22. Dezember

"Du warst gar nicht im Eberkopf!"

Langsam blickte Draco von seinem Platz in der Bibliothek auf. Natürlich stand kein anderer als Hermine Granger vor ihm, die Arme vor der Brust verschränkt, die Augenbrauen verärgert zusammengezogen, die Mundwinkel unwillig nach unten. Sie hatte alles Recht der Welt, wütend auf ihn zu sein. Er seufzte.

"Ich bin kein freier Mann, Granger."

Nachdem Snape ihn am Vortag deutlich gemacht hatte, wie wenig er von seiner Beziehung zu Hermine hielt, hatte Draco entschieden, sich nicht mit ihr zu treffen. Er war nach Hogsmeade gegangen, um ein Geschenk für sie zu kaufen, aber ein Treffen, das eventuell von anderen Menschen beobachtet werden könnte, das hatte er nicht riskieren wollen.

"Und was soll das heißen?", verlangte sie zu wissen, während sie sich uneingeladen auf dem Stuhl neben ihm niederließ.

Resigniert schüttelte er den Kopf: "Das soll heißen, dass es Menschen gibt, die mich im Auge haben. Mich beobachten. Und zwar nicht mit freundlichen Absichten."

Stille. Dann: "Hat Professor Snape etwas gesagt?"

Natürlich. Er schloss die Augen und vergrub seinen Kopf in seinen Händen. Natürlich würde Hermine Granger, die ihn in einem sehr ernsten Gespräch mit Professor Snape belauscht hatte, sofort eins und eins zusammen zählen. Er hatte den Namen raushalten wollen, doch das war jetzt zwecklos. Er nickte: "Ja. Er zeigte sich... wenig begeistert von unserer Beziehung."

Zu seiner Überraschung erbleichte sie: "Hat er gesagt, ob er mit Dumbledore sprechen will?"

Verwirrt runzelte Draco die Stirn: "Warum sollte er das tun? Wenn überhaupt würde er mit... warte mal. Granger, weißt du über ihn Bescheid?"

Unruhig rutschte Hermine in ihrem Stuhl herum: "Naja... er ist Professor Dumbledores engster Vertrauter."

Ungläubig lachte Draco auf: "Ja, sicher. Du weißt schon, dass er die rechte Hand von Du-weißt-schon-wem ist?"

Lange starrte Hermine ihn an, offensichtlich darum bemüht, dass man in ihrem Gesicht nichts lesen konnte, doch Draco war sich sicher, dass sie überlegte, was sie ihm erzählen sollte. Wieder schüttelte er den Kopf: "Ja, ja, ich weiß schon. Er spioniert für euch. Klar."

"Das ist allgemein bekannt?", entfuhr es ihr mit offensichtlichem Entsetzen.

Diesmal lachte Draco tatsächlich: "Oh, aber natürlich. Alle wissen, dass er Dumbledore vorspielt, für ihn als Spion an der Seite des Dunklen Lords zu sein. Und bei euch scheint das niemand in Frage zu stellen."

Entrüstet richtete Hermine sich gerader im Stuhl auf: "Natürlich nicht. Professor Dumbledore vertraut ihm, als tun wir alle es auch."

"Okay", erwiderte Draco kopfschüttelnd: "Ist schon gut. Ich habe andere Sorgen, die Loyalität von Snape interessiert mich da wenig."

Ruckartig packte Hermine ihn an der Hand: "Das sollte es aber! Draco, denk nach! Er hat dir Hilfe angeboten. Ich weiß, du denkst, er ist überzeugter Todesser. Aber was, wenn nicht? Was, wenn er wirklich versucht, dir einen Ausweg zu zeigen, weil er für Professor Dumbledore arbeitet?"

Kurz wanderte sein Blick dahin, wo Hermines Hand auf seiner lag. Er hätte den Impuls spüren sollen, sie zurückzuziehen, doch da war nichts, im Gegenteil. Er genoss die intime Berührung. Dann zwang er sich, den Gedanken abzuschütteln und über ihre Worte nachzudenken. Snape wusste von seinem Auftrag, jeder wusste davon. Wenn man auch nur für einen Moment annahm, dass Snape wirklich auf der Seite von Dumbledore stand, dann wäre es umso lächerlicher, dass er ihm ernsthafte Hilfe anbieten wollte. Was wollte er denn tun? An seiner Stelle Dumbledore töten? Wenn er für ihn arbeitete? Sicherlich nicht. Und jeder Plan von Snape, der irgendein Schlupfloch für Dumbledore enthielt, damit er am Ende überlebte, würde so oder so auch nur negativ auf ihn, Draco, zurückfallen. Nein, aus dem Blickwinkel musste er das Hilfsangebot umso deutlicher ablehnen.

