Bücher? - Wozu denn!

Kathy war Autorin. Eine frustrierte Autorin. Jeden Tag verbrachte sie Stunden vor ihrem Laptop und tippte die verrücktesten Sachen hinein.

Doch niemand laß ihre Geschichten. Nicht ihre Eltern, nicht ihre Freunde und schon gar nicht jemand Fremdes.

Mit dem letzten Pizzastück in der Hand hockte sie auf dem durchgesessenen Sofa und versuchte sich an ihrem neuesten Stück. Einem Krimi. Die Verpackung vom Lieferservice um die Ecke warf sie achtlos auf den Teppich vor der Couch. Nachher würde sie diese als Spitze auf den Turm der restlichen Packungen dieser Woche setzen. Nahm sie sich zumindest vor.

Erst einmal jedoch interessierten sie die Klicks vom heutigen Tag. Deprimiert starrte sie auf den strahlenden Bildschirm. Gerade mal zwei. Bei zehn Büchern. Und dabei waren alle aus den verschiedensten Genres. Daran, dass sie sich selbst Konkurrenz machte, konnte es nicht liegen.

Stöhnend stopfte sie den verbliebenen Bissen in den Mund und wischte ihre Hand am T-Shirt ab.

Die Pizza konnte noch so lecker schmecken, das half ihr jetzt auch nicht.

Vielleicht sollte sie es doch einmal bei einem Verlag probieren? Aber dafür fehlte es ihr an Zeit, Geld und vor allem Mut. Sie konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen, den Literaturagenten Honig ums Maul zu schmieren oder ihnen in den Allerwertesten zu kriechen, nur damit sie sich ihr Manuskript auch nur unter die Nase halten ließen. Und da hatten sie es noch nicht einmal gelesen.

Nein, lieber veröffentlichte sie ihre gesammelten Werke anonym auf diversen Plattformen, immer in der Hoffnung, entdeckt zu werden.

Und stand jeden Tag auf, um in dem kleinen Kaffeeladen freundlich wildfremden Menschen schwarze Köstlichkeiten zu kochen. Kathy machte es gern, aber es erfüllte sie nicht.

Wieder aktualisierte sie ihren Bildschirm. Und wieder keine neuen Reads. Likes erwartete Kathy gar nicht. Nur, dass endlich einmal jemand ihre Geschichte laß.

"Pling", piepste ihr Smartphone. Missmutig tippte sie auf die Nachricht. "Ließ den Kommentar, den jemand zu dem Text hinterlassen hat", laß sie sich erfreut die Nachricht laut vor und rutschte aufgeregt auf dem Sofa herum.

Endlich!

Mit feuchten Fingern rief sie hastig die Internetseite auf. Vertippte sich dabei fünfmal, aber letztlich hatte sie die Nachricht leuchtend vor sich. "Dein Cover sieht echt toll aus..." Den Rest der E-Mail überflog sie nur noch und den Schluss nahm sie gar nicht mehr wahr. Traurig und gleichzeitig wütend klappte Kathy mit tränenverschleierten Blick den Rechner geräuschvoll zu. Und hievte sich mühsam vom Sofa.

Ihr Fuß kribbelte und pochte, als Kathy ihn mit ihrem Gewicht belastete. Nicht, dass Kathy dick wäre. Er war einfach eingeschlafen.

"Scheiße!", fluchte sie. Was ihren Fuß allerdings nicht weiter störte. Langsam und behutsam bewegte Kathy die Zehen, in der Hoffnung, ihr Blut schneller wieder zum Zirkulieren zu bringen.

"Heute ist einfach nicht mein Tag!" Ärgerlich stierte sie auf die wackelnden Zehen und das klebrige Stück Käse, dass es sich auf ihren Wollsocken gemütlich gemacht hatte. Frustriert kickte Kathy die Pizzaschachtel mit ihrem Fuß zu den anderen, bereute es im gleichen Moment schmerzhaft und humpelte in ihr Bett.

Schließlich wollten die ersten Frühaufsteher um sechs Uhr einen frischen Kaffee.

~•~

Frustriert zappte sich Felix durch die Fernsehprogramme. Der gleiche stumpfsinnige Blödsinn wir jeden Abend. Gefakete Reality-Shows, Soaps, die hunderttausendste Wiederholung irgendeines hundsalten Spielfilms aus den letzten Jahrhundert. Nicht einmal eine halbwegs interessante Dokumentation fand er. Damit hätte er sich noch anfreunden können. Seufzend schaltete er auf Standby und schmiss die Fernbedienung auf das Sofakissen. Ein hässliches Patchworkding. Aber ein liebevoll gestaltetes Werk seiner Nichte.

Warum hatten seine Kumpels heute Abend unbedingt auf ein Musikfestival am Bodensee fahren müssen. Mit anschließender Übernachtung im Auto oder Zelt. Aber er musste am Morgen früh raus. Und das bekam er beim besten Willen nicht auf die Reihe. So kurzfristig hatte er niemanden gefunden, der mit ihm die Schicht getauscht hätte. Am Wochenende hatten die meisten doch lieber frei.

Felix drückte sich aus der Couch hoch und schlurfte über den Laminatboden. Zischend öffnete er in der Küche ein kühlschrankkaltes Bier und trank es auf einen Schluck halbleer. Sein Blick streifte das schwarzegraue Buch mit den roten und weißen Buchstaben, das ihm sein Kollege heute geschenkt hatte. Als Dankeschön für seine Hilfe. Im Moment wäre ihm ein Sixpack lieber.

Wütend hatte er das Buch auf die Arbeitsplatte gepfeffert, nachdem er es aus dem edlen Geschenkpapier gewickelt hatte und feststellen musste, dass kein Umtauschgutschein darin steckte.

Mit einem großen Schluck trank er den verbliebenen Rest des Bieres leer und knallte die Flasche neben das Buch. Ein Rosenkranz war darauf abgebildet. Der lag über den blutrot gefärbten Steinen einer Krypta. Felix konnte sich gut vorstellen, worum es in dem Roman ging. Die Intrigen, die Lügen, die Morde. Und auch sonstige Verstrickungen konnte er sich in den schönsten Farben ausmalen. Seine Phantasie war sehr ausgeprägt, ständige auf der Suche nach neuen Ideen oder Inspirationen. Doch das wollte er nicht. Jetzt nicht. Heute nicht. Felix wollte es genau wissen. Und ärgerte sich maßlos über sich selbst.

Mit einem frischen Bier in der Hand flüchtete er mit zusammengepressten Lippen aus der Küche, nur um das Buch nicht mehr sehen zu müssen und schaltete aus lauter Verzweiflung wieder das langweilige Abendprogramm an. Nachdem er dreimal vorwärts und viermal rückwärts durch alle Kanäle war, gab er entnervt auf, schaltete die Glotze aus und ging resigniert ins Bett.

Zum Entspannen wählte er auf seinem MP3-Player ein Hörbuch aus und schlief darüber ein.

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