3. Dezember

Zumindest für eine Sache war es gut, dass Snape sich verpflichtet hatte, ihm zu helfen: Er konnte jederzeit eine Erlaubnis zur Benutzung der Verbotenen Abteilung der Bibliothek bekommen. Nachdem er die letzten Wochen intensiv den allgemein zugänglichen Teil durchsucht hatte, hatte er einsehen müssen, dass Details zu einem so seltenen Gegenstand wie dem Verschwindekabinett tatsächlich nur in der Verbotenen Abteilung zu finden sein würden. Und obwohl Snape nicht wusste, warum er die Erlaubnis brauchte, hatte er sie ihm ohne zu zögern ausgestellt.

Es war bereits spät an diesem Mittwochabend, nach dem Abendessen waren nur noch wenige Schüler in der Bibliothek anzutreffen und so hatte Draco sich mit einem Stapel Bücher in eine der vielen Leseecken im öffentlichen Bereich zurückgezogen. Zu dieser Uhrzeit konnte er ungestört arbeiten. Oder zumindest hatte er das gedacht.

"Ich hätte nicht gedacht, dass man dich mal in der Bibliothek sieht!"

Erschrocken blickte Draco hoch. Vor ihm stand niemand Geringeres als Hermine Granger, die vermutlich letzte Person, die ihn bei seinen Nachforschungen erwischen sollte. Hastig klappte er das aktuelle Buch zu, legte es auf den Stapel der anderen Bücher und legte ein Stück Pergament über den Buchtitel.

"Granger", knurrte er verärgert: "Ist dir je in den Sinn gekommen, dass Leute, die in der Bibliothek sind, ungestört arbeiten wollen?"

"Was bist du denn so empfindlich?", gab sie zurück und statt seinen Hinweis zu verstehen, setzte sie sich ihm gegenüber, stellte ihre eigene Tasche ab und blickte ihn erwartungsvoll an. Genervt griff Draco nach seinen Büchern und stand auf: "Du störst. Wenn du unbedingt hier sitzen willst, dann bitte, aber ich habe kein Interesse an deiner Gesellschaft."

"Wow", kam es von ihr: "Sorry, dass meine Anwesenheit dich so sehr belästigt. Ich dachte, das hätten wir hinter uns."

Innerlich seufzte Draco. Natürlich hatten sie das hinter sich, aber in diesem speziellen Fall war sie gerade die letzte Person, die er sehen wollte. Er hatte kein Interesse, ihren zerbrechlichen Waffenstillstand zu gefährden, aber die Geheimhaltung seiner Pläne war einfach wichtiger.

"Nimm's bitte nicht persönlich", sagte er kalt, während er seine Bücher im Arm umlagerte: "Aber ich habe wirklich gerade andere Sorgen und will in Ruhe gelassen werden."

"Schön", zischte Hermine wütend, während sie ebenfalls wieder aufstand: "Dann sei halt ein Idiot. Ich hatte mich eigentlich nur bedanken wollen, aber bitte, wenn du nicht willst... ist offensichtlich eh vergebene Liebesmüh bei dir!"

"Du musst nicht gleich zickig werden!", fauchte er. Warum musste sie immer alles direkt persönlich nehmen? War sie nicht sonst so intelligent? Resigniert stellte er seine Bücher wieder ab und wandte sich ihr zu: "Es ist wirklich nichts gegen dich. Ich will nur einfach in Ruhe arbeiten."

"Aha", gab sie mit verschränkten Armen zurück: "Und warum sagst du das nicht einfach in einem normalen Tonfall? Warum musst du erstmal beleidigend werden?"

Draco spürte, wie sein Geduldsfaden sich spannte. Wenn er das Verschwindekabinett nicht reparieren konnte, waren seine Tage gezählt, und jetzt sollte er sich für so eine Belanglosigkeit Granger gegenüber rechtfertigen? Als ob er keine anderen Sorgen hätte. In ihrer heilen Welt gab es natürlich keine anderen Probleme als Schule, gute Noten und freundliche Unterhaltungen mit freundlichen Menschen. Sie lebte gedankenlos in den Tag hinein, während sein erster Gedanke an jedem Morgen immer war, ob er den nächsten Tag noch erleben würde. Sie hatte kein Recht, ihm gegenüber den Moralapostel zu spielen.

