4. Sturz der Gefühle


Ich saß im Bett, als der Wecker klingelt. Erst vor vier Stunden war ich zuhause angekommen. Dass ich kein Taxi gerufen hatte, musste wohl mit Selbstbestrafung zu tun haben.
Gerade eben hatte ich eine lange Dusche genommen und mich anschließend auf Bett gesetzt. An schlaf war nicht zu denken. Ich spürte ihn immer noch überall an mir. Seine Hand, seinen Atem, selbst seinen ...
Ich wollte nicht dran denken.
Meine Schenkel waren wund, ganz zu schweigen von meiner erogenen Zone.
„Ramponiert“, hörte ich mich sagen. Es brannte fürchterlich. Zu sitzen war nicht die beste Option, an Liegen war nur nicht zu denken! Ich schaltete den dröhnenden Lärm ab, normalerweise stieg ich um sechs aus dem Bett wie ein Zombie und ging um acht wie ein lebendiger Mensch aus dem Haus. Heute war dem nicht so. Ich knirschte mit den Zähnen, als ich an das Meeting dachte. Ich würde um neun in der Stadt sein müssen. Mein Kollege verließ sich auf mich. Es wäre der Abschluss des Jahres für unser kleines Unternehmen. In der Marketingbranche konnte ein solcher Konzern das Sprungbrett schlechthin sein, worauf wie schon lange warteten! Eine Firma einer gigantischen Größenordnung hatte Interesse, mit uns zusammenzuarbeiten. Gerade heute war es mir egal. Ich stand auf und ging ins Bad.
Ich sah aus wie eine Katastrophe.
Am liebsten hätte ich es abgesagt, doch mein Kollege und langjähriger Freund Mark, wäre aufgeschmissen. Er konnte bei weitem nicht zu gut verhandeln wie ich.
Ich stutzte. Wo war genau dieses Selbstvertrauen gestern geblieben? Ein Knurren kämpfte sich meine Kehle hoch. Wollte ich wirklich so in Selbstmildeid und Hilflosigkeit versinken? Es war eine Nacht mit einem Arschloch gewesen.
Nur eine!
Die man nie wieder wiederholen musste. Gut er hatte mich benutzt, doch das passierte jedem Mal. Auf die eine oder andere Weise. Mein Versuch mich aufzumuntern schien zu helfen. Ich fühlte mich nicht mehr so hilflos und verletz, wie die letzten Stunden. Nach einer weiteren heißen Dusche fing ich an, mich fertigzumachen. Ein nettes schwarzes Businesskleid, die Haare hochgesteckt, dezente schminke. So schlimm sah ich nach meiner spezial Behandlung nicht mehr aus. Auch wenn ich mich innerlich noch zerzaust, benutzt und durcheinander fühlte. Das konnte auch an der ständigen Erinnerung liegen, die aufkeimte, wenn ich mich bewegte, setzte oder sogar atmete.
In der unteren Etage ging ich direkt zu meinem Laptop. Ich druckte ein paar Dokumente aus und checkte noch schnell meine Mails. Abby hatte geschrieben.
»Ruf mich bitte an.« Kein Smiley und nichts Weiteres. Das war nicht gut. Ich ging hinüber zur Tasche. Sie hatte gestern einiges einstecken müssen. Den weiten Weg entlang hatte ich sie für meinen Fehler bestraft. Würde ich mich trauen nachzuschauen, ob mein Handy noch lebt? Ich stupste sie an, nichts zu hören. Langsam öffnete ich sie, ich hielt gespannt den Atem an und ... Verdammt! Kein Wunder. Der Display war überall, nur nicht da, wo es sein sollte.
„Super.“ Ich nahm es raus, öffnete es und nahm mir die Karte. Der Rest landete im Müll. Jetzt wurde mein Fehler auch noch teuer ... Ich beschloss früher loszufahren, um noch an einem Fachgeschäft zu halten.
Ohne Handy war ich aufgeschmissen. Also packte ich mir mein Zeug und machte mich auf. Einen teuren Einkauf später saß ich vor dem Café in meinem Auto. Es war noch niemand da. Kein Wunder, es war erst halb.
Ich installierte alle Apps, die man heutzutage brauchte, und speicherte alle Nummern neu. Ein hoch auf mein Gedächtnis, Nummern schienen sich in mein Hirn zu brennen wie nichts anderes.
Ich wählte Abbys Nummer und wartete. Es klingelte mehrmals, niemand nahm ab. Das Gleiche machte ich mit Kathy und Donna. Niemand nahm ab!
Klar sollten sie sich schämen, doch dran gehen konnten sie trotzdem. Außer ... sie waren noch dort. Mir ließ ein Schauer über den Rücken. Kathy Auto war fort gewesen, es konnte also nicht sein. Nie wieder würde ich nur in die Nähe dieser Fabrik gehen.
Ein schlanker Mann blieb neben meinem Auto stehen und musterte es. Es war immerhin ein schönes Auto, ich wäre auch stehen geblieben. Zuerst störte es mich nicht weiter, doch dann kam er näher und beugte sich vor mein Fenster. Ich ließ es runter.
undefined„Ist was?“ Irgendwoher kannte ich dieses Gesicht.
undefined„Sie stehen im Park verbot.“ Meine Brauen schnellten hoch.
undefined„Ich halte du Klugscheißer und jetzt verschwinde!“ Rechtlich gesehen lag ich falsch. Immerhin war der Motor aus und ich stand schon mehr als fünf Minuten dort.
