Die Auserwählten (Kapitel 6)

Kapitel 6

 

„Duckt euch“, zischte Ellen, sie spähte über die Dornenranken, wo wenige Meter vor ihr entfernt die frechen Tiger ihren Posten bezogen.  „Ist Nino eigentlich im Bandenquartier geblieben?“, fragte Levin und stützte sich gegen einen Mammutbaum.  „Den hab zur Bewachung im Haus gelassen, nachdem wir die lauten Rufe von den wilden Krallen gehört haben“, antwortete der Anführer. Noé strich sich die verschwitze Strähne aus dem Gesicht. „Ich frage mich was die wilden Krallen hier wollten.“ Angespannt verharrten die Mädchen und Donner hinter dem sicheren Gebüsch und warteten drauf, dass sie wieder in ihr Bandenquartier zurückgehen würden. Levin strich sich gedankenversunken über die Wange. „Wozu brauchten sie dieses Rassenbuch über Katzen?“ Sascha zuckte mit den Schultern: „Ich hab’s euch doch gesagt, wir sollten sie in den Augen behalten. Sie benehmen sich ziemlich merkwürdig, wenn ihr mich fragt.“ Amy bohrte ihr Finger in die feuchte Erde, welche sie gleich wieder zurückzog als sie einen Regenwurm berührte. „Verflucht, sie schöpfen Verdacht!“ „Gewiss, aber auf den Höhepunkt werden sie nie im Leben stossen, dafür haben sie zu wenig Fantasie“, miaute Donner leise. „Hey, ihr da unten!“, eine fröhliche Stimme brachte die wilden Krallen aus dem Gespräch. Nino kam einen schmalen Trampelpfad hinunter gestürmt. „Ins Gebüsch!“, befahl Ellen und drückte ihre Freundinnen widerstrebend in den feuchten Strauch. „Warum muss dieser Strauch nass sein“, beschwerte sich Amy. „Still jetzt!“, zischte Donner und war sich nicht sicher ob Nino sie nicht gesehen hat. „Spielt ihr zusammen verstecken?“, fragte Nino seinen Anführer. „Warum verstecken, wir suchen zwei Mädchen. Die eine blond, die andere braunhaarig!“, murrte Sascha wütend. „Aber…“, Nino stockte. „Warum sitzen die Gesuchten hinter dem Lorbeerstrauch?“ Ellen hielt den Atem an, als Nino mit seinem Finger genau auf ihren Strauch zeigte, wo sie zitternd verharrten. „Was meinst du?“, Noé begriff nicht was Nino meinte. „Verdammt, er hat uns gesehen. Unser einziger Ausweg sind Katzenkörper“, hauchte Amy. „Kein Problem“, erwiderte Donner, die schon eine Katze war. Hastig griffen Amy und Ellen ihre Bandenketten, während die aufgescheuchten Stimmen der Jungs näher kamen. „Wir sind jetzt Menschen, doch gleich werden wir beide Katzen sein.“ „Kommt raus oder wir werden euch holen!“, drohte Levins Stimme, während der Strauch vor seinen Augen wackelte. „Gerettet!“, miaute Brombeere und genoss den Katzenkörper mit jedem Atemzug mehr. „Weg von hier!“ Stern schlich auf leisen Pfoten in die nächste Böschung. „Die wollen nicht kommen“, grunzte Noé und ging in festen Schritten auf den Strauch zu. „Schneller“, Donner gab Brombeere einen Stoss gegens Hinterteil. Das Rascheln der Blätter, die auseinander geschoben wurden, machte Stern Angst als sie zusammengequetscht in einem anderen Strauchabteile unmittelbar neben Noés Händen kauerten. Was dachten sie, wenn sie von ihnen gesehen wurden?                          

