Das venezianische Mädchen

Es wurde ein anstrengender Heimweg. Rafael drohte immer wieder ohnmächtig vom Pferd zu stürzen, Roana döste im Sattel vor sich hin und der Sarazene zog es vor, nur das Nötigste zu reden. Immerhin hatte Peire herausbekommen, dass sein Name Ahmad war und er nicht zu Assads Männern gehörte.
Sie erreichten Rocca d´Aquila am frühen Abend und fanden die Burg in Aufruhr.
Während ihrer Abwesenheit war die Burgherrin Ravena von Rocca d´Aquila aus Venedig zurückgekehrt.
Peire stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Rafael und Roana brauchten dringend einen Arzt und es schien die Antwort auf seine Gebete zu sein, dass Nael und Ravena gerade jetzt zurückgekommen waren. Er sorgte für Rafaels Unterbringung in seiner alten Kammer und eilte in die Halle, fand dort jedoch nur Ravenas Eskorte vor. Während er sich bei einer Magd nach der Burgherrin erkundigte, überflogen seine Augen die Venezianer. Sie waren alle in den gleichen Farben gekleidet, wirkten kräftig und wehrhaft und waren ausgezeichnet bewaffnet. Das beruhigte ihn. Vermutlich waren die Männer nur gedungen, aber immerhin hatte Nael bei ihrer Auswahl ein gutes Auge bewiesen.
Er verließ die Halle und stieg die Stufen zu Ravenas Kräuterkammer hinauf. Die Tür war nur angelehnt und er hörte Stimmengemurmel, ohne jedoch zu verstehen, was gesprochen wurde. Er klopfte an und trat ein.
Ravena und Madda verstummten, als sei ihnen ein Blitz in die Glieder gefahren. Peire wunderte sich darüber, aber nur einen Herzschlag lang, denn er wollte so schnell wie möglich wissen, wie es um Rafael bestellt war.
»Verzeiht mein Eindringen, Herrin«, sagte er. »Ich suche Nael. Rafael ist krank.«
»Ernstlich?«, fragte Madda.
Peire breitete die Hände zu einer hilflosen Geste aus. »Er liegt nicht im Sterben. Aber er ist sehr schwach, kann sich kaum auf den Beinen halten. Nael sollte ihn sich unbedingt ansehen.«
Ravena schwieg, aber es war ein Schweigen ganz besonderer Art, etwas, das mehr Schmerz ausdrückte, als Worte es gekonnt hätten.
Madda warf ihm einen Blick zu, den er nicht zu deuten wusste. »Nael ist nicht hier«, bemerkte sie. »Der Patient wird mit Ravena vorliebnehmen müssen.«
»Wie bitte?«, gab Peire zurück. »Wo ist Nael? Er ist doch nicht ...?«
»Nein, nein. Es geht ihm gut. Denke ich jedenfalls«, murmelte Ravena.
»Wie dem auch sei. Rafael hatte einen schlimmen Unfall, von dem er sich einfach nicht erholen will. Er hat einen Schlag auf den Kopf bekommen. Hast du damit Erfahrung, Herrin?«
»Nein.«
»Siehst du? Wir brauchen Nael. Dringend. Wärst du so gütig, mir zu sagen, wo ich ihn finden kann?«
»Er ... ist in Venedig geblieben«, murmelte Ravena. »Bei seiner Familie.«
»Na, prächtig«, knurrte Peire. »Und wann gedenkt er zurückzukommen?«
Ravena senkte den Blick. »Ich weiß nicht«, flüsterte sie. »Vielleicht gar nicht.«
Peire sah Madda an, doch die hob nur die Schultern und sagte nichts.
Peire fluchte. Mit einem Mal war ihm flau im Magen.
Ravena stand vollkommen reglos da in ihrem dunkelgrünen Wollkleid, lauschte wie versteinert, nicht ein Finger regte sich, nur ein Muskel in ihrer Wange begann zu zucken, während Peire sich in Rage redete, sie mit Fragen und Vorwürfen überschüttete.
Ravena hörte sich alles an, ohne ein Wort zu äußern.
»Oh sei doch still, Peire«, flehte Madda. »Siehst du nicht, was du anrichtest?«
Peire verstummte für einen Moment. Ravena sagte noch immer kein Wort, aber er bemerkte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.
