Asylrecht

Halt, Stop!
Danke, dass Du auf diesen Text geklickt hast. Vorab müssen jedoch noch ein paar kurze, aber wichtige Dinge gesagt werden.

Dieses Probekapitel eines größeren Projektes ist in jeder Hinsicht vollkommen unpolitisch und zeitlos! Es werden bewusst keine Länder, Sprachen, Daten, Religionen oder politische Parteien benannt. Auch wenn es das sehr aktuelle Flüchtlingsthema behandelt, das hier ist keine Darstellung der aktuellen Krise. Die Idee zu dieser Geschichte hatte ich schon Jahre vorher.
Dieses Projekt trägt den Namen Israel, was man mit "Gott kämpft" übersetzen könnte, was den Ton der Geschichte sehr gut beschreibt. Nichts hiervon hat mit dem tatsächlichen Staat Israel zu tun.
Wenn man unbedingt will, könnte man in diese Geschichte, besonders im späteren Verlauf, rechtes Gedankengut hineininterpretieren. Nichts läge dem ferner! Im Gegenteil, das hier ist ein Appell an die Menschenrechte und zeigt, wohin Rassismus, Diskriminierung und fehlende Integration im schlimmsten Falle führen können.
Alles hiernach folgende ist Fantasie. Trotzdem ist diese Geschichte relativ grausam und gewaltreich. Ich beschönige nichts.
Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit!






אֲדֹנָי לִי וְלֹא אִירָא - Adonai li v'lo 'ira - G'TT ist mit mir, ich fürchte nichts.





Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall

Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.

Über Toren, wo die Wächter liegen quer,

Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.
(Aus "Der Krieg" von Georg Heym)




