Ich wurde geboren in einer pechschwarzen Nacht. Ein hüllenloses Wesen. Wunderschön und abgrundtief hässlich.

Die großen Titanen fürchteten mich als den, der gesichtslos war. Ängstigten sich vor der unnennbaren Macht, die das gesamte Gefüge der großen Herrscher ins Schwanken brachte.

So mieden sie mich. Zitterten, wenn sie meinem Antlitz entgegenblickten. Doch Angst macht einsam.

 

Ich wandelte auf Erdengrund, zwischen Bäumen und Sträuchern. Heulte mit den Wölfen, flog mit den Adlern. War ihnen gleich und doch so anders. Immer anders …

Meine große Mutter hatte Mitleid mit mir und verriet mir das Geheimnis der schaffenden Saat, mit der sie erschuf und vernichtete.

Millionen von Jahren kroch ich mit den Würmern der Erde, durch das tiefe Gestein, zum Rande eurer Hölle, bis ich die Quelle all des Lebens fand. Ein unscheinbarer Sumpf mit brodelnder Masse.

Aus dessen Lehm formte ich die ersten Menschenwesen. Rohlinge, die kaum etwas mit den Wesen von heute gemein hatten, die uns jetzt umgeben. Eine Schale – ohne Geist, geformt von einer Seele ohne Hülle.

Tagein, tagaus gestalteten meine Hände ein Geschlecht, was mir gleich sei. Alle gleich im Bau und alle anders im Aussehen. Immer anders …

In jeder meiner Schöpfungen spiegelte sich mein Ich. Schwarz, weiß, klein, groß, imposant und schmächtig.

Mit meiner schaffenden Kraft flößte ich ihnen den Geist dessen ein, was mich umfloss. Ich gab manchen die Kraft von Bären, die Geduld von Schnecken, den Mut von Löwen, das Vertrauen der Vögel. Jeder bekam eine andere Gabe, in unterschiedlicher Stärke.

Gleichwohl mich so unendlich viel Leben umgab, fühlte ich mich dennoch einsam, denn sie lebten instinktiv, wie der Geist, der sie beseelte.

In einem Anfall von Rage vernichtete ich fast mein gesamtes Werk und meine Kinder fürchteten mich, wie die Großen da droben. In einer verzweifelten Nacht stand mir Athene zur Seite, eine, die mein Wesen ertrug, ohne dem Wahnsinn zu verfallen.

Fasziniert von meiner Schöpfung, hauchte sie ihnen einen göttlichen Geist ein. Nun erhoben sich meine Kreaturen über die Tiere. Planten ihr Leben, entwickelten ein gesittetes Miteinander. Ich lehrte sie, mit den eigenen Händen Dinge zu erschaffen, unterrichtete sie in Philosophie und Astrologie. Die unterschiedlichsten Handwerke erlernten die Vormenschen, genau wie Umsetzung von Werten, Normen und Gesetzen. Doch schnell langweilten sie mich, denn all ihr Handeln war rational. In großen Anteilen waren sie wie ich, doch immer noch anders als ich. Immer anders …

Es ergab sich, dass ein Kind stark erkrankte. Die Gefahr einer Epidemie bestand und so töteten die Urmenschen dieses kleine Wesen. Kein Widerspruch der Eltern, kein Bedauern, keine Träne des Zornes über dessen Verlust. Ihnen fehlte das, was den Menschen, wie er heute wandelt, ausmacht: die Menschlichkeit. Liebe, