Die grelle Mittagssonne schien auf das Dächermeer der kleinen Stadt herab. Sommerhitze sorgte für leere Straßen, die meisten Menschen hielten sich lieber in ihren kühleren Häusern auf. Die wenigen Leute, die ihr Haus verließen und auf die Straße mussten, versuchten so gut es ging im Schatten der Dachvorsprünge zu gehen, um nicht das volle Ausmaß der Hitze ertragen zu müssen. Nur an einer Straßenecke wichen die Passanten in die Sonne aus, denn jedem lief es kalt den Rücken herunter, wenn sie daran vorübergingen. Der Name der Straße, die so vielen Furcht einflößte, stand auf einem kleinen, rostzerfressenen Schild, das an einer Hauswand montiert war: Arkham Street.

Samuel Walker merkte nicht, wie lange er schon mitten in der prallen Sonne auf der Straße stand und das Schild verzückt anstarrte. Endlich hatte er sie gefunden. Nach all den Jahren des Suchens und all den Enttäuschungen hatte er die größte Hürde genommen. Obwohl er es kaum erwarten konnte, in diese berühmt berüchtigte Straße zu gehen, zögerte er noch einen Moment. Die Warnungen seiner Freunde und die unzähligen Gerüchte, die sich um diese Straße rankten, kamen ihm in den Sinn. Besonders in letzteren musste ja ein Funken Wahrheit stecken, sonst würden sie sich nicht so hartnäckig halten. Durch tiefe Atemzüge sammelte er all seinen Mut zusammen und trat über die unsichtbare Grenze, die die Straße vom Rest der Stadt trennte. Nichts geschah. Weder befand er sich in einer anderen Dimension, noch kam irgendein Monster auf ihn zugestürmt, um ihn zu verschlingen, noch fühlte er sich irgendwie anders als sonst. Langsam atmete er wieder aus und fing an, laut loszulachen. Hatte er wirklich an all diesen Humbug geglaubt, der erzählt wurde? Kopfschüttelnd ging er weiter, denn länger konnte er nicht warten. Seine Schuhabsätze klackten leise auf dem Kopfsteinpflaster der Straße, als er seines Weges zog. Die Häuser, die er passierte, waren zwar alt und baufällig, aber bei Weitem nicht so düster und verwahrlost, wie immer gemunkelt wurde. Zugegeben, in ein paar Häusern waren Geschäfte ansässig, die man instinktiv mied, aber das machte ja gerade den Charme dieser Gegend aus. Fast hätte er sein Ziel verfehlt, wäre er nicht stehen geblieben, um zu sehen, was die Ursache des Quietschens über seinem Kopf war. Der Wind hatte aufgefrischt und bescherte der Stadt eine leichte Abkühlung. Dabei hatte er auch einige Schilder in Schwingung versetzt, unter anderem das, unter dem Samuel stand. Die Farbe war zum großen Teil abgeblättert und er musste sich anstrengen, den Schriftzug darauf zu erkennen. Al Hazreds Bücherladen. Diese drei einfachen, beinahe verblassten Worte ließen sein Herz sofort höher schlagen. Heute war wirklich sein Glückstag. Nervös leckte er sich über seine Lippen, würde er hier finden, wonach er suchte? War dieser Laden vielleicht nur eine Illusion, die sein Verstand unter der sengenden Sonne erfunden hatte? Wie war wohl die Auswahl des Ladens? Welche Geheimnisse mochten dort wohl auf ihre Entdeckung warten? War das Buch der Toten nur eine Legende, der er zu lange nachgejagt hatte? Wenn er weiter hier stehen bliebe, würde er nie eine Antwort bekommen, dachte er sich und betrat den Bücherladen.

