Abschiedsfloskel

Knirschend öffnete sich die Tür zum Herrenklo. Mitten in seiner Bewegung gefror der Mann, der die Toiletten betreten hatte, sobald er Sasha vor Igor kniend erblickte. Nervös stammelte der arme Flugreisende etwas Unverständliches und verschwand mit einem lauten Rumsen der Tür so unerwartet, wie er aufgetaucht war.

„Sasha, was machst du denn da?“, knurrte Igor leise, als gäbe es noch jemanden in der Toilette, der sie belauschen könnte. Mit Gesten hatte er dem Mann schnell zu verstehen gegeben, dass es nicht das war, wonach es aussah. Aber er hätte an dessen Stelle wahrscheinlich nicht anders reagiert.

Fragend blickte ihn der Blonde von unten an. In der Linken ein Taschentuch, das über Igors Schritt schwebte.

„Dich sauber rubbeln“, sagte Sasha, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

„Ja, rubbeln. Hör auf damit!“

„Warum?“

Fassungslos starrte Igor ihn an. Bestimmt hatte er sich verhört. Das war doch nur wieder so ein Trick. Sasha konnte man nicht vertrauen. Er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht ihn zu blamieren. Angesichts des fragenden Ausdrucks auf Sashas Gesicht kamen Igor allerdings berechtigte Zweifel.

„Dir ist doch klar, was der Mann grad gedacht haben musste.“ Igor verdrehte die Augen.

Suchend blickte Sasha über seine Schulter. „Welcher Mann?“

„Vergiss es. Und lass das“, knurrte Igor, schlug Sashas Hand weg und stolperte einen halben Schritt zurück. „Ich habe eine Hose in der Tasche. Für solche Fälle.“

„Falls du dich einkleckerst?“

„Nein, falls ich die Nacht im Flughafen verbringen muss und du mir Cola in den Schritt gießt.“

Ungefragt wandte Sasha sich Igors Handgepäck zu, indem er herumwühlte.

„Ich kann das auch selbst machen“, sagte Igor.

„Schon gut. Das macht mir nichts“, winkte Sasha ab.

Vielleicht machte es aber Igor etwas aus, dass ein fremder Mann in seinen Sachen herumwühlte. Auf diese Idee kam Sasha nicht. Musste die Macht der Gewohnheit sein. Berufskrankheit, wenn man auf dem Flughafen arbeitete und täglich in den Sachen Wildfremder herumwühlte.

Triumphierend hielt Sasha das Kleidungsstück in die Höhe und grinste, dann widmete er sich dem Fußballer zu. Hemmungslos griff er nach Igors Gürtel, öffnete die Schnalle und zog ihn aus den Schlaufen seiner Jeans. Dann griff er nach dem Reißverschluss. Perplex starrte Igor ihn an.

„Was zum Teufel machst du denn da?“, fragte er mit einem leisen Anflug von Panik in der Stimme.

„Dich ausziehen“, antwortete Sasha wieder wie selbstverständlich.

„Das sehe ich auch.“

„Warum fragst du dann?“

„Ich kann das auch allein.“

„Das weiß ich, aber ich will helfen.“

„Ich brauche keine Hilfe.“

Sasha grinste. „Bist du etwa schüchtern?“

„Was?“

Gebannt starrten sich die Männer an. Herausfordernd taxierte Sasha Igor mit seinen blauen Augen. Eine blonde Augenbraue schnellte nach oben, als Sashas Grinsen immer breiter wurde.

„Ist das jetzt eine Fangfrage?“, fragte Igor leicht angesäuert, obwohl er gar nicht wütend war, und verdrehte wieder die Augen. Mit Sashas flapsiger Art musste man Geduld haben. „Wenn uns jemand so sieht. Mich, mit heruntergelassenen Hosen, vor dir. Wie sieht dass denn bitte aus? Was wenn-.“

„Du hast recht“, unterbrach Sasha ihn und bugsierte Igor mit festem Griff an dessen Hosenbund in eine Kabine. Gleichzeitig verfrachtete er die Reisetasche mit zwei starken Kicks neben die Kloschüssel.

Igor hatte Schwierigkeiten nicht über seine eigenen langen Beine zu stolpern. Kaum war die Tür hinter ihnen zugefallen, pressten sich Sashas Lippen auf die seinen. Es war ein flüchtiger Kuss, den Igor schnell unterbrach.

