Die tobende Brandung schlug platschend gegen ihre Beine. Gischt flog um ihre Knie wie Flocken aus Schnee. Ihr helles Kinderlachen übertönte selbst das laute Klatschen der Wellen gegen die scharfkantigen Steinfelsen. Hinter ihr erklangen leise die sanften Melodien eines Liedes aus einer kleinen Fischerkaserne.
„Bei mir bist du schön…“, sie wippte mit ihren langen braunen Haarzöpfen auf und ab. Eine weitere Welle traf sie. Leicht geriet sie ins Schwanken und doch versuchte sie mit ihren kleinen Zehen sich im nassen Schlick festzukrallen.
Eine warme Hand hielt sie davon ab zu stürzen. Grinsend sah Hannah nach oben in das lächelnde Gesicht ihrer Mutter. Wärme erfüllte ihre kleine Brust. Ein kalter Wind umwehte ihr schneeweißes Kleid und zerrte an ihrem Rock.
Die warme Hand ihrer Mutter griff nach ihrer und zwang sie mit schwacher Gewalt zum Gehen. Missmutig blickte sie über ihre Schulter. Die Wellen türmten höher. Es krachte und ein Blitz erleuchtete den dunklen Abendhimmel. Kichernd ließ sie sich vom Wasser wegzerren. Dennoch ein leichtes Kribbeln erfasste ihre nackten Füße. Sie konnte es spüren.
Summend lief sie an der Hand ihrer Mutter die Promenade entlang. Der Wind riss nun heftiger an ihren Kleidern. Das schöne Lied der Taverne war im Tosen des Unwetters verloren gegangen. Traurig betrachtet sie die Wellen. Düster lag das Meer hinter hier. Wütend und laut. Ab und an erhellte der Lichtkegel einer Straßenlaterne das Bild um sie herum. Kalt und nass. Regen hatte eingesetzt.
Ihre Mutter zog stärker an ihrer Hand. Sie sagte etwas. Hannah verstand es nicht.
Eine Windböe riss sie fast von den Füßen. In der Ferne erstrahlte das Licht eines einsamen Leuchtturmes. Sie tastete mit ihrer freien Hand über ihren Kopf. Doch dort wo einst fließendes rotes Satinband geflochten war, war nun nur noch Haar. Erschrocken sah sie sich um. Dort! Etwas Rotes flog durch die Luft. Es würde im Meer landen!
Das einzige Andenken an ihren Vater, gefressen von kalten, nassen Ungetümen... Das konnte sie nicht zulassen. Plötzlich riss sie sich los. Alle Schreie und Rufe ihrer Mutter ignorierend rannte sie auf die schaumige See zu. Gischt spritzte ihr ins Gesicht noch bevor ihre Füße Wasser berührten. Japsend sprang sie einer Welle entgegen. Wild rudern und panisch sah sie sich um. Wo war es nur! Nein es durfte einfach nicht verschwinden! Alles würde verschwinden, die Erinnerungen, die Liebe und die Gedanken an ihren Vater. Es war doch ihr ganzer Schatz! Von einem liebenden Vater. Der sie vor drei Jahren allein auf dieser Insel zurückgelassen hatte, den, den sie immer noch über alles liebte und ehrte, er, der ihr dieses Haarband geschenkt hatte und der immer stolz auf sie sein sollte.
Von weiten glaubte sie etwas Rotes zu erkennen. Weit draußen auf dem Meer. Sie versuchte zu schwimmen. Etwas das sie nie richtig gelernt hatte. Immer wieder drückten die Wellen ihren Kopf unter Wasser. Immer wieder kam sie von ihrer Richtung ab. Immer wieder wurde es schwarz um sie herum, wenn die Wolken sich noch mehr über ihrem Kopf zusammenschoben. Es krachte und blitze und sie zitterte am ganzen Leib. Das Licht des Leuchtturms schickte ab und an schwache, tanzende Punkte über das Wasser. Zitternd und erschöpft vom wilden ankämpfen gegen die Wellen trieb sie im Wasser. Spürte weder Beine noch Arme. Kein rotes Band weit und breit. Die Insel hinter ihr war kaum zu erkennen. Das letzte, das sie hörte war Krachen und Donnern, dann schlug ein Blitz ein.
Es war dunkel um sie herum. Auch als sie die Augen öffnete blieb es dunkel. Ein leises Piepsen verriet ihr, dass sie nicht mehr im Meer war sondern irgendwo, vielleicht in einem Krankenhaus. Es roch immerhin stark nach Desinfektionsmitteln. Langsam lichtete sich die Dunkelheit. Sie erkannte Schemen und Schatten. Geräte mit kleinen Anzeigen. Skalpelle, Werkzeuge und Schläuche so dick wie Gartenschläuche. Langsam versuchte sie sich aufzurichten. Dieser Ort machte ihr Angst. Wo war ihre Mama?