Asylrecht

Die Straßen der Großstadt waren menschenleer. Dabei war es erst früher Nachmittag, doch bei diesem Schneesturm und der bereits früh hereingebrochenen Nacht traute sich niemand mehr vor die Tür. Das Schneegestöber war so dicht, dass man trotz der Straßenlaternen und der Fensterlichter kaum drei Meter weit gucken konnte. Der Schnee auf den Straßen war mittlerweile einen Meter hoch, so dass kein Auto durchkommen würde. Die ungefilterten Abgase, die Tag und Nacht aus einem nahe gelegenen Industriegebiet in die Luft geschleudert wurden, schien der Himmel jetzt wieder loswerden zu wollen. Der Schnee war eher grau als weiß und schmeckte nach Benzin, Metall und Stoffen, mit denen man lieber nicht in Berührung kommen wollte. Durch den fehlenden Verkehr und Menschenmassen war es ganz still in der Stadt. Nur am Hauptbahnhof drängten sich ein paar Obdachlose. Eingewickelt in ihre wenigen Besitztümer kauerten sie in den Ecken und fragten sich verzweifelt, wie sie diesen harten Winter bloß überstehen sollten. Hin und wieder fanden sich verlorene Katzen, Hunde oder Vögel unter ihnen, die vergeblich versuchten ihr vollkommen durchnässtes Fell oder Gefieder trocken zu bekommen. Wann immer der Wind besonders scharf um die Ecken des aus Stein gebautem Bahnhof wehte, ertönte ein sehr langes, lautes Pfeifen. Eine kühle Frauenstimme hallte durch die leeren Gänge und verkündete, dass alle Züge bis morgen früh ausfielen, eine genaue Zeit könne man noch nicht nennen. Doch kein Reisender stöhnte bei dieser Durchsage genervt auf, denn der Schnee fiel schon seit Tagen und niemand verließ sich da auf irgendein Verkehrsmittel. Und so lagen auch sämtliche Gleise verlassen da - bis auf Gleis neun. Inmitten all der dunklen, kalten Verlassenheit und Leere stand ein einsamer Zug, aus dem sich eine große Menschenschar drängte. Kinder schlüpften durch die vielen Menschen hindurch und flohen zu erst aus dem überfüllten Zug hinaus auf den Bahnsteig. Junge Mütter mit ihren Babys auf dem Arm, junge Männer, Männer und Frauen mittleren Alters, Greise und Großmütter strömten ihnen nach. Sie hatten kein Gepäck bei sich. Ihre Kleidung war abgetragen und schmutzig, ihre Haare teilweise verfilzt, ihre Haut rau und dünn. Einige von ihnen sahen sehr krank aus, die Meisten waren sehr dünn. Ruhig und langsam bewegten sie sich zum Ende des Bahnsteigs hin, während sich auf ihren erschöpften, müden Gesichtern langsam Erleichterung zeigte. In der Stille klangen ihre Schritte trotzdem wie lautes, rücksichtsloses Getrampel, ihre gedämpften Stimmen hallten in dem großen, hohen Bahnhofsgebäude zurück und wurden lauter als sie sind.
Doch am Ende des Bahnsteiges versperrte eine Blockade ihnen den Weg. Polizisten standen in einer geordneten Reihe dicht beieinander. In dunkelblauer Kleidung und mit weißen Helmen beobachteten sie wachsam die bereits dicht an sie herangekommene Menschenmenge. Starr hielten sie durchsichtige Schilder vor ihren Körpern. Hinter ihnen standen weitere, bewaffnete Polizisten, die regungslos in Reihe und Glied eine Mauer aus Menschen bildeten, durch die niemand hindurchgehen konnte. Die Menschenmenge blieb zögernd stehen und die Erleichterung verschwand schnell. Ihre Stimmen hoben langsam an, unruhig blickten sie umher, nervös traten sie von einem Fuß auf den Anderen, hielten ihre Liebsten an sich, als zwei Personen aus der Blockade hervortraten.
Ein hochgewachsener, ernst aussehender Mann mit kurzen, dunklen Haaren und harten Zügen stellte sich vor die Menschen. An seiner Seite befand sich eine schlanke, junge Frau von höchstens 30 Jahren. Ihre langen, blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz hochgebunden und ihre blauen Augen sahen auf einen unbestimmten Punkt in weiter Ferne. Sie wäre wohl sehr attraktiv gewesen, wenn ihre Ausstrahlung nicht genauso kühl wie die körperlose Ansagestimme gewesen wäre.
Der Mann neben ihr straffte noch einmal seine Schultern, ehe er seine laute, kräftige Stimme anhob. Es wurde augenblicklich still als der Mann seine Ansage an die Menschen vor ihm machte. Doch keiner von ihnen verstand sie, denn niemand konnte seine Sprache. Unsichere Blicke wurden getauscht, doch niemand wagte etwas zu sagen oder ein Zeichen zu geben. Doch der Mann fasste sich kurz und war bald wieder verstummt. Ehe die Leute vor ihm eine Reaktion zeigen konnte, sprach die Frau erstaunlich kräftig und deutlich: „Sie haben nun offiziell unser Land betreten. Bevor weitere Schritte unternommen werden, wird man sie in den gegenüberliegenden Justizpalast führen. Dort werden sie registriert.“ Die Frau verstummte. Es herrschte einige Sekunden lang noch absolute Stille, denn niemand wollte glauben, dass das alles war, was man ihnen zu sagen hatte. Dann stellte sich ein aufgeregtes Getuschel ein, und als die blonde Frau und der Mann neben ihr wieder in der Blockade verschwanden, wurden empörte Stimmen laut. „Wir haben Hunger!“ schrie eine Frau mit ihrem Kind auf dem Arm. „Wir haben Durst!“ rief eine weitere weiter hinten. „Unsere Kinder müssen schlafen!“ brüllte ein Mann in den ersten Reihen. „Wir haben Kranke und Verwundete!“ Einige Polizisten kamen durch die Blockade, griffen wahllos in die Menge und zerrten einzelne Personen heraus. Alles schimpfen und jammern half nichts. Die Menschen hatten keine andere Wahl, als sich ihrem Schicksal zu ergeben.
Die Minuten flossen zäh dahin. Die Leute, die von den Polizisten weg gezogen wurden, kamen nicht wieder. Alle viertel Stunde wurden weitere abgeholt, doch die Menge schrumpfte nur stetig. Die meisten alten Leute hatten sich hingesetzt oder hingehockt. Eltern mahnten ihre Kinder dazu zu springen oder zu laufen, damit sie nicht erfroren. Wenn sie noch klein genug waren, wurden sie unter den Mänteln dicht an die eigene Brust gedrückt. Es wurde kaum ein Wort gesprochen. Die Meisten schauten nur dumpf ins Leere und dachten sich weit weg, während ihr warmer Atem in der kalten Luft zu Dampf wurde. Die Blockade blieb weiterhin starr und unausweichlich. Niemand gab den Menschen eine Orientierung, und niemand von ihnen besaß noch eine funktionierende Uhr. Und so verfloss eine unbestimmt lange Zeit.

