige immer eine innere Verbundenheit zu diesem Kerl gespürt. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen war ihm das abgrundtief Böse an ihm aufgefallen; dieses Böse, das auch er selbst beherbergte und ihm das Gefühl von grenzenloser Macht verlieh. Sie beide waren gefährlich, hinterhältig und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Niemand würde es wagen sie zu hintergehen oder zu verraten und wenn doch, dann würde er es mit dem Leben bezahlen.

Sie waren überheblich, grausam und empfanden weder Mitleid, noch Gnade, denn solche Gefühle waren nutzlos und machten schwach. Und Schwäche bedeutete den Tod.

Dazu teilten sie den Drang; die Lust ihre Mitmenschen zu quälen und zu bestrafen, genau wie das Verlangen nach exzellentem Koks. Sicherlich wären sie gute Freunde geworden, wenn er und Mickey sich füreinander interessiert hätten und nicht nur für sich selbst. Dennoch gab es Momente, in denen er sich fragte, was aus dem Kerl geworden war.

Vielleicht sitzt er im Knast oder er ist an seiner Drogensucht verreckt. Tja, gutes Aussehen schützt nicht vor dem Tod und auch nicht vor Übergriffen im Knast, ganz im Gegenteil. Bei diesen Gedanken grinste er gehässig, während er gierig das Tütchen mit der kostbaren Droge öffnete. Mit dem rechten Zeigefinger nahm er etwas Koks heraus und zog es sich durch die Nase. Dann massierte er noch etwas in sein Zahnfleisch und wartete. Schon nach wenigen Minuten durchströmten ihn Euphorie und das Gefühl von Schwerelosigkeit. Sein Herz raste und seine Pupillen weiteten sich.

Auf einen Schlag waren der Frust und die Depression vergessen. Mickeys Stimmung bekam einen gewaltigen Auftrieb, der ihm Flügel verlieh. Übereilt stürmte er aus dem Badezimmer und suchte seine Klamotten zusammen. Er hatte keine Lust zu Hause zu hocken und über seine Vergangenheit und hoffnungslose Liebe und Besessenheit zu Ophelia Monroe nachzudenken.

Er wollte ausgehen. Er brauchte Action.

 

Es wehte ein schwacher, lauer Wind. Die Stadt war um diese Uhrzeit beinahe menschenleer, was ihm nur recht war. Mickey Suffert verließ die Hauptstraße und schlug den kürzeren Weg durch die engen, verwinkelten Seitengassen ein. Viele Bewohner hätten diese Entscheidung nicht getroffen, lieber würden sie mehr Zeit in Kauf nehmen und den sicheren Weg wählen, statt sich in Gefahr zu begeben, denn es war allgemein bekannt, dass in dieser Gegend Kleinkriminelle herumlungerten und in den Schatten auf ein unvorsichtiges Opfer lauerten. Ihn interessierten die Warnungen jedoch recht wenig. Er fürchtete sich vor nichts, schließlich war er ein Auftragskiller und der Grund, warum sich andere Menschen fürchten mussten.

Also beschleunigte er seinen Schritt und bewegte sich beinahe lautlos durch das Labyrinth aus verdreckten, stinkenden Gassen. Nach nur wenigen Minuten stoppte Mickey jedoch und lauschte angestrengt. Sein Instinkt warnte ihn, dass er nicht länger alleine war.

Und tatsächlich vernahm er in der Dunkelheit schlurfende Schritte und gedämpfte Stimmen. Er hörte die drei Jugendlichen, bevor er sie sah. Lachend und grölend bogen sie um die nächste Ecke, bemerkten ihn zunächst allerdings nicht. Es waren zwei Jungen und ein Mädchen, alle nicht älter als 18. Sie hatten Bierflaschen dabei und kamen leicht torkelnd in seine Richtung.

Mickey beobachtete sie unbekümmert, als der Größte des Trios als erster auf ihn aufmerksam wurde. Er schien der Anführer dieser „Gang“ zu sein, denn er kam mit einem breiten, arroganten Grinsen und erhobenen Hauptes auf ihn zu, doch statt Respekt weckte er in ihm bloß Belustigung. Was soll das werden? Glaubt er wirklich, dass er hier den großen Macker markieren kann?

