27. Veränderung ist schwer

Ich hatte mein Gesicht an Sams Brust verborgen und weite bitterlich. Es war zu spät. Ich spürte ihn nicht mehr. Er war fort.
„Rette ihn.“ Ich blickte auf. William stand dort mit verschränkten Armen. Die anderen waren Fort. Einfach verschwunden, es kümmerte mich nicht.
„Ich kann nicht.“
„Bitte! Ich kann ihn nicht verlieren!“ Ich konnte ihn kaum sehen, so viele Tränen verhinderten klare Sicht. Meine Stimme brach, es wäre vorbei, wenn ich Samuel jetzt verlieren würde. Es würde mich zerstören. Dabei hatte er es prophezeit. Er hatte es mir gesagt und ich hatte nicht gehört.
„Was ist mit Ian?“ Mein Herz raste. Was hatte das für eine Bedeutung!? „Die Hexe. Sie hatte recht.“
„Es ist mir egal! Ich will Sam!“
„Ich kann ihm nicht helfen.“
„Lügner! Was verlangst du von mir!“ Ich sprang auf, er konnte ihm helfen, er wollte nur nicht! Er war ein Gott, ein Licht. Er konnte alles.
„Es ist egal, was ich will.“
„Es muss eine Möglichkeit geben!“ Ich brach zusammen, vor meinem Vater. Er würde mir nicht helfen. Tief in mir wusste ich, dass er es nicht tun würde. Nicht wenn er nicht bekam, was er wollte.
Sams Tod zeriss mich, mit jeder Sekunde, die wir getrennt waren. Etwas in mir starb, langsam und schmerzvoll. Ich würde es nicht überleben, wollte es nicht überleben.
„Du stirbst. Denn du wolltest nicht hören.“
„Ich habe nicht gehört und wieso!?“, schluchzte ich. „Das ist mein Mann, mein Sam! Alles, was ich wollte, ist ihn an meiner Seite zu haben. Gesund und lebendig. Es ist deine Schuld, dass er tot ist!“
„Egal welche Konsequenzen es mit sich bringt.“
„Habe ich denn eine Wahl? Hast du mir denn eine gelassen?“
„Ich gab dir ...“
„Wag es nicht Wolfsgott! Du gabst mir keine Wahl, du gabst mir ein Ultimatum.“ Er schluckte schwer. Was auch immer er wollte. Wieso auch immer er mich bei sich haben wollte, er würde verlieren. Ich starb, ich starb für meinen Mann. Ich spürte wie mich die Kraft verließ, wie meine Wunden nicht weiter heilten. Mein Körper gab auf, meine Seele zerbrach. Nichts in mir wollte Leben, wenn er es nicht auch tat. Mein Wolf lag längst am Boden, rührte sich nicht mehr. Er hatte aufgegeben. Genau wie ich. Doch auch wenn ich aufsteigen würde, mich von dem Menschlichen Seite in mir trennte, würde William nicht seinen Willen bekommen. Ich würde einen Weg finden ihm zu entfliehen, wenn nötig für immer.
„Du würdest für ihn sterben.“
„Nur für ihn.“
„Auch wenn ihr die Ewigkeit nicht teilt.“
„Ich ziehe die Ewigkeit alleine, dem Leben vor. Ohne ihn.“
„Dann soll es so sein.“ Hoffnung keimte auf. Meine Hand packte Sams Schulter.
„Du verlangst ein Leben mit ihm. Du forderst den Tod heraus. Dann sollst du seine letzte Rettung sein.“
„Was muss ich tun?“
„Ich gebe dir die Möglichkeit, ihn zu dir zurückzuholen. Du sagst, du liebst ihn, dann halte die Verbindung, zerr ihn zurück und brich denn zauber, der ihn zwingt zu gehen. Und Nida ...“ Er wendete sich ab, als würde er gehen.
„Ja?“ Es verbarg sich etwas dunkles in seinen Worten. Ich spürte es. Genau wie damals, war es eine Warnung. Eine Warnung, die ich einfach missachten würde.
„Solltest du nur einen Moment zweifeln, wird er dich verlassen und du wirst bleiben. Für immer.“ Damit verschwand er und Gideon tausche uhrplötzlich vor mir auf. Auch die anderen waren wieder dort, wo sie eben noch gestanden hatten.
„Nida.“ Dante legte eine Hand auf meine Schulter. „Wir sollten ...“
„Finger weg!“, fauchte ich. Er riss gleich die Hand fort.