Mittlerweile saßen alle auf dem kalten Steinboden des Bahnsteigs. Die Kinder hatten aufgehört sich zu bewegen, sie waren zu erschöpft und zu müde. Starre, leere Gesichter sahen dumpf vor sich in die Leere, die Körper waren kraftlos eingesunken. Niemand sagte mehr ein Wort. Es war überhaupt so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Nur weit entfernt war das leise Heulen des Windes zu hören. Die Hälfte der Menschen war bereits verschwunden, als Fußgetrappel weitere Polizisten ankündigte, welche die Nächsten abholen sollten. Ein altes Ehepaar, zwei Männer und eine Mutter mit ihren zwei älteren Kindern wurden wie viele vor ihnen am Arm gepackt und durch die Blockade geschleust. Stolpernd trotteten sie neben den Polizisten her, die viel zu schnell liefen, während sie selbst kaum mehr die Augen offen halten konnten. Sie wurden durch leere Gänge geführt und außer ihren Schritten herrschte totenstille. Niemand wusste wo sie hingeführt wurden. Erst ein eisiger Wind, der in ihre Haut biss und Schnee, welcher ihre Kleider durchnässte, ließ sie wieder wach werden. Man konnte nicht mehr die eigene Hand vor Augen sehen, doch die Polizisten lenkten sie mit sicherem, straffem Schritt durch den mittlerweile meterhohen Schnee. Sie konnten nicht mehr, wenn sie hinfielen, wurden sie sofort wieder hoch und weiter gezogen. Schlussendlich wurden sie wohl tatsächlich mehr von den Polizisten geschliffen als dass sie gingen. Die Schneewanderung schien endlos lang und niemand von ihnen wusste mehr, in welche Richtung sie überhaupt geführt wurden. Schließlich wurden die Polizisten langsamer und zwei Meter vor ihnen war ein helles Licht auszumachen. Ihre bunt zusammengewürfelten Kleiderschichten klebten bereits wie eine zweite Haut an den Abgeführten, sie klapperten laut mit den Zähnen und bekamen nicht mehr viel mit. Das alte Ehepaar hing nur noch an den Armen der Männer, die sie mit sich zerrten. Sie gelangten schließlich an eine große, schwere Tür, die einer der Polizisten aufstieß und die Mutter, die an seinem Arm hing mit sich hineinzog. Die Anderen folgten ihm.
Die Luft drinnen war um einiges Wärmer, doch das machte die nasse Kleidung nur noch unerträglicher. Sie wurden durch verschiedene Korridore geführt, bis sich die kleine Gruppe langsam trennte und in den abgehenden Räumen verschwand. Schließlich war nur noch die Mutter mit ihren Kindern da, welche als Letzte vor einer der vielen Türen hier stehen blieb. Sie war stahlgrau und wahrscheinlich sehr robust. Kraftvoll wurde sie aufgestoßen, die Wächter schoben sie hinein und schon fiel die Tür hinter ihnen zu und ein Schlüssel wurde quietschend umgedreht. Das grelle, künstliche Licht welches von der Decke schien stach ihnen schmerzhaft in die Augen. Blinzelnd versuchte sich die Mutter an das Licht zu gewöhnen und sich zu orientieren. Der kleine quadratische Raum hatte eine ebenso stahlgraue Farbe wie seine Tür. Die Stille hier drin war gespenstisch, nur das Klappern ihrer Zähne, die Wassertropfen, die von ihrer Kleidung mit einem hellen Ton auf den Boden fielen und ein leises Tippen waren zu hören. Letzteres kam von einem rundlichen, glatzköpfigen Mann, der auf der linken Seite des Raumes an einem kleinen Schreibtisch saß und etwas in seinen Computer tippte. Er sah erschöpft aus, hatte große, violette Augenringe und sein weißes Hemd nur nachlässig in seine graue Hose gesteckt. Neben ihm saß ein ebenfalls sehr müde aussehender, dünner Mann mit runder Brille, wenig Haar und einem schäbigen Anzug. Hinter der Mutter stand eine Polizistin, die streng von oben auf sie herabblickte und die Tür abgeschlossen hatte. „Setzen sie sich.“ Beim plötzlichen Klang der heiseren, aber kraftvollen Stimme zuckte sie zusammen. Der dünne Mann wies mit seiner Hand auf drei Plastikstühle im Zentrum des Raumes. Langsam ging die Mutter voran und setzte sich in die Mitte, ihre Kinder taten es ihr gleich. Ihr Zähneklappern wurde lauter.