„Da ist keine Menschenseele“, kam die frustrierte Stimme von Noé. „Aber ich hab doch genau Amy gesehen“, konterte Nino überzeugt, als Sascha ihn zweifelnd musterte. „Du und deine Amy“, knurrte Levin schlecht gelaunt. Brombeere stupste Stern in die Rippen, die wiederum keinen Ton von sich gab. Donner schnippte mit der Schweifspitze. „Ich habe einen Plan, jemand von uns muss sie ablenken.“ Donner wollte schon mutig aus dem Gebüsch springen und sich in den Kampf wagen, doch Brombeere beorderte sie zurück. „Warte kurz.“ „Lass mich gehen“, knurrte Donner. „ Dich haben sie heute schon mal gesehen, es ist besser wenn ich oder Stern das erledigt“, erklärte Brombeere dem Wirbelwind. „Ich gehe“, meldete sich Stern freiwillig. Donner antwortete mit einem Grunzen, hielt aber ihr Maul und liess Stern ziehen.

Vorsichtig kämpfte sich Stern aus dem Gebüsch und trat mit selbstbewussten Schritten auf die Jungs zu.  „ Du hast geträumt“, fuhr Levin den kleinen Nino an. „Hab ich nicht!“, Nino stampfte mit seinen Adidas Turnschuhen auf den Waldboden. „Und warum ist dort niemand?“, stierte er weiter. „Vielleicht sind sie getürmt, du Lackaffe!“ „Du kleiner Zwerg!“ Levin ballte seine Fäuste und wollte Nino alle machen. Bevor Sascha jedoch seinen kleinen besten Freund verteidigen konnte, griff Stern ein. „Miau!“, Stern versuchte die Aufmerksamkeit der vier Jungen zu gewinnen und Nino aus Levins Händen zu retten. Die Jungs zuckten zusammen. „Oh, das ist aber ein schönes Tier“, Levin vergass seine Wut und betrachte das geschmeidige Wesen. Sascha ging in die Hocke. „Na komm meine Kleine, na komm.“ Behinderter geht’s nicht! , doch Amy trat näher.                                                                                                        

„Sie hat ein weiches Fell aber Haut gefällt mir immer noch am besten“, Noé streichelte ihr übers Fell. Träum weiter du nackthäutiges Ungetüm!                                „Die würde super zu meiner Minka passen“, Nino bewunderte die schöne Katze. Bei dir Wohnen, spinnst du? Stern hätte am liebsten die Biege gemacht aber sie musste warten, bis ihre Katzenfreundinnen aus dem Gebüsch geschlichen waren.                      

Sie hörte die leisen Pfotenschritte der Freundinnen, wie sie über einen Hügel davonschlichen. „Wem gehörst du denn?“ Noé nahm sie in den Arm. Stern ekelte sich, als Noé sie gegen seine breite Brust drückte und hätte ihm gerne gekrallt. „Sie träg kein Halsband“, murmelte Noé. Warum sollte ich so eine unbequeme Würgekette tragen?                                                                                                                                           

„Amy, du kannst kommen“, Donners leise Stimme drang in ihr  ausgeprägtes Gehör. Stern begann mit ihren Hinterläufen zu strampeln und Noé liess sie fallen. Stern landete auf den Pfoten und fauchte in Katzensprache: „Ihr seid wirklich dumme Menschen, nur gut, das ihr mich nicht verstehen könnt!“ Danach machte sie kehrt und preschte über den Hügel.

„Mission geglückt“, schnurrte ihr Brombeere entgegen. Sauertöpfisch kletterte Stern über einen bemoosten Felsen. „Ein Vergnügen war’s nicht. Aber jetzt gehen wir, nach all diesen Strapazen, endlich ins Reich der Katzen!“

Die wilden Krallen wussten, sie duften sich nicht in Katzengestalt, ins Reich der Katzen befördern, deshalb wandelten sie sich wieder zurück und stolperten quer durch den Wald. Sie waren immer auf der Hut und schreckten beim jedem Waldgeräusch zusammen.