Die Luft, die ihn im Innern des Raumes empfing, war angenehm kühl und erfüllt von dem Duft alten Papiers. Auf das Bimmeln der kleinen Ladenglocke hatte noch niemand reagiert und so nutzte Samuel die Möglichkeit, etwas zu stöbern. Überall befanden sich Bücher. Sie füllten Regale oder standen auf alten Kommoden, deren Lack längst verblasst war. Sie waren in unterschiedlichen Sprachen und Schriften verfasst, die er größtenteils nicht beherrschte. Die Titel aber, die er kannte, brachten sein Blut in Wallung. Allein hier, in diesem kleinen Abschnitt, befand sich nicht ein Werk, das nicht durch die Kirche verboten worden war. Dieser Laden war ein Hort verborgenen Wissens. Er unterdrückte das Bedürfnis, laut zu jubeln, denn er wusste, eher würde die Hölle zufrieren, als dass er an diesem Ort nicht fand, was er suchte. Das Rascheln des Perlenvorhangs, der den hinteren Bereich des Ladens verbarg, ließ Samuel sich herumdrehen. Ein alter Mann, der sich auf einen kunstvoll verzierten Stab aus Ebenholz stützte, war hereingekommen. Erwartungsvoll sah er seinen neuen Besucher an.

»Ähm ... ich suche ... ein Buch«, brachte Samuel stotternd hervor.

Der Alte lachte los und hörte erst auf, als sein Atem zu rasseln begann.

»Verzeihen Sie, aber das hier ist ein Buchladen. Sie müssen schon präziser werden, junger Mann«, sagte der Mann.

Samuel sah betreten zu Boden. »Natürlich. Ich suche ein besonderes Buch. Übersetzt heißt es Das Buch der Toten, der richtige Titel lautet jedoch Necronomicon«, beantwortete er die unausgesprochene Frage des Alten.

Misstrauisch zog der Buchhändler seine buschigen Brauen zusammen. »Was wissen Sie darüber?«

Samuel lachte verlegen und hob die Schultern. »Nun, ich vermute mal mehr als die meisten. Warum fragen Sie?«

»Wie haben Sie hierher gefunden«, wollte der Alte an Stelle einer Antwort wissen.

»Ich glaube nicht, dass es für Sie relevant ist, wie ...«, setzte Samuel an, wurde aber von einer Geste des Ladenbesitzers unterbrochen.

»Ja, ich habe das Necronomicon, aber nicht jeder kann einfach so einen Blick hineinwerfen. Erzählen Sie mir, was Sie wissen und wie Sie hierher gefunden haben oder gehen Sie wieder.«

Samuel atmete mehrmals tief durch. Er hatte keine Wahl. Wenn er nicht mit leeren Händen heimkehren wollte, musste er der Aufforderung nachkommen. Er schilderte mit knappen Worten seine Erlebnisse. Angefangen mit seinem Studium, bei dem er über den Namen stolperte, über seine eigenen Nachforschungen bis hin zu seiner Odyssee in diese Stadt.

»Und Sie wollen das Necronomicon kaufen?«, fragte der Alte, als Samuel seine Erzählung beendet hatte.

Samuel nickte und blickte den Alten hoffnungsvoll an. Seufzend schüttelte dieser den Kopf.

»Das Necronomicon ist nicht verkäuflich, aber Sie können gerne darin lesen, wenn Sie möchten.«

Samuel nickte daraufhin heftig. Es war immerhin besser als nichts. Der Mann gab ihm mit einem Wink zu verstehen, ihm zu folgen.

Ihr Weg führte durch die spartanisch eingerichteten Privatgemächer des Ladenbesitzers zu einer Treppe, die sie hinab in eine Höhle tief unterhalb der Straße führte. Eine angenehme Kühle umfing sie, als sie den Boden der Höhle erreichten und Samuel schaute sich erstaunt um. Auch hier waren überall Bücher. Während oben im Laden Regale standen, waren hier in den Wänden kleine Fächer eingearbeitet, die ihnen Platz boten. Unzählige Kerzen auf alten Kandelabern verbreiteten ein sanftes, warmes Licht. In einer Nische war eine Leseecke mit einem kleinen Pult eingerichtet. Samuel konnte sein Glück nicht fassen. Welche Schätze sich hier unten wohl befanden? Was würden Sie ihm sagen können? Durfte er den Alten fragen, sich ein paar Bücher anzusehen? Der Alte betrachtete ihn und lächelte wissend.

