»Hast du einen Süßigkeitenladen überfallen?« Skeptisch blickte der dunkelhaarige Mann in die Einkaufstüten, die vor bunten Bonbons, Schokoriegeln und Gummitieren überzuquellen drohten.

Der Angesprochene lachte. »Henry, morgen ist Halloween. Hast du schon wieder vergessen, dass die Kinder in der Nachbarschaft dann an den Haustüren klingeln und Naschzeug haben wollen? Ich habe keine Lust auf Eier an der Fassade oder Klopapier in den Hecken.«

Henry nahm auf einem der Küchenstühle Platz und stützte das Kinn auf den Handballen.

»Also ergibst du dich dieser albernen Tradition, die uns die Amis eingebrockt haben und die nichts mit dem eigentlichen Samhain zu tun hat? Garrett ...« Er seufzte.

Garrett schmunzelte nur und begann, die Süßigkeiten in gläserne Schüsseln zu füllen. Er wusste, dass sein Lebensgefährte mit diesen neumodischen Bräuchen wenig anfangen konnte. Henry war schließlich ein Vampir und bereits so alt, dass man in seiner Jugend noch das ursprüngliche Samhain begangen hatte - ganz ohne Süßkram, gruselige Verkleidungen und Eier, die man zur Strafe an die Häuser warf.

»Ach, lass den Kleinen doch ihren Spaß. Mir macht das nichts aus. Außerdem«, der junge Mann zwinkerte, »könnte ich wetten, dass diese Sachen hier keine zehn Minuten stehen, bis du anfängst, selbst zu naschen. Also hast du auch etwas davon.«

Henry, der tatsächlich eine Gummispinne in der Hand hatte und dieser gerade ein Bein abgebissen hatte, errötete fast unmerklich unter seinem Stoppelbart und kaute mit schiefem Mund.

»Ja, okay. Aber ich werde mich nicht verkleiden!«

»Musst du gar nicht. Lass einfach deine Fänge sichtbar, das reicht schon.« Garrett lachte und trug eine der Schüsseln in den Flur zur Kommode.

Der junge Mann war schon immer ein Halloween-Fan gewesen. Auch das Haus und der Garten waren von ihm geschmückt worden. Als er noch ein Teenager war, hatte seine Mutter diesen Brauch nicht gern mitgemacht und sich geweigert, mehr als einen Kürbis für die Haustür zu kaufen. Und durch das schwierige Verhältnis Garretts zu den Gleichaltrigen Gatwicks damals, war ihm auch die Freude an Halloween-Parties vergangen. Dafür hatte sein damaliger Erzfeind Kyle Hastings schon gesorgt, indem er ihm grausame Streiche gespielt oder ihn fortwährend gedemütigt hatte.

Doch diese Zeiten waren vorbei. Garrett war inzwischen erwachsen geworden, hatte Frieden mit Kyle geschlossen, auch wenn sie niemals wieder Freunde geworden wären, und hatte seine Leidenschaft für das Gruselige und Makabere wiederentdeckt.

Dass der Mann seines Lebens zufällig ein Vampir war, hatte damit aber nichts zu tun.

»Ach Henry ...«

Der Mann in der Küche, der bereits drei weitere Gummiinsekten vernichtet hatte, seit sein Freund das Zimmer verlassen hatte, stellte das Kauen ein und brummte. Wenn Garrett in diesem Ton bei ihm ankam, dann wollte er etwas von ihm und Henry wusste, dass es etwas war, das er nicht mögen würde.

»Was denn, Schatz?«, rief er zuckersüß zurück und wappnete sich.

»Heute Abend gibt es eine Party ...«

»Ach?«

»Ja, in der Aula der Schule. Eine Halloweenparty ...«

Henry rieb sich die Augen. Der Kerl würde ihn noch einmal zugrunde richten.

»Uuuund ... du willst da hin?«

Garrett nahm neben dem Vampir am Tisch Platz und steckte sich auch ein Gummitier in den Mund. Er nickte, während er kaute.

»Weißt du, damals wäre ich nie auf so eine Party gegangen ...«

»Ich weiß.«

»... aber ich möchte gern. Kyle hat mir schon meine Teenagerjahre versaut. Das ist heute alles Vergangenheit und ich habe das Gefühl, ich ... ich muss etwas nachholen. Außerdem habe ich Bock drauf. Ich war nicht mehr auf einer Halloweenparty, seit ich 15 war und damals endete es damit, dass ich blutrotes Sirup in den Haaren hatte und über und über mit Eiersalat bedeckt war. Selbst in London, wo es mir so viel besser ging, habe ich mich von Parties immer irgendwie ferngehalten.«

Henry strich seinem Partner über die Hand. Er wusste, dass dieser schwer gehänselt wurde, bevor er mit 18, nach dem Tod seiner Mutter, zu seinem Vater nach London gezogen war. Er seufzte. Damals hatte er, Henry, Garretts Peiniger Kyle solche Angst gemacht, dass dieser ihn fortan in Ruhe gelassen hatte, doch das Trauma langjährigen Mobbings steckte noch immer tief in Garrett drin.

»Muss ich mich verkleiden?«, fragte Henry also zerknirscht, aber mit einem Lächeln.

