Die Augen eines Titanenkindes

Die nächsten Tage zogen einfach an Sassy vorbei, als wäre sie in einem bizarren Traum gefangen. Einer von diesen, in dem zwar nichts Schlimmes passiert, man aber trotzdem das Gefühl hat, innerlich zu sterben. Illutia blühte auf, die Jäger schienen einen fixen Posten mit Portalen nach Elensar zu errichten. Der ehemalige Weltenriss gehörte nun also zum Rest der Welt, mit all seinen zerstörten Gebäuden und Existenzen. Und Treplew war irgendwo da draußen, mit der Fähigkeit Portale zu erschaffen. Sassy konnte kaum noch schlafen, oft hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden und nicht alleine zu sein. Als würde Treplew auf sie Lauern, um sie genauso zu töten wie Newra. Das Bild verfolgte sie auch Nachts: Newras panischer Blick, der Moment als ihr unnatürliches Leben aus ihren Augen gewichen war. Danach hatte es gewirkt wie die Glasaugen einer Puppe, leer, kalt, tot. Church war einfach gegangen, Sassy war sich sicher, dass er sich die Schuld an ihrem Tod gab. Darum hatte er auch Finn so attackiert. In Wahrheit musste ihn dieses Gefühl von Schuld und Versagen innerlich aufzehren.
Sie hatte überlebt und sie würde ein langes Leben führen mit all den Erinnerungen. Die Chancen, dass sie je wieder in ihre Heimat zurückkehren würde und dort wie eine Prinzessin mit ihrer Schwester leben würde, schätzte sie sehr gering ein. Sie hatte sich schon in Argenshire zu stark verändert. Sassy hatte immer nach Abenteuern gesucht, darum hatte sie damals den Schwur in Elensars Wacht vor Finn geleistet. Allister Androlien hatte richtiggelegen: Ihre Seele war kurz davor zu zerbrechen.

Elensars Wacht, am Rande des schwarzen Throns, verborgen vor aller Augen sind wir die Augen der Welt. Die Hüter im Verborgenen, die Retter aller Welten und die Vergeltung des weißen Throns! Die Jäger, die Beschützer der Königin und Wächter der dunklen Artefakte! Wir schwören feierlich Finn zu dienen und geloben ihm unsere Treue! Wir beschützen die Königin des weißen Throns mit unseren Leben. Wir opfern alles für die Königin, vom heutigen Tag bis in alle Ewigkeit!

