3. Cornelius

Inzwischen war fast ein Jahr vergangen, seit ich bei Jack in London gewesen war. Oft dachte ich mit ein wenig Wehmut daran zurück und hoffte, dass er sich eventuell mal melden würde. Vermutlich hatte er mich in der Zwischenzeit schon fast vergessen. Warum sollte er auch Gedanken an eine Sterbliche verschwenden. Er hatte damals seine Abmachung eingelöst und damit war es sicherlich für ihn erledigt.

Umso erstaunter war ich, als ich eines Tages eine unbekannte E-Mail in meinem Postfach entdeckte und sie scheinbar von Jack kam. Er schrieb, dass er in einer Woche nach San Francisco kommen würde und fragte, ob wir uns treffen könnten. Ich war natürlich nicht abgeneigt, hoffte, noch mehr über die Unsterblichen zu erfahren. Wir verabredeten uns wieder in der Bar, wo ich ihn das erste Mal getroffen hatte.

Ich konnte das Ende der Woche kaum erwarten und hielt es vor Aufregung fast nicht aus, bis der besagte Abend gekommen war.

 

Als ich die verrauchte Bar betrat, suchten meine Augen sofort nach seinem blonden Haarschopf. Es war bereits recht voll um 23 Uhr und ich drängte mich suchend durch die Leute zum Tresen hindurch. Dort vermutete ich ihn am ehesten, aber Jack war leider noch nicht da, wie ich bedauernd feststellte. Ich lehnte mich an die Theke und bestellte zuerst einmal einen Drink. Einer der Barkeeper machte sich daran, meinen Caipirinha zu mixen und ich schaute solange immer wieder in Richtung der Tür. Wo blieb er heute nur?

Während ich dem Barkeeper beim Mixen zusah, legte sich eine kühle Hand auf meine Schulter und zarte Lippen küssten meine Wange. Kurz zuckte ich vor Schreck zusammen, aber dann ertönte eine bekannte, tiefe Stimme in britischem Englisch: „Hi, Jessica! Entschuldige die Verspätung." Ich wandte mich lächelnd um und schaute in sein grinsendes Gesicht. Dieses spitzbübische Lächeln machte ihn einfach unwiderstehlich. Sein Anblick jagte mir wieder einen leichten wohligen Schauer über den Rücken, oder war es seine Berührung gewesen?! Scheinbar gelassen entgegnete ich: „Macht nichts!" Wir blickten uns einen Moment schweigend an, bevor er neben mir auf einem freigewordenen Hocker Platz nahm.

Mir fiel auf, dass Jack ganz in schwarz gekleidet war, mit einer Jeans und einem T-Shirt, doch hungrig schien er nicht zu sein. Aber frisch getrunken hatte er auch nicht. Dazu war seine Haut zu blass.

Da registrierte ich aus den Augenwinkeln, dass sich noch jemand direkt zu uns stellte. Neugierig sah ich den Unbekannten an und dabei überkam mich ein mulmiges Gefühl, als ich erkannte, dass es ebenfalls ein Unsterblicher war. Jack wies auf den Mann mit dem hellbraunen, längeren Haar: „Darf ich vorstellen? Cornelius, mein Gastgeber. Das ist Jessica."

Der andere reichte mir lächelnd die Hand, die sich ebenfalls sehr zart anfühlte und ich stammelte nur ein „Hallo". Es kam sehr unerwartet für mich, jetzt noch einen weiteren Unsterblichen kennenzulernen und ich hatte mich ganz auf ein Date mit Jack eingestellt. Nun, ich würde abwarten, was er geplant hatte.

Cornelius war einen halben Kopf kleiner, als Jack und hatte ebenfalls nur schwarze Klamotten an und so wie es schien, hatte er frisch getrunken. Dann hatte Jack ihn wohl nur begleitet. Daher nahm ich an, dass die beiden sehr vertraut miteinander waren. Im Allgemeinen schien Cornelius zurückhaltender zu sein, als meine Verabredung, wie ich in unseren Gesprächen feststellte. Denn

solange Jack und ich uns unterhielten, beobachtete Cornelius solange die Leute. Ab und zu grinste der Brite vor sich hin. Ich vermutete, er horchte auf die gedankliche Stimme des anderen. Das verunsicherte mich, weil ich ausgeschlossen war.

„Was lästert ihr über mich?", platzte ich heraus. Jack schüttelte den Kopf: „Nicht über dich. Da drüben stehen ein paar Frauen, die scharf auf uns sind." Ich folgte seinem Blick und sah vier junge Gören, die wahrscheinlich gerade mal einundzwanzig geworden waren, um hier rein zu dürfen. „Was denken sie?" Jack antwortete: „Wir lauschten nur ihren Gesprächen."

„Meinst du, sie trauen sich her?"

„Nein, ich denke nicht. Du schürst ihren Neid, weil sie dich für meine Freundin halten.“ Er beugte sich schelmisch lächelnd näher zu mir: „Komm, küss mich!" Das tat ich doch gern. Er zog mich eng an sich, unsere Lippen und Zungen trafen sich und meine Knie wurden ganz weich dabei. Jack fasste unter meinen Rock und stellte dabei stellte erfreut fest, dass ich nichts darunter trug. „Hm, du hast dazu gelernt."

„Für dich tue ich doch fast alles." Dabei lachte er und meinte zu seinem Freund: „Na, welche willst du?" Cornelius erwiderte: „Ich denke keine."

„Echt nicht? Tu dir keinen Zwang an. Vier Bräute auf einmal sind doch nicht schlecht. Ist fast ne Herausforderung!" Ich wusste schon, auf was Jack hinaus wollte. Sein Kumpel war ja heute auf Jagd gewesen und daher danach sicher genauso lüstern, wie es Jack gewesen war.

Cornelius blickte einige Male zu den jungen Frauen hin und ging dann tatsächlich hinüber. „Viel Spaß!", sagte Jack noch. Dann wandte er sich wieder mir zu: „Und du? Kommst du mit zu Cornelius Haus?" Ich beobachtete, wie dieser mit den Frauen flirtete: „Ich weiß nicht. Nimmt er alle mit?" Jack lächelte kopfschüttelnd: „Mit denen geht er ins Hotel. Wir wären allein!"

„Das kommt mir irgendwie bekannt vor", bemerkte ich lachend. Er kniff mir aufmunternd in die Seite. „Okay, also los!", sagte ich und ergriff seine Hand. Ich registrierte sein verhärmtes Grinsen aus den Augenwinkeln. Er wusste, dass ich es kaum erwarten konnte ihn ins Bett zu kriegen. Darauf hatte ich immerhin ein Jahr warten müssen.

