8. Dezember

Aus müden Augen betrachtete Draco seine Hauskameraden. Geschichte war immer eine Stunde, in der jeder seinen eigenen Dingen nachging, denn Professor Binns kümmerte sich nicht darum, ob man ihm zuhörte oder nicht. Auf der anderen Seite des Ganges saßen die Gryffindors und machten einen mindestens ebenso interessierten Eindruck. Außer Granger, die irgendwoher die Konzentration nahm, auch dieser Stunde aufmerksam zu folgen.

Blaise und Theodore neben ihm waren in ein Gespräch vertieft, doch es war offensichtlich, dass sie nicht wollten, dass er ihnen zuhören konnte. Seit Beginn des Schuljahres waren die beiden immer mehr zusammengewachsen. Blaise, den er zuvor als seinen besten Freund bezeichnet hatte, war offensichtlich nicht länger interessiert an ihm. Er konnte es ihm nicht verübeln, immerhin saß sein Vater in Azkaban, der Dunkle Lord war unzufrieden mit der Familie Malfoy und die Familie Zabini hatte schon immer ihre Ambitionen über alle Loyalitäten gestellt. Draco hatte sich nur selbst belogen, als er all die Jahre zuvor gedacht hatte, dass Blaise mit ihm befreundet war, weil er wirklich Interesse an ihm hatte. Selbst seine Ankündigung im Hogwarts-Express, dass er dieses Jahr direkt für den Lord arbeiten würde, hatte den Schaden nicht mehr reparieren können.

Achtsam, dass keiner im Raum mitbekam, wohin er schaute, richtete sich sein Blick auf Hermine. Sie waren gleichzeitig am Klassenzimmer angekommen, doch statt des vorsichtigen Lächelns, das sie ihm sonst immer heimlich zuwarf, hatte sie ihn einfach ignoriert und sich an ihm vorbei in den Raum gedrängt. Anscheinend hatte sie über Nacht beschlossen, dass sie ihm doch nicht länger vertrauen würde. Das Dunkle Mal war wohl selbst für sie zu eindeutig, als dass sie es weg reden konnte.

Erleichtert registrierte er, dass die Stunde endlich vorbei war und er der unangenehmen Nichtachtung seiner einstigen Freunde entkommen konnte. Er eilte aus dem Klassenzimmer und wollte gerade in den Gang hinaus eilen, der ihn zu Myrtes Toilette führte, da wurde er von hinten angerempelt. Überrascht drehte er sich um.

„Malfoy“, flüsterte Hermine ihm zu: „Komm mal mit!“

Ehe er darauf reagieren konnte, lief sie in die entgegengesetzte Richtung davon. Nervös schaute Draco sich um, doch keiner der anderen Schüler schien sich um ihn oder Hermine zu kümmern. Blaise und Theo gingen an ihm vorbei, immer noch in einer Konversation vertieft, die sie offensichtlich vor allen anderen geheim halten wollten. Seufzend wandte er sich um. Was hatte er schon zu verlieren?

Hermine wartete an der nächsten Ecke auf ihn. Ohne Übergang drehte sie sich zu ihm um: „Malfoy, wenn du Hilfe brauchst, kannst du sie bekommen, das weißt du, ja?“

Schnaubend schüttelte er den Kopf. Er würde sie kaum in seinen Plan einweihen oder gar von seinem Auftrag erzählen. Verächtlich erwiderte er: „Du überschätzt dich!“

Verärgert blickte sie ihn an: „Vielen Dank. Aber ich rede gar nicht von mir! Ich weiß, du hältst nicht viel von ihm, aber Dumbledore hat ein offenes Ohr für alle Schüler. Er diskriminiert nicht!“

Unwillkürlich brach Draco in schallendes Gelächter aus. Was für ein großartiger Vorschlag! Er sollte wirklich zu Dumbledore gehen und ihn fragen, wie er ihn am besten umbringen könnte. Wahrhaft großartig. Mit mühsam unterdrückten Lachen erwiderte er: „Er diskriminiert nicht? Glaubst du dir eigentlich selbst, wenn du sowas sagst?“

Offensichtlich nicht erheitert verschränkte Hermine ihre Arme: „Ich meine es nur gut. Wenn du nicht willst…“