„Endlich, wir sind fast seit einer Stunde hier“, Amy hob das Rassenbuch in die Höhe, welches sie beim Wunschstein zurückgelassen hatten. „Jetzt aber schnell.“ Ellen griff ihr Amulett, wartete bis Amy und Marie es ihr gleich taten und fingen an, sich das Reich der Katzen zu wünschen. „Das Reich der Katzen, Blitz, die Jäger des Waldes, die Bäume, alles werden wir wiedersehen“, murmelten sie im Chor mit einer festumschlossener Hand um das Amulett. Die Mädchen öffneten ihre Augen und warteten auf den kommenden Blitz. Die ersten Wolken verfinsterten den Wald und ein Windstoss  brachte die Baumkronen zum Erzittern. „Da vorne sind sie!“, am anderen Ende der Lichtung tauchte Sascha hinter einen Scheinbuche hervor. Marie vergass zu Atmen und starrte in den Himmel. Ausgerechnet jetzt mussten die frechen Tiger auftauchen! Möge der Blitz schneller sein!

Die ersten Blitze krachten in der Ferne, wobei die Jungs einschüchternd abbremsten. Ein blaues, schimmerndes Licht umhüllte die Mädchen und Levin fiel beinahe die Augen aus dem Kopf. Bevor die Jungs einen weiten Schriet wagten, schmetterte ein ohrenbetäubender Krachen gegen ihre Trommelfeder und brachte sie ausser Bewusstsein.

An Brombeeres Fell zerrte eine strake Brise und weckte sie aus der tiefen Bewusstlosigkeit. Sie stürzte Hals über Kopf den Himmel hinab, bemerke sie nach einigen verschwommen Blicke die Klarheit. Brombeere kreischte, die näherkommenden Bäume unter ihren Pfoten, schienen nicht aus Gummi zu sein. Neben ihrem strampelnden Körper, segelten ihre Freundinnen bewusstlos den Himmel hinab. Brombeere schloss ihre Augen, schmetterte auf eine Eichenkrone, fiel von Blätterdach zu Blätterdach und stütze wie ein alter Sack auf den bemoosten Boden. Erschöpft hob sie von dem Aufprall den Kopf und wollte sich auf die wackligen Beine stützen, da plumpste Donners massiger Körper auf ihren eigenen und Stern folgte im Eiltempo, so dass Brombeere die Luft weg bleib. Langsam kamen Stern und Donner zum Bewusstsein und schüttelten die verschlafenen Köpfe. „Na ihr Kindsköpfe“, Teiger baute sich vor ihnen auf. Er wirkte grösser und stärker, seit dem letzten Mal und seine gelben Augen funkelten böse. Peinlich berührt schüttelte Stern die Blätter aus dem Pelz, während Donner sich schwankend auf den Körper raffte.      „Für Kinderrein haben wir keine Zeit“, Teigers Freund Dunkel kam aus dem Hinterhalt angeschlichen. Er hatte ebenfalls an Grösse zu gelegt und seine Muskelmasse schien sich verdoppelt zu haben. „ Wir sind ausgerutscht auf dem höchsten Ast“, erfand Brombeere. „Das sehen wir“, Teiger spähte in die Äste, wo Zweige vollkommen abgeknickt waren. „Man sieht, dass ihr noch nicht zu den Erwachsenen zählt“, bemerkte Dunkel arrogant. Donner frustriert schloss die Augen. Diese zwei tollpatschigen Kater zählten zu erwachsenen Katzen und wir nicht!                                  

„Kommt ihr endlich, wir haben eine gefährliche Mission vor uns!“ Aus dem Ginstergebüsch streckte Blatt den Kopf hinaus. Die Kätzinnen stolperten den Kater hinterher. „ Was für eine Mission“, wollte Brombeere von Donner wissen. Seine gelben Augen leuchteten spöttisch. „ Seit wann hast du so ein schlechtes Gedächtnis, wir verflogen doch den räudigen Dachs, der es gewagt hatte Nebel anzugreifen.“ Stern Ohren wurden spitz. „Ihr ist aber nichts passiert, oder?“ Teiger schüttelte energisch den Kopf. „ Hattet ihr eine Gehirnwäsche erhalten oder wo sind eure Erinnerungen geblieben? An dem Tag, als wir vom Felsenkessel weitergezogen sind, wurde sie doch von einem Dachs angegriffen. Ich hoffe ihr könnt euch noch an Monds Entführung erinnern.“ „Teiger“, schimpfte Blatt. „Jetzt schimpf nicht andauernd mit den Jungkatzen, sie machen ihre Sache gut!“ Bei dem Wort Jungkatzen krampfte es Donners Magen zusammen, als ob Teiger viel erfahrener wäre. Anderseits wusste sie nun durch die Fragerei, dass sie nur wenige Tage verpasst hatten.