Ich blickte auf Sam hinab, er sah so friedlich aus, so ruhig. Als würde er schlafen. Sein Körper kühlte langsam aus, Gideon hatte ihm die Augen geschlossen. Sie hatten ihn aufgegeben. Zu früh.
Ich war bereits leer. Wie ein Gefäß, es viel mir zunehmend schwerer zu denken. Doch das Gefühl zu sterben erlosch. Es waren nur meine Gefühle, mein Leid, das weiter starb. Sam war mein Leben, egal was alle anderen Behaupteten. Er gehörte zu mir. Nur er.
Mein Gesicht fuhr langsam hinab zu seinem. Ich blickte ihn an, fuhr durch sein Haar. Sein schönes weiches Haar.
„Verlass mich nicht. Hörst du, nicht jetzt, nicht so.“
Ich atmete tief ein. Meine Finger Borten sich in seine Haut. Innerlich griff ich nach der Stelle, an der er einst gewesen war, faste nach dem Loch, was sich gebildet hatte.
„Du bist ein Teil von mir.“ Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. Ich horchte tief in mich hinein. Immer tiefer, bis ein Punkt erreicht war, den ich nie zuvor vorgefunden hatte.
Ein Licht.
Warm und weich.
Ich packte es und augenblicklich reagierte es. Es hüllte mich ein und verschlang mich. Auf der anderen Seite existierte nichts als Stille. Eine andere Welt, eine dunkle verlassene Welt. Ich blickte mich in der Dunkelheit um. Ein Gefühl von Wasser umhüllte meine Knöchel. Leichte Wellen schlugen dagegen. Ein unendliches Meer von schwarzem Wasser.
Ich erblickte Sam in der Ferne der Dunkelheit, er ging fort. Wie hatte ich ihn entdeckt? Er entfernte sich immer weiter von mir. Plötzlich stand ich vor ihm, stoppte ihn. Er blickte mich nicht an, seine Augen blickten ins nicht. Leuchteten, wie milchiges Licht. Es war der Übergang, der Weg ins Nachtlicht.
„Nicht jetzt“, flüsterte ich. Langsam wanderte sein Blick zu mir. Er sah mich an, ausdruckslos, als würde er mich nicht wirklich sehen. Ich nahm seine Hände. „Ich brauche dich. Du gehörst zu mir.“
Ausdruckslos.
„Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung?“ Wieso mir gerade dieser Moment einviel, war mir schleierhaft. „Als ich dich sah, ich kann es mir nicht erklären, aber ich wusste es. Das du es bist. Ich wusste es nicht gleich. Ich konnte das Gefühl nicht beschreiben, ich habe es Angst genannt, doch das war es nicht. Es war mehr. So viel mehr.“ Er blinzelte. Kam er zu mir zurück? „Verlässt du mich, mag ich nicht mit dir kommen können, aber ich werde bei dir sein. Tod oder lebendig. Ich kann nicht ohne dich sein. Niemals.“ Die Nachtschwarze Umgebung wurde leicht heller. „Samuel, lass nicht zu das dieses Bild von uns schwindet. Wir mit unseren Kindern. Glücklich, für immer. Lass nicht zu, dass uns dies genommen wird. Bitte Samuel, verlass mich nicht. Ich liebe dich!“, weinte ich unter Tränen. Ich ertrug seinen starren Blick nicht, die leere. Als redete ich mit einer Statur. „Ich werde dich immer lieben. Mein Wolf, mein Mond.“ Er legte plötzlich die Arme um mich. Die Umgebung wurde zunehmend heller, bis es mir schließlich die Sicht nahm und ich wieder zur Besinnung, neben meinem immer noch leblosen Mann kam. Ich schnaubte und stützte mich über ihm ab. Mein Gesicht genau vor seinem. Als hätte ich tagelang nicht geschlafen, war mein ganzer Körper ermüdet. Die Schmerzen wurden zu dem innerlichen Qualen kaum ertragbar.
„Sam“, flüsterte ich an seine Lippen. Ich spürte, dass ein Teil von mir, in ihm weilte. Es glühte wie ein kleines Licht. Wir waren nicht verbunden, nein ich war ein Teil von ihm.
Ich ließ leicht von ihm ab. Wartete auf das Wachsen des kleinen Lichts, doch das tat es nicht.
Es verblasste.
Ich war gescheitert.