„Mal ehrlich, Granger“, fuhr er sarkastisch fort: „Alleine in unserem ersten Jahr. Wir haben den Hauspokal gewonnen und dann hat Dumbledore noch schnell über hundert Punkte aus seinem Hut gezaubert, damit Gryffindor gewinnt. Ich könnte tausend solcher Begebenheiten aufzählen. Also komm mir nicht damit, dass er niemanden diskriminiert!“

„Schön“, zischte Hermine: „dann sei halt so. Aber erzähl mir, warum hast du mir das Mal gezeigt, mh?“

Überrascht trat er einen Schritt zurück: „Was meinst du?“

Unwirsch trat sie dich an ihn heran und stupste ihn mit ihrem Finger in die Brust: „Verkauf mich nicht für dumm! Du hast mir das Mal gezeigt, weil du Hilfe willst! Also, hier bin ich.“

Verunsichert zog Draco seine Augenbrauen zusammen und packte sie am Handgelenk: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es in deinem Kopf aussehen muss, dass du so eine Schlussfolgerung logisch findest! Und jetzt hör auf mich zu pieksen!“

Er konnte sehen, wie ihre Frustration wuchs: „Was willst du von mir, Malfoy? Hör auf, so widersprüchlich zu sein, und sag mir einfach, was du willst. Ich gebe mir die größte Mühe, dich zu verstehen. Ich habe dich in Ruhe gelassen, keine Fragen gestellt… was willst du noch? Was willst du von mir?“

„Ich will gar nichts!“, fuhr er sie an. Er verstand sie nicht, er wusste einfach nicht, was er tun sollte: „Warum sollte ich irgendetwas von dir wollen?“

„Und warum tauchst du dann jeden Tag auf und redest mit mir? Erzähl mir nicht, dass du einfach so meine Anwesenheit plötzlich angenehm findest!“

Wütend stieß er sie von sich: „Du bist doch diejenige, die mir auflauert! Oder wie willst du das gestern nennen?“

„Ja, absolut richtig!“, gab Hermine ebenso wütend zurück: „Gestern hab ich einfach mal ein freundliches Gesicht gebraucht, um meine Wut loszuwerden. Und weil du vorher immer zu mir gekommen bist, dachte ich, dass ich auch mal zu dir kommen kann. Oder habe ich mich da geirrt?“

„Wir sind keine Freunde, Granger! Ich will nichts von dir und ich kann es nicht gebrauchen, dass du mir nachläufst.“

Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich: „Genau, richtig. Wir sind keine Freunde. Deswegen hast du mir auch das Mal gezeigt. Hast es deinen anderen, echten Freunden auch gezeigt? Zabini? Nott? Nein? Hab ich mir gedacht. Wer von uns beiden ist es wohl, der sich selbst belügt?“

„Granger…“

„Geh zu Dumbledore. Bitte, Malfoy!“, ihr Tonfall klang nun beinahe flehend: „Wir wissen beide, dass bald, sehr bald ein Krieg ausbrechen wird. Und ich will nicht gegen dich kämpfen müssen. Verstehst du das? Ich will nicht! Und… niemand zwingt sich, für Voldemort zu kämpfen.“

„Niemand zwingt dich, Potters beste Freundin zu sein!“, erwiderte Draco verächtlich.

„Richtig, aber es ist meine Wahl! Man hat die Wahl!“, Hermine schrie inzwischen beinahe, so frustriert war sie.

„Wer sagt dir, dass ich nicht gewählt habe?“

„Du hast mir gezeigt, dass du ein guter Mensch sein kannst! Gute Menschen… gute Menschen sind keine Todesser.“

Genervt schloss Draco die Augen. Er spürte, wie unkontrollierte Wut in ihm hochstieg. Sie verstand ihn nicht. Er atmete langsam aus, öffnete sie wieder und legte ihr beide Hände auf die Schultern: „Ich bin kein guter Mensch. Okay? Ich werde nicht zu Dumbledore gehen und ich bin auch nicht dein Freund.“

„Urgh!“, kam es frustriert von Hermine, dann trat sie an ihm vorbei. Ehe sie ging, drehte sie sich noch einmal zu ihm um: „Wenn du aufgehört hast, so mit dir selbst beschäftigt zu sein… du weißt ja, wo du mich findest. So leicht lasse ich mich nicht verschrecken!“

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