 

Draußen führte mich Jack in eine Seitenstraße und als er mich in die Arme nahm, wusste ich, was kam. Der Wind erfasste mich, es fuhr in meinen Bauch wie bei einer Achterbahnfahrt und kurz darauf schwebten wir schon über den Hochhäusern. Die beleuchtete Stadt zog nun unter uns vorbei und der Anblick war noch grandioser, als in London. Diesmal flog er langsamer dahin, damit ich alles sehen konnte und solange wir in der Luft waren, küsste er ab und zu meinen Hals. „Ist Lorraine in London?"

"Ja, warum fragst du?" Ich erwiderte: „Na ja, ich möchte dich lieber ganz für mich." Er lächelte geschmeichelt und drückte seine Lippen auf meine.

 

 Cornelius bewohnte ein großes, luxuriöses Haus in einer vornehmen Gegend. Im Innern war es moderner, als bei Jack. Mein Unsterblicher führte mich zuerst ein wenig herum und als ich den beleuchteten Pool sah, bekam ich Lust zu baden. Ich begann mich auszuziehen und Jack beobachtete mich dabei, bevor er es mir gleichtat. Gerade wollte ich ins Wasser steigen, da stieß mich etwas Hartes an und ich fiel im hohen Bogen hinein. „Mistkerl!“, dachte ich. Er stand lachend am Beckenrand und tauchte dann mit einem Kopfsprung unter.

Nach einigen Schwimmzügen hatte ich wieder den Rand erreicht und blickte mich nach ihm um. Er war nirgends zu sehen. Dabei fiel mir auf, dass die Beleuchtung ausgegangen war. Was hatte er vor? Ein wenig mulmig wurde mir schon, aber ich war überzeugt, dass er mir nichts antun wollte: „Jack, komm schon hoch!“

Alles war ruhig, außer dem Plätschern der Filteranlage, hörte man nichts. Gelangweilt von diesem Versteckspiel lehnte ich mich auf den Rand. Die Minuten verstrichen. Plötzlich packte eine Hand meinen Fußknöchel und zog mich hinunter. Mein erschrockener Schrei wurde vom Wasser erstickt. Doch er ließ mich sofort wieder los und wir tauchten beide auf. Verärgert fragte ich: „Das findest du wohl witzig?" Jack legte den Kopf schief und erwiderte ironisch: „Oh, so böse. Ich wollte dich nur ein bisschen ärgern." Ich betrachtete ihn, wie er seine nassen Haare nach hinten strich. Er sah einfach immer umwerfend aus. Langsam kam er auf mich zu, umarmte und küsste mich und auf einmal schossen wir aus dem Wasser und standen neben dem Becken.

Während ich mich noch irritiert umsah, fuhr er mit den Küssen fort, als wäre nichts gewesen. Nach kurzer Zeit meinte er: „Gehen wir rein! Du frierst." Dafür war ich ihm wirklich ganz dankbar.

 

So spazierten wir nackt und nass durchs Haus, hinterließen nasse Fußspuren auf den Bodenfliesen. Jack nahm meine Hand, geleitete mich in den ersten Stock hinauf und öffnete schließlich eines der Schlafzimmer.

Endlich würde ich wieder befriedigenden Sex erleben. Dieses Abenteuer mit ihm hatte mich geprägt. Normale Männer schienen mir nicht dasselbe geben zu können, wie er. Seine zarte, unbehaarte Haut, seine seidigen Lippen fühlten sich einfach viel besser an.

 

Am nächsten Morgen wachte ich in einem blutbefleckten Bett auf. Sofort suchte ich meinen Körper nach Bissspuren ab, aber ich konnte keine Verletzungen finden. Von wem war das Blut dann? Vage erinnerte ich mich, dass ich im Halbschlaf knurrende Laute und Fauchen gehört hatte. Hatten sie etwa Sex zusammen, als ich schon geschlafen hatte? Ein befremdliches Gefühl, falls sie es direkt neben mir getan hatten. Ich vermutete es zumindest. Die kleinen Flecken stammten dann anscheinend von Jack und Cornelius. Für mich war der Geschmack von Jacks Blut damals in London, nicht anders gewesen, als bei meinem eigenen, aber die Gefühle dabei, waren völlig merkwürdig gewesen. Es wirkte, wie eine Droge und ich bildete mir danach bessere Sinneswahrnehmungen ein. Ob es das wirklich bewirkte, konnte ich nicht sagen. Vielleicht sollte ich noch mal davon kosten. Jack hätte sicherlich nichts dagegen, da es ihn auch erregt hatte. Ich setzte mich auf und blickte mich um. Die Sonne schien durch das hohe Fenster herein und meine Augen entdeckten einen Zettel auf meinen zurechtgelegten Kleidern. Ich faltete das Blatt auseinander:

Frühstück steht unten bereit.

Cornelius

Diesmal nicht von Jack, sondern vom Hausherrn persönlich. Eine schöne Schrift. Das war mir auch bei Jack aufgefallen. Wahrscheinlich wurde früher größeren Wert auf solche Dinge gelegt. Eine leserliche Handschrift, da es noch keine Schreibmaschinen gab.

Ich machte mich zuerst im angrenzenden Bad frisch, zog mich an und steckte den Zettel ein. In der Küche briet eine Köchin gerade Spiegeleier, die wohl für mich bestimmt waren. Als ich mich an den gedeckten Tisch gesetzt hatte, servierte sie mir diese.

Während ich aß, spukte mir die vergangene Nacht spukte in meinem Kopf herum. Cornelius war irgendwie interessant. Ihn umgab etwas Geheimnisvolles. Ich musste nachher unbedingt in den Archiven nach seiner Akte suchen. Wie alt er wohl war und wer ihn geschaffen hatte? Tja, Jack war um die zweihundert. Also, könnte er gut dreihundert sein, wenn nicht noch älter.

 

Später wurde ich von Cornelius Chauffeur zum Büro gefahren und sofort stieg ich in die Archive hinunter. Die Akten waren alphabetisch nach Vornamen geordnet, weil die Ewigen diese normalerweise beibehielten. Die einzige Unterteilung, die es noch gab, war der Unterschied zwischen existierend und vernichtet. Ein Raum enthielt nur die Unterlagen getöteter Unsterblicher.

Im Vorraum der Archive prangte eine riesige Weltkarte an der Wand, die grob die Aufenthaltsorte der Vampire zeigte. Hier in den Staaten gab es zur Zeit die meisten. Es war ein riesiges Land mit vielen Metropolen und der Lebensstil der Amerikaner passte gut zu ihren Bedürfnissen. Anonymität und 24-stündiger Betrieb überall. Sicher auch solche Kleinigkeiten, wie eine fehlende Meldepflicht der Bürger und eigenartiges Verhalten, gab es unter den Sterblichen zuhauf. Da fiel ihres nicht weiter auf. Großbritannien war auch gut dabei. Frankreich und Italien ebenfalls. Danach kamen Deutschland, Spanien und die Schweiz. Aber je weiter es auf dem Kontinent nach Osten ging, desto dünner wurde das Vampiraufkommen. Den Sagen zum Trotz, gab es in Rumänien keinen einzigen mehr. Nur Australien stach noch heraus. Dort besiedelten vorwiegend sie die Küsten, immer in der Nähe ihrer Nahrungsquelle. Oben über der Tafel leuchtete die aktuelle, bekannte Zahl weltweit 22.834. Uns waren nicht alle von ihnen bekannt, daher lag ihre Zahl sicher noch höher. Aber gegen sechs Milliarden Menschen war das dennoch keine ernste Gefahr. Die Unsterblichen regelten ihre Vermehrung eh selbst und die Lebensweise dämmte diese Vermehrung ein. Vampire mit festem Revier säuberten es regelmäßig von überhandnehmenden Schmarotzern. So war ihr Menschenbestand nicht in Gefahr und auch der Ruf der Gegend nicht.

Ich schritt nun die Regalreihen ab, bis ich bei „C" ankam. Meine Finger griffen nach dem Ordner auf dem „Cornelius" auf dem Einband stand, als plötzlich jemand sagte: „Ach, sieh an! Jessica! Brauchst du Informationen über deinen neuen Liebhaber?" Ich ließ vor Schreck fast die Akte fallen. Ein Kollege stand neben mir und grinste schadenfroh. „Nein, es ist wegen der Sache mit Jack. Hast du sonst nichts zu tun, als mir nachzuschleichen?" Er fuhr fort: „Eigentlich ist das ja meine Arbeit und heute Morgen hat dich Cornelius Chauffeur hergefahren. Na ja, was treibt eine Sterbliche in seinem Haus, die am nächsten Morgen noch lebt?" Jetzt dämmerte es mir: „Du bist auf ihn angesetzt?"

„Stört es dich? Hast dich ja, verglichen mit Jack, jetzt ganz schön verbessert. Willst dich wohl nach oben schlafen in ihren Kreisen." Ich ging an ihm vorbei: „Aus dir spricht doch nur der Neid." Er rief mir nach: „Was die Vampire auch immer an euch Weibern finden?" Ich drehte mich nochmals um, denn ich konnte mir die Bemerkung einfach nicht verkneifen: „Cornelius steht auch auf Männer. Kannst es ja mal probieren." Darauf fiel ihm anscheinend nichts mehr ein. In meinem Büro schlug ich mit zittrigen Fingern die erste Seite auf. Ich war aufgeregt, was darin wohl stehen würde.

Cornelius, geboren am 26.5.1632, als erster Sohn des Goldschmieds Flavius in Florenz.

Ha, fast vierhundert! Da lag ich mit meiner Schätzung sogar ein Jahrhundert darunter. Dann folgten kurze Abrisse seines sterblichen Lebens. Übernahm das Geschäft seines Vaters, heiratete die Tochter eines anderen Goldschmieds, hatte zwei Kinder, Junge und Mädchen und verlor seine Frau früh an eine Krankheit. Nun folgte der interessantere Teil. 1666 wurde er erschaffen. Was für eine Zahl! Von einer reichen Unsterblichen namens Penelope, die sich oft Schmuck von ihm anfertigen ließ. Sie verliebte sich angeblich in ihn. Nach seiner Umwandlung lebte er zwei Jahrzehnte mit ihr in ihrem Palazzo, bis er vertrieben wurde. Ein fremder Unsterblicher hatte Penelope im Duell getötet und beanspruchte nun, nach den Regeln des Kodex, ihren Besitz. Cornelius fügte sich notgedrungen und verließ Florenz. Zuerst durchwanderte er Italien, dann Frankreich, Deutschland und die östlichen Länder. Nach einigen Jahrzehnten des Reisens ließ er sich 1722 in der Toskana auf einem Castello nieder. Nicht lange danach holte er eine junge Frau aus Siena auf sein Gut. Nach zwei Jahren bei ihm, machte er sie zu seiner Gefährtin. Mit ihr hielt er es sechzig Jahre aus, bevor sie wegging. Danach gab es über zwanzig Jahre niemanden, bis er eine Frau mit dem Namen Maria traf. Sie wurde ebenfalls nach kurzer Zeit seine Gefährtin und ein mir Bekannter tauchte schon vorher auf. Jack!

In der Akte wurde nur über Freundschaft zwischen den Beiden gesprochen. Sicher lief auch damals was zwischen ihnen, oder wegen Maria doch nichts. Na ja, egal! Jedenfalls, verbrachte Jack einige Zeit bei ihm und Maria. Mit dieser Gefährtin siedelte Cornelius, 1939, nach Amerika um. Sicher, wegen dem Zweiten Weltkrieg. Damals flüchteten viele Unsterbliche aus den besetzten Ländern, in die Staaten. Ihre Herrenhäuser wurden meistens, als Offiziersquartiere, beschlagnahmt. Cornelius Flucht war mehr eine Vorsichtsmaßnahme gewesen.

Schon ein Jahr später trennte sich Maria von ihm und wurde kurz darauf vernichtet. Die Umstände waren ungeklärt. Seither lebte er allein. Einmal im Jahr bekam er Besuch von Jack und ansonsten unterhielt er Affären zu anderen Vampirinnen.

Komisch, dass Cornelius nie ihn besuchte. Vielleicht war Lorraine ja zu eifersüchtig.

 

Ich genoss meine Sonderstellung, so engen Kontakt mit diesen Wesen zu pflegen sehr und verbrachte weitere Nächte in Cornelius Haus. Jack war nicht immer dort. Wenn er auf Jagd war, unterhielt ich mich solange sehr angeregt mit seinem Gastgeber. Ich wollte mehr aus Cornelius Vergangenheit erfahren. Dabei waren wir uns in den vergangenen Wochen auch körperlich näher gekommen, aber es wunderte mich, dass Cornelius außer Küssen und Berührungen nichts zuließ. Er hörte meine Gedanken, denn er meinte: „Du bist Jacks Geliebte!"

„Bin ich das?" Cornelius lächelte: „Ich denke schon. Nur ich möchte einfach nichts hinter seinem Rücken tun." Ich glaubte ihm und wünschte, Jack würde heute nicht so schnell von der Jagd zurückkehren. Cornelius hatte mich, innerhalb der Wochen in denen wir uns kannten, mit seiner Aura längst betört. Er war ruhiger, ausgeglichener und liebevoller als Jack. Bei ihm konnte ich mir das Morden gar nicht richtig vorstellen. Er war wahrscheinlich zärtlich zu seinen Opfern. „Darf ich dich einmal begleiten?"

„Vielleicht, ich weiß nicht. Aber du hast in gewisser Weise recht. Ich quäle die Menschen nicht, lasse sie in Träumen sterben. Mich turnt es an, wenn sie es als lustvoll empfinden, sich total hingeben und mich unbewusst anflehen, ihnen alles zu nehmen."

Ich lächelte: „Klingt richtig romantisch! Nimmst du nur Frauen?"

„Nein, auch junge Männer. Sie können mir genauso wenig widerstehen." Meine Hand legte sich auf seine: „Ich würde dich gern einmal dabei begleiten." Die Beschreibung seiner Jagdmethode, machte mich neugierig und ich wollte wissen, ob ich ihn richtig einschätzte. Er blickte in meine Augen, überlegte und dann nickte er: „Also gut, morgen."

Ich fragte erstaunt: „Morgen schon? Du scheinst noch gar nicht so hungrig." Er grinste: „Doch, doch. Mein Körper ist nur fast doppelt so alt, wie Jacks. Ich hole dich bei dir Zuhause ab. Dann spazieren wir durch den Park." Ich war gespannt.

Jacks Stimme rief mich. Er wartete schon oben im Schlafzimmer. Nun musste ich zuerst das Verlangen meines Liebhabers befriedigen. Meine Lust erwachte beim Hinaufgehen. Konnte er es manipulieren?

Und der nächste Abend würde voll und ganz Cornelius gehören. Das hatte ich mir fest vorgenommen.

 

Er war wieder ganz in schwarz gekleidet, als er vor meiner Appartementtür stand. Das taten sie oft, wenn sie auf Jagd gingen, damit man die Blutflecken darauf nicht sehen konnte. Zur Begrüßung gab er mir zwei Wangenküsse und als sich unsere Wangen dabei berührten, konnte ich seine kalte Haut spüren.

Kurz darauf schlenderten wir zum Park. „Ist das dein Gebiet?" Cornelius nickte: „Ja, aber ich dulde auch andere." Ich bemerkte: „Du bist aber großzügig."

„Oh, nicht ganz. Nur Freunden, so wie Jack." Er nahm meine Hand, als wir durch die ersten Bäume spazierten, was mich zum Lachen brachte: „Wie ein Liebespaar!"

„Könntest du dir das vorstellen? Meine Geliebte zu sein?" Ich war perplex, sah verwirrt in seine grauen Augen: „Meinst du das jetzt ernst?" Zur Antwort zog er mich an sich und küsste mich zärtlich. Sofort schrillten meine Alarmglocken!

 Ich kannte ja die Geschichten mit seinen Gefährtinnen. Blühte mir jetzt dasselbe? Immerhin stand ich mit einem hungrigen Unsterblichen allein im Park.

Doch er löste sich von mir und spähte zu dunklen Büschen in einiger Entfernung. Er schien zu lauschen: „Komm, gehen wir dort rüber." Ich folgte ihm, wusste, dass er jemanden gefunden hatte.

 

Sein Körper war angespannt und irgendwann vernahm auch ich ein Schluchzen. Er hatte es sicher schon vorhin bei unserem Kuss gehört.

Eine junge Frau saß weinend auf einer Bank hinter den Büschen. Cornelius wandte seine Augen nicht mehr von ihr ab, wie ein Raubtier seine Beute fixiert, und schlich langsam näher. Dann trat er neben sie, sprach sie an und setzte sich neben sie auf die Bank. Sie schien ihm Etwas zu erzählen, denn er nickte immer wieder verständnisvoll und umfasste ihre gefalteten Hände in ihrem Schoß. Schließlich schmiegte sie sich an seine Schulter und er legte die Arme um ihren Oberkörper. Im Gegensatz zu Jack ließ er sich Zeit. Die Frau lächelte, drängte sich enger an ihn und Cornelius beugte sich zu ihr hin. Zuerst küsste er ihren Hals, bevor er langsam die Zähne in die Haut senkte. Sie stöhnte lustvoll auf und schloss die Augen, als Cornelius zu trinken begann. Seine waren ebenfalls geschlossen und ich fragte mich, in welcher Traumwelt sie gemeinsam waren. Als er kurz von ihr abließ, umarmte sie ihn fester. Ich wusste, er musste die Wunde weiter öffnen und tat es. Dabei entrang sich ihr noch lustvolleres Stöhnen. Suggerierte er ihr einen Liebesakt?

Allmählich erschlaffte ihr Körper und sie starb. Nun war es mit Cornelius Vorsicht vorbei. Genauso wie die anderen zerriss er ihre Kehle, um den Rest zu bekommen.

 Schließlich war das Bluttrinken beendet.

Er trug ihren Körper hinter die Büsche und begann mit den Fingern im Boden zu graben. Schnell hatte er eine Kuhle geschaffen, in die er sie bettete, die ausgehobene Erde wieder auf sie warf und noch Blätter und Zweige auf dem Grab verteilte.

Dann erhob er sich: „Lass uns gehen!" Ich blickte noch zurück zu der Stelle, wo sie lag. Cornelius sprach erst wieder, als wir den Park verlassen hatten und schien in Gedanken versunken zu sein.

„Tust du es ungern?" Er lächelte. Bei ihm gab es keine Blutspuren im Gesicht.

„Das ist es nicht. Mich beschäftigen die Schicksale, die ich sehe, noch kurze Zeit."

„Und was war ihres?" Er schüttelte den Kopf und schwieg. Dann nahm er abermals meine Hand und so gingen wir weiter. Seine Hitze strahlte durch seine Kleidung hindurch und ich ersehnte seinen Körper: „Gehen wir zu meiner Wohnung." Cornelius hatte keine Einwände.

 

Im Hausflur zog er mich dann küssend an sich. Ein Schwall der Erregung schwappte durch meinen Körper. Meine Hände zerrten sein Hemd aus der Hose und grabschten nach seiner vom Blut heißgewordenen Haut. Seine Zunge war genauso heiß in meinem Mund. Ich meinte, das Blut daran noch schmecken zu können. Mit einer Hand öffnete er seine Hose und mit der anderen schob er mein Kleid hoch. Als er mich ausfüllte, vergewisserte ich mich kurz, ob wir auch allein waren.

Sein warmer Atem blies an meinen Hals und ich schlang fest die Beine um ihn. Unsere Lippen trafen sich abermals und da schmeckte ich Blut. Es löste Wärme in mir aus und seine Zunge drang nochmals in meinen Mund. Sie war nun voll damit, denn er hatte sie aufgebissen. Wie von selbst, schluckte ich es hinunter und geriet daraufhin in Ekstase.

Um uns hatte sich alles verändert. Wir standen liebend in einem tropischen Garten an einen Baum gelehnt. Ich hörte Zirpen und roch die schwüle Luft. Cornelius löste sich von meinem Mund, leckte über meine Schulter und biss sanft hinein. Ich stöhnte auf, genau wie diese Frau. Als er erzitterte, folgte ich gleich darauf.

 Ich krallte mich an ihm fest, bis die Wellen meines Höhepunktes langsam verebbten. Mein Verstand klärte sich allmählich und ich erblickte wieder den kargen Flur.und spürte den rauen Wandputz im Rücken. Noch außer Atem, sagte ich: „Ok, gehen wir rauf!" Er lächelte mich bloß an.

Erst in der Wohnung hatte ich mich gefasst: „Machst du es so mit ihnen?" Er schaute sich neugierig um: „Ja."

„Und woher nimmst du deine Traumwelten?" Cornelius setzte sich in den Sessel im Wohnzimmer: „Aus ihnen. Das ergibt sich irgendwie." Ich druckste verlegen herum: „Wie meintest du das vorhin im Park? Mit der Geliebten?" Seine Augen sahen mich einige Zeit an: „Nun, ob du dir mit mir dasselbe Verhältnis, wie mit Jack vorstellen könntest?" Ich sah ihn genauso an: „Du hast mich sehr beeindruckt. Aber was ist mit ihm?"

„Du sagst es Jack einfach." Ich schüttelte energisch den Kopf: „Das kann ich nicht. Tu du es!" Cornelius seufzte: „Mir würde er nicht glauben. Er würde denken, ich habe dich mental beeinflusst. Es muss deine Entscheidung sein. Lass dir ruhig Zeit, ich kann warten." Dabei schmunzelte er.

Super! Jetzt konnte ich mich zwischen den beiden entscheiden. Oder ich wartete Jacks Abreise ab.

„Jessica, ich kann ihn nicht hintergehen. Bitte kläre das vorher." Dabei sah er mich fast flehend an. Ach, er war süß! Ich musste mich einfach auf seinen Schoß setzen und ihn küssen. Mit ihm könnte ich mir ein unsterbliches Leben vorstellen. Ein starker Schöpfer!

Von Jack hätte ich das Blut nicht angenommen, weil er mir nicht mächtig genug war. Niemand wusste mit Sicherheit, wovon die Macht abhing, aber es war auffällig, dass ältere Unsterbliche auch stärkere Neugeborene schufen, deren Fähigkeiten schneller zunahmen.

Die Nacht war mal wieder viel zu schnell vorbei. Ich schlief in Cornelius Armen auf meinem Bett ein. Sein heißer Körper wärmte mich und ich fühlte mich beschützt.

Als ich aufwachte, fand ich wieder einen Zettel von ihm, neben mir liegen.

Der Morgen naht, ich muss dich jetzt verlassen. Du siehst süß aus, wenn du schläfst. Ich beobachte dich gern dabei. Denk bitte an unsere Abmachung. Das wäre sehr wichtig.

Cornelius

Diese Zeilen las ich einige Male. Ihm war es wohl überaus wichtig, dass Jack unsere Affäre billigte. Also, würde ich es ihm am Abend beichten. Zum ersten Mal hatte ich Angst vor Jack. Würde er wütend werden?

Ich wollte Cornelius in der Nähe wissen. Deswegen fuhr ich zu seinem Haus.

Als ich eintrat, saßen beide auf der braunen Sitzgruppe im Wohnzimmer. Beide grüßten und Jack tätschelte auffordernd neben sich, damit ich mich zu ihm setzte. Ich wählte jedoch den Hocker, der gegenüber stand.

Nun holte ich tief Luft, als ich seine skeptisch fragenden Augen sah. „Ich muss dir was sagen." Seine Miene wurde ernst: „Und was?" Mein Mut verließ mich fast. Auch weil Cornelius das Zimmer verlassen hatte und Jack mich so abschätzend anblickte: „Nun, wie soll ich anfangen? Ich ... ich empfinde wohl mehr für Cornelius." Er sagte nichts, starrte mich ohne Regung an. „Bitte sei nicht böse! Es ist eben so passiert. Ich weiß nicht einmal, wie er empfindet. Kannst du das akzeptieren?" Sein Blick war kalt: „Akzeptieren?"

Dann starrte er zur Terrasse, wo Cornelius am Geländer stand. Ich spürte, dass sie Gedanken austauschten. Jacks Miene wurde plötzlich wütend. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten und seine Augen wurden zu Schlitzen, sein Leib spannte sich. Dann hörte ich nur ein Huschen, die Terrassentür zerbarst mit einem lauten Knall und Jack riss Cornelius mit sich auf den Rasen. „Nein!", schrie ich und rannte hinaus auf die Terrasse. Unten im Gras wälzten sich die beiden hin und her. Ihre Bewegungen waren viel zu schnell für meine Augen. Ich sah nur ein herumwirbelndes Knäuel von Körpern. Jack gebärdete sich wie ein wildes Tier.

„Hört sofort auf! Jack, bitte! Das hat doch keinen Sinn." Er hörte natürlich nicht und ich fragte mich, ob er überhaupt noch bei Verstand war. Lautes Knurren kam von den Kämpfenden.

Als sie sich zwischendurch mal langsamer bewegten, sah ich wie Jack versuchte, Cornelius Kehle zu packen. Doch er erwischte nur den Unterarm und verbiss sich darin. Er zerrte daran, wie ein wilder Hund. Die Geduld von Cornelius, war nun auch vorbei. Er schleuderte Jack im hohen Bogen von sich, sprang sofort über ihn und stemmte ein Bein auf dessen Brust.

Ich schrie abermals, sie sollen aufhören, denn ich befürchtete das Schlimmste. Der Hausherr begann auf Jacks Oberkörper einzuschlagen, zerfetzte das weiße T-Shirt und die darunter liegende Haut. Im Nu war der Stoff voller Blut.

 Ich schlug die Hände vors Gesicht. Hinunterzugehen wagte ich nicht, weil ich befürchtete, es wäre so, wie mit kämpfenden Hunden. Wenn man sich einmischt, fallen beide über einen her. Das da unten waren wirklich nur noch Raubtiere. Da war nichts Menschliches mehr.

Ich sah wieder hin und erkannte, dass Cornelius innehielt. Jack lag blutüberströmt im Gras und hatte den Kopf zur Seite gewandt. Der Ältere trat einige Schritte zurück und Jack sprang trotz der schweren Verletzungen, sofort auf die Füße und war verschwunden.

 

Cornelius kam mit zerrissener Kleidung und blutigen Kratzwunden, zur Terrasse zurück. „Ist dir etwas passiert?", fragte ich besorgt. Inzwischen sah er wieder absolut menschlich aus. Seine Gesichtszüge hatten sich entspannt. Er wirkte niedergeschlagen: „Nur die paar Kratzer." Dann blickte er zu der zerschmetternden Tür.

„Wo ist Jack hin?“, fragte ich und deutete auf die zerfleischte Wade: „Tut das eigentlich weh?"

„Ich weiß nicht, wo er hin ist. Er hat mehr abbekommen, als ich. Zum Glück hat er sich ergeben. Ich hätte ihn sowieso besiegt. Zu deiner zweiten Frage: Nein, wir spüren keinen Schmerz. Es kribbelt nur."

Dann war das vorhin eine Demutsgeste von Jack gewesen. Er hatte Cornelius die Halsschlagader präsentiert. Cornelius Bisswunde am Hals schien sich die ganze Zeit zu verändern.

 

Wir gingen ins Haus zurück. Er setzte sich aufs Sofa und vergrub das Gesicht in den Händen:

„Warum musste es so weit kommen?"

„Cornelius, ich wollte das nicht." Als er zu mir aufsah, glitzerten Tränen auf seiner matten Haut. Wir umarmten uns tröstend.

Nach einer Weile blickte er immer noch betrübt in mein Gesicht: „Ich habe Gefühle für dich, Jessica."

„Ich für dich ebenfalls.“

Als ich mich mit einem langen Kuss von ihm verabschiedete, fiel mir auf, dass sein Hals bereits unversehrt war. Wahnsinn, wie schnell das ging!

 

Mich beschlich ein ungutes Gefühl, als ich meine Wohnung betrat. Alles war ruhig, doch ich fühlte mich nicht allein. Die Bestätigung dieses Gefühls saß in meinem Sessel. Jack!

Er sah traurig zu mir auf: „Warum hast du mir so weh getan?" Ich senkte verlegen die Augen: „Weil ich mehr für Cornelius empfinde. Er wollte, dass ich es dir sofort gestehe. Er wollte dich nie hintergehen. Ein wahrer Freund!" Jack lachte plötzlich: „Weiber! Bringen immer alles durcheinander." Ich betrachtete seine klaffenden Wunden an der Brust. Total zerkratzt, so dass man nur noch rohes Fleisch sah. Es brodelte regelrecht darin. „Bist du schwer verletzt?", fragte ich vorsichtig.

„Nein!", kam barsch zurück. Dann blickte er zu Boden. Was ging in seinem Kopf vor?

Er erzählte: „Dein Liebster meinte vorher, ich hätte ihn dir ja unbedingt vorstellen wollen. Ja, ich bin selber schuld daran. Aber, dass er sich ausgerechnet in dich verguckt."

„Das kann man nicht beeinflussen."

Er nickte nur und kämpfte mit den Tränen. War ich wohl mehr für ihn, als bloß ein Betthäschen? Vielleicht hätte er es mir deutlicher zeigen sollen.

„Natürlich, warst du mehr für mich. Sonst hätte ich dich nie so nah an mich rangelassen."

„Ich ahnte es, als ich deine Geschichte mit Lorraine von dir hörte. Aber ich konnte es nicht glauben. Verzeih mir, Jack!" Ich wollte seine Hand nehmen, doch er wehrte ab.

Dann erhob er sich: „Ich werde nun aus deinem Leben verschwinden. Morgen fliege ich nach England zurück." Damit schloss er die Wohnungstür hinter sich und ich war allein. Das alles deprimierte mich. Wie unglücklich er ausgesehen hatte. Ganz anders, als der Jack, den ich kannte.

Später erfuhr ich, dass er sich am nächsten Abend noch mit Cornelius versöhnt hatte. Das erleichterte mein schlechtes Gewissen ungemein.

 

Mein Leben mit einem unsterblichen Liebhaber, gestaltete sich zeitweise, als recht anstrengend. Tagsüber arbeitete ich für die Organisation und nachts wollte Cornelius etwas mit mir unternehmen. Ab und zu war er einige Nächte fort, dann konnte ich mich regenerieren. Ich wusste nicht, wo er sich rumtrieb, aber ich vermutete, er beglückte in dieser Zeit seine Affären. Er sprach nie davon, aber ich wusste, dass Unsterbliche mehrere Sexpartner hatten. Also, hatte er das wahrscheinlich auch und vermutlich erst recht, weil er mit mir, einer verletzlichen Sterblichen, zusammen war. Ich konnte ihm daher nicht das bieten, was er brauchte. Manchmal war ich eifersüchtig auf diese Unbekannten und weil er gar nichts erzählte. Nachspionieren ging nicht, weil er meine Gedanken durchschauen konnte.

 

Cornelius unterbreitete mir eines Abends, dass er wieder für zwei Nächte fortmüsste. Ich konnte meine Eifersucht nicht verbergen. Er meinte: „Nein, ich bin auf einem Fest eingeladen. Ehrlich!"

„Kannst du mich nicht mitnehmen?" Er verdrehte die Augen: „Jessica, es ist eine gemischte Party. Du weißt, was das heißt."

„Umso besser. Dann falle ich ja unter den Menschen nicht auf." Er fuhr sich genervt durchs Haar: „Sie sind nur da, um getötet zu werden. Soll ich den ganzen Abend auf dich aufpassen? Ich will auch meinen Spaß." Ich entgegnete: „Und wenn ich als Dienstmädchen dort bin?" Wieder verneinte er und fügte hinzu: „Ich setze dich keiner Gefahr aus!" Ich nickte: „Dann verrate mir wenigstens wer kommt."

„Ich kenne nicht alle, aber es sind bestimmt über zwanzig."

Mein Spürsinn war geweckt. Ich wollte mich auf diese Party schleichen. Mich interessierte Cornelius vampirartige Seite, die er gekonnt vor mir verbarg. Dieses eine Mal bei der Jagd im Park und dem Kampf mit Jack, waren die einzigen Gelegenheiten gewesen. Und ich wollte auch wissen, mit wem er mich betrog. Dazu kam dann noch mein Drang, ihre Lebensweise näher erforschen zu wollen. Wie verhielten sie sich, außerhalb der Öffentlichkeit?

 

Zuerst musste ich herausfinden, wer die Party gab. Ich sah im Computersystem meiner Organisation nach, ob schon neue Ereignisse gemeldet waren. Bingo!

Übermorgen fand bei einer Unsterblichen namens Suzanne eine Party mit Sterblichen statt. Zum Glück wohnte sie ebenfalls in San Francisco. Die aktuelle Adresse erschien, als ich ihren Namen anklickte. Zu was meine Arbeit hier gut war. Ich notierte mir die Adresse und fieberte dann diesem Abend entgegen. Irgendwie blendete ich in meiner Euphorie aus, dass ich dort als Futter gelten würde. Ich würde auf der Party meine Gedanken verbergen und mich abseits der Gäste aufhalten, um keine Aufmerksamkeit bei den Vampiren zu erregen.

 

Endlich war es Zeit loszufahren.

Ich parkte an der Straße, ein gutes Stück von dem geschlossenen Tor des besagten Hauses entfernt und wartete im Wagen ab.

Immer wieder rollten prächtige Autos darauf zu und verschwanden dahinter. Ich musste irgendwie hinein kommen. Am besten ich schlich hinter einem anfahrenden Wagen her, wenn er das Tor passierte. Gesagt, getan.

Hinter einem der Büsche neben der Einfahrt lauerte ich auf die nächste Gelegenheit. Eine rote Viper röhrte heran. Im Wagen saß ein Pärchen, unsterblich natürlich und ich wartete, bis das Gefährt sich wieder in Bewegung setzte. Vorsichtshalber verbarg ich meine Gedanken und schlüpfte dann durch das Tor, solange es sich abermals schloss. Langsam stöckelte ich die Hofauffahrt hinauf und entspannte mich ein wenig. Die erste Hürde war überwunden.

Vor dem Haus war schon Einiges los und ich war nicht das einzige menschliche Wesen hier. Das Pärchen aus der Viper ging gerade hinein.

Nur bei solchen, gemischten Partys kamen sie auf menschliche Weise her. Ansonsten durch die Luft.

Ich überblickte kurz den Parkplatz, aber konnte Cornelius Wagen nicht entdecken. Gut. War er wohl noch nicht hier.

Ich betrat mit drei anderen sterblichen Frauen das Haus, nachdem uns ein älterer Herr geöffnet hatte. Wir kamen in eine große Empfangshalle, die bis zu einer Glaskuppel offen war. Der Boden war mit Granit gefliest und die Strahlen eines Ornaments liefen in die angrenzenden Räume über. Ich folgte den Geräuschen der Gesellschaft ins Wohnzimmer. Es bestand aus zwei Ebenen, wobei die untere in den Garten führte, wo sich die meisten Gäste aufhielten. Sie standen um den Pool herum, schwatzten und die Menschen unter ihnen bedienten sich am Champagner und den Häppchen, die von Bediensteten herumgereicht wurden.

Unauffällig musterte ich die Unsterblichen und mir entging nicht, dass die Meisten hungrig waren. Meine Begleiterinnen checkten sofort die anwesenden Männer ab und warfen ihnen flirtende Blicke zu. Wenn die wüssten, wen sie sich da anlachten!

Ich verkrümelte mich schnell, denn ich war nicht darauf aus, Aufmerksamkeit zu erregen. Zu meinem Job gehörte auch, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie töteten. Ich durfte mich nicht einmischen, sprich die drei warnen. Mir blieb nur die Hoffnung, dass ihnen die Gnade zu Teil wurde, in Ekstase zu sterben.

 Ich fand ein gutes Versteck hinter Büschen am Rand der Terrasse. Von dort hatte ich einen sehr guten Blick über die Anwesenden und als ich mich darauf konzentrierte, war Cornelius da. Er wechselte einige Worte mit anderen Unsterblichen, bevor er auf eine große Frau mit rotbraunen Locken zuging. Sie zog verführerisch an ihrer Zigarette, als sie ihn sah. Auf die Entfernung konnte ich ihr Gespräch nicht hören, aber die vertraulichen Gesten zwischen den beiden, entfachten meine Eifersucht. Hatte er was mit ihr?

Dann ging sie zu anderen Gästen, aber sie warfen sich immer wieder Blicke zu. Wahrscheinlich Gedankenaustausch und ich war mir sicher, eine Rivalin vor mir zu sehen.

Cornelius war ebenfalls hungrig. Wen würde er wählen? Hoffentlich eine der drei Frauen. Da wusste ich wenigstens, dass sie nicht leiden musste.

Diese Rotbraune visierte nun einen jungen, sterblichen Mann an und verwickelte ihn in ein Gespräch. Mein Gespür sagte mir, dass die Jagd begonnen hatte. Cornelius hielt sich zurück und setzte sich auf einen Liegestuhl, aber ließ meine Rivalin nicht aus den Augen.

Schließlich verschwand sie mit ihrem vermeintlichen Opfer im Haus. Mein Geliebter blieb weiterhin sitzen, doch ab und zu grinste er vor sich hin. Was ging hier ab? Redeten sie mental miteinander?

Endlich erhob er sich und verschwand ebenfalls im Haus. Sicher hatte sie ihn gerufen und mir schwante, dass sie sich den armen Kerl teilten. Mir fiel wieder das Erlebnis mit Jack im Club ein, als der andere mich mit ihm teilen wollte. Danach vögelten sie sicher. Am liebsten würde ich dazwischen gehen, aber das hier war für ihn nur körperlich. Das musste ich mir immer wieder einreden. Bei Vampiren war die Trennung von Sex und Gefühlen noch stärker, als bei uns. Ich dachte noch mal über die vorigen Szenen nach und ich erkannte, dass Cornelius das Opfer ausgesucht hatte. Seine Partnerin war heute auch gar nicht hungrig. Sie sollte ihn nur abschleppen. Ja, ja so unschuldig, wie er immer tat, war er gewiss nicht. Aber solche Unverfrorenheit hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Was ging nun da oben in irgendeinem Zimmer ab? Zu gern, wäre ich hinterher geschlichen, aber dann würde er mich bemerken.