„Name?“ fragte der dünne Mann gelangweilt. Auch die Aufmerksamkeit des Dicken neben ihm war nun auf die noch recht junge Mutter gerichtet. Es dauerte jedoch eine Weile, bis diese Frage in ihr Bewusstsein sickerte und eine weitere Weile, bis sie ihr Zähneklappern so unter Kontrolle bringen konnte, dass sie in der Lage war zu sprechen. „J-Juno Ha-Hazelbaum“ antwortete sie mit schwacher, zitternder Stimme. Eigentlich war es kaum mehr als ein Hauchen, doch es war so still, dass der Mann keine Probleme hatte sie zu verstehen. „Führen sie irgendwelche Papiere mit sich?“ fragte er. Wieder entstand eine unverhältnismäßig lange Pause zwischen Frage und Antwort, doch die Männer waren geduldig. Sie sahen sich ohnehin nicht vor Sonnenaufgang entlassen. „Ich...“ Juno runzelte skeptisch die Stirn. Niemand von ihnen hatte auch nur eine Sekunde an die vollkommen hirnrissige Idee gedacht, ihre Ausweise auf der Flucht mitzunehmen. Denn falls sie tatsächlich erwischt worden wären (und man sie nicht gleich erschossen hätte), hätte man sie durch ihre Papiere sofort eindeutig identifizieren können. Damit wäre ihr Untergang buchstäblich mit sieben Siegeln beschlossen worden. Juno hatte für einige Sekunden kurz das Bedürfnis sich zu rechtfertigen und den Männern vor ihr diesen Umstand zu erklären. Doch schon als sie dafür Luft holen wollte merkte sie, dass sie dafür ohnehin keine Kraft mehr hatte. Sie spürte wie ihr die Zunge am Gaumen klebte und wie ihre geschwollenen Mandeln gegen ihren Hals drückten und kurz davor waren, ihr die Luft abzuschnüren. Einen Teufel würde sie jetzt tun. Und so beließ sie es dabei, vorsichtig mit ihrem schmerzenden Kopf zu schütteln. „Nun gut. Wie werden sie geschrieben?“ fragte der Mann routiniert.
„J-u-n-o H-a-z-e-l-b-a-u-m“ buchstabierte sie mühsam und der Mann am Computer tippte die Information ein. „Mädchenname?“ „Zilles. Z-i-l-l-e-s“ Er tippte. „Geburtsdatum?“ „2.17.3.ZT“ Der dünne Mann übersetzte die Aussage für den Dicken, der sie notierte. „Beruf?“ „Chirurgin.“ Kurz schlich sich eine Spur von Skepsis in den Blick des Brillenmannes, ehe er wieder übersetzte und schließlich gelangweilt fortfuhr: „Aha. Mit?“ „Meiner Tochter, Esther Hazelbaum. E-s-t-h-e-r. Und meinem Sohn, Jakob Hazelbaum. J-a-k-o-b.“ Der eine übersetzte, der Andere notierte. „Geburtsdaten?“ „57.24.AC u-und 30.18.AL“ Die Übersetzung, das Tippen, dann Stille. „Der Vater?“ „Josev Hazelbaum. J-o-s-e-v. 18.9.ZS“ „Wo ist er?“ „Tod.“ „Wann?“ „Vergangenen Jahres.“ „Wann genau?“ „Ich weiß es nicht.“ „Welcher Monat?“ „Ich weiß es nicht.“ Junos Stimme hatte wieder etwas an Kraft zurück gewonnen. An Kraft, hier heraus zu wollen, sich und ihre Kinder ins Warme und Trockene zu bringen, zu schlafen, zu essen und zu trinken. Und vor allem: zu überleben. Es tippte. Es tippte quälend langsam. „Was wollen sie hier?“ „Einen Antrag auf Asyl stellen.“ „Wegen?“ „Organisierter, politischer Verfolgung.“ Tipp, tipp, tipp... Das regelmäßige Geräusch benebelte Junos Geist. Sie knetete ihre dünnen Hände, doch sie spürte schon längst nichts mehr. Ihre Lippen waren blau angelaufen und zersprungen. Sie spürte das doppelte Gewicht ihres schweren, blauen Mantels auf ihren Schultern und sank immer mehr auf ihrem Stuhl ein. Mit aller Macht versuchte sie gegen die Ohnmacht anzukämpfen. Sie musste da bleiben... Ihre Kinder... Sie konnte sie nicht alleine lassen… Herr, lass es gleich vorbei sein... Lass es gleich vorbei sein...
„He, sie!“ der laute Ruf des Mannes ließ sie aufschrecken. Erschöpft erwiderte sie seinen Blick. Er hatte braune Augen. Bleib da... Bleib da... Es ist gleich vorbei... Gleich...
„Wir brauchen noch Fingerabdrücke von ihnen. Legen sie bitte jeweils ihren Zeigefinger auf dieses Gerät.“ sagte er und zeigte auf eine dünne, quadratische Fläche auf dem Schreibtisch. Juno machte sich gar keine Gedanken mehr darüber, was das genau war. Mühselig stand sie auf, eine erneute Kältewelle durchfuhr sie. Durch das Geräusch von nassen Klamotten neben sich bemerkte sie, dass ihre Kinder ebenfalls aufgestanden waren. Schnell liefen sie ein paar Schritte zum Tisch hin, legten ihren Finger kurz auf das quadratische Glas und setzten sich wieder hin.
