Dezember 2005- Take Me To The Mistletoe

„Ich habe bis an den Rand des Wahnsinns geliebt oder was man so Wahnsinn nennt. Doch für mich ist das die einzig vernünftige Art der Liebe.“

 

                                                                                                                - Françoise Sagan

 

Das flackernde Licht der Kerzen gab dem Raum eine wohlige und romantische Atmosphäre. Der Dunst des heißen Wassers beschlug den runden Spiegel über dem Waschbecken und machte die nach Vanille duftende Luft drückend und schwer.

Emilia Sophia McDermott bewegte ihre Hände sanft auf der Wasseroberfläche und schob den weißen Schaum erst zur einen, dann zur anderen Seite. Bedächtig schloss sie die Augen und träumte vor sich hin. Plötzlich spürte sie seinen warmen Atem hinter ihrem rechten Ohr, als er zärtlich ihren Hals küsste.

„Gemeinsam mit dir zu baden, ist der perfekte Start in den Tag“, flüsterte Marcus Dubois ihr von hinten zu. „So sollte jeder Tag beginnen.“ Sie spürte sein breites, zufriedenes Lächeln an ihrer Wange.

„Ich hätte nichts dagegen“, stimmte sie ihm zu, während sie sich zurücklehnte und an seinen reizvollen Körper schmiegte. Ihre blauen Augen schweiften dabei zum Fenster, vor dem ein erneuter Schneefall begonnen hatte. Bereits seit einer Woche schneite es in Saint Berkaine, wodurch die Stadt einem märchenhaften Wunderland glich. Die Weihnachtsdekoration in der Innenstadt, mit ihren unzähligen Lichtern und Tannenbäumen, hatte sie zusätzlich in die passende vorweihnachtliche Stimmung versetzt.

Somit war ihre Vorfreude auf ein ruhiges, besinnliches Weihnachtsfest riesengroß und hatte sie die vergangenen, stressigen Tage, angefüllt mit Arbeit, durchhalten lassen.

Ausgelassen und freudig seufzte sie und genoss die so seltene, gemeinsame Zeit mit Marcus, statt sich in ihre Alltagsprobleme zu verlieren.

Seit gestern Abend war Emilia in seinem Penthouse, da sie Heiligabend mit ihm verbringen würde, während die Weihnachtsfeiertage ihrer Familie gehörten…

„Freust du dich schon auf heute Abend?“, unterbrach seine dumpfe Stimme ihre Gedanken. Die Blondine nickte schmunzelnd und klemmte sich die feuchten Haarsträhnen hinter die Ohren.

„Du freust dich auf dein Geschenk, oder?“

„Das ist nicht das Wichtigste für mich“, verneinte sie, dann setzte sie sich auf und drehte sich in der Wanne um, sodass sie ihm gegenüber saß.

„Was ist denn das Wichtigste?“, wollte er neugierig wissen, während seine Augen sie durchbohrten. Emilia musste sich stark konzentrieren, um ihm antworten zu können.

„Die Zeit mit dir, Marcus.“ Sie legte ihre Hände auf seine definierten Unterarme und entgegnete seinen eindringlichen Blick. „Sie ist das wertvollste Geschenk, das du mir geben kannst.“

Sie rutschte an ihn heran und hauchte ihm einen verliebten Kuss auf die Lippen. Sogleich durchfuhr ein kurzes, heftiges Zucken, wie ein Stromschlag, ihren Körper. Marcus´ Wirkung auf sie war in manch einem Moment noch immer eine Überraschung und machte sie völlig sprachlos.

Marcus wird mein Leben verändern, da bin ich mir sicher. Es war Schicksal, dass wir uns auf dem Kostümball begegnet sind. Nun ja, streng genommen ist es Marcus´ offensivem Flirten zu verdanken, dass wir nun hier stehen. Wenn er mich nicht angesprochen hätte und dermaßen hartnäckig geblieben wäre, dann wäre ich jetzt allein. Meinem Misstrauen, meiner Verunsicherung und Angst, einen anderen Menschen in mein Leben zu lassen, habe ich es zu verdanken, dass ich mir beinahe die Chance auf wahre Liebe selbst verbaut hätte.