"Du hast keine Ahnung, Granger!", fuhr er sie an und als wäre ein Damm gebrochen, sprudelte seine ganze Wut aus ihm heraus: "Komm mir nicht mit höflichem Gehabe und dummen Floskeln! Die Welt da draußen gibt einen Scheiß drauf, ob ich dich beleidige oder nicht. Hast du keine anderen Probleme? Ich jedenfalls sehe, was um mich herum passiert! Und außerhalb von Hogwarts! Ich weiß, dass das Leben aus mehr besteht als nur Schule und Lernen. Draußen sterben Menschen, weißt du das eigentlich?"

Zu seiner Überraschung verfinsterte sich ihre Miene schlagartig und mit mindestens ebenso großer Wut entgegnete sie: "Sonst geht es dir gut, ja? Wer ist es denn, der für die Morde verantwortlich ist, mh? Dumbledore oder Voldemort? Und wem gehört deine Gefolgschaft? Weißt du eigentlich, was ich letzten Sommer durchgemacht habe? Ich war da draußen, Draco Malfoy! Ich wäre beinahe gestorben! Durch die Hand deines Vaters! Also erzähl mir nichts davon, ich wüsste nicht, was außerhalb von Hogwarts passiert!"

"Du... was?"

Überrumpelt ließ Draco die Arme sinken. Sein Vater saß im Gefängnis, weil er in die Mysteriumsabteilung des Ministeriums eingebrochen war und dort mit anderen Todessern versucht hatte, Harry Potter zu töten. Niemand hatte ihm erzählt, worum es dabei gegangen war, seine eigene Mutter hatte es für besser gehalten, ihn im Dunkeln zu lassen. War Granger darin verwickelt?

"Du bist derjenige, der nichts weiß, Malfoy", fuhr sie immer noch wütend fort: "Dein Vater sitzt im Gefängnis und das zurecht. Weißt du wie es sich anfühlt, gegen Todesser zu kämpfen? Weißt du, wie es sich anfühlt, den Tod eines geliebten Menschen mit ansehen zu müssen? Deine Tante hat einen Menschen ermordet, dem ich nahe stand. Dein Vater hätte nicht davor zurückgeschreckt, mich zu töten, wenn er sein Ziel dadurch hätte erreichen können!"

Draco spürte eine unerklärliche Wut in sich aufsteigen, Wut, die sich ganz eindeutig gegen Hermine Granger richtete. Mit wenigen Schritten hatte er den Tisch umrundet und sie gepackt: "Wenn du das alles so genau weißt, Fräulein Superheldin, warum stolzierst du dann hier herum, als könnte dich kein Wässerlein trüben? Schwingst Reden über anständiges Benehmen, vergießt Krokodilstränen aus Liebeskummer, lernst weiter für die Schule, als wäre nichts geschehen?"

Ein gefährliches Flackern trat in Hermines Augen, während sie entschlossen seine Hände beiseite schlug und ihm entgegnete: "Ich versuche, das letzte bisschen Normalität zu bewahren, das noch geblieben ist. Die Welt versinkt im Chaos und alles, was ich tun kann, damit meine besten Freunde und ich nicht in diesem Wahnsinn versinken, ist, genauso weiterzumachen wie bisher. Alltag, Struktur, Rituale... alles, was Halt gibt. Das Chaos wird schon früh genug zu uns kommen, wir müssen es nicht selbst heraufbeschwören."

Ehe Draco darauf etwas erwidern konnte, hatte Hermine sich ihre Tasche geschnappt und war aus der Bibliothek verschwunden. Erschlagen ließ er sich auf den nächst besten Stuhl sinken. Sie machte ihn so wütend. Ihre besserwisserische Art, ihr überhebliches Getue. Wie konnte sie nur so normal weiter machen, wenn es stimmte, dass sie gegen seinen Vater, gegen Tante Bellatrix und andere Todesser gekämpft hatte? Wie schaffte sie es, dass die Angst sie nicht auffraß?

Mehr als jemals zuvor hasste er in diesem Moment Hermine Granger. Er würde alles darum geben, genau wie sie einfach mit dem Schulalltag weiter machen zu können, doch er konnte nicht. Und dafür hasste er sie.

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