„Hallo?“ Ihre Stimme klang viel höher als normal war. Auch die Kleidung die sie trug war nicht ihre eigene. Ein violettes Kleid mit goldenen Knöpfen. Ein Klacken ertönte und grelles Licht stach ihr in die Augen. Irgendwo ertönte Musik und Lachen. Vielleicht war das doch kein schlechter Ort hier?
Unsicher und ängstlich versuchte sie gegen das Licht anzublinzeln. Ein Schatten kam auf sie zu.
„Doktor Su-Chong, die Kleine ist aufgewacht. Ihre Werte sind neutral.“ Plötzlich erklang eine Frauenstimme von rechts neben ihr. Erschrocken versuchte sie in diese Richtung zu sehen. Doch das Licht war immer noch zu hell.
„Es wird noch eine Weile dauern bis ihr Gehirn die neuen Erinnerungen und Befehle annehmen wird…“ Er murmelte noch irgendetwas unvollständiges, dass sie nicht verstand.
Sie wollte etwas sagen, doch aus ihrem Mund kam nur Gekicher.
„Daddy?“ Sie erschrak über ihre eigenen Worte. Was sie sagte ergab keinen Sinn! Aber die Worte kamen leichter aus ihrem Mund als alles andere was sie eigentlich sagen wollte. Ihre Gedanken wurden schwerer und ließen sich kaum noch kontrollieren.
Um sie herum veränderte sich auf einmal der Raum. Es wurde heller und die ganzen Geräte und flackernden Bildschirme verschwanden. Vorhänge und weicher Teppichboden erschienen zu ihren Füßen. Es gefiel ihr.
Der Mann, dessen Silhouette sie nun erkennen konnte, nickte leicht.
„Ein Big Daddy. Er wartet schon auf dich.“
„Wo bin ich? Wo ist Mama?“ Mühsam presste sie jede einzelne Silbe zwischen ihren Lippen hervor. Sie krallte ihre Finger in die Liege auf der sie saß. Sie zitterte. Angstschweiß lief ihr über die Stirn. Sie wollte diese fremden Gedanken nicht zulassen. Sie wollte nicht, dass etwas ihren Körper übernahm. Sie wollte sie selbst bleiben und zurück zu ihrer Mama.
Sie versuchte aufzustehen. Versuchte von der Liege zu krabbeln. Sie wollte hier weg! Doch der Mann packte sie wütend am Arm und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige.
„Du hast zu gehorchen!“
Taumelnd viel sie zurück und landete unsanft auf dem Boden. In ihrem Kopf überschlug sich alles.
Plötzlich knallte die Tür des Raumes aus den Angeln und hielt steif vor Angst den Atem an. Ein leuchtendes metallenes Monster stürmte den Raum. Seine Augen glühten in einer Art Taucherkugel wütend rot und er schwang einen riesigen Bohrer.
Hannah wollte schreien aber es kam nur ein weiteres Kichern heraus. Sie rutschte weiter weg von diesem Monster, das sich nun auf den Doktor stürzte.
Sie konnte ihre Augen nicht schließen. Blut spritze auf ihr Gesicht und ihr Kleid. Zitternd krallte sie ihre Fingernägel in den Boden bis sie brachen.
Sie wollte schreien aber kein einziger Laut entkam ihren Lippen. Die Welt um sie herum veränderte sich mehr und mehr. Wild pochte das Blut in ihren Adern und ihr Herz schlug schneller.
Sie musste mitansehen wie der eiserne Bohrer den Körper des Doktors aufspießte und in seine Einzelteile zerlegte. Wieder spritzte Blut. Dann liefen ihr die Tränen über die Wangen.
Zitternd erhob sich ihr Körper ohne, dass sie es gewollt hatte. Langsam und schwankend tapste sie auf das Monster zu. Dieses stieß ein gewaltiges Brüllen aus und drehte sich zu ihr.
Die letzte Träne die über Hannahs Wangen glitt, spülte alles hinweg. Jede Erinnerung und jeden Gedanken an ihre Eltern und ihr zu Hause. Ein Sturm tobte in ihrem Kopf und dann als wären die ersten Strahlen des Morgengrauens auf ihre Lieder gefallen, war dieses Monster vor ihr, ihr ein und alles. Er war nun ihr Daddy.
„Komm, Mr Bubbels! Lass uns spielen gehen....Vielleicht finden wir einen Engel?“ kicherte sie das Monster umarmend. 
--------------------------------------------------------------------------------
Epilog:
Diesmal eine richtige Fan-Fiction aus der utopischen Welt «Rapture«.  :)

Kommentare

  • Author Portrait

    wirklich gut geschrieben!

  • Author Portrait

    Ich hab mir immer mehr Story hinter den Little Sisters gewünscht. Danke dafür, und "Danke" dafür dass ich heute Abend wieder lange nicht einschlafen kann :D

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media