31. Strafe muss sein

Die beiden hätten sich ähnlicher nicht sein können. Sam stand dort mit seinem eiskalten Blick und den Händen in der Hosentasche. Mein Vater hatte die Arme vor der Brust verschränkt, ebenfalls einen eiskalten Blick, mit dem er mich ins Visier nahm.
Ich schluckte schwer. Ich spürte Samuels Wut deutlich, als würde sie mir die Haut verbrennen. Mir stieg das Blut zu Kopf. Endlich hatte er mein unerlaubtes Entfernen bemerkt.
Ich hielt ihren Blicken stand, ohne mich unterkriegen zu lassen. So hatte ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt.
„Es ist gefährlich, alleine. Jetzt mehr als zuvor“, rügte mich mein Vater. Ich schnaubte höhnisch.
Was glaubte er, hatte ich in den vergangenen Stunden erlebt? Wieso nahm er sich nun raus, sich um mich zu sorgen? Wenn er so viel hätte tun können, um es zu verhindern!
Die Wut schnürte mir die Kehle zu.
„Wir müssen reden.“ Jetzt wollte Sam also reden!
„Leckt mich.“ Ich war außer mir.
„Du hast etwas Verbotenes getan“, setzte mein Vater an.
„Was du nicht sagst! Wer hat mich denn dazu gedrängt!“
„Du hast die Grenze zum Nachtlicht durchtrennt. Die Naturgesetze umgangen“, setzte er an, wo er aufgehört hatte.
Ich lachte auf. Ein beleidigendes erniedrigendes Lachen. Wie sollte ich sonst reagieren? Er hatte es mir erlaubt und nun sollte ich eine Strafe erhalten?
„Und?“ Ich erkannte Sam nicht wieder. Seine Mine war wie die von William, berechnend und kalt. Was hatte er ihm angetan? Was hatte ich ihm angetan! „Leg schon los! Zerrst du mich in dein Himmelreich, wo du mich ankettetest wie eine Töle? So wie du es schon die ganze Zeit vorhattest?“, zischte ich und erhob mich. Ich würde ihn angreifen, sogar töten wenn, ich konnte. So wütend war ich.
Das Knistern in der Wohnung war bedrohlich stark. Wenn er mich zwingen würde, würde ich alles tun.
„Du hättst warten sollen, Needy.“
„Fahr zur Hölle Sam!“, schrie ich meinen Mann an. Wo kam diese glühende Wut her? Seine Augenbraun fuhren leicht hoch, als fragte er sich, wieso ich ihn zu anfuhr.
„Dein Vater -“
„Nenn ihn nicht so!“ Ich hob warnend den Finger.
„Wir wissen, was mit uns passiert.“ Er stand auf seiner Seite. Es wurde mir mit einem Mal glasklar. William hatte mich nicht auf seine Seite bekommen, dafür nun Sam. Was mir keine Wahl ließ. Er hatte mich in der Hand. Ich verlor mit einem Mal die Farbe.
Sam stand da. Groß wie eh und je, doch das Leuchten in seinen Augen, zeigte mir deutlich, dass er nicht mehr der war, den ich zurückholen wollte. Er war Williams kleiner Soldat.
Von nun an und für immer.