Aber was davon hatte für Finn noch eine Bedeutung? Er vollbrachte mit seiner neuen Macht Großes, war mit Alpha in die zerstörte Stadt gereist, um den Menschen dort Zuflucht und Schutz in Illutia anzubieten und um zu verkünden, dass die ewigen Jäger "Zöne", wie die Einheimischen den Weltenriss nannten, wiederaufbauen und vor allem sichern würden. Kein Wort über eine baldige Heimkehr war gefallen oder gar über das, was unter dem Tempel, am Ort Nirgendwo, mit ihm geschehen war. Wie sollten sie das Ladira erklären? Oder Saphira, Celles, Mari und Vanessa, den anderen leiblichen Kindern des Dunklen, die sich in der Menschenwelt ein ruhiges Leben aufgebaut hatten? Shanora würde es das Herz brechen, wenn ihr Bruder nicht mehr heimkehren würde. Aber zu wissen, wer er war und mit all dem hier konfrontiert zu werden, würde ihr ebenso das Herz brechen.
"Wir alle brauchen Zeit, um zu heilen", Finns Stimme hinter ihr ließ sie herumfahren. Sassy war Gedankenverloren auf der Bank vor dem Springbrunnen gesessen. "Du magst recht haben, aber welcher Weg ist jetzt noch richtig? Was ist unsere Bestimmung?", fragte sie ihn. Sein Grinsen erinnerte sie sehr an ihn, wie er noch unbeschwert durch Ladiras Garten getobt hatte. "Wir retten diese Welt, genau wie Argenshire und dann die nächste. Wir machen immer so weiter!", so viel Zuversicht überforderte Sassy beinahe.
"Denkst du? Das heißt, du wirst nach Elensar zurückkehren?", fragte sie nach. Finn nickte: "Natürlich! Shanora wartet auf mich! Und das Artefakt muss in Sicherheit gebracht werden. Wir brechen morgen früh auf!" Ohne auf eine Antwort von ihr zu warten, sprang er auf, aus seinen Armen wurden die gewaltigen Flügel eines Drachen, die ihn in die Lüfte hoben. Sassy starrte auf den schwarzen Drachen, der nun über Illutia seine Kreise zog. Sie war froh nun Bescheid zu wissen, aber wie man irgendjemanden einen Drachenfinn erklären sollte, wusste sie nicht.
"Habt ihr gesprochen?", Alpha gesellte sich zu ihr und beobachtete seinen Bruder bei den Flugübungen. Sassy lächelte und nickte, der starke Arm um ihre Schulter gab ihr noch ein bisschen mehr Halt. "Ja!", sie legte den Kopf auf seine Schulter.
"Dann musst du mir deine Schwester vorstellen und deinen Bruder, deine Eltern... Du musst mir Ägypten zeigen, den Wald der 1000 Gefahren, auch wenn es gruselig klingt...", Alpha schien sich ihre Zukunft schon genau auszumalen. Sie hatten zwar nie besprochen, ob sie eine Zukunft haben wollten oder ob sie ein Paar waren. Aber für ihn schien das außer Frage zu stehen. Sassy war zu müde, um auch nur über ein Fünkchen davon nachzudenken. Es tat gerade gut und gab ihr in dieser Zeit ein wenig Halt, also tat sie einfach alles mit einem Kopfnicken ab und war froh über eine Schulter zum Anlehnen.
Gestärkt von der Gewissheit nach Hause zu können, rannte sie am Abend durch jeden Gang im Tempel, auf der verzweifelten Suche nach einem Spiegel, der sie zu Church bringen könnte.
Nicht einmal das geringste Futzelchen einer Scherbe war zu finden, nichts.