„Na, wen haben wir denn da?“ Überheblich und stolz umkreiste er Mickey, um ihm Angst einzujagen und seine Macht zu demonstrieren. Er dagegen verhielt sich weiterhin ruhig und abwartend.

„Einen rothaarigen, hässlichen Zwerg.“ Der Typ blieb vor ihm stehen und starrte ihn an. Die beiden Anderen lachten übertrieben und gekünstelt. Mickey widerte die Unterwürfigkeit  dieser hirnlosen Idioten an.

Sie waren nervige Anhängsel, die um jeden Preis zu einer Gruppe gehören wollten. Dabei war ihnen gar nicht bewusst, dass sie keine eigenen Gedanken, Meinungen und Ideen mehr hatten, denn all dies hatten sie der Konformität untergeordnet.

„Hey, hast du was Nettes für uns; vielleicht ein bisschen Geld?!“ Er packte Mickey unsanft am Kragen und haute mit der flachen, rechten Hand gegen seine Stirn. Erneutes Gelächter.

Er war sich sicher, dass sich alleine keiner von ihnen getraut hätte ihn anzupöbeln, aber in der Gruppe fühlten sie sich überlegen und stark.

„Na, was ist?“ Es folgte eine kaum erwähnenswerte Ohrfeige, die Mickey dennoch wütend machte.

„Ich gebe euch gar nichts. Ihr habt euch den Falschen ausgesucht.“ Nach seiner Antwort herrschte erstmal Schweigen, bis die übrigen Gangmitglieder näher kamen und sich wie eine Mauer vor ihm aufbauten.

„Hört ihr das, Leute? Wir haben uns den Falschen ausgesucht“, äffte er den Rothaarigen nach, was seine Kumpanen spöttisch grinsen ließ. „Dieser Bastard ist echt witzig.“

„Ich mache keine Witze, also verpisst euch.“ Die Gesichtszüge des Typen entgleisten.

„WILLST DU MICH VERARSCHEN?“, brüllte er tollwütig und bespuckte ihn. Gleichzeitig zog er eine Waffe aus seinem Hosenbund und zielte auf Mickey. Seine hektischen Bewegungen und das Zittern seiner Hand verrieten ihm, dass sein Gegenüber zu viel getrunken hatte und die Waffe bloß zur Einschüchterung nutzte, aber nie für ihren eigentlichen Zweck: einen Menschen zu töten.

„HER MIT DEM GELD!“ Er hielt den Pistolenlauf gegen seine linke Schläfe, was Mickey hämisch feixen ließ.

„Schwerer Fehler, Kumpel.“ Das waren seine letzten Worte, bevor er ihm mit geübtem Griff die Waffe entriss, sie gegen seinen Mundboden presste und gnadenlos abdrückte. Die Kugel bahnte sich blitzschnell und unaufhaltsam ihren Weg durch seinen Kopf. Blut und klebrige Hirnmasse spritzten explosionsartig aus ihm heraus und fielen wie Regentropfen zu Boden.

Als der Kerl auf dem Boden aufschlug, war er bereits tot. Mickey hatte bloß einen verächtlichen Blick für ihn übrig, während die Augen seiner Freunde so weit aufgerissen waren, dass sie bald heraus fielen. Blass und fassungslos glotzten sie auf die Leiche, die vor ihnen lag. Die erste Leiche, die sie in ihrem Leben sahen. Er ließ ihnen jedoch keine Zeit, den Mord zu verarbeiten, denn er wollte sich gleich den zweiten Typen vornehmen. Er steckte die Waffe in seinen Hosenbund und ging auf ihn zu.

Als dieser Mickey kommen sah, zückte er aus purer Verzweiflung ein Messer. In seinem Gesicht entdeckte er eine Mischung aus Todesangst und Entschlossenheit.

„Ich…ich mach dich fertig, Wichser“, stotterte er und schwang das Messer wie ein Irrer in der Luft, in der Hoffnung, ihn so auf Abstand halten zu können. Amateur.