„Der Dachs hat hier eine frische Duftmarkierung hinterlassen“, aufmerksam schnupperte Blatt die Rinde einer Esche ab. „ Ein bisschen zu scheussliche Duftmarkierung“, Stern rümpfte die Nase, der Geruch erinnerte an den einen verwesten Kadaver. „Haltet euch auf der Hut, ihr wisst Dachse sind gefährlich!“, besserwisserisch stellte Dunkel seinen Schweif in die Höhe. Die Patrouille legte sich zwischen Ranken und Wurzel auf die Lauer. „Ja wissen wir“, gab genervt Brombeere zurück. Wir müssen unbedingt auch erwachsen werden, damit sie uns nicht länger bevormunden!                                                                                                                        

„Hast du gerade Dachs gesagt?“, Donners Haare sträubten sich und schoss in die Höhe. Die wilden Krallen hatten nämlich noch nie eine Bekanntschaft mit Dachsen gemacht. „Rede kein Stuss“, fauchte Teiger aus seinem Versteck. „Für Scherze haben wir keine Zeit.“ „Wir haben noch nie einen…“Stern trat Donner auf die Pfote. „Sie meinet, wir haben erst kürzlich einen gesehen und da frage wir uns, ob er wieder so böse sein wird, wie beim letzten Mal.“ „Donner“, knurrte Dunkel mit zusammengebissenen Zähnen. „HINLEGEN!“ Angsterfüllt presste sich Donner in die Mulde und wagte kaum zu Atem. An der anderen Seite der dünnen Birke bewegte sich ein schwarz weiss gestreiftes Untier frei umher. Stern beobachtete den Dachs, wie er schwerfällig über einen Baumstamm kletterte, dabei entblösste er seine mächtige Zahnreihe. Brombeere schluckte neben Stern, zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Angst vor einem Dachs. „Ihr Mäuse macht euch beinahe ins Fell“, spottete Teiger neben ihnen. Donner funkelt ihm ins Gesicht.  Wir sind nun mal ein bisschen aus der Übung, schliesslich sind  Dachse keine Bedrohung für uns!                        

„Wartete auf mein Zeichen“, murmelte die erfahrenste Katze. Blatt spannte die Muskeln an, im Jagdkauern schlich sie auf den Dachs zu und gab den anderen ein Zeichen. „Bewegt eure jämmerlichen Hinterteile“, knurrte Teiger. Brombeere überhörte den unfreundlichen Ton und schlich dem Dachs näher. Im Anschleichen musste mir keiner etwas vorkauen!                                                                                     Blatt war nur noch ein kleines Stück von dem Tier entfernt, erneut spannte sie die kräftigen Hinterbeine zum Sprung an. „Jetzt!“, kreischte Blatt und stürzte sich fauchend auf den Dachs. Das Tier knurrte auf, als es die Katzen entdeckte, bevor er jedoch nach Blatt schnappen konnte, war sie schon auf seinen Rücken gesprungen. „Attacke!“, knurrend verpasste Teiger dem Dachs eine Kratzer auf dem Nasenrücken, während Donner und Stern ihn von hinten angriffen. Dunkel stolperte herbei aber der schwere Dachs gab ihm einen Schlag und er wurde über das Schlachtfeld geschleudert. „Dunkel!“, kreischte Brombeere voller Angst. Der Kater lag niedergestreckt am Boden und bewegte sich nicht mehr. „Dunkel?“, Brombeere stupste ihn in die Rippen. Keine Antwort folgte, jedoch hob sich seine Brust schwerfällig. „Brombeere hinter dir!“, kreischte Blatt, die ihre Zähne in das Nackenfell des Daches bohrte. Aus dem Gebüsch stürmte eine zweiter Dachs mit einem verschäumten Maul, der direkt auf Brombeere zu raste. „Hssssh!“, Stern stürmte herbei und biss dem Dachs in die Kehle. Der Dachs bremste ab und schnappte Sterns Schweif, welcher der Dachs auf erwischte. „Für dich“, fauchte Brombeere und drückte dem Dachs die Krallen in die fettleibige Schnauze. Er heulte auf und Stern konnte ihren Schweif unversehrt retten. „Danke“, schnaufte sie ihr zu und schlug wie eine Weltmeistern auf den Dachs ein.