Frustriert verließ sie den Tempel wieder und ließ sich ins weiche Gras neben dem Springbrunnen fallen. Sie betrachtete die Sterne und den Halbmond, der über ihr thronte. Der Boden war warm und es duftete nach frischen Gräsern. Ein lauer Wind blies über ihren Körper und gab ihr ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Sie schloss für einen Moment die Augen, hatte keine Lust mehr traurig zu sein oder krampfhaft nach irgendetwas zu suchen. Kurz lauschte sie nur dem Rascheln in den Sträuchern, welche von der abendlichen Brise leicht hin- und hergeschaukelt wurden. Für einen kurzen Moment genoss sie sie Stille und Einsamkeit dieser Nacht, bis sie merkte, dass sich jemand über sie beugte. Fremdes Haar kitzelte ihren Hals, eine warme Hand strich ihr über die Wange. Langsam öffnete sie die Augen und erblickte das schönste Männergesicht, welches sie je gesehen hatte. Auf den wohlgeformten Lippen lag ein tückisches Grinsen und in den goldenen Augen ein gütiges Glänzen. Ehe sie etwas sagen konnte lagen seine Lippen für einen Moment auf ihren und sie musste feststellen, dass dieser Mann auch noch verdammt gut roch. Noch bevor sie ihn verscheuchen konnte, ließ er wieder von ihr ab und setzte sich vor sie. "Na Dornröschen, wach geküsst?", seine überhebliche Stimme ging ihr im Gegensatz zum Rest von ihm jetzt schon auf die Nerven. "Allister", stellte sie fest und wischte sich mit der Hand über die Lippen, "wie kannst du nur so dreist sein? Ich sollte dir eine reinhauen!" Allister versuchte überrascht auszusehen: "Oh, hat so gewirkt, als würde es dir gefallen. Tut mir nicht leid, Schätzchen!" Sassy setzte sich auf und sah ihn fragend an. "Du solltest zu mir kommen, wenn alles vorbei ist", erinnerte er sie, "Aber du kennst keinen Weg, darum wollte ich dir das hier geben!" Er reichte ihr einen alten rostigen Schlüssel, den Sassy mehr als nur verwirrt ansah. "Du kennst dich mit magischen Gegenständen kein bisschen aus?", entnahm er ihrem Blick, "Das ist ein Portschlüssel, egal welche Türe du damit öffnest, du wirst immer bei mir landen!" Sassy starrte den Schlüssel weiter ungläubig an, dann steckte sie ihn ein. "Warum soll ich zu dir kommen?", fragte sie weiter, "Ich habe deinen Bruder nicht gefunden!" Allister lächelte ihr zu und erhob sich: "Du wirst mich brauchen. Jemanden mit dem du ehrlich reden kannst über all das!" Sassy schien nicht zu verstehen, worauf er hinaus wollte. Allister setzte sich nun doch wieder: "Du bist ziemlich schwer von Begriff. Dieser Finn und du, ihr werdet nach Elensar zurückkehren, aber dein Machetenfreund kann nicht mit. Sie würden euch sofort in der Luft zerreißen, wenn sie wüssten, was hier passiert ist! Also wirst du ihm das Herz brechen, Schätzchen und deines damit gleich mit! Aber du wirst wissen, dass du das Richtige getan hast. Ich biete dir nur ein offenes Ohr an und meine Beratung was deine Haare betrifft, das kann man mit ein bisschen Magie kurieren, was du ihnen angetan hast...!"
Sassy starrte in den dunklen Himmel. Allister hatte ausgesprochen, was sie versucht hatte beiseite zu schieben. Es gab keine Möglichkeit irgendjemandem zu erzählen, was hier passiert war. Und über Finns Herkunft zu sprechen würde sie alle in Schwierigkeiten bringen. "Du hast Recht", murmelte sie und stand auf, "Ich muss mit Finn sprechen! Nein, ich werde das alleine regeln!"