Ich sah hinüber zu meiner Mutter. Sie war leise wie ein Mäuschen und sah nur ihre Tasse an. Sie hätte mir unglaublich Leid getan, wäre ich nicht voll von Zorn, Wut und auch ein wenig Angst.
„Wir gehen. Das geht sie nichts an.“ Ich konnte nicht ertragen wie sie dasaß. Es entflammte meine Wut nur noch mehr. Damit begab ich mich zur Tür. Niemand folgte mir.
„Nein.“ Williams kalte Stimme gefror mir die Venen, oder war es meine Wut, die eisig zu werden schien?
„Nein?“, fragte ich leise und bedrohlich wie eine Wildkatze, die gleich zum Sprung ansetzte.
„Wir werden jetzt -“
„Warum verreckst du nicht einfach! Willst du es ihr noch schwerer machen!? Du hast sie ja nicht einmal angesehen!“, fuhr ich William an.
Meine Haare standen zu Berge. Mein Blut prickelte, als würden sich Eiskristalle in dessen Bahnen bilden.
„Wir reden seit einer Weile“, entgegnete er. Ich kam nicht mit. Wollte er sagen? Plötzlich stumm, blickte ich zu meiner Mutter. Sie wendete den Blick nicht von der Tasse ab. Rieb sich dabei immer wieder die Hände. Sie war ganz in sich gekehrt. Natürlich ... weil sie mit ihm sprach.
„Wir haben eine Verbindung zueinander“, gestand sie schließlich. Wie oft hatte sie dann mit ihm kommuniziert? Hatte sie je den Kontakt wirklich verloren? War es eine Verbindung wie die von Sam und mir?
Plötzlich war ich wie aus Eis. Erfroren durch den Hinterhalt der Person, der ich glaubte, immer vertrauen zu können. Es war bereits die zweite Lüge. Wie viele würden noch kommen?
„Was bist du?“, hauchte ich. Tränen schossen hervor. Sie hatte es immer gewusst, sie hatte alles gewusst und nie ein Wort gesagt. „Was bist du!?“, wiederholte ich weit hysterischer.
Mein Herz blutete. Was hatte sie mir noch alles verschwiegen, nur wegen ihm! Diesem grausamen Mann. Meine Welt zerbrach in tausende Scherben. Sie hatte mich belogen, schon immer ...
„Sie ist kein Wolf, wenn du das denkst.“
„Klär mich auf.“ Meine Stimme war nie so emotionslos gewesen. Gefasst, als würde mir nichts dieser Worte etwas anhaben, in Wirklichkeit zerstörten sie mich, mich und meine Seele.
All die Jahre dachte ich, mein Leben sei Normal. Heute war es eine Ansammlung von verschiedenfarbigen zersplitternden Scherben.
„Sie hieß einst Natura.“ Nun regte sich etwas in Sam. Er blickte zu William, dann wieder zu meiner Mutter. Als hätte man ihm gerade ein Geheimnis offenbart.
„Und?“
„Sie ist der Grund für eure Existenz.“ Ich fuhr mir mit den Händen durch das Haar.
„Was hat sie mit unserer Existenz zu tun?“
„Für sie erschuf ich seinesgleichen.“
„Herzzerreißend. Aber was ist sie.“ Es musst Jahrhunderte her sein!
„Unsterblich“, flüsterte sie kaum hörbar, doch ich verstand sie genau.
„Natürlich, bist du das“, scherzte ich. Ich konnte es spüren, wie mein Tier sich im Kreis bewegte. Ein klares Zeichen, dass ich gleich durchdrehen würde.
Es war wohl selbstverständlich mich zu belügen und betrügen. Mit mir konnte man das ja machen!
„Nida Bitte. Ich wollte es dir sagen.“
„Klar.“
„Schatz, es gab so viel, dass mich hinderte ...“
Sie stand auf, wollte meine Nähe suchen, doch ich hielt die Hand warnend hoch. Mein Wolf war aggressiv und wütend, er hätte sie attackiert, es als angriff gesehen, denn genau das war es.
„Beruhige dich“, befahl William.
„Sag mir nicht, was ich zutun habe Arschloch!“ Er schluckte schwer. Er war wohl nicht gewohnt, dass man so mit ihm redete.
Ich sah wieder zu meiner Mutter der ich nur noch eisige Gefühle entgegen bringen konnte. All die Jahre spielten sich vor meinem inneren Auge ab. All die Jahre voller lügen. Die Fragen über meinen Vater, über ihre Familie, die all sammt unter der Erde lagen. Kaum Freundinnen, wohl weil sie sie immer wieder austauschen musste oder noch schlimmer. Einen neuen Namen annehmen, eine neue Stadt. Dabei sah sie aus wie eine Mutter in den Fünfzigern. War dies auch eine Lüge?
Ihr Blick war voller leid. Was hatte er aus uns gemacht ... Er hatte alles zerstört.
„Du bist das Letzte.“ Sie riss ihre Augen auf. Tränen quollen hervor. „Ihr seid das letzte, ihr beide. Ich dachte, wir währen immer ehrlich gewesen Mutter. Doch das warst du nicht. Nie.“
„Es war zu deinem Schutz.“
„Red dir das ruhig ein. Für immer, wie es scheint.“ Mein giftiger Blick hatte sie fest fixiert. Ich zweifelte nicht mal daran, würde ich meinen Wolf hinauslassen, würde er sie angreifen.
Wem sollte ich noch vertrauen? Ich konnte es nicht. Niemand hatte mir je die Wahrheit gesagt. Man hatte mich betrogen und belogen, solange ich denken konnte. Und nun. Nun saß ich in der Falle. Mit ihnen auf der einen Seite und mir alleine auf der anderen.
Mein Wolf heulte auf. Er wollte gehen, für immer. Sie zurücklassen, selbst Sam, der mir im Inneren nichts gab als Stille. Kein Wort, kein Gefühl, nur stille.
„Nida -“
„Erspar mir deine miserablen Erklärungen“, knurrte ich ich sie an. Etwas was ich nie getan hatte, bis heute.
Sie trat zurück. Viel zurück auf die Couch. Ihre Mine voller Trauer und Angst. Angst sie könnte mich verlieren. Doch das hatte sie schon.
Es gab meinem Wolf eine unerwartete Genugtuung. Sie sollte den Schmerz spüren, der mich befiel.
„Ihr seid verachtungswürdig.“ Endlich zeigte William eine Reaktion. Er wurde bleich. Hatte er bemerkt, dass er zu weit gegangen war? „Leb wohl.“ Damit wendete ich mich ab.
„Nida!“, schrie meine Mutter verzweifelt doch es war mir egal. Die Wunde war zu tief, der Schmerz zu groß. Im Flur angekommen packte Sam meinen Arm um mich aufzuhalten.
„Needy.“
„Lass mich los.“ Sein Ausdruck wurde weicher.
„Nida“, versuchte er erneut. Ich riss mich los und verschloss mich vollkommen vor ihm.
„Verschon mich damit. Geh mit ihm. Sei sein Hündchen. Doch ohne mich. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht habe ich gezweifelt. Das tue ich jetzt.“ Er verneinte lautlos, wollte die nächsten Worte nicht hören. „Ich bereue, dich je getroffen zu haben.“ Damit löste ich mich. Ließ meinen erstarrten Mann zurück, dem ich sichtlich einen Stich versetzt hatte. Sie spürten meinen Schmerz, jenen, der meine Seele gefror.

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