Garrett musste grinsen. »Klar. Wir gehen als Blutsauger, dann musst du nicht allzu viel tun.«

»Ach nein? Wenn ich so angezogen bin wie immer, erkennt ja keiner, was ich darstellen soll.« Henry machte Gänsefüßchen mit den Fingern.

Sein Gegenüber spitzte die Lippen und betrachtete den Vampir einen Moment abschätzend.

»Da hast du Recht. Die Leute in der Stadt kennen dich und wissen, dass du immer dunkel angezogen bist und diesen Gesichtsausdruck spazieren trägst, dass du jedem eins auf die Fresse gibst, der dich blöd anmacht.«

»Gar nicht wahr!«

Garrett überging diesen Protest mit einem Grinsen. »Gut, dass ich uns Anzüge und Capes besorgt habe. Und Makeup. Du bist für einen klassischen Vampir aus der Glitzerwelt des Hollywoods der 50er Jahre viel zu modern.«

»Ach du Schande ...«

»Tja, Schatz. Wer deine Fähigkeiten nicht kennt, würde es dir nicht glauben. Leb damit.«

»Umso besser. So habe ich meine Ruhe. Gekämpft habe ich lange genug.«

Drei weitere Gummispinnen fanden ihren Tod zwischen den Zähnen des Vampirs, als ihm etwas einfiel.

»Heute Abend, sagst du?« Er sah auf die leise tickende Küchenuhr. »Wann fängt der Spaß denn an?«

»Es ist eine Veranstaltung für alle. Wie diese dämliche Tanzfete, nach der wir damals Ghoule gejagt haben, erinnerst du dich?«

»Wie könnte ich nicht ...«

»Also gegen 19.30 Uhr. Allerdings geht sie länger als bis Mitternacht für alle, die über 18 sind.«

Henry streckte sich. »Dann werde ich mal unter die Dusche springen, damit du nachher mit deiner Kostümerei anfangen kannst.«

Grinsend sah Garrett ihm hinterher. Und beschloss dann, ihm dabei einfach Gesellschaft zu leisten.

 

~

 

»Ich sehe lächerlich aus!«, befand Henry, als Garrett damit fertig war, ihn herzurichten. Dieser hatte das Gesicht des Vampirs mit Makeup bleicher gemacht, die Wangenknochen mit grauem und weißem Puder stärker hervorgehoben und ihm mit einem glossy glänzenden Lippenstift die Lippen angemalt. Etwas Kunstblut erweckte außerdem den Eindruck, als hätte er soeben gespeist - und war dabei nicht sehr sorgfältig.

»Ich habe nie einen blutverschmierten Mund. Selbst wenn ich beiße nicht ...«

Garrett grinste. »Das ist doch nur ein Klischee, du. Ich weiß, dass du das nicht hast. Aber das ist ein Kostüm und da trägt man dick auf. Nie Dracula mit Christopher Lee gesehen? Oder mit Gary Oldman?«

Henry knurrte. »Ich kenne sogar Murnaus 'Nosferatu'. Gott, ist das kitschig.«

Der Vampir steckte in einem altmodischen Anzug mit einem gerüschten Hemd, das einen hohen Kragen hatte. Darum gebunden war eine schmale Fliege, mit einem Edelstein verziert. Garrett hatte einen guten Blick bewiesen, denn der Zweiteiler saß an Henry wie angegossen und stand ihm ausnehmend gut. Er konnte sich noch an die Zeiten erinnern, als diese Art der Garderobe tatsächlich modern war. Irgendwann im ausgehenden 19. Jahrhundert in der britischen Upper Class.

»Weißt du, es ist schade, dass du deine eigene Kleidung aus dieser Epoche Englands nicht mehr hast. Dann wäre es noch authentischer geworden.« Der junge Mann betrachtete seinen Lebensgefährten.

»Kleider müssen entsprechend aufbewahrt werden und du kennst mein Haus. Wo soll ich da alte Klamotten aufhängen, ohne das Motten rankommen ... Einen Ausgehrock müsste ich noch haben, aber auch nur, weil Brokat so ein halsstarriger Stoff ist, der sich in Jahrhunderten noch weigern wird, kaputt zu gehen.«

Garrett lachte und legte Henry das Cape um, das dieser zweifelnd betrachtete.

»Ernsthaft?«

»Wir reizen heute jedes Klischee aus. Eigentlich hätte ich vielleicht als Mönch gehen sollen, der dich mit einem Kruzifix im Zaum hält, aber ... das ist unheimlich. Ich will dich gar nicht irgendwie einschränken.«

Henry grinste und schmatzte dem jungen Mann einen Kuss auf die Wange, was einen blutroten Farbabdruck hinterließ. Dieser wischte sich über das Gesicht und holte sich fordernd einen richtigen Kuss, was das Lippenstiftmanagement komplett ruinierte.

»Jetzt musst du alles nochmal machen«, kicherte der Vampir. Garrett schürzte die Lippen, die durch die Farbe verschmiert waren, und lächelte nur.

»So schlimm ist es nicht und das war es allemal wert.«

Nachdem der Mund wieder nachgemalt war, widmete sich der junge Mann seinem eigenen Kostüm, während Henry sich auf dem Bett langmachte - soweit es das Cape zuließ - und an die Decke starrte.