„Gut, wir haben sie vorläufig registriert. Sie werden jetzt in ein Erstaufnahmelager gebracht. Man wird in der kommenden Woche entscheiden, wie man weiter mit ihnen verfahren wird. Sie können jetzt gehen.“ Es ertönte das unangenehme Quietschen des Schlüssels, die Tür wurde aufgestoßen und wieder nahmen sich zwei Polizisten ihrer an, zerrten sie hoch und auf den Gang hinaus. Juno bewunderte sich und ihre Kinder dafür, noch nicht umgefallen zu sein. Während sie erneut durch die Gänge geschliffen wurden, versuchte sie immer wieder ihre Kinder im Auge zu behalten. Waren sie noch da? Wie ging es ihnen? Sorgenvoll erhaschte sie einen Blick auf ihre Tochter. Ihre Kopfwunde schien wieder aufgeplatzt zu sein, Blut tropfte in regelmäßigen Abständen auf den Boden und der provisorische „Verband“, bestehend aus einem abgerissenen, schmutzigen Stofffetzen war blutdurchtränkt. Es wäre ein Wunder, wenn sie sich keine Blutvergiftung zuziehen würde. Sie war ungesund blass und erschöpft, hielt sich aber tapfer auf den Beinen. Juno sah auf die andere Seite. Ihr Sohn sah ebenso erschöpft und elend aus. Seine Fußverletzung ließ ihn humpeln und sie schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass diese zu kurieren sein würde. Wieder steuerte die kleine Gruppe auf eine Tür zu, die nach draußen führte. Die Mutter war kurz davor ihr heiseres Stimmchen zum Protest zu erheben, als sie auch schon draußen war. Doch sie mussten nur ein paar weitere Schritte laufen, bis sie in einen völlig überfüllten Bus geschoben wurden. Die Polizisten gaben dem Busfahrer ein Zeichen und augenblicklich schlossen sich die Türen. Erschrocken zog Juno ihre Kinder schnell an sich, damit sie nicht zwischen den Türen eingeklemmt wurden. Abrupt setzte sich der Bus in Bewegung, doch es war so voll, dass die Möglichkeit umzufallen gar nicht erst bestand. Eingequetscht zwischen wildfremden Menschen und dem Glas der Tür hielt sich die kleine Familie aneinander fest, sodass die Mutter für einige quälende Sekunden das Gefühl hatte, ersticken zu müssen. Sie ermahnte sich ruhig weiter zu atmen. Lichter schwebten langsam an ihnen vorbei, als der Bus sich durch die extra für ihn freigeschaufelten Straßen kämpfte. Aufmerksam hörte Juno dem Atmen ihrer Kinder zu. Nach einiger Zeit geschah auch schon genau das, was sie befürchtete. Abgehackt schnappte ihr Sohn nach Luft, seine Hand zerrte Krampfhaft an dem Arm seiner Mutter. „Jakob, atme langsam und ruhig.“ Vorsichtig legte sie ihre Hand in seinen Nacken, um seinen Kopf mit sanftem Druck auf ihre Schulter zu legen. „Achte nur auf meine Stimme. Ich bin da. Alles ist gut. Atme regelmäßig. Du wirst nicht ersticken. Alles wird gut. Wir können gleich hier raus, in ein warmes, trockenes Bett.“ routiniert redete sie leise auf ihn ein und wiederholte wie ein Mantra immer die selben Sätze. Sie würde gern selbst alles glauben, was sie ihm sagte. Doch es fing langsam an zu wirken. Zu erst krampfhaft, dann immer etwas befreiter tat Jakob seine Atemzüge betont regelmäßig, bis es nach einer Weile vorbei war. Juno atmete erleichtert auf und sah nach ihrer Tochter. Ihre Augen waren zugefallen. War sie ohnmächtig geworden? „Esther? Esther, hörst du mich?“ sagte sie panisch. Mit aller Kraft hob diese ihre Lider, sah ihre Mutter kurz in die Augen bevor ihr Kopf nach hinten fiel. „Esther! Sie mich an!“ Juno kniff Esther mit aller Kraft die sie noch aufwenden konnte in die Taille, wo sie besonders empfindlich war und zog Esthers Stirn an ihre. „Sie mich an!“ sagte sie scharf. Wieder hob ihre Tochter unter aller Kraft ihre Lider, um mit großer Mühe in die Augen ihrer Mutter zu blicken, ohne sie wirklich wahrzunehmen. „Sieh mich an und hör mir zu!“ Sie konzentrierte sich auf die fremde Härte in der Stimme ihrer Mutter. „Du musst wach bleiben. Egal was passiert, bleib wach. Denk an Jakob. An mich. Wir sind gleich da, aber du musst wach bleiben!“ In dem Moment in dem Esther einen undefinierbaren Laut als Zeichen des Verständnisses von sich gab, blieb der Bus plötzlich bedrohlich schaukelnd zum stehen. Oh bitte, Herr, lass uns da sein. Beschütze meine Kinder. Nehme sie mir nicht auch noch weg, dachte Juno verzweifelt. Und tatsächlich gingen die Türen auf und sie fielen augenblicklich in den grauen Schnee. In einem letzten Kraftakt zog Juno sich und ihre Kinder so schnell sie konnte zur Seite, damit sie nicht niedergetrampelt wurden. „Jakob, Esther, steht auf. Jetzt, sofort!“ ermahnte Juno ihre Kinder, während sie selbst mit aller Kraft versuchte auf die Beine zu kommen. Doch ihre Kleider zogen sie immer weiter in den Schnee hinein, der sie komplett zu umhüllen schien. Sie sah nichts mehr, spürte wie Schnee in ihre Nase und in ihren Mund drang und ihr den Atem nahm. Das war‘s, dachte sie. Es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.