»Allmächtiger, das fehlt mir gerade noch.«
Ravena gab einen erstickten Laut von sich und hob den Handrücken vor die Augen. Doch die Tränen versiegten nicht, fielen auf ihre Hand, tropften durch ihre Finger, auf ihr Kleid und von dort auf den Boden.
Peire betrachtete müßig die Spitzen seiner Stiefel, während er darauf wartete, dass Ravena sich beruhigte. Aber das tat sie nicht. Sie stand einfach da und weinte still vor sich hin.
»Nun mach nicht so ein Gewese um Nael, Herrin«, sagte Peire. »Er wird schon noch begreifen, was er an dir hat.« Ein ungeduldiger Unterton hatte sich in seine Stimme geschlichen. Nicht weil er tatsächlich ungeduldig war, sondern um sein Mitgefühl zu verbergen. Es ihr gerade jetzt zu zeigen würde sie nur in ihrem Selbstmitleid bestärken.
Schließlich sagte Ravena: »Tarun ist tot.«
Peire öffnete den Mund, klappte ihn wieder zu und starrte erst Ravena und dann Madda an.
Es folgte eine lange Stille. Ravena sah sich mit tränenverschleierten Augen in der Kammer um, auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit. Sie tastete umher, fand einen Hocker und ließ sich mit zitternden Händen darauf sinken.
»Es ... es war nichts so, wie wir dachten. Wer hätte auch vermutet, dass Lucca einen so entsetzlich langen Atem haben könnte.«
»Lucca?«, fragte Peire verblüfft. »Was hat dieser Bastard mit allem zu tun?«
»Er hat es darauf angelegt, seine Söhne zu vernichten. Jeden Einzelnen von ihnen.«
»Lucca ist tot, Herrin«, verkündete Peire mit Nachdruck. »Ich war dabei, als er starb. Er kann niemandem mehr etwas anhaben.«
»Doch, kann er«, widersprach Ravena wild. »Noch aus dem Grab heraus stiftet er Unheil.« Ihre Stimme zitterte, verlor den Halt und ging erneut in Schluchzen über. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und drehte sich von ihm weg.
Peire setzte zu einer Entgegnung an, doch Madda winkte ab. »Nicht jetzt, Peire«, murmelte sie. »Deine Botschaft war ein ziemlicher Schock für sie - und das gleich nach dem Tod des Jungen ... Gib ihr Zeit, all das zu verkraften.«
Peire verstummte für einen Moment. Dann sagte er behutsam: »Madda, lass mich ...«
Ravenas Kopf flog mit einem Ruck in den Nacken. »Verschwindet. Alle beide. Wenn ihr etwas für mich tun wollt, dann kümmert euch um Leocadia.«
Peire legte ihr die Hand auf die Schulter und drückte sie mitfühlend. »Wir werden dich nicht länger stören, Herrin. Du weißt ja, wo du uns findest, wenn dir nach Gesellschaft zumute ist.«
Ravena wischte sich die Augen, ohne ihn anzusehen.
Peire ergriff Madda beim Arm und führte sie aus der Kammer. »Wer ist Leocadia?«, fragte er, kaum dass sie unten im Hof standen.
Madda warf einen schnellen Blick zu den Knechten hinüber, die einen Pfad durch den Schnee schaufelten, und zuckte die Schultern. »Ravena hat das Mädchen aus Venedig mitgebracht und mir nur gesagt, dass sie jetzt hier wohnt.«
»Du klingst reserviert Madda. Ist etwas nicht in Ordnung mit ihr?«
»Wie man´s nimmt.«
Peire hob eine Augenbraue. »Was nun? Madda, wenn ich dir helfen soll, musst du mir schon sagen, was dich bedrückt.«
»Das Mädchen macht mir Angst«, bekannte Madda. »Sie hat so etwas an sich ... etwas Böses, Verdorbenes. Wir müssen verhindern, dass sie mit Alessa oder Desi in Berührung kommt.«
»Du scherzt«, protestierte Peire erschrocken.
»Ich fürchte nein.«
»Madda ... «, begann Peire, aber sie schüttelte den Kopf.
»Ich weiß, was ich gesehen habe. Das Mädchen gleicht einer Frucht, der man die Fäulnis im Inneren erst anmerkt, wenn es zu spät ist. Aber sie ist da, Peire. Das spüre ich. Dieses Kind trägt den Teufel in sich.«
»Madda«, wiederholte Peire, und seine Stimme klang so scharf, dass alle in seine Richtung schauten. »Ich will nicht, dass du solche Behauptungen aufstellst«, sagte er kategorisch. »Das Mädchen ist gerade erst angekommen. Es braucht Zeit, um sich an all das Neue zu gewöhnen.«
»Sie hat mich angestarrt, als ob sie mich hasst.«
»Ach, das bildest du dir sicher nur ein. Du wirst ihr Herz schon erobern, Liebste.«
»Dein Wort in Gottes Ohr«, murmelte sie.


Schon die Ankunft in der Burg, die ihr neues Zuhause sein sollte, verlief anders, als Leocadia es sich vorgestellt hatte. Der Burghof wimmelte von Menschen, die alle herbeigeeilt waren, um die Burgherrin zu begrüßen. Es herrschte ein lautstarkes Durcheinander. Kaum das Ravena aus dem Sattel gestiegen war, sprangen zwei kleine Mädchen an ihr hoch wie unbändige junge Hunde und quietschten dabei vor Freude. Leocadia rümpfte die Nase.
Immerhin nahm sich ein Knecht ihrer an, half ihr vom Pferd und führte das Tier davon. Verstohlen ließ sie den Blick umherschweifen. Die Gebäude wirkten wehrhaft, trutzig und abweisend, und Leocadia schluckte einen Anflug von Furcht hinunter. Das Gemäuer beeindruckte sie überhaupt nicht. Die Venezianer bauten viel schönere Häuser, elegante Gebäude mit prächtigen Verzierungen. Dagegen war das hier ... primitiv.
Eine junge Frau trat auf sie zu. »Ich bin Madda, die Kammerfrau der Burgherrin. Du musst Leocadia sein. Komm mit mir, ich zeige dir deine Schlafkammer.«
Madda führte sie eine Treppe hinauf, öffnete die Tür einer Kammer und ließ sie eintreten. »Man bringt dir gleich dein Gepäck. Sicher willst du dich ein wenig ausruhen, nach der langen Reise. Ich komme dich dann später abholen und zeige dir die Küche, wo du etwas zu essen bekommst.«
»Ich habe keinen Hunger.«
»Oh, das kommt schon noch, glaub mir«, sagte Madda und eilte hinaus.
Angewidert sah Leocadia sich im Raum um. In dieser armseligen Burg gab es nicht einmal Glasfenster, von anderen Bequemlichkeiten ganz zu schweigen.
Sie war abgeschoben worden wie ein überflüssiger Gegenstand, ohne dass sie etwas dagegen hatte tun können. Doch niemand konnte sie zwingen, ihr neues Zuhause zu mögen.
Nachdem ihr Bruder sie aus den Klauen des Hurenwirtes gerettet hatte, war sie davon ausgegangen, zukünftig in Jorans Haus zu wohnen. Aber als sie ihn danach fragte, hatte er ihr mit kalter Stimme mitgeteilt, dass sie bei Verwandten leben müsse, weil er keinen Platz für sie habe. Diese Worte hatten sie so sehr gekränkt, dass sie fürchterlich mit Joran gezankt, ihn beschimpft und mit allen möglichen Dingen beworfen hatte.
Seltsamerweise schien ihr Wutausbruch Joran nicht zu verärgern. Er bemühte sich sogar, besonders nett zu ihr zu sein, brachte ihr süßes Gebäck und kaufte ihr hübsche Gewänder. Eine gute Woche lang hatte sie geglaubt, dass es ihm leidtäte, dass Joran seine Meinung geändert hätte. Doch damit war es schlagartig vorbei gewesen, als Joran eines Abends in ihre Kammer kam, um ihr zu sagen, dass er am nächsten Morgen fortgehen würde.
Sie hatte den Mund nicht aufbekommen und ihn nur angestarrt.