»Ich frage mich, was Kyle sagen wird ...«, sinnierte er.

Garretts ehemaliger bester Freund und späterer Peiniger war der Einzige, der genau wusste, was Henry war. Er hatte den Vampir und seine Gefährten damals kämpfen sehen und er war bei dem Kampf dabei, bei dem zwei seiner, Kyles, Freunde getötet worden waren. Außerdem wusste er, dass Henry ihn getötet hätte für alles, was er Garrett angetan hatte, wenn dieser ihn nicht davon abgehalten hätte.

»Meinst du, er stellt sich hin und bringt es, deine wahre Natur zu outen? Wohl kaum. Wer würde ihm glauben? Er hat sich damals nicht getraut, den Cops was von den Ghoulen zu sagen, als man den Tod von Stephen und Neil untersucht hat, da wird er dir heute sicher nicht mehr ans Bein pissen. Er redet ja nicht einmal mit mir, wenn du dabei bist. Er hat immer noch Angst vor dir.«

Henry knurrte. »Völlig zu Recht. Ich bin sehr nachtragend ...«

»Nicht bei mir«, kicherte Garrett und malte weiter in seinem Gesicht herum.

»Da ist es auch nicht nötig. Dein Leben ist mir zu kostbar, um lange böse auf dich zu sein. Aber Kyle, den kann ich genüsslich hassen, bis er ins Gras beißt.«

»Du bist so ein Poet«, lachte der junge Mann mit einem Blick zu dem Vampir.

»Ich weiß.«

»Und auch so bescheiden ...«

Henry musste lachen.

»So ... was sagst du? Gehst du so mit mir vor die Tür?« Garrett richtete sich auf und drehte sich einmal. Er hatte das Kostüm, einen eng geschnittenen, sehr eleganten Dandy-Anzug, bereits an. Dieser ließ ihn noch schlanker wirken, als er ohnehin schon war, obwohl er in den letzten Jahren einiges an Muskelmasse zugelegt hatte. Die Schalkrawatte hatte ein zartes cremeweiß und harmonierte mit der hell geschminkten Haut. Obwohl Garrett als Engländer ohnehin von Natur aus blasser war als Henry, dessen irische Wurzeln sich auch in seinem Äußeren niederschlugen, hatte er mit Puder für noch mehr Blässe gesorgt. Es kam ihm, Garrett, zugute, dass er sich als Teenager regelmäßig geschminkt hatte, denn diese Fingerfertigkeit hatte er nicht verlernt. Seine Augen waren mit einem grauen Ton umrandet, was für stark betonte Augenhöhlen sorgte und den Eindruck erweckten, als wären sie eingesunken. Die Wangenknochen waren ebenso geschminkt wie die von Henry, mit Grau und Weiß, was sie eingefallen aussehen ließ. Garretts wohlgeformte, volle Lippen waren ebenfalls rot geschminkt und auch er sah mithilfe von Kunstblut wie ein sorgloser Trinker aus. Die kurzen, blonden Haare, die oben länger waren als an den Seiten, hatte sich Garrett mit Gel nach hinten gekämmt.

Er sah tatsächlich wie ein Dandy aus. Es fehlte nur noch der Hut und der gewachste Schnurrbart.

»Du siehst sehr schwul aus, mein Liebling«, lachte Henry herzhaft, stand auf und umarmte ihn. »Sehr gelungen. Wie ein Zeitreisender.«

Garrett grinste amüsiert. »Gut.« Er sah auf die Uhr. »Hm, wir könnten zu Fuß gehen, es ist noch Zeit. Was sagst du? Dann können wir auch was trinken.«

Der junge Mann wusste natürlich, dass Alkohol auf den Vampir keinen Einfluss hatte und dass dieser Unmengen davon trinken konnte, ohne auch nur Anzeichen davon zu zeigen, betrunken zu sein.

»Wir können laufen. So weit ist es ja auch nicht bis zur Schule. Aber besauf dich nicht, sonst trage ich dich heim. Wie einen Mehlsack auf der Schulter.«

Garrett lachte und wandte sich zur Tür, während Henry noch einen Blick in den Spiegel warf. Es behagte ihm nicht, wie eine Karikatur von Errol Flynn auszusehen und er mochte das Gefühl von Makeup auf seiner Haut nicht, aber für einen Abend würde es gehen.

»Kommst du mit mir, Vampir?«

»Ja.«

 

~

 

Wie es bei den Gemeindefesten üblich war, hatte sich fast die gesamte Gatwicker 'Prominenz' versammelt. Niemand, der glaubte jemand zu sein, würde es in dieser kleinen Stadt wagen, so einer Festlichkeit fernzubleiben, denn das würde von den Anwesenden augenblicklich als Anlass genommen werden, den ganzen Abend darüber zu tratschen.

Und Klatsch, ja, danach hungerten sie, besonders die oftmals sehr gelangweilten Hausfrauen der besserverdienenden Einkommensschicht der Stadt. Die, die den ganzen Tag damit verbrachten, durch ihre blütenweißen Spitzengardinen in die Gärten der Nachbarn zu spähen, auf der Suche nach einem kleinen Skandal. Und wenn es nur die Beobachtung war, wie die Nachbarin ihren Küchenmüll in die falsche Abfalltonne warf. Dafür lebten sie! Und darüber berichteten sie dann in allen Details ihren oft sehr desinteressierten Ehemännern, die eigentlich nur in Ruhe ihr Dinner genießen und dann Fußball schauen wollten.