"Nein, Hermine", sagte er schließlich sanft, während er seine andere Hand auf ihre legte: "Egal, wie ich die Sache beleuchte, ich kann seine Hilfe  nicht annehmen. Ich muss das selbst tun."

Traurigkeit und Sorge überzog ihr Gesicht: "Aber du hast gesagt, dass du nicht mehr vorhast, ihn zu töten."

"Ja", nickte er: "Ja, das tue ich. Aber es hat nichts mit... mit Mord zu tun. Ich arbeite an etwas, was... auf ganz andere Weise hilfreich sein könnte. In der Hoffnung, dass... dass ich damit Gnade erwirken kann."

"Oh Gott..."

Mehr als diese leise gemurmelten Worte kam nicht von Hermine, doch es gab auch nichts zu sagen. Draco wusste selbst nur zu gut, wie gering seine Chancen auf Erfolg war, und dass Hermine sich Sorgen um ihn machte, sogar sprachlos war im Angesicht seiner Lebensgefahr, spendete ihm auf eine merkwürdige Art und Weise Trost. Schweigend streichelte er ihre warme Hand und genoss das Gefühl ihrer Nähe. Sie tat ihm gut mit ihrer bloßen Anwesenheit. Langsam schloss er wieder seine Augen, um den Rest der Welt auszublenden.

Er zuckte zusammen, als er plötzlich ihre andere Hand auf seiner Wange liegen spürte. Überrascht riss er die Augen auf, nur um zu entdecken, dass ihr Gesicht sich bis auf wenige Zentimeter seinem genähert hatte.

"Draco Malfoy", flüsterte sie ihm beinahe zu und ihre Augen leuchteten so intensiv, dass er unwillkürlich das Gefühl hatte, dass sie ihm gerade mit einem Legilimens bis auf den Grund seiner Seele schaute: "Egal, was du mir erzählen willst, ich glaube an dich. Ich glaube, dass du ein guter Mensch bist."

Und dann küsste sie ihn. Es war ein zärtlicher, vorsichtiger Kuss, als hätte sie Angst, dass er sie zurückweisen würde. Nichts läge ihm ferner. Gierig zog er sie auf seinen Schoß, umschloss ihre schmale Taille mit einem Arm, während seine andere Hand sich in ihrem wilden Haarschopf vergrub, um sie zu animieren, noch leidenschaftlicher zu werden. Er musste an sich halten, seine Hände nicht über ihren ganzen Körper wandern zu lassen, so sehr sehnte er sich danach, ihr einfach die Kleider vom Leib zu reißen. Sie war nicht einfach nur ein freundlicher Geist für ihn, sondern eine umwerfend erotische Frau, die er mit jedem Kuss mehr begehrte.

Viel zu früh - er hätte noch stundenlang so weiter machen können - löste sie sich schließlich von ihm. Ihr Atem war hektisch, die Lippen leicht geschwollen und ihre Wangen zeigten eine gesunde, rote Farbe. Mit einem schüchternen Lächeln, das ihn beinahe um den Verstand brachte, murmelte sie: "Wenn du willst, können wir zu Weihnachten wirklich... Tee trinken... im Raum der Wünsche."

Er verstand sofort, doch ehe seinem Gehirn irgendeine artikulierte Antwort darauf einfallen wollte, schlängelte sie sich von seinem Schoß und floh aus der Bibliothek. Ganz offensichtlich hatte sie Angst vor der eigenen Courage. Und genau diese unschuldige Art ließ ihm das Herz beinahe aus der Brust springen. Das Buch über das Verschwindekabinett, in dem er zuvor gelesen hatte, war vollkommen vergessen, während er sich immer und immer wieder durch sein Haar fuhr und gegen ein völlig dämliches Grinsen ankämpfte.

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