Donners Zähne bohrten sich in den Unterbauch des Dachses, während Blatt ihm die Ohren zerfetzte. „ Brombeere ist in Sicherheit“, keuchte sie und das Blut tropfte ihr aus dem Maul. „ Und was ist mit Dunkel?“, fauchte Teiger und rammte dem Dachs seine mächtigen Pranken in die Seite. Donner musterte Dunkel, der wie ein Toter am Boden lag und ihre Freundinnen ihn wütend vor dem zweiten Dachs verteidigte. „Hurra er flieht!“, jaulte Brombeere und löste ihre blutverschmierten Krallen aus seiner Flanke. Donner gab den Sieg über den anderen Dachs zusätzliche Energie, bevor sie jedoch einen geschickten Seitenschlag ausüben konnte, schob Teiger sie auf die Seite. Der starke Kater schlug dem Kater die Hinterbeine in den Bauch und er verbiss sich in seine Kehle. „Aufhören!“, befahl Blatt. „Du wirst ihn töten.“ Sie packte ihn am Nackenfell und zog ihn von dem Dachs weg. Der Dachs hatte tiefe Bisswunden in der Kehle und seine Augen funkelten vor Angst, als er wimmernd davon stolperte. „Der hätte nichts Besseres verdient“, fauchte Teiger und leckte das Blut von den Lippen. Donner starrte den Kater entgeistert in die grünen Augen, wo sich ein Gefühlchaos abbildete. Was war das für ein mörderisches Blitzen in seinen dünnen Augenpupillen?                                                                                                                            „Er hat Nebel beinahe erlegt“, knurrte er Blatt ins Gesicht. Die helle Kätzin zitterte mit den Schnurrhaaren. „Wir gehören aber nicht zu den Schattenjägern, töten ist nicht unsere Absicht! Wir lassen unseren Gegner gehen und töten ihn nur in bitterer Not. Auch wenn er unsers Gleichen frisst, Mäuse könnten sich auch wehren!“ Teiger senkte den Kopf. „Natürlich Blatt, ihr war zu hart.“

„Dunkel alles in Ordnung?“, erneut zwickte Brombeere den Kater sanft in die Brust. „Ich glaube der ist ein Pflegefall“, murmelte Stern, als die Katzen sich um ihn versammelten. Blatt nickte: „Wir müssen ihn wohl oder übel zurücktransportieren“ Teiger packte das dunkelgraue Nackenfell und schleifte ihn über den Boden. „Warte, ich helfe dir Teiger“, Brombeere packte seine Hinterbeine. Teiger knurrte etwas verächtliches, hielt aber seine Klappe.                                                                                            

„Ihr habt sehr gut heute gekämpft“, lobte sie Blatt auf dem Rückweg. „Von mir aus könnt ihr zu den Erwachsenen zählen.“ Donner wurde verlegen. „Ach was, wir sind doch nicht einmal richtig ausgewachsen.“ Blatt wählte den Weg die zu einem schönen Birkenabschnitt führten. „Ihr alle seid grösser im Gegensatz zu mir, ausserdem kommt ihr mir heute ausgewachsener vor, als vor einigen Tagen.“ Stern winkte ab. „Das bildest du dir nur ein.“ Blatt schüttelte den kleinen Kopf. „Ich meine es ernst, Brombeere kommt mir grösser vor, Donner geschmeidiger und du Stern noch hübscher.“ Sterns Pfoten wurden ganz heiss, so sehr hatte Blatt sie verlegen gemacht. „Weisst du Blatt…“, begann Stern aber die Kätzin schnitt ihr den Satz ab. „Du musst bestimmt viele Verehrer haben.“ „Aber“, widersprach Stern, doch Blatt war längst über alle Berge marschiert.                                                                                         