Garrett, in dessen Nachbarschaft fast nur Rentner lebten, war solches Verhalten gewöhnt und hatte es schon immer belächelt.

Als Teenager hatte es ihn aufgeregt, dass diese Spießernachbarn in ihm das schwarze Schaf der gesamten Gegend gesehen und gemeint hatten, allein seine Anwesenheit würde den Wert ihrer Häuser mindern.

Heute, als Erwachsener, lebte Garrett wieder dort. Er hatte sich äußerlich angepasst, er sah jetzt 'normal' aus. Doch nun lebte er, in dem Haus seiner Eltern, dem Haus, in dem er aufgewachsen war, ganz offen und ohne Scham in einer romantischen Beziehung mit einem Mann und jeder wusste es. Sofern sich die Nachbarn daran stören sollten, hatten sie ihn dies zumindest bislang noch nicht wissen lassen. Vielleicht waren die alten Leutchen doch weniger spießig, als Garrett gedacht hatte.

»Wie die Motten zum Licht kommen sie. Ja nur gesehen werden. Herrlich, diese Kleinstädte.«

Henry und Garrett schlenderten gemütlich durch die von Straßenlampen erhellten Gassen Gatwicks. Sie hielten einander an den Händen, die jeweils in eleganten seidenen Handschuhen steckten, wie es sich für Gentlemen des alten Englands gehörte. Das Händchenhalten nahm ihrer gelungenen Kostümierung etwas die Bedrohlichkeit und trotzdem waren einige Kinder schreiend davon gelaufen, als sie der beiden Männer mit dem schaurigen Makeup ansichtig wurden. Garrett hatte einen Moment ein schlechtes Gewissen, während Henry das Chaos nur lustig fand.

»Wissen die nichts von der Party?«

»Die Kleinen hatten ihre Kinderfete schon letzte Woche. Ich war als Fotograf da, schon vergessen?«

»Ah, da war was mit Schule, ja. Ich habs im Kalender gesehen.«

»Diese Party ist für alle ab vierzehn und die Erwachsenen. Wie dieser dämliche Tanz, der ja auch vor drei Wochen war.«

»An dem wirst du nie Gefallen finden, hm?«

»Nein. Zu schlechte Musik und kein Anreiz. Hier kann ich mich wenigstens verkleiden.« Der junge Mann grinste. Er gehörte definitiv nicht zu denen, die jedes Gemeindefest mitnahmen, weil man sonst über sie tratschen könnte.

Denn wenn man es logisch betrachtete - die Leuten würden so oder so tratschen, über die Frisur, die Kleidung, das Lachen, das Benehmen. Egal was. Man redete einfach. Und Garrett Pinkerton, dessen Eltern jeder in Gatwick kannte oder gekannt hatte, war schwul. Das mochte für viele angeblich kein Problem sein - und es ging sie auch nichts an - doch es lieferte dennoch Gesprächs-, Diskussions- und Lästerstoff für Stunden!

Was seiner Auftragslage als Fotograf jedoch glücklicherweise keinen Abbruch tat. Wie gesagt, seine Eltern gehörten zur angeblichen 'Gatwicker Prominenz', jeder hatte sie gekannt und respektiert. Garretts guter Name bewahrte ihn vor diskriminierenden Schmähungen seinem Lebensstil gegenüber. Und die Qualität seiner Arbeit machte den Rest.

Henry gegenüber blieben die Menschen dennoch skeptisch und wirkten eingeschüchtert, wenn sie auf ihn trafen, ob allein oder mit Garrett an seiner Seite. Seit der Vampir zu diesem gezogen war, war er natürlich auch für die Menschen in der Nachbarschaft und der Stadt wieder 'sichtbar' und musste sich, auch wenn es anfangs schwer fiel, auf sie einstellen. Die langen Jahre, in denen Henry in seiner Hütte im Wald gelebt hatte, hatte ihn kaum ein Mensch zu Gesicht bekommen. In die Stadt war er nur nachts gegangen, wenn es nötig war, Besorgungen zu machen. Er war unsichtbar gewesen.

Das schlug sich auch in seinem Umgang nieder. Henry war wortkarg, plaudern fiel ihm schwer, Interesse heucheln auch. Selbst lächeln tat er bestenfalls bei Kindern oder alten Damen. Das brachte ihm den Ruf ein, der durchaus attraktive, aber unheimliche, stille und mürrische Mann an Garretts Seite zu sein.

Denn die Gatwicker kannten nicht den Menschen, den dieser kannte. Den, der liebevoll war. Der nachts im Schlaf seine Hand hielt. Der ihm morgens das Frühstück ans Bett brachte und dafür sorgte, dass er sich immer wohlfühlte, ob körperlich, emotional oder weil das Haus immer sauber war. Der ihm den Rücken freihielt. Und den, der bereit wäre, sein Leben zu geben, um das von Garrett zu bewahren. Der sieben lange Jahre auf ihn gewartet hatte. Und der ihn, Garrett, mehr liebte als irgendetwas anderes auf der Welt.