Plötzlich wurde Juno mit einem mächtigen Ruck wieder hochgezogen. Hustend und keuchend schnappte sie nach Luft, spürte wie der widerlich schmeckende Schnee in ihren Rachen drang und versuchte ihn wieder auszuspucken. „Alles okay mit ihnen?“ fragte eine leise Männerstimme hinter ihr. Juno antwortete nicht und suchte sofort ihre Kinder. Jakob stand Gott sei Dank wieder halbwegs auf den Beinen und wurde von einem Mann gestützt, der wohl ebenfalls im Bus gewesen war. Doch von Esther fehlte jede Spur. „Wo ist Esther?“ krächzte sie. „Wo ist meine Tochter?“ „Sie ist ohnmächtig und schwer verletzt. Sie wurde hineingetragen und auf die Krankenstation gebracht. Kommen sie, ich bring sie zu ihr.“ Sie spürte, wie der Mann ihren Arm um seine Schulter legte und sie in das Gebäude führte. Er schien ebenfalls Flüchtender zu sein, aus den Augenwinkeln war seine schmutzige und nasse Kleidung zu sehen. Das letzte was Juno sah war ein weißer Korridor, ehe ihre Augen zufielen und sie nichts mehr sah, hörte oder spürte.


Kommentare

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    Großartig geschrieben mit einer sehr gelungenen Atmosphäre. Der erste Kontakt mit den Behörden hat fast schon etwas kafkaeskes an sich, ich bin gespannt wie es weiter geht. Was das Vorwort angeht pflichte ich Megan bei.

  • Author Portrait

    Ich finde es gut, dass du am Anfang den Hinweis eingebaut hast, das wird bestimmt ein paar Missverständnissen vorbeugen. Bis jetzt gefällt mir vor allem der Stil schon sehr gut, ich bin schon neugierig, wie du die Geschichte weiterführst :)

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