4. Türchen

„Guten Morgen, Schlafmütze!"

Ein extrem wacher Harry Potter wuselte durch Hermines Wohnung, gerade frisch geduscht und nur mit einem Handtuch um die Hüfte bekleidet. Sie selbst stand zwar bereits in der Küche und kochte Kaffee, aber von wach war sie weit entfernt. Es war nicht so, dass sie mit dem frühen Aufstehen ein Problem hatte. Aber vor ihrer ersten Tasse Kaffee am Morgen war sie doch eine eher gefährliche Frau. Ohne Harry eines Blickes zu würdigen, schob sie zwei Scheiben in den Toaster und ging dann wieder dazu über, ungeduldig den langsam tröpfelnden Kaffee anzustarren.

„Wie war es gestern bei Malfoy?", erkundigte sich Harry, der offenbar nicht bemerkte, wie schwierig die Laune seiner besten Freundin gerade war. Völlig unbeeindruckt stellte er sich mit tropfendem Haar und immer noch mehr nackt als bekleidet neben sie in die Küche, ganz lässig an die Arbeitsplatte gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt.

Aus den Augenwinkeln nahm Hermine ihn wahr – und war schlagartig hellwach. Verdammt, wieso musste Harry so früh am Morgen seine durchtrainierte Brust zur Schau stellen und dabei auch noch so selbstbewusst wirken? Es war offensichtlich, dass er in seiner Freizeit immer noch Quidditch spielen ging. Sie schluckte, hielt ihren Blick starr auf den Kaffee gerichtet und kommentierte trocken: „Exakt so, wie ich es erwartet hatte. Er war mehr als unfreundlich. Als ich aber das Ministerium erwähnt habe, ist er ziemlich schnell eingeknickt und hat mir das ganze Haus gezeigt."

„Und? Hast du die Vase gefunden?", hakte er nach.

Noch immer konnte Hermine nicht zu ihm sehen: „Nein. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht alles gesehen habe. Erinnerst du dich an das Kellergewölbe, in dem wir gefangen gehalten wurden? Da waren wir nicht, aber ich habe auch nirgends einen Zugang dazu gesehen. Wir sind durch jede Tür gegangen, die ich gesehen habe. Irgendetwas versteckt Malfoy also."

In einer Geste, die vermutlich aufmunternd und freundschaftlich gemeint war, in Hermine aber deutlich andere Gefühle auslöste, zog Harry sie an seine Brust und streichelte ihr über den Kopf: „Das wird schon. Du bist nicht umsonst die klügste Hexe des Jahrhunderts. Irgendeinen Weg wirst du schon finden, in die finsteren Tiefen der Malfoys vorzustoßen."

Inzwischen hochrot im Gesicht starrte Hermine mit offenem Mund zu ihrem besten Freund auf. Sie hatte Harry seit Hogwarts so selten gesehen, dass ihr nie aufgefallen war, wie erwachsen er geworden war. Wie männlich. Schwer schluckte sie: „Du solltest dir etwas anziehen."

Für einen Moment blickte Harry sie nur fragend an, doch dann, für den Bruchteil einer Sekunde, fiel sein Blick auf ihre Lippen und plötzlich lief er ebenso rot an wie sie. Hastig ließ er sie los und trat von ihr weg: „Ja ... sorry. Bin gleich wieder da."

Mit rasendem Herz blieb Hermine alleine in der Kochnische zurück. Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut. Wenn sie alleine so reagiert hätte, wäre das alles ja irgendwie noch in Ordnung gewesen. Die Nähe eines halbnackten Mannes, der nicht schlecht aussah und Humor besaß, das konnte eine Frau schon mal aus dem Gleichgewicht bringen. Eine völlig normale Reaktion. Dass nun aber Harry ganz offensichtlich auch zumindest für einen kurzen Moment alles andere als keusche Gedanken gezeigt hatte, öffnete dem Desaster Tür und Tor.

Ein lautes Klacken ließ Hermine zusammenzucken – der Toast war fertig. Fluchend über ihre eigene Schreckhaftigkeit, über ihre unangebrachten Gefühle und überhaupt über die ganze Situation, angelte Hermine die beiden Scheiben raus, legte sie in den Brotkorb und schob zwei neue ein.

Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, Harry bei sich Unterkunft zu gewähren. Vielleicht war die Tatsache, dass es mit Ron gerade nicht so gut lief, eine deutliche Warnung, dass sie keine anderen Männer in ihr Leben lassen sollte, ehe sie ihre Beziehung nicht wieder in geordnete Bahnen gelenkt hatte. Sie sollte unbedingt einmal wieder auf ein richtiges Date mit Ron gehen. Zeit mit ihm verbringen, nur mit ihm. Ihm zuhören, von sich erzählen, einfach mal wieder all das, was sie überhaupt erst zusammengeführt hatte, wieder aufflammen lassen.

oOoOoOo


Die Missbilligung im Gesicht seiner Mutter war nur zu deutlich zu sehen. Draco seufzte schwer. Er hatte schon damit gerechnet, dass sie es nicht gut heißen würde, was er getan hatte, doch er konnte einfach nicht aus seiner Haut. Hermine Granger war eben Hermine Granger.

„Was denkst du, was du da tust?", verlangte sie mit eisiger Stimme zu wissen: „Unsere Familie kann sich glücklich schätzen, dass wir überhaupt so etwas wie Gnade erhalten haben. Wir sind darauf angewiesen, das Ministerium nicht zu verärgern. Wir sind auf Bewährung nicht in Askaban, verstehst du das eigentlich? Der kleinste Verdacht, und sie haben alles Recht, uns ebenfalls einzusperren!"

Genervt fuhr er sich durch sein Haar: „Ich weiß doch, Mutter. Aber Granger ist einfach so ... ugh. Sie kam hier hereinspaziert, als gehöre ihr die Welt. Ich weiß, ich hätte höflich sein sollen. Ich weiß, ich hätte sie mit einem Lächeln empfangen sollen. Wenn es nicht Granger gewesen wäre ..."

Unbeeindruckt stellte Narzissa ihre Teetasse zurück auf den Frühstückstisch: „Hermine Granger war eine von jenen, die uns am deutlichsten verteidigt habe, Draco. Lass doch endlich deine lächerliche Feindschaft mit ihr hinter dir und sieh der Realität ins Auge."

Wütend schlug Draco mit der flachen Hand auf die Tischplatte: „Was glaubst du eigentlich, was ich getan habe? Ich habe mit ihr gesprochen, ich habe ihr das gesamte Haus gezeigt und ich habe sie nicht beleidigt! Was willst du denn noch?"

Es war offensichtlich, dass seine Mutter noch immer unzufrieden mit ihm war: „Betrachte die Situation aus ihren Augen: Erst weigerst du dich, sie zu empfangen – eine offizielle Ministeriumsangestellte. Dann, nachdem sie Druck ausgeübt hat, knickst du plötzlich ein und zeigst ihr freiwillig das ganze Haus. Denkst du nicht, dass sie das merkwürdig finden wird?"

„Ja und?", verlangte er zu wissen: „Sie hat alles gesehen und nichts zu meckern gehabt. Die Sache ist durch."

Ein mitleidiges Lächeln erschien auf ihren Lippen: „Nein. Nein, das ist sie ganz sicher nicht. Hermine Granger war nicht auf gut Glück hier, sie hat etwas gesucht. Und ich habe eine Vermutung, was sie gesucht hat. Du hast ihr nicht das ganze Haus gezeigt, nicht wahr? Du hast nicht den Zauber vom Treppenhaus genommen, der die Tür in unsere Kellergewölbe verbirgt, richtig?"

„Na und?"

Seine Mutter seufzte schwer und Draco bekam plötzlich das Gefühl, dass er nicht in alle Familiengeheimnisse eingeweiht worden war. Zornig ballte er die Fäuste: „Mutter?"

Ihr Blick war wieder eisig, als sie ihn direkt anschaute: „Wenn Miss Granger uns das nächste Mal beehrt, wirst du deine charmanteste Seite zeigen. Ich weiß, dass du gut mit Frauen umgehen kannst. Sei nett zu ihr. Lenk sie ab von dem, was sie eigentlich tun soll. Ich überlege, wie wir ... das spielt keine Rolle. Sorg einfach dafür, dass sie dir vertraut."

Draco war der Appetit vergangen. Was seine Mutter da verlangte, war unmöglich. Und er hatte wirklich gar keine Lust dazu.


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