»Du wirst bei Nael und Ravena leben und dort alles lernen, was eine junge Dame wissen muss.«
»Nein. Ich will nicht.«
»Warum nicht, Leo?«
»Weil du mich weggibst, wie ein abgelegtes Gewand und - ich hasse dich!«
»Glaubst du, es macht mir Freude, Leo? Aber es geht nicht anders.«
»Es geht nicht anders? Du bist ein Lügner, Joran! In Wahrheit willst du mich doch nur nicht um dich haben! Ich bin dir lästig, gib es zu! «
»Das stimmt nicht.«
»Mutter hat irgendwann die Hoffnung verloren, dass du kommst, um uns zu retten. Sie dachte, du seist tot.«
»Es ging nicht schneller.«
»Es ging nicht schneller? Das ich nicht lache! Wo hast du dich, verdammt noch mal, herumgetrieben, als Mutter und ich dich am dringendsten gebraucht hätten?«
Vielleicht war es während ihrer Gefangenschaft geschehen, dass Joran aufgehört hatte, sie lieb zu haben. Denn an diesem Abend hatte er sie seine einzige Schwester, zum ersten Mal in ihrem Leben geschlagen. Er hatte ihr eine übergezogen, dass sie Sterne sah, hatte sie an den Schultern gepackt und geschüttelt, bis ihre Zähne klapperten und sie angezischt: »Frag mich das nie wieder!«
Dann war er aus ihrer Kammer gestürmt, ohne ihr noch einen einzigen Blick zu gönnen.
Und deshalb war sie jetzt hier, an einem Ort, an dem sie nicht sein wollte. Doch sie würde nicht in diesem Zimmer sitzen bleiben und brav abwarten, bis sich jemand an sie erinnerte. Das konnten diese Bauerntölpel hier gleich vergessen. Sie würde ihnen schon zeigen, dass sie keine gesittete junge Dame war und auch nicht vorhatte, eine zu werden.
Leocadia öffnete die Tür, trat auf den Gang hinaus und sah sich um. Sie fand das Stiegenhaus, stand wenig später im Hof und stapfte durch den Schnee, bis sie auf ein eisernes Tor in der Mauer stieß. Sie spähte durch das Gitter. Hinter der Mauer lag ein stiller Garten. Ihr war danach zumute, etwas zu zerstören, und dort ließ sich sicher etwas finden. Sie schob das Tor auf und trat ein.


»Macht es dir Spaß, die armen Krähen zu quälen?«
Leocadia ließ die erhobene Hand mit dem Schneeball sinken und drehte sich nach der Sprecherin um. Hinter ihr stand ein zierliches Mädchen mit fuchsrotem Haar und musterte sie kritisch.
Leocadia schnaubte. »Ich wüsste nicht, was dich das angeht.«
»Jede Kreatur ist ein Geschöpf Gottes und verdient es, achtsam behandelt zu werden.« Die eisklare Luft hüllte den Garten in ein seltsames Schweigen, in der die Stimme des Mädchens weit trug, obwohl es vermutlich nicht einmal besonders laut gesprochen hatte.
»Das da sind Totenvögel«, schoss Leocadia zurück. »Die haben hier nichts zu suchen.«
Das fremde Mädchen sah sie an, mit einem steten, gelassenen Blick, der Leocadia das Gefühl gab, nackt dazustehen. »Verschwinde«, zischte sie. »Lass mich in Ruhe.« Sie bückte sich, nahm eine Handvoll Schnee auf und begann eine feste Kugel zu formen.
Die Rothaarige kam näher. »Ich habe dich beobachtet«, sagte sie. »Ich glaube, du hast Angst. Weil du hier keine Menschenseele kennst.«
»Na und?«
»Ich dachte, wir könnten vielleicht Freundinnen sein, du und ich. Weil ich hier auch niemanden hab.«
»Ich brauche keine Freunde. Also verschwinde endlich.« Leocadia hob den Arm und schleuderte den Schneeball mit aller Kraft gegen die Gartenmauer.
»Jeder braucht Freunde«, beharrte das Mädchen.
»Ich nicht.«
»Schade. Zeigst du mir wenigstens, wie man Schneebälle wirft? Ich habe so etwas noch nie gemacht.«
Leocadias Herz begann heftig zu schlagen. Du Schaf!, schalt sie sich in Gedanken. Du verdammtes, hirnverbranntes Schaf! Das einzige Mal, dass jemand sich für dich interessiert hat, war nur, um dich gefügig zu machen! Und jetzt stehst du da und starrst dieses Mädchen an wie ...