»Ich habe Sie alle gelesen, aber glauben Sie mir, ich bereue es.«

»Warum das?«, fragte Samuel verwirrt.

Sein Gesprächspartner zögerte mit seiner Antwort. »Es gibt Wissen, das nicht für den menschlichen Verstand geeignet ist. Es kann ihn aus den Angeln heben und zerschmettern.«

Schweigend gingen Sie weiter. Samuel setzte sich auf einen Wink des Alten vor das Lesepult in der Ecke und wartete, bis der Alte mit einem Buch unter dem Arm wiederkam.

»Noch können Sie gehen«, sagte der, ging aber wieder, als Samuel energisch den Kopf schüttelte.

Hektisch schlug Samuel das Buch auf. Endlich war er am Ziel angelangt. Er würde das Wissen wie ein Schwamm aufsaugen und damit den Narren in der Heimat zeigen, was sie verpassten. Sie würden noch ihr blaues Wunder erleben, wenn er ihnen erst die Geheimnisse, die in diesem Buch schlummerten, offenbaren würde. Vorsichtig blätterte er die Seiten um. Die Schriftzeichen waren, ebenso wie die Bilder, verblasst und schwer zu erkennen. Samuel beugte sich vor und kniff die Augen zusammen, um besser lesen zu können. Leise murmelte er vor sich hin, während sein Finger langsam unter den Worten dahinglitt.

Es vergingen mehrere Stunden und die Nacht war längst hereingebrochen, als der Ladenbesitzer wiederkam. An dem Lesepult saß immer noch der junge Mann, der in seinen Laden gekommen war, um in einem Buch zu lesen. Vorsichtig berührte er ihn an der Schulter, aber er bemerkte die Berührung des Alten nicht. Dieser warf einen kurzen Blick auf das Necronomicon. Die Buchstaben waren nicht verblasst, sondern pulsierten in einem dunklen Rot und wirkten unnatürlich lebendig. Es schien, als würden sie gegen ihre Fesseln ankämpfen und versuchen auszubrechen, um in der physischen Welt Chaos und Zerstörung zu verbreiten. Panisch schlug der Alte das Buch zu und klemmte es sich unter den Arm. Mit schlurfenden Schritten brachte er das Buch zurück an seinen angestammten Platz. Schon wieder war ein schwacher Geist Opfer dieses verfluchten Werks geworden. Seufzend ging er zu der Leseecke zurück, wo die leblose, steinerne Hülle Samuel Walkers saß. Traurig schüttelte der Alte den Kopf. Wie lange war er nun bereits ein Sklave dieses dämonischen Buches? Wie oft hatte er versucht, seiner Knechtschaft zu entfliehen? Und wie oft stand er am Rand der Verzweiflung und hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben? Er wusste es nicht mehr. Vielleicht würde ja eines Tages ein würdiger Nachfolger kommen und den Buchladen übernehmen, sodass er endlich seinen Frieden finden konnte. Nach all den Jahrhunderten der Sklaverei war er einfach nur müde. Erneut seufzte der Alte. Es nützte nichts, sich zu grämen, denn irgendwann würde er frei sein. Tief in seinem Innern wusste er es. Aber bis dahin musste er das Buch weiter füttern.

Kommentare

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    Tolle Geschichte! Ich würde dem Buchverkäufer auch gönnen, dass er sich aus der Sklaverei des Buchs befreien kann...

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    Schöner Text, Super schilderung. top

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    Dein Text hat mit mitgezogen und ja mir auch ein bisschen in den Sommer zurück gebracht und ich hoffe ja das er das bald verkaufen kann, er hätte die ruhe verdient

beta
Feenstaub

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