Die Zahl der Nadelbaum nahm, nach und nach ab, bis der Wald schliesslich nur noch von Laubbäumen überdeckt wurde und unter den Bäumen bereitete sich einen bauchhohen Grasteppich aus. „Wo bin ich“, Dunkel kam wieder zu sich, als ein heller Sonnenstrahl ihn blendetet. „Du warst ohnmächtig“, antwortete Teiger freundschaftlich. Brombeere liess Dunkel los und er glitt ins weiche Gras. „Stimmt, dieser furchtbare Hieb.“ Blatt leckte ihm über eine blutende Wunde. „Hätte Brombeere und Stern dich nicht beschützt, wärst du vielleicht Tod.“ Dunkel warf zum ersten Mal in seinem Leben Brombeere einen dankbaren Blick zu. Er spielte mit den Muskeln im Sonnenlicht und Brombeere wurde es ganz warm ums Katzenherz. Teiger kniff die Augen zusammen und knuffte Dunkel gegen die Rippen. „Kannst du aufstehen?“ „Ich fürchte nicht“, seufzte er beschämt. „Ich glaube mein Bein ist gebrochen.“

Sie trugen den verletzten Dunkel ein Stück weiter, bis Donner den straken Geruch nach Jäger des Waldes wittern konnte. Endlich wieder im zweiten Zuhause!                                        

Sie umrundeten einen Sandstein und entdeckten das Lager, das umgeben von umgestürzten Bäumen war. „Du meine Güte, wie sieht Dunkel denn aus?“, der graue gestreifte Anführer, Blitz, kam besorgt aus dem Bau gekrochen. Neben ihm folgte die Seherin Mond. Am liebsten wären die Neuankömmlinge den Gefährten übermütig um den Hals gefallen aber ihre Abwesenheit war den Katzen niemals bekannt gewesen. „Es waren zwei Dachse aber wir konnten sie verjagen, unglücklicherweise hat Dunkel sein rechtes Vorderbein gebrochen.“ „Ist es sehr schlimm?“, Nacht kam aus einem Baum hinausgeprescht. Nach ihm folgte Streif mit den drei schwarzen Streifen, dessen Anblick Donners Herz höher schlagen liess. Er sieht einfach so gut aus! Warum aber hat er so einen miesen Charakter?                                                                                                                                     

„Keine Sorge, das haben wir gleich“, Mond wickelte eine Ladung Unkraut um sein gebrochenes Bein, danach murmelte sie diese Worte. „Saesta, Miame, Ekrate, Maera, Alenste, Ehnue.“ Somit musste jede Katze im Lager die Augen schliessen, bis das blaue Licht über die Hügelkäme gewandert war und hinter den Sandsteinfelsen verschwunden war. Der geheilte Dunkel richtete sich augenblicklich wieder auf die Pfoten, bedankte sich herzlich bei Mond und watschelte zu seinen Freunden, die auf dem verrotteten Baumstamm kauerten. „Heute seid ihr wieder einmal prächtig gewesen, wie mir Blatt berichtet hat“, miaute Blitz den Jungkatzen entgegen. „Ihr seid in meinen Augen erwachsene Katzen.“ Brombeeres Schweif schellte in die Höhe. Heisst das, sie werden vom heutigen Tag als erwachsenen Katzen bezeichnet?              

„Leider kann ich nicht bestimmen, wer zu den erwachsenen gehört, das müsst ihr selber rausfinden“, gestand er schliesslich. Sterns Laune stürzte eine Etage tiefer aber dabei erinnerte sie sich ans Kralles Worte, die er ihnen vor einer Ewigkeit gesagt hatte. Man kann keine Zeit dafür bestimmen und niemand wird es entscheiden, wer zu den Erwachsenen gehört, das müsst ihr selber herausfinden.                                                                                                                         