Ich hatte Sam verloren, meinen Mann. In mir wurde es still. Es erstarb alles. Jeder Funke, jede Regung. Die Verbindung zu Gideon regenerierte sich. Wie aus einem Nebel trat das Netz wieder an seine ursprüngliche Stelle. Ein Wirbel der Gefühle hallte von jeder Verbindung wieder. Nur von mir nicht. Ich war leer.
Gideon legte eine Hand auf meinen Rücken. Nahm meine Hand und zog mich auf die Beine. Er wollte mich fortbringen. Vort von dem Körper. Fort von ihm.
„Nida.“ Doch ich rührte mich nicht. Doch wendete ich mich ihm zu.
„Geht.“ Er würde es nicht tun, würde uns nicht zurücklassen.
Fühlte es sich so an zu sterben? Nur konnte ich es nicht. William hatte mich gewarnt. Ich konnte es nicht. Nicht mehr. Ewig verweilen.
Alleine.
Verdammt.
„Nur ein Moment“, bat ich, bevor dieser verstrich. Er nickte und löste sich. Sie gingen langsam zum Ausgang. Sie alle. Also ließ ich mich zurück auf den Boden sinken. Zu der Lache, die sich unter meinem Mann gebildet hatte, zu dem Körper, der bereits kalt wurde. Seine Seele war fort. War bereits allein im ewigen Nachtlicht.
Ohne mich.
Für immer.
Ich legte meinen Kopf auf seine Brust. Starrte in die Leere des Raums. Hätte ich geglaubt das es so ausgeht? Das man ihn mir hätte nehmen können?
„Ich liebe dich“, hauchte ich. Es wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich es erst das zweite Mal laut aussprach und es zugleich das letzte Mal sein würde. „Ich werde sich immer lieben.“ Meine Hände krallten sich in sein Shirt.
Eine Hand legte sich in mein Haar.
„Sag es nochmal.“ Ich erstarrte. Plötzlich hob und senkte sich die Brust unter mir. Ein Herzschlag setzte ein. Langsam vor Schock löste ich mich von ihm, blickte hinab in seine glasigen Augen.
„Sam?“ Meine Hand fuhr über seine Wange. War er es? War es eine Halluzination? Seine Hand hob sich, ergriff meine und führte sie zu seinen Lippen. Sie legten sich warm und weich auf meine Innenfläche.
„Für immer.“ Er richtete sich langsam auf. „Ist eine lange Zeit allein.“
„Sam.“ Tränen rannten mir die Wange hinab. Er war es. „Sam!“, schrie ich uns sprang in seine Arme. Er ächzte doch hielt es aus. „Du bist hier!“, fassungslos Borte ich die Finger in sein Rücken, als könnte er mich erneut verlassen.
„Für immer.“
„Samuel?“, vernahm ich Gales erstaunte Stimme. Die anderen musste mein Schrei aufmerksam gemacht haben.
„Das ist unmöglich“, sagte Dante hinter mir.
Sam streichelte mir über mein Haar, versuchte mich zu beruhigen, doch es wirkte nicht. Erleichterung und schmerz vielen auf mich nieder, pressten mich zu Boden und nahmen mir die Luft zum Atmen. Er war hier, bei mir. Sam drückte mich leicht von sich und nahm mein Gesicht in seine Hände.
„Needy, alles ist gut.“ Dabei hätte ich ihn beschwichtigen müssen.
„Du ... du warst fort!“, beschuldigte ich ihn.
„Nur einen Moment.“
„Du hast mich allein gelassen, allein!“
„Needy.“
„Nein Sam. Ich hätte ... Ich kann ... verstehst du denn nicht?“ Ich wusste nicht mal selbst was ich wollte. Es war alles zu viel, die Gefühle, das vergangene. Ich war zerbrochen und doch ganz.
Innerlich packte er mich, nein, uns. Legte sich wie Honig um mich. Heilte den Scherbenhaufen.
»Du musst nie wieder so leiden, Needy«
»Versprich es.«
»Ich verspreche es dir.« Endlich konnte ich mich fassen. Ich atmete tief durch und nickte. Es musste ein Nervenzusammenbruch sein. Ganz so ähnlich hatte ich ihn schon einmal erlebt. Sam regte sich und stand auf. Ich tat es ihm nach, halb ihm. Er war noch schwach, doch er heilte schnell. Im Gegensatz zu mir.
Auch sein Inneres erholte sich, das Licht hatte sich ausgebreitet, wurde stärker, heller. Sogar als ich.