Aber das ist nicht nur meine Schuld, sondern ebenso die Williams. Er und sein Geschäft haben mich zu einer misstrauischen und hasserfüllten Frau gemacht, die niemanden in ihre Nähe lässt…

„Wie recht du hast, Emilia“, bestätigte er einfühlsam lächelnd. Es folgte ein Kuss seinerseits, der sie beflügelte.

„Darf ich dir trotzdem später dein Geschenk geben?“ Ein keckes Grinsen umspielte seine schönen Lippen.

„Also, wenn du unbedingt darauf bestehst…“, flötete die Blondine vergnügt.

„Ich verstehe“, folgte es von ihm augenzwinkernd. „Jetzt kann ich nur hoffen, dass dir mein Geschenk auch gefällt.“ Emilia entdeckte in seinen Augen tatsächlich eine Spur Verunsicherung, obwohl er weiterhin charmant und selbstsicher lächelte. Sie streckte die Arme nach oben, legte sanft ihre Hände an seinen Kopf und fuhr durch seine schwarzen Haare.

„Keine Sorge, Marcus. Ich bin mir sicher, dass du das Richtige für mich gefunden hast, denn du kennst mich und weißt, was ich mag.“ Sie legte ihre Stirn gegen seine. „Ich vertraue dir.“

Ihre Worte bestärkten ihn und gaben ihm Selbstsicherheit, sodass die Verunsicherung langsam aus seinen strahlend blauen Augen verschwand. Beherzt umschlang er ihre Taille und küsste ihr Kinn und ihre Nasenspitze.

„Da bin ich ja beruhigt“, wisperte Marcus mit rauer, verführerischer Stimme, bevor er sie auf seinen Schoß zog und leidenschaftlich küsste…

 

Emilia stand vor dem Spiegel in seinem Schlafzimmer und musterte sich kritisch. Sie hatte sich in ein enges, puderrosanes Abendkleid mit einem hohen Beinschlitz geworfen und war dazu in goldene Sandaletten geschlüpft, die sie gleich zehn Zentimeter größer machten. Das goldblonde Haar fiel offen über ihre schmalen, entblößten Schultern.

Das Outfit hatte sie vorher sorgsam ausgewählt und hierher mitgenommen, doch nun war sie sich nicht mehr ganz so sicher, ob sie sich richtig entschieden hatte.

Ist das Kleid nicht zu eng? Ein selbstzweifelnder Blick wanderte über ihren Körper. Und diese Farbe… Die junge Frau zog die Stirn kraus und fand ausnahmslos Fehler an sich und ihrer Kleidung.

Zaghaftes Klopfen an der Tür störte ihre Selbstkritik und ließ sie sich von ihrem Spiegelbild abwenden.

„Bist du fertig, Emilia?“

„Einen Moment“, bat sie ihn mit hektischer Stimme und überprüfte ein letztes Mal ihr Aussehen, mit dem sie weiterhin unzufrieden war. Mist, jetzt ist es zu spät, um mich umzuziehen! Ich kann Marcus unmöglich noch länger warten lassen.

Verärgert über sich selbst wegen ihrer falschen Kleiderwahl, verließ sie nur widerstrebend das Schlafzimmer; ihren schützenden Raum vor seinen Augen. Zaghaft, schon beinahe ängstlich öffnete sie die Tür und trat heraus. Im ersten Moment bemerkte Marcus sie nicht, da er in der Küche mit dem Öffnen einer Champagnerflasche beschäftigt war. Emilia schlich sich leise von hinten an ihn heran und schaute seinen geschickten Händen bei der Arbeit zu.

Wie gebannt hing ihr Blick an ihm, bis der Korken der Flasche mit einem ohrenbetäubenden Knall herausschoss und auf dem Boden landete. Erschrocken zuckte sie zusammen, zeitgleich entfleuchte ihrer Kehle ein kurzer Aufschrei, der seine Aufmerksamkeit erregte und sie ansehen ließ. Seine Miene war zunächst völlig starr, aber dann strahlte er von einem Ohr zum Anderen.