Mit Leichtigkeit wich er dem Messer aus und stieß ihn mit einem Schulterstoß gewaltsam zu Boden. Panik überfiel seinen Gegner, da er wusste, dass er verloren war. Der Rothaarige stellte seinen schwarzen Stiefel auf seine Nase und verlagerte sein gesamtes Gewicht auf seinen Fuß. Ein lautes Knacken verriet ihm, dass mehrere Knochen brachen. Blut schoss augenblicklich aus seiner knubbeligen Nase und lief in seinen Mund, was seine schrillen Schreie mit einem Mal verstummen ließ. Mickeys´ Blick wanderte über seinen schmalen Körper, dabei fiel ihm der dunkle, nasse Fleck in seinem Schritt auf. Er hatte sich in die Hose gepisst. Wie erbärmlich.

Er beschloss ihn noch etwas leiden zu lassen, ehe er ihm den erlösenden Tod schenkte. Mit einem gezielten, kräftigen Tritt auf seinen Hals zerquetschte er seinen empfindlichen Kehlkopf, was ihm die Luft schlagartig abschnürte. Ein qualvolles Röcheln kam über seine Lippen. Er würde in wenigen Minuten ersticken.

In diesem Moment erwachte die blonde junge Frau aus ihrer Starre und lief panisch davon. Mickey schnappte sich sogleich das Messer, das der Kerl fallen gelassen hatte, und folgte ihr.

Sie rannte um ihr Leben, doch er war schneller. Bereits nach wenigen Metern hatte er sie eingeholt. Er packte sie von hinten an der Kapuze ihrer abgenutzten Jacke und schleuderte sie gegen die nächste Hauswand. Als sie ihn vor sich sah, kreischte sie hysterisch. Tränen liefen ungehindert über ihre eingefallenen Wangen.

„Bitte töte mich nicht.“ Amüsiert grinste er und beäugte sie. Mickey gefiel es, dass sie um ihr Leben bettelte, auch wenn er dies als erniedrigend und schwach empfand. Er konnte nicht verstehen, warum so wenige Menschen um ihr Leben kämpften.

„Ich bin eine Frau.“ Sie appellierte an seine Vernunft und sein Mitleid. Bedauernd schüttelte er den Kopf. Zu schade, dass er weder über das Eine, noch das Andere verfügte.

„Wenn du wüsstest, wie viele Frauen ich schon getötet habe,…“, begann er und schnitt ihr unberührt die Kehle durch. Warmes Blut spritzte ihm entgegen und besudelte seine Kleidung.

„…dann würdest du nicht um Gnade flehen.“ Als er sie losließ, sackte ihr lebloser Körper auf das Kopfsteinpflaster. Seine grünen Augen wanderten augenblicklich zu dem Leichnam vor seinen Füßen. Der Anblick der blutüberströmten, toten Frau stellte ihn zufrieden.

Es war eine gute Entscheidung gewesen noch einmal die Wohnung zu verlassen. Er hatte tatsächlich Spaß und Action gehabt.

Erst jetzt bemerkte er seinen knurrenden Magen. Das Töten hatte ihn hungrig gemacht, daher entschied er sich einen köstlichen und von ihm geliebten überbackenen Apfelkuchen in Martha´s Dinner zu gönnen, der ihn so sehr an seine Heimatstadt Boston erinnerte. Gut gelaunt pfiff er ein Lied und machte sich auf dem Weg. Nach wenigen Schritten sah er den Typen am Boden, der noch immer verzweifelt um sein Leben kämpfte. Mickey hatte ihn völlig vergessen, dabei war das lautstarke Röcheln, das über seine Lippen kam, kaum zu überhören. Er stellte sich neben ihn und versetzte ihm einen kräftigen Tritt in die Rippen. Ein merkwürdig klingendes Jaulen drang an seine Ohren.

„Halt dein verficktes Maul, du winselnde Pussy“, zischte der Rothaarige und ließ einen weiteren Tritt folgen. Anschließend zog er, mit einigem Kraftaufwand, das Messer aus seiner Stirn, wandte sich von der blutigen Szenerie ab und schlenderte vergnügt die Gasse entlang. Hinter ihm hörte er, wie das jämmerliche Röcheln erstarb.

 

 

 

 

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