„Stimmt“, seufzte Stern. „ Wir müssen es selber herausfinde.“

„ Wie finden wir unser Erwachsensein heraus?“, fragte Donner, nachdem sie sich erschöpft in einer ruhigen Ecke des Lagers niederliessen. „Ich habe keinen blassen Schimmer.“ Brombeere zuckte ratlos mit den breiten Schultern. „Irgendwann werden wir es herausfinden.“ Ein Geräusch folgte aus dem Unterholz und im nächsten Augenblick stürzten Flamme, Kralle, Bach und Sturm aus dem Heidenkraut. Alle trugen erlegte Beute in ihren Mäulern, weshalb Kralle eine stolz geschwellte Brust hatte. Sturm  schlenderte gleich zu einer efeuüberdeckten Höhle, wo das hungrige Mauzen von Nebels Jungen hinaus jammerte. Kralle und Bach gesellten sich zu Blatt und Blitz, während Flamme den Weg zu den Jungkatzen wählte. „Hier, für dich Stern“, miaute er schüchtern. Er schob ihr ein wohlgenährtes Kaninchen vor die Pfoten. „Danke“, entgegnete  Stern verblüfft. „Wofür hab ich das verdient?“ Flamme blähte seine feuerrote Brust auf. „Für nichts, weisst du, ich mach das gerne für dich.“ „Okay, vielen Dank…ich“, Stern wusste nicht recht was sie sagen sollte, nahm aber das Kaninchen dankbar an. Flamme leckte sich verlegen über die Brust, als einige Katzen im Hintergrund miteinander tuschelten. „Man sieht sich“, miaute der geschmeidige Kater und trabte davon. „Flamme möchte etwas von dir“, Brombeere betrachtete das Kaninchen. „Ansonsten hätte er dir nicht gerade so ein wunderbarer Brocken geschenkt.“ Stern zuckte peinlich berührt mit ihrem buschigen Schweif. „So ein Quatsch, das ist reine Freundlichkeit!“ „Reine Freundlichkeit“, wiederholte Donner neckend und nahm ein Maul voll von dem saftigen Kaninchenfleisch. „Das scheint aber jemand verliebt zu sein“, wiederholte eine düstere Stimme. Nacht sprang vom Baumstamm hinunter und hatte ein spöttisches Grinsen in den schwarzen Mundwinkeln. Brombeere ertrug sein nerviges Gefasel nicht länger und fauchte ihm drohend entgegen. „Lass sie in Ruhe, du weisst nicht einmal was Liebe bedeutet!“ Nachts gelbe Augen flackerten verletzt auf, während er einen langen Blick auf Kralle warf. Kralle war sein leiblicher Vater aber noch nie hatte er ein Interesse für seine Söhne gezeigt. „Hab ich wirklich nicht“, hauchte er betroffen. Donner bekam schwimmendes Mitleid für den schwarzen Kater aber bevor sie ihm ein tröstendes Wort zu werfen konnte, trat Teiger dazwischen und legte Nacht den gestreiften Schweif auf die mageren Schultern. „Denk nicht an deinen dummen Vater, schliesslich hast du mich“, knurrte er. Stern kniff ihre blauen Augen zusammen. Oh mein Gott, Teiger ist so was wie seine Familie!                                                                                                                                               

„Teiger, Nacht“, Blitz schriet über die Lichtung, an seiner Seite folgte Sturm wie sein Schatten. „Was können wir für dich tun?“, Teiger verneigte sich respektvoll vor dem Anführer der Jäger des Waldes. „Wir halten heute Nacht einen Kriegsrat“, begann Blitz zu erzählen. „Daher seid ihr vier heute Nacht eingeladen und teilte es auch Streif und Dunkel mit.“ „Machen wir doch gerne“, miaute Nacht erfreut. Brombeere nahm einen Biss vom Kaninchen und nuschelte: „Können wir auch kommen?“ Sturm schüttelte zu ihrem Erstaunen den sandbraunen Kopf. „Tut mir leid, der Kriegsrat ist heute nur für erwachsene Katzen. Dazu zählt ihr noch nicht.“ Stern blieb ein Stück Fleisch vor Enttäuschung im Hals stecken, als Teiger ihnen einen spöttischen Blick zu warf. „Dann eben nicht“, antwortete Stern. Warum müssen gerade sie schon zu den Erwachsenen zählen, das ist so ungerecht!

 

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    wieder im reich der katzen <3

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