Allein im Wald 1

 

   Shane stand wie versteinert zwischen noch jungen Bäumen, die Beine verborgen hinter einer verfallenen Mauer, die einst einen Garten umschloss.

       Die Natur verleibte sich die Erde und alles auf und unter ihr erst seit zwei Generationen wieder ein. Sah man genau hin, konnte man überall Überreste menschlicher Zivilisation finden.

      Ungläubig starrte er auf die grausig absurde Szene die sich im bot. Ein dürres Mädchen, hockte, nur in einem kurzen und völlig verdreckten Nachthemd, auf dem Rumpf eines leblosen jungen Mannes, der von Kopf bis Fuß in einer qualitativ hochwertig wirkenden militärischen Ausrüstung steckte. Feste Lederstiefel mit dicker Sohle, eng geschnürt bis zur Hälfte des Schienbeins. In den Schaft geklemmt eine Hose in waldtarn. Die nackten muskulösen Armen lagen schlaff, weit vom Körper gestreckt, im aufgewühlten Erdreich. Sein kurzärmliges Shirt war vom Ausschnitt bis zur Brust blutdurchtränkt. Aus der nassen klaffenden Wunde am Hals floss noch immer Blut. Ein Würgen kämpfte sich Shanes Kehle hinauf.

      Das Mädchen – Corey, hatte der Tote sie genannt – sah Shane fest in die Augen. Sie drehte ihm langsam die klebrig rot schimmernden Handflächen zu, die Fingerspitzen auf den Boden gerichtet. Ein herausfordernder Ausdruck in den Augen, ein bitteres Lächeln auf den Lippen. Shane konnte diesen Anblick nicht länger ertragen. Er taumelte einige Schritte rückwärts, stoplerte beinahe, bis er seinen Blick losreißen und sich umdrehen konnte.  Quer durch den Wald rannte Shane davon, als ginge es um sein Leben. Sein Kopf schwirrte.

      Was zu Hölle… ?! In welchen Wahnsinn bin ich hier hinein geraten?

 Ihm war übel. Er achtete nicht darauf wohin er lief. Nur weg. Weg von dieser Irren. Dieser Mörderin. War es Selbstverteidigung. Im Eifer des Gefechts? Aber dieses Lächeln. Sie musste wahnsinnig sein.

 

~             ~             ~


Corey seufzte und betrachtete mit gemischten Gefühlen ihr Werk. Mit zitternden Beinen erhob sie sich von Noels leblosen Körper und kniete sich neben seine Füße. Eilig machte sie sich daran ihm die Schuhe aufzubinden. Es war egal, ob sie ihr passten, sie brauchte dringend seine Klamotten und Waffen. Sonst würde der nächste Kampf nicht so einfach werden. Sie hatte bisher ungeheures Glück gehabt, doch das konnte sich jeden Moment ändern. Sie durfte keine Zeit verlieren. Während sie Noel aus seiner Ausrüstung schälte und sie sich selbst anlegte, zollte sie Shane insgeheim Respekt. Nicht nur dafür, dass er sich befreien konnte, sondern vor allem, weil er sie bis hierher verfolgt hatte. Sie fragte sich, wie viel von ihrem Kampf er gesehen hatte. Es war ihm nicht zu verübeln, dass er abgehauen war. Sie hätte an seiner geistigen Gesundheit gezweifelt, wäre er geblieben. Doch letztendlich gab es auch für ihn kein Entkommen. Vielleicht war ihm das gerade selbst klar geworden.

       Sie verstellte den funktionalen Gürtel auf ihre Größe, der auch als Abseilgurt verwendet werden kann, stopfte ihr Nachthemd in die Hose und ließ den Verschluss einrasten. Am Gürtel hingen drei gleiche Koppeltaschen. Trotz wachsender Neugier verschob sie die Prüfung des Inhalts auf einen ruhigeren Moment. Strümpfe und Stiefel passten besser als erhofft, waren aber dennoch etwas zu groß. Sie zog die Senkel so fest zu wie es ging, krempelte die Hose jedoch lieber hoch, statt sie wie ihr Vorbesitzer in die Stiefel zu ziehen, da sie ihr etwas zu lang und zu weit war. Sie legte das schwarze Nylonholster mit sechs Zwanzigzentimeterlangen Wurfmessern um ihren rechten Oberschenkel und schloss die Klettverschlüsse der elastischen Bänder am oberen und unteren Rand des Holsters. Das besudelte grün-braune Shirt, mit den abgerissenen Ärmeln, ließ sie Noel, doch die Weste warf sie sich über. Sie war leicht und schränkte trotz zahlreicher Taschen und einer aufgenähten Messerscheide ihre Beweglichkeit nicht ein. Wie bei dem Gürtel konnte man die Weste auf jede beliebige Größe über die Schulterriemen und den Hüftverschluss anpassen. Noel  war um einiges größer als sie, doch er hatte eine schmale Gestalt und so musste sie nur die Schulterriemen in ihrer Länge etwas kürzen. Geschwind streifte sie ihm noch die dünnen Handschuhe von den Fingern und klemmte sie sich unter den Gürtel. Fertig angezogen bückte sie sich endlich Noels Messer, wischte es an ihm sauber und ließ es an dann in seine breite Scheide auf der linken Seite der Weste gleiten. Wehmütig dachte sie an ihr Beinholster, das eine altmodische Schusswaffe hielt und nutzlos in ihrem Zimmer auf sie wartete.