„Sasha, was machst du denn da?“ Bestimmt presste er die Hände auf Sashas Brust, die sich warm und verdammt angenehm unter seinen Fingerspitzen anfühlte.

„Dich küssen“, erwiderte dieser gelassen und zuckte mit den Schultern.

„Du machst mir nur Probleme!“, schnaubte Igor.

„Ich weiß.“

„Und jetzt?“, fragte Igor.

„Keine Ahnung.“

„Dein Selbstbewusstsein ist beängstigend, weißt du das? Du bist ganz schön frech“, ungeniert starrte Igor auf die Lippen, welche sich Sasha mit der Zunge befeuchtete, als wäre er sich der Blicke bewusst. „Ich hätte dich auch verprügeln können.“

„Hast du aber nicht“, stellte Sasha sachlich fest.

„Könnte ich aber. Wir sind in Russland“, Igor seufzte. „Du hast einfach keinen Anstand.“

„Du hast dich unwohl gefühlt, dass jemand etwas sieht, was er nicht soll“, erneut zuckte Sasha einfach mit den Schultern. Nicht ein Funken Nervosität lag in seinem Körper, als ob er genau wusste, was er von Igor erwarten konnte. Als wäre der Fußballer ein offenes Buch, in dem er laß. „Dieses Problem ist aus der Welt. Hier sieht dich niemand.“

 Was Sasha an Befangenheit fehlte, ließ Igors Herz schneller in seiner Brust schlagen. Wild flogen seine Augen hin und her, von einer Seite auf die andere über Sashas Gesicht. Flirrend zurrte die Luft zwischen ihnen. Aufgeladen mit Elektrizität.

Angst entdeckt zu werden, saß dem Fußballstar wie Damokles Schwert im Nacken. Und da stand Sasha vor ihm. Die Ruhe in Person. Klimperte ihn mit seinen unschuldigen, blauen Augen und den langen blonden Wimpern an, als wären sie die letzen, die etwas Verbotenes tun könnten.

Entspannt lehnte er sich leicht in Igors Körper. Berührte ihn aber nicht. Als ob diese Entscheidung allein bei Igor lag. Sashas Lippen waren leicht geöffnet und der Brünette fluchte über die Flut an Fantasien, die sein Verstand in rascher Abfolge vor seinem geistigen Auge zeigte.

Dann ging alles ganz schnell. Unerwartet schnellte Igors Hand in Sashas Nacken, wo er ihn fest packte und entschlossen zu sich zog. Ihr zweiter Kuss war ganz und gar nicht flüchtig. Fast schmerzhaft pressten sich ihre Münder aufeinander.

Stark, feucht und mit anmaßender Hartnäckigkeit drückte Sasha sich gegen Igors Lippen. Seine Hände griffen nach allem, was er damit erreichen konnte. Mit Entzücken stellte Igor fest, dass das Einiges war. Ihm gefiel, was Sasha mit seinen Händen tat. Wie seine Finger rau über seine Schultern, seine Brust, Rippen und - oh Gott, auch über seine Hüften, glitten.

Die Realität schien mit einer Urgewalt stehen zu bleiben. Wie ein verzweifelter Teenager krallte Igor sich mit den Händen in das Material von Sashas Arbeitskleidung. Seine Finger ballten sich zur Faust und er ließ ein verzehrendes Stöhnen über seine Lippen rollen.

Planlos oder sehr zielstrebig - Igor war sich nicht sicher, welches Label er den chaotischen Bewegungen an seinem Unterleib zuschreiben sollte - zerrte und zog der Blonde an seinem Hosenbund.

Allein der Gedanke, dass Sasha, ein Mann, ihn berührte, sich an ihn drückte und ihn küsste, ließ Igor in eine fantastische Schwerelosigkeit gleiten. Sich so lange zu verstecken, wie er es getan hatte, war nicht nur schwer, sondern auch gefährlich.

Unterbewusst mahnte er sich, dass sie immer noch entdeckt werden könnten. Sie leise sein musste. Stattdessen knurrte er in Sashas Mund, als dessen Zunge über seinen Gaumen fuhr.