„Deine Schönheit ist atemberaubend, Emilia“, schwärmte er und scannte sie von Kopf bis Fuß. Im Gegensatz zu ihr war er nahezu euphorisch wegen ihres ausgewählten Kleides. Dies schob die Blondine jedoch auf die Tatsache, dass er nicht objektiv war, wenn es um sie ging, die Frau, die er vergötterte.

„Ich kann meine Augen gar nicht mehr von dir lassen.“

„Das musst du wohl, wenn du uns den Champagner einschenkst“, entgegnete sie, in der Hoffnung, so den für sie unangenehmen Moment zu einem Ende zu bringen.

„Das tue ich nur ungern, glaub mir.“ Noch einmal sah Marcus sie intensiv an, bevor er zwei Champagnergläser aus einem Hängeschrank nahm und den Alkohol in sie hineingoss. Emilia atmete unterdessen mehrmals tief durch und versuchte ihre Unsicherheit abzulegen.

„Hier“, er reichte ihr eines der Gläser, „auf einen schönen Abend zu zweit.“ Sich in die Augen schauend stießen sie an und gönnten sich einen Schluck vom prickelnden und wohlschmeckenden Champagner. Emilia entspannte sich augenblicklich und verdrängte endgültig ihre negativen Gedanken, die sie blockierten.

„Auf einen schönen Abend“, wiederholte sie murmelnd und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Marcus nahm indes einen weiteren Schluck, dann küsste er sie zärtlich.

„Ich glaube, es ist die richtige Zeit für dein Geschenk“, flüsterte er ihr geheimnisvoll zu, was sie nervös werden ließ. Amüsiert schmunzelte er, als er ihre Anspannung bemerkte, zu ihrer Erleichterung enthielt er sich jeglichen Kommentars.

„Schließ deine Augen.“ Sie gehorchte umgehend seinem Befehl. Ihre Nerven waren zum Reißen gespannt, als sie hörte, wie er eine Schublade öffnete. Ihre linke Hand wanderte automatisiert zu ihren Lippen, doch im letzten Moment konnte sie ihre lästige Marotte, den Drang an ihren Nägeln zu kauen, unterdrücken.  

Der Klang seiner nähernden Schritte lenkte ihren Gedankengang wieder zurück zu ihrem Geschenk. Aufgeregt stellte sie sich auf die Zehnspitzen und konnte es kaum erwarten ihre Überraschung zu sehen.

„Aufmachen“, hörte sie auf einmal seine Stimme direkt vor sich. Kaum hatte sie ihre Augen geöffnet, da schlug sie vor Sprachlosigkeit eine Hand vor den Mund. Marcus hielt ihr eine Schmuckschachtel entgegen, in der eine Kette mit einem goldenen Herzmedaillon lag.

Sie spürte, wie sich Tränen der Rührung in ihren Augenwinkeln sammelten und kurz vor dem Ausbruch standen. Emilia riss sich mühevoll zusammen und blinzelte die Tränen schnellstens weg.

Marcus trat hinter sie und legte ihr die Kette um den Hals. Das kalte Edelmetall nahm schnell ihre Körpertemperatur an und verschmolz mit ihrer Haut zu einer Einheit. Vorsichtig berührte sie das Medaillon mit den Fingerspitzen, als könne es jeden Moment zerbrechen.

„Es ist wunderschön“, wisperte sie ehrfürchtig.

„Ein wunderschönes Schmuckstück für eine wunderschöne Frau.“ Marcus legte seine großen Hände auf ihre Oberarme und küsste ihre rechte Schlüsselbeinkuhle. Die Blondine errötete und lächelte ihn über ihre Schulter geschmeichelt an.

„Danke, Marcus“, hauchte sie so leise, dass sie nicht sicher sagen konnte, ob er sie gehört hatte.