 

Als die beiden Männer die Schule erreichten, konnten sie sehen, dass diese sehr aufwändig geschmückt worden war. Es war in erster Linie eine Schulfeier, folglich stammte die Deko von den Schülern selbst.

Schon draußen auf dem kleinen Vorhof des alten Backsteingebäudes standen die Leute, viele davon waren ehemalige Mitschüler von Garrett. Dieser konnte auch Kyle und seine Ehefrau, Gemma, ausmachen. Ihre Kostüme waren nicht sehr einfallsreich. Es war klar, dass die Blondine, die immer eine Tussi war und auch immer eine bleiben würde, als Prinzessin gehen würde. Mit dem Unterschied, dass ihr Kleid so zerrissen war, dass es fast bis zur Schamgrenze hochreichte, und bespritzt war mit Kunstblut. Garrett zog leicht die Braue hoch. Kyle steckte in einem ähnlich gefärbten Prinzenkostüm und seine linke Gesichtshälfte war so angemalt, als würde dort die Haut fehlen.

»26 Jahre alt und kein bisschen erwachsen, die Bande«, murmelte Henry hinter seinem Freund.

»Wie warst du mit 26?«

»Untot.«

»Na das passt ja.«

»Total. Ich war viel cooler.« Der Vampir machte einen Schmollmund und sah so arrogant aus, dass Garrett lachen musste, was die Aufmerksamkeit der Leute auf die Neuankömmlinge zog.

Begrüßungen wehten zu den beiden herüber, als wäre man sein Leben lang Freunde gewesen. Doch Garrett hatte nicht vergessen, dass die meisten dieser Leute nur zugesehen hatten, während er fertiggemacht wurde, sich oftmals an dämlichen Scherzen von Kyle und seinen Jungs beteiligt hatten und dass jeder einzelne von ihnen durch sein Tun oder auch Nichttun dafür gesorgt hatte, dass die Schule für ihn die Hölle war.

Er war nicht nachtragend - nicht so wie Henry, der sie am liebsten alle schlachten würde - doch er konnte auch nicht einfach so tun, als wäre all die Angst damals nicht gewesen, all die Tage, an denen er sich nicht in die Schule getraut hatte, weil er nicht das Opfer sein wollte. Nichts war vergessen, nur weil man jetzt erwachsen war und Abstand zu den kindischen Aktionen genommen hat. Denn die Erinnerungen an die Wunden, die diese geschlagen hatten, konnte man nicht einfach auslöschen.

»Na, immer noch so eine gute Idee, herzukommen?« Garrett konnte Henrys Atem an seinem Ohr spüren und nickte.

»Klar. Ich muss mit denen nicht reden, oder? Ich bin mit dir hier. Und wenn es keinen Spaß mehr macht, gehen wir wieder. Ich wüsste schließlich einige Dinge, die man zuhause machen könnte ... im Bad ... oder auf der Couch ...« Er grinste anzüglich und Henry zog schmunzelnd die Augenbraue hoch.

»Ist das so?«

»Schau, wir haben so viel Makeup an uns, das müssen wir abwaschen. Was spricht dagegen, uns danach noch ein bisschen ... schmutzig zu machen?«

Henry lächelte milde. »Du bist wirklich unersättlich.«

Garrett zuckte nur mit den Schultern und zwinkerte. »Sei doch froh. Ich könnte ja auch ein Sexmuffel sein.«

»Oh, das bin ich. Gehen wir rein? Ich glaube, es fängt an zu regnen.«

»Sagt der Blutsauger oder hast du einen Tropfen abbekommen?«

»Beides. Lass reingehen. Ich will wissen, was da drin so gut riecht.«

Der Vampir nahm Garrett an der Hand und zog ihn förmlich hinter sich her. Dieser konnte die Blicke seiner ehemaligen Mitschüler sehen und es nervte ihn. Früher hatten sie ihn fertig gemacht und ihn als 'Schwuchtel' beschimpft und heute taten sie so, als wäre es ja gar kein Problem, dass er mit einem Mann zusammenlebte. Alles Heuchler, verdammte Bande.

Kyle hatte die beiden auch bemerkt und hob zur Begrüßung die Hand, während Gemma in ihren allgegenwärtigen Taschenspiegel spähte. Garrett nickte ihm nur zu, zu mehr hatte er keine Zeit, als Henry ihn die Treppe hochzog.

»Hmmm ... Gibt es eine Art Bufett?« Der Vampir schnupperte.

»Äh, ja ... Hast du wieder nichts zu Mittag gegessen, während ich unterwegs war?«

»Nicht wirklich ... nur die Gummitiere vorhin.«

Garrett lachte. »Na da bist du aber selbst schuld. Der Kühlschrank ist doch voll.«

»Dann lohnt sich das rumhängen hier wenigstens. Wo ist die Kasse?«

Die beiden blickten sich um und entdeckten den Oberschüler, der dazu verdonnert worden war, den Kassenwart zu spielen. Es war eine langweilige Aufgabe, bei der man nur vor den Türen der Aula rumzusitzen hatte und den Leuten die vier Pfund abnehmen musste, damit sie in den Raum durften.