Dann sah sie, wie die Andere bedächtig einen Schneeball formte und darauf wartete, dass sie ihr die Wurftechnik zeigte.
Geh zum Tor!, befahl sie sich wütend. Kehre in deine Kammer zurück! Hast du überhaupt kein Rückgrat? Keinen Funken Verstand? Die Kleine will dich nur einlullen. Sobald sie erfährt, woher du kommst, lässt sie dich fallen wie ein verdorbenes Stück Brot.
Doch Leocadia kehrte nicht um. Sie konnte es einfach nicht. Langsam, Schritt für Schritt, ging sie auf das still wartende Mädchen zu.
»Wie heißt du?«, fuhr sie das Mädchen an.
»Andara. Und du?«
»Leocadia. Aber komm ja nicht auf den Gedanken den Namen abzukürzen. Ich kann es nicht leiden, wenn man mich Leo nennt.«
Andara nickte. »Ich werd´s mir merken.«
»Besser für dich. Jetzt sieh her. Ich zeige nur einmal, wie man wirft.« Leocadia formte ihren Schneeball, demonstrierte die richtige Haltung, holte Schwung und warf. Dabei stellte sie sich Jorans Gesicht vor, und wie ihr Geschoss ihm gegen die Stirn klatschte. Aber natürlich prallte der Schneeball nur gegen die Gartenmauer und stob in alle Richtungen auseinander.
Andara tat es ihr nach. Ihr Schneeball sank jedoch viel zu früh zu Boden und hinterließ nur ein harmloses Loch im Schnee.
»Na ja, nicht ganz schlecht«, kommentierte Leocadia trocken. Sie formte einen neuen Schneeball, holte aus und tat, als ob sie ihn gegen die Mauer werfen wollte. Im letzten Augenblick drehte sie sich herum und knallte Andara das Geschoß vor die Brust.
Das jüngere Mädchen ruderte hilflos mit den Armen und landete rücklings im Schnee. Es stöhnte auf und rührte sich einige Augenblicke nicht von der Stelle.
Die bin ich los, dachte Leocadia zufrieden. Bestimmt rennt sie gleich zu ihrer Kinderfrau und beklagt sich bitterlich, wie garstig ich zu ihr war.
Doch Andara tat nichts dergleichen. Sie rappelte sich wortlos hoch, klopfte sich den Schnee vom Mantel und kam auf sie zu.
Leocadia starrte ihr entgegen. Ihr Blick musste Zorn ausdrücken, denn Andara blieb unwillkürlich stehen und hob abwehrend die Hände. »Schon gut, schon gut. Du hast es bestimmt nicht böse gemeint«, sagte sie hastig. »So ein kleiner Unfall kann vorkommen.«
»O ja, und du redest dir ein, mein Wurf war ein Versehen, wie?«, fragte Leocadia gepresst. »Du bist dümmer als ein Schaf, wenn du das denkst.« Ihre Stimme bebte vor Zorn. »Glaub nur nicht, ich hätte deinen plumpen Annäherungsversuch nicht durchschaut«, zischte sie. »Wenn du jemanden suchst, bei dem du dich ausheulen kannst, bist du hier falsch.«
»Fühlst du dich jetzt besser?«, fragte Andara gelassen.