Sashas Hände fuhren schwer durch Igors Haar. Seine Frisur war ruiniert. Genauso wie sein verdammtes Leben.

„Machst du das öfter?“, keuchte Igor zwischen seinen Zähnen und Sashas Lippen hervor, weil ihm dieser Gedanke plötzlich kam und ihn nicht mehr losließ. Bevor er diesen Fehler machte, wollte er sich sicher sein.

„Was?“, fragte Sasha und klang überhaupt nicht außer Atem.

„Wildfremde Männer in die Toilette zerren?“

„Du bist mir nicht fremd.“

„Das kann wirklich nur aus deinem Mund kommen“, Igor keuchte, als Sashas Mund seine Halsbeuge berührte. Sein weiches blondes Haar kitzelte ihn am Kinn. „Beantworte meine Frage.“

„Warum willst du das wissen?“, nuschelte Sasha. Igor bereute seine Frage, als heißer Atem seine nackte Haut streifte.

„Es sagt“, Igor schnappte nach Luft, „jede Menge über deinen Charakter aus.“

„Dann sollte ich lieber nichts Falsches sagen.“

„Sasha!“

„Wir treffen uns das erste Mal.“

„Was soll das wieder bedeuten?“

„Wir haben uns nicht getroffen. Folglich hatte ich keine Gelegenheit dich in die Toilette zu zerren.“

„Ich glaub du solltest aufhören zu reden“, stöhnte Igor resigniert und spürte, wie sein Körper tiefer in die Kabinentür sackte, als hätte Sasha ihm die Energie zum Stehen geraubt.

„Gefällt dir etwa meine Stimme nicht?“

„Sasha, wir haben Sex im Herrenklo und du-. Man, deine Nerven möchte ich haben.“

„Es bringt nichts, soviel nachzudenken.“

„Berufskrankheit, hm?“, nuschelte Igor. Er hatte die Augen geschlossen. Seine Stirn legte sich in Falten, als er Sashas Hände zwischen seinen Beinen spürte.

„Das ist so was von keine gute Idee“, raunte er. „Wir sind viel zu laut.“

„Dann halt den Mund“, befahl Sasha.

„Hör auf so dämlich zu grinsen.“

„Sollen wir aufhören?“, fragte Sasha und erneut wunderte Igor sich über den Mangel an Aufregung in dessen Stimme. Er selbst kam sich in Anbetracht dieser Gelassenheit fast verzweifelt und auf den Blonde angewiesen vor. Nur die Finger, die dringend nach Hautkontakt suchten, straften Sashas kühle Arroganz mit Lügen.

„Gott, nein“, keuchte Igor und presste ihre Lippen aufeinander. Neckend ließ er seine Zunge über Sashas Oberlippe gleiten. Nagte mit den Zähnen an der Haut, bevor er brutal ihre Münder aufeinander presste.

Igor schmeckte die Süße des Ketchups und der Cola in Sashas Rachen. Etwas Salz und Würze der Mahlzeit, die sie eingenommen hatten und dann noch etwas Köstliches, was er nicht bestimmen konnte, aber was so sehr zu Sasha gehörte, wie sein freches Grinsen und die schlagkräftigen Kommentare.

Energisch drehte Igor Sasha herum und drückte ihn gegen die Tür. Sein Mund legte sich besitzergreifend in Sashas Nacken. Er saugte an der warmen Haut und entlockte dem Blonden zum ersten Mal etwas seiner Selbstbeherrschung. Zufrieden stöhnte Sasha auf. Igor konnte die Vibrationen noch auf seinen Lippen spüren.

Er legte seine Hand über Sasahs Mund. Seine kleine Geste ließ die Erregung in seinem Bauch kurz aufzucken. Zufrieden glitten seine Hände zwischen Sashas Beine. Der Stoff seiner Hose war viel zu dünn. Igor spürte jedes Zucken. Er konnte förmlich nach der Hitze greifen.

„Und ich dachte, ich wäre der einzige Verzweifelte“, raunte er in Sashas Ohr, welches rot und heiß zwischen seinen Zähnen war. Ein schadenfrohes Grinsen zierte Igors Lippen, als hätte er die Gelegenheit bekommen, sich ein wenig an dem Blonden zu rächen.