Henry warf dem pickligen Teenie einen Zehner hin und stemmte mit einem »Rest ist für dich« die schweren Türen auf. Der Junge lächelte mit einem Nicken und Garrett folgte seinem ruppigen Freund in die Aula.

»Das war nett von dir.«

»Der Kerl hat schon genug die Arschkarte, den ganzen Abend da draußen rumhängen zu müssen. Mit dem Wechselgeld kann er sich wenigstens 'ne Cola aus dem Automaten ziehen.«

»Sag nochmal einer, du bist ein Rauhbein, du liebenswürdiger Stoffel.«

Mit einem Lächeln wandte Henry sich um. »Ich bin liebenswürdig, du sagst es. Es ist ja nicht meine Schuld, dass ich die meisten Menschen hier zum Kotzen finde. Zumindest die deiner Generation. Außer dich.«

Garrett machte einen Schritt auf ihn zu und schob ihn von der Tür weg, damit nicht jeder, der reinkam, in sie rein rannte. Mit einem frechen Blick tippte er ihm mit dem Finger auf die Lippen.

»Es wäre auch schlecht, wenn du mich auch so doof finden würdest. Und trotzdem lebst du hier mit mir. Ich fühle mich geehrt.«

Seine Hand in der Bewegung festhaltend, beugte sich Henry etwas zu ihm runter. »Ich würde in der Wüste leben oder in der Antarktis, solange du dabei ist.«

Garrett lachte. »Awww, bist du süß. Lass dich dabei nicht hören, das ruiniert deinen Ruf.« Er schmatzte ihm einen Kuss auf den Mund und wandte sich in die Aula um, während der Vampir nur lächelte.

»Nett gemacht. Ich war schon ewig nicht mehr auf dieser Party. Die Deko ist nett. Und schau, Henry, da ist das Buffet.«

»Ist es denn schon eröffnet? Viel ist noch nicht los.«

Und das stimmte. Die Musik lief zwar laut und die Lichter, die wie Geister und grinsende Kürbisse aussahen, tanzten über das Parkett und die Wände, aber es waren erst einige zig Leute in der kleinen Halle. Die Schüler hatten sie mit zerfetzten Tüchern dekoriert, von denen einige so fein waren, dass sie wie Nebelschleier beim kleinsten Lufthauch wehten. Einige waren schwarz und sahen aus, als hätten sie die von einem Bestatter bekommen. Die Tischreihe, die das Buffet trug, war mit schwarzen Tüchern bedeckt und zwischen den Schüsseln und Platten tummelten sich Gespenster aus Pappe, Spinnen aus Pfeifenreinigern, kleine Kürbisse, die jemand sorgfältig ausgehöhlt hatte und in denen Teelichte flackerten, und blutrotes Konfetti. Rote und orangefarbene Lichterketten und Sträuße aus buntem Herbstlaub zierten Tische und das Pult, an dem ein DJ auf seinem Laptop herumtippte, um die Playlist zu perfektionieren.

Garrett sah auf seine Uhr, die er unter dem altmodischen Rüschenhemd verborgen hatte.

»Es ist gleich halb acht. Also offizieller Beginn. Dann werden die meisten reinkommen, nehme ich an. Und die, die cool sind«, Garrett machte Gänsefüßchen, »kommen eh erst später, weißt du doch.«

»Oh ja. Pubertäres Verhalten und so. Das war zu meiner Zeit ganz anders.« Henry lehnte sich in einer ruhigen Ecke an die Wand und zog seinen Freund ein Stück an sich heran. Dieser lehnte sich mit der Schulter an ihn.

»Ach nein? Haben zu deiner Zeit die Jugendlichen nicht versucht, andere zu beeindrucken? Haben die Jungs nicht versucht, einen Dicken vor den Mädchen zu markieren? Gab es kein Mobbing?«

»Doch, natürlich. Aber es war ... hm ... nein, vermutlich war es ganz genau so wie jetzt.« Henry lachte. »Halbstarke waren und werden hormongesteuerte Chaosproduzenten bleiben, solange die Menschheit existiert. Es ist nur erschreckend, wie sehr die Grausamkeit untereinander zunimmt. Dass man einander geärgert und herumgeschubst hat, war schon bei mir so, als ich ein Kind war. Aber es wurde durch die Jahrhunderte immer schlimmer.«

»Na ja ... im Mittelalter ging es doch generell grausam zu ...«

Henry nickte nur und gemeinsam beobachteten die beiden, wie sich die Aula nach und nach füllte. Die Schüler hatten sich bei ihren Kostümen erschreckend viel Mühe gegeben und man konnte ganz genau die herauserkennen, die ihre Gehirne mit zu vielen Splatterfilmen belastet hatten.

»Das ist echt der Horror«, keuchte Henry hinter seinem Partner und dieser wandte sich um.

»Bekommst du davon Angst?«

»Unsinn. Ich habe sowas schon gesehen, ohne dass es ein Kostüm war. Aber ich würde mir Sorgen machen, wenn das meine Blagen wären.«

Garrett lachte. »Ja, du bist ein alter Mann.«

»Und ich hasse Teenager ...« Gemeinsam lachten sie, während es zunehmend warm in der Aula wurde.