„Du brauchst dich nicht zu bedanken, Emilia.“ Seine Fingerspitzen strichen betörend ihre Arme hinab. „Dein bezauberndes Lächeln ist Dank genug.“ Er ging um sie herum, die fesselnden, blauen Augen gebannt auf sie gerichtet. Seine starke Aura umhüllte Emilia und nahm sie gefangen.

Marcus kam vor ihr zum Stehen und zog etwas aus der Innentasche seines adretten Jacketts. Auf den ersten Blick konnte die Blondine nicht erkennen, was er in der Hand hielt. Erst, als er seinen rechten Arm in die Höhe streckte und über ihre Köpfe hielt, erkannte sie im hellen Licht einen Mistelzweig. Emilia musste augenblicklich kichern.

„Jetzt müssen wir uns wohl küssen.“

„Nun ja, schließlich ist das Tradition“, sagte er unschuldig, grinste dabei aber anzüglich, bevor er sich zu ihr herunterbeugte und ihren Lippen näherte.

„Und an Traditionen sollte man festhalten.“ Seine Zähne zogen sanft an ihrer Unterlippe, was ein Feuer in ihr entfachte. Ihr glühender Körper bebte unter seinen drängenden Berührungen und verlangte süchtig nach mehr. Marcus´ Zunge fuhr über ihre Lippen und bat gierig um Einlass, den sie ihr nur zu gerne gewährte.

Sie küssten sich lange und innig. Er war ein unverschämt guter Küsser, der genau wusste, was er tat. Emilias Verstand setzte vollständig aus, was sie zu seiner willenlosen Ergebenen machte.  

„Ich liebe dich, Marcus“, kam es ungewollt über ihre Lippen, als er sich atemlos von ihr löste. Schlagartig verfiel sie in eine Schockstarre, denn ihr wurde bewusst, was sie da gerade gesagt hatte und welche Lawine sie damit lostrat. Marcus´ Miene legte seine grenzenlose Verblüffung offen, was Emilia nicht genau deuten konnte. Ist er schockiert über mein Geständnis oder empfindet er wie ich? Die Blondine grübelte weiter, unterdessen nahm ihr Gegenüber, der seine Überraschung bereits überwunden zu haben schien, ihr Gesicht bedächtig in seine Hände. Als seine Daumen über ihre Wangen strichen, befiel sie eine angenehme Gänsehaut.

„Ich liebe dich auch, Emilia“, erlöste er sie von ihrer Angst, dass er fluchtartig verschwinden und sie ihn dann nie wieder sehen würde. Vor Erleichterung machte ihr Herz einen gewaltigen Satz gegen ihre Brust, als wolle es herausspringen. Er liebt mich. Dieser attraktive, absolut perfekte Mann liebt mich.

Emilia lächelte glückselig und schaute Marcus tief in die leuchtenden, blauen Augen, die sie von Beginn an verzaubert hatten.

„Diese Worte bedeuten mir alles, denn sie sind ein Versprechen an mich.“ Ein warmes, offenherziges Lächeln zierte ihre Lippen. „Es ist das Versprechen zukünftig an meiner Seite zu sein und mich zu unterstützen“, eröffnete sie ihm euphorisch. Vielleicht war ihre himmelhoch jauchzende Stimmung übertrieben und erschreckte Marcus, aber Emilia konnte nicht anders. Ihr sehnlichster Wunsch, eine liebevolle und verlässliche Beziehung zu führen, ging in Erfüllung und das ließ sie schweben vor Glück. Sie hatte einen weiteren Menschen in ihrem Leben, der sie liebte und ihr half nicht den Verstand zu verlieren oder in finstere, menschenunwürdige Abgründe abzutauchen. Für sie nahm er damit einen wichtigen Platz ein, so, wie ihre Familie.

„Ich werde für dich da sein, Emilia, darauf kannst du dich verlassen.“ Sein Ton war ernst und vertrauensvoll, ebenso sein Blick, der sie in seine Arme sinken ließ.

 

 

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media