Die Sonne war viel zu schnell über den Hügel gekrochen und Sassy hatte keine Minute geschlafen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wusste nur, dass sie diesen Ort verlassen würde, wie sie gekommen war. Mit nichts als ihren Waffen und ihrem eisernen Willen. Im Tempel hatten Julopatra und Kyra das Portal schon vorbereitet, das sie zurück zu Elensars Wacht bringen würde. Finn stand schon neben ihnen, die schwarze Krone fest an sich gedrückt. Alpha kam auf sie zu: "Wo warst du die ganze Nacht?" Sein Ton war harsch, aber Sassy wusste, dass er sich bloß Sorgen gemacht hatte. Sie erschrak, irgendetwas ging in Alphas Augen vor, sie schienen zuerst die gelbe Farbe zu verlieren, dann wurden sie plötzlich wasserblau, genau wie Sassys Augen. "Jetzt ist alles klar, oder?", fragte er ohne seinen Blick von ihr zu nehmen, "Mir geht es hier schon lange nicht mehr um Finn! Oder um diesen Ort!" Sassy dachte an die Worte von Temply "nicht den Kopf verlieren". Das konnte nicht echt sein. Sie hatten sich einfach zu oft in die Erinnerungen und Emotionen des jeweils anderen gestürzt. Und in den letzten Wochen, die einfach schwer zu ertragen waren, aneinander geklammert. "Das kannst du doch nicht wirklich denken!", Alphas Blick wurde vorwurfsvoll. Er konnte ihre Gedanken immer noch hören, es hatte nicht aufgehört. "Das liegt nicht an dem, was wir getan haben", Alpha starrte sie eindringlich an und nahm sie an den Händen. Sassy konnte nichts mehr von der Verbundenheit der letzten Wochen spüren. Übrig blieb nur die Erkenntnis, dass die Augen von Titanenkindern die Farbe wechselten. Einmal im Leben, sie nahmen die Farbe des Menschen an, welcher ihnen am meisten bedeutete. Darum waren Finns Augen Türkis, denn Shanora, das damals unschuldige Baby, war der Mensch, der ihm am meisten bedeutete. Und sie war der Mensch, der dasselbe bei Alpha ausgelöst hatte, was ihr einen flauen Magen bereitete. Dieser Rolle konnte sie nicht gerecht werden. Sie war nie lange an einem Ort, immer mit Finn oder Church auf der Jagd. Das würde alles verändern, ihre ganze Lebensart. Sie wollte auch wieder zurück nach Hause, dieser Ort brachte das Schlechteste in allen, die nicht hierhergehörten, hervor. Und sie hatte einen Eid geschworen, Shanora zu beschützen und diesen würde sie niemals brechen.
"Denk nur für einen Moment an das, was du willst!", Alpha hatte wieder ihre Gedanken gelesen. Sassy versuchte auf den Boden zu starren, aber ihr war bewusst, dass das nicht fair war. Er hatte eine klare Antwort verdient, aber sie hatte keine. Diese Art von Gefühle waren für sie immer nichtig gewesen, nicht vorhanden und nicht von Bedeutung. Passten nicht in ihr Leben und schon gar nicht in ihre Arbeit.
Aber für einen Moment konnte es schön sein und richtig. "Du kannst nicht mit mir kommen… Und ich kann nicht bleiben", stellte sie verzweifelt fest, "Was hat das alles für einen Sinn?" Alpha seufzte: "Es gäbe eine Lösung, wenn du es wollen würdest..."
"Kommt ihr?", Finn stand am Portal und winkte Ihnen zu.
"Du kannst nicht mit uns kommen", flehte Sassy ihn an, "Daheim wartet ein kleines Mädchen auf Finn, seine Schwester! Zumindest denkt sie das! Er ist alles an Familie was sie noch hat! Wie sollen wir ihr das erklären?"
Alpha starrte an ihr vorbei zu seinem Bruder. Seinem leiblichen Bruder, der irgendwo hinter dem Portal ein anderes Leben führte. "Das kannst du nicht verlangen!", zischte Alpha ihr zu. Sassy begann am ganzen Körper zu zittern, Tränen schossen in ihre Augen. "Nein, aber wenn du wirklich...", begann sie, brach dann aber an.
"Wenn ich was?", bohrte er nach, "Dich wirklich LIEBE? Ist dieses Wort so schlimm für dich?" Sassys Worte wurden in einem Schwall aus Tränen erstickt. Alpha konnte nicht mitansehen, wie sie unter diesem Gespräch zu leiden hatte.
"Ich bleibe!", rief er Finn zu, "Hier gibt es Menschen, die auf mich zählen! Ich kann nicht einfach fortgehen, wenn noch nicht alle hier in Sicherheit sind!" Finn wirkte überrascht, hatte aber Verständnis für Alphas Entscheidung: "Das Portal führt in Elensars Wacht. Du wirst dort immer willkommen sein!" Alpha nickte und lächelte dankbar, dann wandte er sich wieder Sassy zu. "So, ich hoffe du bist jetzt glücklich! Tu mir nur einen Gefallen und komm niemals zurück! Du hasst diesen Ort, das merke ich. Und ich will nicht auf etwas hoffen, was womöglich nie passiert!" Mit diesen Worten ließ er sie stehen und ging zu Finn um sich zu verabschieden.

Kommentare

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    Ach Sassy... Arme kleine Sassy. Warum spielen wir eigentlich das makabreste Spiel mit unseren vier ältesten Charakteren (Finn, Shan, Ses & Sassy)?

  • Author Portrait

    Ihr schreibt beide echt eine Hammergeschichte bei der man sich immer nachdem Lesen das nächste Kapitel wünscht. Spannend, fesselnd und alle Charaktere haben Tiefe und sind so lebendig. *-*

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