Die Jugendlichen lungerten auf der einen Seite herum und wagten es kaum, mehr zu tun, als leicht im Takt der scheußlichen Musik zu wiegen und sich zu unterhalten. Verständlich, wenn keine zwei Meter entfernt die eigenen Eltern standen, ebenso versucht gruselig zurecht gemacht, und insgeheim alles registrierten, was der Nachwuchs trieb.

Auf diese Art verhinderte man, dass sich die Teenager auf diesen Partys betranken und hinterher in der Stadt eskalierten.

Der Schuldirektor, der bereits im Amt gewesen war, als Garrett die Schule besucht hatte, ergriff das Mikrofon und klopfte mit den Fingern darauf herum. Die Boxen pfiffen einmal laut und man hörte seine Entschuldigung dumpf aus den Lautsprechern.

»Willkommen, liebe Schüler, Eltern und Andere. Schön, dass ihr und Sie so zahlreich erschienen sind. Ich eröffne hiermit das Buffet und wünsche viel Spaß bei der Party.« Die Boxen pfiffen noch mal und alle waren froh, als das Mikrofon wieder still war. Die Menschen wandten sich wieder ihren Gesprächen zu und bewegten sich langsam in Richtung der Tische, um sich mit Bowle und kleinen Snacks einzudecken.

»Na los, geh dir was zu futtern holen. Deswegen bist du doch hier. Ansonsten wärst du schon lange wieder abgehauen.«

»Oh du kennst mich zu gut. Was sollen wir sonst tun? Tanzen?«

»Kannst du denn ... tanzen?« Garrett stellte erschrocken fest, dass er Henry das in all den Monaten, die sie bereits gemeinsam lebten, nie gefragt hatte.

»Natürlich. Aber nicht zu dieser Musik.«

Der Vampir kehrte nach einiger Zeit zu seinem Freund zurück, mit zwei orangefarbenen Papptellern, auf denen Würstchen lagen, die wie Finger aussahen, ein paar Eiern, die den Anschein machten, als wären es Augen, und Nudelsalat.

»Bitte.«

Die beiden zogen sich zwei Stühle heran und machten es sich gemütlich.

 

Nach dem Essen konnte Garrett Henry doch noch zu einem Tänzchen auf die Tanzfläche locken. Auch die Jugendlichen hatten die anfängliche Scheu verloren, dass die Eltern ihnen zusehen würden, und hopsten im Takt der aktuellen Chartmusik herum.

Der Vampir überraschte Garrett mit seinem vielseitigen Talent, das von lateinamerikanischen Schritten bis hin zum klassischen Walzer reichte, und als der junge Mann sich später auf einen Stuhl fallen ließ, war er verschwitzt und hatte sich das Makeup verschmiert.

»Na wenn sich das nicht gelohnt hat. Jetzt hast du den schicken Fummel doch noch durchgeschwitzt.«

»Ja. Ich bin total erledigt.« Garrett warf einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Es ist zehn. Wollen wir abhauen?«

»Sehr gern. Ich erinnere mich daran, dass du dich zuhause noch etwas schmutzig machen wolltest ...«

Sich im Gehen noch eines der Augen-Eier in den Mund steckend, schob Henry seinen Freund aus der vollen und sehr aufgeheizten Aula nach draußen in den Schulflur.

Es war inzwischen Nacht geworden und es nieselte, aber nach der Wärme in der kleinen Halle war dies eine willkommene Abkühlung.

Garrett zog sich sein Cape über den Kopf und kicherte. »Schnell heim. Ich würde gern aus dem Anzug raus, sonst bekomme ich noch eine Erkältung.«

 

~

 

Henry wachte mitten in der Nacht auf und setzte sich aufrecht hin. Er wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Es war kalt im Schlafzimmer und der Mond leuchtete hell, obwohl eigentlich kein Vollmond war. Aufgeschreckt blickte er sich um und bemerkte, dass er allein war.

Wo war Garrett hin? Auf der Toilette? Er lauschte auf die Geräusche im Haus, doch bis auf das Summen des Kühlschrankes in der Küche und das multiple Ticken der im Haus verteilten Uhren war es still.

Besorgt stand er auf und zog sich eine Trainingshose über, bevor er die Treppe runter in die Küche ging.

»Garrett?«

Er bekam keine Antwort und öffnete deswegen die Hintertür, die auf die Terrasse und von dort aus in den Wald führte. Der Mond erhellte zwar den Himmel, aber es war mitten in der Nacht. Garrett wäre nie allein in den Wald gegangen, um vielleicht zu der Hütte hochzugehen. Hätte er das vorgehabt, hätte er ihn, Henry, zuvor geweckt oder einen Zettel hinterlassen.

Knurrend nahm er das Handy vom Küchentisch und wählte Garretts Nummer, nur um sein dummes Telefon im Wohnzimmer dudeln zu hören.

Er warf das Gerät auf den Tisch zurück und lehnte sich an die Hintertür. Wo trieb er sich herum? Niemand war im Haus gewesen, das hätte seine Nase ihm längst verraten. Also wurde er schon einmal nicht entführt. Nach dem Kampf gegen Allister und was dieser Garrett alles angetan hatte, war es nicht übertrieben, immer zuerst vom Schlimmsten auszugehen.