Gideon legte Sam ungläubig eine Hand auf die Schulter, er konnte wohl so wenig wie ich fassen, dass er vor uns stand, atmend und lebendig. Dann sah er zu mir, besorgt, vorwurfsvoll. Er konnte nicht glauben, was ich getan hatte. Das konnte ich selbst nicht.
„Hab ich was verpasst?“ Plötzlich Lachte die Belegschaft, selbst Gideon ließ ein verstaubtes Lachen von sich. Es war unwirklich und hysterisch. Es war der Stress und die Nervosität, die aus ihnen sprach.
Sam sah mich an, ich erblickte in seinen Augen etwas Bekanntes. Sie schienen von innen hinaus zu leuchten. Ich warf einen genaueren Blick auf das Netz, auf ihn. Er strahlte immer heller.
„Ich liebe dich.“ Zu mehr war ich nicht imstande. Ich war erschöpft, verletzt und am Ende.
Er küsste mich.
Das Netz veränderte sich. Ein Leuchten setzte ein, dass über die Verbindung von Sam zu den anderen überging. Es stärkte dessen Stränge und belebte die Farben.
Was es zu bedeuten hatte, würde ich schon bald erfahren. Momentan dachte ich an nichts außer Sam, das er bei mir war. Lebendig.
»Ich bin bei dir Nida.« Seine Arme legten sich um mich. Ich legte meinen Kopf an seine Schulter, musste seine Wärme spüren, um sicherzugehen, dass er mich wirklich nicht verlassen hatte.

Gideon räusperte sich, weshalb Sam leicht von mir abließ, damit ich ihn ansehen konnte. Erst jetzt blickte ich mich um und entdeckte die anderen Gesichter. Ihnen war die Situation nicht geheuer. Ian war kreidebleich, starrte seinen Bruder an als würde er einen Fremden sehen. Samuel wirkte gelassen, zu gelassen. Sein T-Shirt trug ein Loch doch die Haut dahinter war nun unversehrt. Die Heilung war abgeschlossen und er wie neu.
Gideon ging hinüber zu Roxana.
„Sie wird bald erwachen.“ Sam steckte die Hände in die Hosentaschen. Etwas war anders an ihm, ich spürte es, genau wie die anderen. Gideon nickte bei Sams Feststellung.
„Erwachen?“, fragte ich erschöpft. Das musste ein Albtraum sein. Noch eine Runde würde ich nicht überleben.
Gideon stand starr da und blickte auf den leblosen Körper, sein Blick leer. Woran dachte er wohl?
„Sie ist alt. Mächtig, sie hat mittel sich selbst gegen den Biss eines Wandlers zu schützen. Was heißt, dass sie nur Feuer töten kann“, erklärte mir Sam. Ich sah ihn an, in seinen Augen lag liebe, doch auch ... kälte. Eine ungewohnte Kälte, die ich nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Doch bei jemand anderem, bei William.
William hatte mir die Macht gegeben ihn zurückzubringen, hatte mir erlaubt, etwas in mir zu spalten. Welchen Teil in mir hatte ich ihm gegeben?
„Wir werden ...“
„Ich werde sie beseitigen“, sprach Sam Gideons ins Wort. Doch statt Gideons Zorn auf sich zu ziehen, sah dieser ihn einfach nur an. Hatte Gideon Angst vor ihm? Wusste er, das er recht hatte, oder was war es?
„Samuel“, flüsterte ich.
„Es sollte richtig gemacht werden, findest du nicht?“ Seine Stimme klang wie immer, nur das Gefühl, was sie verursachte, war ein anderes. Eisig, hart und distanziert.
„Sam, ich glaube -“, begann ich vorsichtig und auch etwas beschämt. Doch er unterbrach mich forsch.
„Nein Nida.“ Es sprach der Wächter in ihm. „Mann sollte dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert. Findest du nicht?“ Er meinte definitiv Gideon. Die Art, wie er mit ihm sprach, wie er seinen Willen durchsetzen wollte, war beängstigend. Ich erinnerte mich an Roxanas Worte „Ich habe es gesehen ...“ Ob sie wohlmöglich recht gehabt hatte? Auch die Worte meines Vaters schlichen sich zurück in die Erinnerung. Ob er wohl ein anderes verlassen meinte, als den Tod? Ich blickte in die kalten Augen meines Mannes und betete ich möge unrecht haben.

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