 

Die Gesellschaft lichtete sich langsam. Ein ungleiches Pärchen schlenderte gerade an mir vorbei in Richtung einer Baumgruppe. Sie bemerkten mich nicht, denn der Unsterbliche konzentrierte sich völlig auf seine Begleiterin. Bei den vielen Sterblichen hier, fiel mein Geruch auch nicht weiter auf. Ich sah ihnen nach und überlegte, ob ich folgen sollte. Er war ziemlich jung, so dass ich meine Gedanken vor ihm verbergen konnte. Obwohl ich ein Mensch war, konnte ich die Stärke der Aura unterscheiden. Wahrscheinlich wegen meinen telepathischen Fähigkeiten. Also schlich ich ihnen nach und hielt mich hinter den Baumstämmen, genau wie sie.

Es folgte eine Knutscherei, ein Rumfummeln, aber ich sah seine wachsende Anspannung. Plötzlich riss er ihren Kopf an den Haaren zur Seite und biss herzhaft hinein. Ich zuckte vor Schreck zusammen und sah ihr Zappeln in seinen Armen. Er presste ihr die Hand auf den Mund und riss ihren Hals weiter auf. Ich hörte unterdrückte Schmerzensschreie und ich begann am ganzen Leib zu zittern. Nur schnell weg, dachte ich im nächsten Moment. Der Vampir war zum Glück im Blutrausch und nahm nichts mehr um sich wahr. Dem wollte ich sicher nicht in die Fänge geraten. Da war Jack mit dem Mann damals in London ja noch harmlos umgesprungen.

 

Ich kehrte nicht mehr zum Haus zurück, sondern schlich mich durch einen Nebeneingang hinaus. Die Panik saß mir im Nacken, aufgrund dieser Szene und ich musste mich beherrschen, nicht einfach loszurennen.

 Erst im Wagen beruhigte ich mich einigermaßen. Mir war schleierhaft, wie einer von uns, dabei noch filmen konnte. Na ja, sie waren auch weiter weg gewesen, während ich nur einige Meter entfernt gewesen war.

Hatte es an seiner Unbeherrschtheit gelegen? Junge Vampire hatten ihren Körper nicht so gut unter Kontrolle. Vor allem nicht, wenn sie hungrig waren. Aber ich glaube, er wusste, was er tat. Sonst hätte er ihr nicht schon davor den Mund zugehalten. Tja, es gab auch unter ihnen genug, die ihre Opfer gerne quälten.

 Immer mehr setzte ich mich mit der Frage auseinander, ob ich auch unsterblich werden wollte. Einige Jahre meines Lebens hatte ich den Vampiren gewidmet und nun war ich ihnen so nahe, wie ein Mensch es je sein konnte. Schließlich hatte ich inzwischen das beste Alter bald hinter mir. Achtundzwanzig! Cornelius wünschte es sich vermutlich insgeheim, aber traute sich nicht, zu fragen. Ohne meine Erlaubnis würde er es nie tun. Dann wäre alles verdorben.

 

 

An unserem ersten Jahrestag lud mich Cornelius in sein Haus ein. Unmengen brennende Kerzen im Esszimmer und verstreute Rosen auf dem Boden, erwarteten mich. Auch ein Menü hatte er für mich kochen lassen. Ich setzte mich, nachdem ich ihn innig begrüßt hatte, an den Tisch. Er war eben ein Romantiker! Cornelius nahm am anderen Ende des Tisches Platz.

Während des Essens plauderten wir von unseren gemeinsamen Erlebnissen und mich störte auch nicht mehr, dass er mir bei meiner Mahlzeit zusah. Manchmal hatte ich ihn schon gefragt, ob er neugierig darauf wäre.

„Eigentlich nicht. Der Geruch lässt mich kalt. Es sind einfach Gerüche. Aber ich empfinde auch keinen Ekel davor." Da drängte sich mir eine weitere Frage auf: „Was würde passieren, wenn du kostest?" Cornelius antwortete sogleich. „Bauchkrämpfe und ich würde alles ausspeien. Ich weiß es von jemandem, der das versucht hat. Es sind die einzigen Schmerzen, außer der Sonne, die wir spüren. Es müssen schreckliche Krämpfe sein und nur Blut lindert sie."

„Und Flüssigkeiten?"

„Da geschieht dasselbe. Nichts außer Blut!"

 

Nach dem Essen verzogen wir uns ins Schlafzimmer. Dort brannten ebenfalls Kerzen und Rosenblätter lagen auf dem Bett. Er war heute ein wenig anders, als sonst, aber meine Begierde verdrängte das. Ach, es war wie immer wunderschön und als wir nur noch beieinanderlagen, fragte er: „Jessica, möchtest du vollständig zu mir gehören?" Ich richtete mich verdutzt auf. Er hatte mich tatsächlich gefragt. "Ist das dein Ernst?" Er strich über meine Hüfte und erwiderte: „Willst du das Blut?"

„Ich glaube schon." Seine Augen blickten mich fest an: „Du musst dir sicher sein. Es gibt kein Zurück, wie du weißt. Überlege es dir gut!"

„Wie viel Bedenkzeit habe ich denn?" Er lächelte: „Solange du willst. Danach wirst du bei mir wohnen und ich zeige dir alles, was du wissen musst."

 

Nach dieser Nacht war ich total aufgeregt. Ich könnte unsterblich werden und als Zugabe bekam ich meinen Liebsten noch dazu. Was konnte sich eine Sterbliche mehr wünschen?

Cornelius war wieder einmal für einige Nächte verschwunden. In dieser Zeit wägte ich alle möglichen Gründe für und wider ab. Ich hatte keine Freunde, aufgrund des Lebens für die Organisation und auch keine Familie mehr. Es gab also wenig, was mich am Menschsein hielt.

 

Als ich Cornelius das nächste Mal wiedersah, teilte ich ihm meine Entscheidung mit.

„Ich habe einen Entschluss gefasst", begann ich. Er sah mich erwartungsvoll und unsicher an. „Ja, ich möchte zu dir gehören. Ich will unsterblich werden." Daraufhin lächelte er glücklich und erleichtert: „Du wirst es nicht bereuen. Ich bin so froh, dass du dich für mich entschieden hast. Verabschiede dich in den nächsten Tagen von deinem alten Leben." Er hatte wohl heute frisch getrunken. Dann dauerte es noch vier Nächte, bis zu meiner Umwandlung. Ich glaube, für Cornelius waren diese Nächte des Wartens, länger als für mich. Ich erledigte ganz profane Dinge, wie Kündigungen für die Wohnung, Versicherungen, Konten. Nur die Organisation konnte ich nicht verlassen. Sie würden es sowieso bald erfahren, wenn es geschehen war. Vielleicht hatte ich Angst, sie könnten mich daran hindern.

 

 

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