Er streckte seine Fühler nach seinem Lebensgefährten aus, versuchte das Blut zu erspüren, das ihm gehörte und das durch Garretts Adern floss.

Sonderbarerweise spürte er es im Wald. Und etwas war anders als sonst. Henry schlüpfte in seine Turnschuhe und verließ das Haus in Richtung der Hütte, die so lange sein Zuhause gewesen war. Doch da war niemand und das Häuschen lag dunkel da.

Gehetzt blickte der Vampir sich um, als er ein Knacken hinter sich spürte und Garrett im Dickicht stehen sah.

»Garrett! Was machst du hier draußen?«

»Ich war so hungrig ...« Die Stimme des jungen Mannes klang sonderbar, nicht so wie sonst, irgendwie gierig.

»Wie?«

Der Ankömmling machte einen Schritt auf die Lichtung und Henry konnte einen dunklen Schatten auf dem Gesicht seines Freundes sehen. Und einen Geruch wahrnehmen, der ihm nur zu vertraut war und den er niemals im Zusammenhang mit ihm riechen wollte.

»Was hast du getan?«

»Ich? Das, was du nicht getan hast.« Garrett säuselte die Worte auf eine Art und Weise, bei der Henry schlecht wurde. »Du hast das nicht aus mir gemacht, obwohl ich es mir gewünscht hätte. Erinnerst du dich? Als ich sterbend in deinen Armen lag? Hättest du es getan, hätte ich niemanden dafür anheuern müssen ...«

»Was hast du getan?«

Der junge Mann trat aus dem hohen Gras am Rand der Lichtung und warf dem Vampir etwas vor die Füße, was dieser als seinen Kater Nikodemus erkannte ...

 

Mit einem Schrei schreckte Henry aus dem Schlaf und mit rasendem Atem kniff er sich, um sicherzugehen, dass er dieses Mal wirklich wach war. Panisch rieb er sich über die Augen, um die schrecklichen Bilder loszuwerden. Das Bild von Garrett als Vampir und das Bild seines armen Katers, getötet und weggeworfen wie Müll.

Garrett war ebenfalls aufgewacht und setzte sich auf.

»Alles in Ordnung?« Er legte Henry den Arm um den Rücken und sein Kinn auf die Schulter.

»Morgen hole ich Nikodemus von oben runter. Er ist zu alt, um durch den Wald zu streifen, also bleibt er fortan im Haus.«

»Was hast du geträumt?«

Henry wandte den Kopf zu Garrett und lehnte sich mit der Stirn an seine. »Ist nicht wichtig ...«

»Und wegen nichts hast du geschrien?«

»Ich ... ich hab mich erschrocken, schätze ich.«

Der junge Mann ließ sich wieder in die Kissen sinken und zog den Vampir mit sich. Er schmiegte sich in seine Arme und streichelte seine Brust, bis er spürte, dass sich Henrys Herzschlag beruhigt hatte.

»Sag mal«, murmelte dieser nach einer Weile leise, »damals ... als du verletzt wurdest ... hättest du dir gewünscht, dass ich dich verwandle?«

»Willst du mir wirklich nicht erzählen, was du geträumt hast?«

»Antworte bitte einfach ...«

Garrett küsste seinen Hals und kicherte dann. »Es ist mir egal. Wenn du es gemacht hättest, wäre ich glücklich gewesen. Doch ich bin es jetzt auch. Ich habe dich, was will ich mehr?«

»Sicher, dass du es nicht irgendwann einmal bedauern wirst?«

»Wenn, dann kann ich mich an die Zeit erinnern, die wir hatten und haben werden, und dann habe ich keinen Grund, etwas zu bereuen. Mach dir nicht so viele Gedanken. Ich bin glücklich.«

»Gut.«

»Bist du es auch? Oder zweifelst du an etwas?«

»Nein, tue ich nicht. Und ja, das bin ich.«

»Na dann gibt es ja nichts, worüber man sich Sorgen machen muss.«

»Nein ... vermutlich nicht. Ich denke wahrscheinlich einfach zu viel. Oder dieses verdammte Halloween inspiriert meinen Kopf mehr, als es gut für mich ist.«

Mit einem Lachen stützte sich Garrett auf Henrys Brust. »Vielleicht sollte ich dich ablenken?«

»Nein, lieber nicht. Ich habe mich verausgabt vorhin. Jetzt weiß ich, dass alles okay ist. Also lass uns einfach schlafen und morgen ist alles wieder gut. Aber die Kinder, die an der Haustür klingeln, die werde ich ordentlich erschrecken!«

Müde legte Garrett seinen Kopf wieder auf die Brust des Vampirs, um seinem Herzschlag zu lauschen. Er kicherte matt, während er wegdämmerte.

»Ja, mach das. Das wird bestimmt lustig. Happy Halloween, ha ha.«

Henry strich dem jungen Mann sanft über den Rücken. Garrett hatte Recht. Er hatte keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Es war nicht wichtig, ob sie beide Vampire waren. Es zählte nur, dass sie im Hier und Jetzt glücklich waren.

Und das waren sie, mehr als Henry je für möglich gehalten hätte.

 

 

~ ENDE ~

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