      Ohne einen letzten Blick auf ihr Opfer zu werfen, bewegte sie sich auf die Stelle zu, von der aus Shane vor ihr geflohen war. Da sie sonst keinen Anhaltspunkt hatte, wo sie ihre Jagd noch fortsetzten sollte, konnte Shane genauso gut benutzten. Es hatte kaum mehr als zehn Minuten gebraucht, um sich Noels Zeug anzueignen. Shane war also sicher noch nicht weit weg. Und er würde so oder so drauf gehen. Früher oder später würde jemand auf ihn aufmerksam werden. Sie brauchte ihn nur zu verfolgen, sich selbst verbergen und warten, während er unbewusst alle Aufmerksamkeit auf sich zog.  Ein Kinderspiel.

       Eine Weile war es sehr leicht zu ihn zu verfolgen. Er hatte sich keine Mühe gegeben, vorsichtig davon zustolpern, schien aber irgendwann zur Vernunft gekommen zu sein. Corey beeilte sich nicht, und achtete darauf ihre eigene und Shanes Spur zu verwischen. Sie atmete kontrolliert, bewegte sich geduckt und so annähernd lautlos wie eh und je. Regelmäßig hielt sie inne und prüfte alle Richtungen auf Verfolger und Gefahr, bevor sie weiter ging, wie sie es gelernt hatte. Auch abgesehen von Hinweisen auf Shanes eingeschlagenen Pfad, schenkte sie ihrer Umgebung nun mehr Aufmerksamkeit. Sie hatte keine Ahnung wie groß ihr Gehege war, dass schon vor etlichen Jahren für genau diesen Zweck angelegt worden war und alle zwei Jahre zum Richtplatz der Zukunft von Jugendlichen wie ihr wurde. Ares und seine Leute haben die Wildnis ungehindert wuchern lassen. Früher standen hier vereinzelte Gehöfte, es gab Felder und Weiden. Inzwischen hat sich der nahe Wald alles einverlebt und verschluckte langsam aber sicher sämtliche Überreste der Menschen, die einst hier gelebt und gearbeitet haben.

Immer wieder passierte Corey zerfallene und moosbewachsene Gebäude, mit eingestürzten Dächern und Fensterlöcher ohne Scheiben, aus denen Zweige sprießten. Von einigen waren nur noch grobe Grundrisse erkennbar, die sich aus dem dichtbewachsen Boden erhoben. Bäume und Büsche wuchsen aus ihren Inneren und würden in wenigen Jahren alle Anzeichen von menschlicher Anwesenheit bis zur Unkenntlichkeit überschwemmt haben. Vereinzelte verrostete Maschinen der Landwirtschaft und Fahrzeuge standen oder lagen umgekippt herum. 

      Da sie nicht wusste, wo sie und die anderen ausgesetzt wurden, konnte es Stunden, wenn nicht Tage dauern, bis sie auf einen der anderen traf. Sie hoffte,  es würde nicht so lange dauern. Corey wollte es einfach nur hinter sich bringen. Dass Ares es ihr schwer machen würde, hatte sie erwartet. So schwer jedoch. Nicht auszudenken, wie es hätte ausgehen können, wenn sie jemand erwischt hätte, als sie noch gefesselt war, wenn dieser Shane ihr nicht geholfen hätte und wäre sie nicht zuerst auf Noel getroffen. Sie hatte unverschämtes Glück gehabt.

      Shane…

      Sie war sich inzwischen ziemlich sicher, dass er tatsächlich keinen Schimmer hatte, wo er war und warum. Ein Zufall war seine Anwesenheit aber keines Falls. Ares wollte ihn hier haben. Und er wollte, dass es Shanes Grab wird.

 Willst du ihn aus einem speziellen Grund tot sehen, Vater?

 

~             ~             ~


Shane wurde langsamer und versuchte sich zu beruhigen. Vor ihm bildete die Wildnis eine kleine Lichtung. Niemand weit und breit zu sehen, wobei er inzwischen wusste, dass das nichts heißen hatte. Laut Corey verbargen sich neben ihr und dem toten Jäger noch weitere verrückte in diesem Wald. Er lauschte und sah sich nach allen Seiten, auch nach Oben um, konnte aber nirgends einen verräterischen Schatten oder eine menschliche Silhouette ausmachen. Seiner Schätzung nach war es etwa früher Nachmittag. Vorsichtig trat er durch die Bäume und suchte die Sonne. Sie stand noch hoch am Himmel, doch deutlich tiefer als Corey ihn bewusstlos geschlagen und gefesselt hatte. Er beschloss sich nach Norden zu wenden, die Sonne immer zu seiner Linken.

Die Übelkeit hatte nachgelassen, doch sein Entsetzen war noch stark. Sie hatte einen Jungen ermordet und gelächelt. Würde sie ihn auch so leichtfertig umbringen, wenn sie die Gelegenheit hätte.

Sie hatte schon die Gelegenheit…

Sie schien von seiner Anwesenheit eher überrascht. Mit dem Jäger hatte sie gerechnet. Hatte sie eine Rechnung mit offen oder wollte ihm einfach nur zuvorkommen. Ihm hatte sie zwar gedroht, doch nur bewusstlos geschlagen. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass wenn sie ihn hätte töten wollen, es getan hätte. Stattdessen hat sie ihn am Leben gelassen und gefesselt. Und befragt. Wer er war. Woher er kam. Worum er dort war.

Wenn ich das wüsste.

        Fieberhaft versuchte er sich zu erinnern, was passiert war.

Ob sie mir folgt? Ich muss mehr darauf achten, dass ich ihr keine Spur hinterlasse.

 

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