„Schlimmer als die Bullen“, fügte ich an. Es war mir egal, was der Spinner wollte. Mit einem bösen Blick verschwand er. Ich wurde das Gefühl nicht los ihn zu kennen.
Ich widmete mich wieder meinem Handy zu. Eine kurze Nachricht an meine Mutter ließ sie wissen, dass es mir gut ging und ich sie anrufen würde. Die Frau machte sich immer unnötig Sorgen. Das kompensierte sie, in dem sie mir neue Sachen kaufte, mich einlud und mir dreimal die Woche essen brachte. Was das brachte, wusste ich nicht genau. Vielleicht war sie auch einfach Konsum geil. Die Frau war einfach nicht in der Lage zu sparen.
Aus Langeweile und auch Angst vor dem abschleppen, parkte ich den Wagen um und ging in das Café. Die Plätze waren reserviert, also setzte ich mich und packte die Papiere aus. Wir hatten einen schönen Tisch an einem sonnigen Plätzchen auf der Terrasse draußen. Hier würde es ein schönes Meeting geben. Da war ich mir sicher! Der Tag musste Weltklasse werden. Es könnte sich nur um Minuten halten. Es konnte einfach nicht sein, das nach dem Regen die Traufe kam. Mark kam hinein gehüpft, der Bursche faszinierte mich immer wieder. Abgesehen davon, dass dieser kleine schlaksige Kerl die heißesten Frauen abschleppte, war er ein Reines durcheinander. Vergaß nach jedem Satz, was der vorige war. Zumindest im Privaten, denn im Job war er ein Vollprofi. Niemand machte ihm so leicht was vor und der sonst so unscheinbare Kerl mutierte zum selbstbewussten Mann.
„Hey hey, wie war es?“
Wenn man eins über ihn sagen konnte, dann das er wohl der beste Freund war, den es überhaupt gab. Dieser Mann wusste alles über mich. Ich hatte ihn im Studium kennen gelernt. Vom ersten Augenblick an hatten wir uns verstanden, schon kurze Zeit später hatten wir uns zusammengeschlossen. In dieser Zeit waren wir unschlagbar gewesen, die besten Studenten eben. Es war klar gewesen, dass wir auch danach weiter machen würden. Also hatten wir eine kleine Firma aufgemacht, nach vier Jahren hatten wir es endlich geschafft und das in unserem Alter. Er war gerade mal dreißig und ich siebenundzwanzig. Heute war unser Tag!
„Frag nicht.“
undefined„Oh je so schlimm?“ Ich rollte mit den Augen. Das verriet ihm schon alles. Drumherum würde ich nicht kommen, es ihm zu erzählen. Auch wenn er ein Mann war, peinlich war es uns nie gewesen, private Dinge auszuplaudern. Auch wenn er definitiv mehr davon hatte. Mark sah etwas von einer ganz anderen Seite, so wie es die Mädels einfach nicht konnten.
„Alles klar.“ Er grinste. Machte er sich über mich lustig? Ich kniff ihn. Wer wenn nicht er, würde mich ärgern dürfte.
Wir redeten noch etwas über das Meeting, um halb zehn trafen unsere Kunden endlich ein. Wir begrüßten uns und legten los. Es gab keine Zeit zu verlieren. Es ging um das online Marketing dieser Firma, die sich etwas neues frisches wünschte. Wenn es gut laufen würde, hatten sie angedeutet uns mehrere Bereiche fest zu übertragen, da die vorige Firma offensichtlich folgenschwere scheiße gebaut hatte. Wir stellten ihnen alles vor. Höchstleistung war zu sehen, die Kunden schienen begeistert, bis ... mir ein Mann ins Auge viel.
Ich blickte auf. An der Theke des Cafés stand ein Mann gelehnt. Zu uns Gewand, lässig wie ein Mann nur sein konnte. Das Gesicht verfolgte mich! Meine Kinnlade viel langsam hinab. Was wollte er hier? Er fixierte mich, auf seinen Lippen ein leichtes Lächeln. Kein Wort kam aus meiner Kehle. Wieso war ich wie erstarrt? Er blickte mich genau an, sein Blick sprach Bände.
Er jagte.
Jetzt war es der schlechteste Augenblick aller Zeiten! Sollte ich zu ihm gehen? Was wollte er? Vielleicht besorgte er sich nur einen Kaffee. Sein Grinsen wurde größer, er stieß sich ab und hing hinaus. Mehr brauchte es nicht.
„Nida?“ Ich wurde aus den Gedanken gerissen und blickte zu Mark. Seine Augen waren groß, nicht so groß wie meine. Was war passiert? Ich blickte die Kunden an. Sie mussten denken ich war verrückt. Ich fand den Faden nicht wieder, stotterte wie ein Kind. Schließlich fragte der Kunde verärgert, „Mrs. Well fühlen sie sich unpässlich?“ Ich atmete tief ein, das war das Todesurteil. Er hatte alles versaut.

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