Der Brünette spürte, wie sich Sashas Lippen unter seiner Handfläche bewegten. Er wollte etwas sagen, aber Igor musste die Worte nicht hören, um zu wissen, was es war.

„Entschuldige“, sagte er heißer und legte seinen Kopf auf Sashas Schulter ab. „Fan-Dasein. Hab ich glatt vergessen.“

Igor verlor sich im Moment ihrer Unvernunft, als er Sashas Hose öffnete und über dessen Hüften nach unten gleiten ließ. Seine Arme schlangen sich fest um den Körper des Blonden, während er ihre Körper eng aneinander presste. Anstößig erstickte Igor sein wohliges Stöhnen in Sashas Rücken.

Wie ein seekrankes Schiff wippte Igors Körper gegen Sashas. Krachte gegen ihn. Immer wieder. Energisch. Hungrig.

Die Luft war dick und stickig, erfüllt von den unterdrückten Lauten und der Hitze ihrer beider Körper. Igor fuhr mit den Fingern durch Sashas blondes Haar. Es gab nichts in diesem Moment, was er lieber getan hätte. Zum ersten Mal an diesem Tag war er ganz froh, seinen Flug verpasst zu haben.

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„Woher wusstest du es?“

Schwerfällig lehnte Sashas Kopf an der Wand, während er Igor aus halb geschlossenen, müden Augen heraus ansah.

„Was?“, fragte der Blonde.

„Das ich-“, Igor überlegte, ob er es aussprechen sollte. Dem einen Namen geben. Etwas, wovor er sich immer gehütet hatte. Angesicht dessen, was sie gerade getan hatten, hatte er keinen Grund mehr schüchtern zu sein. Oder auf geheimnisvoll zu tun. „Das ich schwul bin.“

Ein breites Grinsen stahl sich in Sashas entspannte Gesichtszüge.

„Hör auf so blöd zu grinsen“, sagte Igor ebenfalls grinsend und berührte Sashas Wange.

„War leicht.“

„Ah, ja?“

„Probleme in der Ehe. Keine Kinder. Lässt dich mit Nutten filmen. Fliehst aus Russland-.“

„Okay, okay, es reicht.“

„Außerdem hast du es mir gesagt.“

„Quatsch.“

„Nicht in diesen Worten, aber der Sinn war mit klar.“

Sie hielten den Atem an, als sich die Tür zum Herrenklo öffnete. Nur wenige Gäste verirrten sich noch zu so später Stunde, aber vielleicht waren sie zu beschäftigt gewesen, um sie zu bemerken.

Sobald der ungebetene Besucher verschwunden war, lagen sich die Männer prustend vor Lachen in den Armen.

„Lass uns gehen.“

Die zwei verließen die Toiletten und verbrachten den Rest der Wartezeit gemeinsam.

„Besuch mich“, sagte Igor zu Sasha, als er bereit für den Abflug war.

Verwundert stand Masha vor den beiden Männern, die scheinbar über Nacht tiefe Freundschaft geschlossen hatten. Sie schnalzte kurz, als sie sich herzlich umarmten und keiner den anderen loslassen wollte.

„Männer!“, schnaufte sie. „Euch werde ich wohl nie verstehen.“

Sasha und Igor lachten.

„Lasst uns ein Foto machen“, bat Masha.

Sie überreichte Sasha ihr Handy und stellte sich zwischen die beiden. Als Sasha das Handy nach unten führte, schob Masha es wieder hoch.

„Fotografier lieber von oben, Sash‘, sonst wirke ich noch kleiner.“

Tatsächlich reichte sie den Männern gerade so bis zur Brust. Sasha lehnte sich zu Igor. Ihre Köpfe berührten sich fast. Es klickte.

Bevor es noch einmal klickte, drückte Igor Sasha einen Kuss auf die Wange. Überrascht riss Sasha die Augen auf. Dann berührte ihn etwas Feuchtes im Gesicht. Igors Zunge. Schnell hatte er seine Hemmungen verloren. Aber der Star haute schließlich auch in die USA ab.

Vor Schreck ließ Sasha das Handy fallen, das Masha geübt auffing. Ihre hohen Rufe hallten in der Ferne, als Sasha ein letztes Mal in Igors Arme sank, bevor das Flugzeug Russland verließ.

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