»Was?«
»Auf wen bist du so schrecklich wütend, Leocadia?«
»Bin ich gar nicht.«
»Doch bist du. Aber nicht auf mich, auch wenn du so tust, als ob ich an allem schuld wäre.«
»Ich sag´s nicht noch mal. Lass mich in Ruhe.«
Andara atmete tief ein. »Weißt du, am Anfang war ich unglaublich wütend auf meinen Vater. Weil er mich ins Kloster gesteckt hat, ohne mir auch nur ein Wort davon zu sagen. Am Morgen erwachte ich in meinem eigenen Bett, in meiner eigenen Kammer und nur wenige Herzschläge später saß ich in einer elend kalten Klosterzelle und hatte das Gefühl, als könne ich mich nicht mehr rühren, nicht mehr atmen. Ich wusste nicht, dass Wut so weh tun kann. Im Bauch. Ich habe immer nur gesagt, ich will nicht Nonne werden. Ich will einen guten Mann heiraten und Kinder haben. Aber meinem Vater war es völlig gleich, was es für mich bedeutete, in einem Kloster leben zu müssen. Und auf einmal konnte ich gar nicht mehr reden, so als wäre meine Zunge erstarrt. Nur die Wut war noch da und konnte nicht aus mir raus.« Sie starrte auf die Gartenmauer, als gäbe es dort irgendetwas Außergewöhnliches zu sehen. »Ich hab lange gebraucht, um zu begreifen, dass man mit der ganzen Wut auf Dauer nicht leben kann. Es ist gut, mit jemandem darüber zu sprechen.«
»Komm mir nicht damit.«
»Aber es ist so.«
Leocadia schüttelte ärgerlich den Kopf. »Nein. Du irrst dich.«
»Du willst genauso wenig hier sein, wie ich im Kloster bleiben wollte«, stellte Andara fest. »Wer hat deine Träume zerstört? Bitte, Leocadia, sag´s mir.«
Leocadia stand da wie versteinert. Gleich werde ich anfangen zu heulen, dachte sie. Aber das darf ich nicht. Nicht vor der da.
»Meinst du, dein dämliches Gerede bringt mich weiter? Es ändert nichts an der Tatsache, dass Joran nichts von mir wissen will.«
»Wer ist Joran?«
Leocadia hob eine Handvoll Schnee auf, formte eine Kugel und klatschte sie mit aller Kraft gegen die Mauer. »Mein Bruder.«
»Ich verstehe.«
»Wie denn? Du weißt doch überhaupt nichts von mir!«
»Nein?«
»Was kümmern dich meine Probleme?«
»Nun ja, ich habe die gleichen. Wir sollten uns zusammentun.«
Leocadia drehte sich zur Seite und fegte mit einer Hand den Schnee von einem Busch. Dabei versuchte sie, zwei Tränen wegzublinzeln, aber es gelang ihr nicht. Langsam rollten sie über ihr Gesicht, trafen sich an ihrem Kinn, und sie wischte sie mit einer verschämten Geste weg, ohne in Andaras Richtung zu sehen.
Andara streckte zögernd die Hand aus und berührte Leocadias Schulter mit den Fingern. »Lass uns in die Burg zurückkehren. Es wird bald dunkel.«
Leocadia schüttelte wild den Kopf. »Geh nur. Ich komme später nach. Mir ist jetzt nicht nach Gesellschaft.«
Andara zog ihre Hand so unvermittelt zurück, als hätte sie glühendes Eisen berührt. Wortlos wandte sie sich um und ging davon.
Mit geschlossenen Augen versuchte Leocadia, das Gedankenmühlrad in ihrem Kopf anzuhalten. Doch es gelang ihr nicht. Es drehte sich unerbittlich weiter.
Es ist sinnlos, überlegte sie. Joran weiß, was die Männer im Haus des Barons mit mir gemacht haben. Zwei von den Hundesöhnen haben mich genommen. Haben eine ... eine Hure aus mir gemacht. Joran hat mich dort herausgeholt - aus Pflichtgefühl, jawohl! - und nun will er nichts mehr mit mir zu tun haben. Warum auch?
Ich bin doch nur noch auf der Welt, um alles kaputt zu machen. Hinter vorgehaltener Hand werden sie flüstern und ihn schneiden, wegen seines Dreckstücks von Schwester! Und seine Frau wird ihn verlassen. Ach, zur Hölle, ich weiß ja nicht einmal, ob er verheiratet ist ...
Ihr Widerstand brach plötzlich zusammen wie ein Damm in der Sturmflut. Sie senkte den Kopf und weinte, lange und verzweifelt, doch niemand kam, um nach ihr zu sehen. Fast bedauerte sie, Andara vertrieben zu haben. Aber letztendlich war es egal. Sie brauchte niemanden und sie würde nicht versuchen auf dieser Burg Freunde zu finden, wie Joran es ihr eingeschärft hatte. Niemals.

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    Das ist wirklich total professionell geschrieben! Mir gefällt es sehr :)

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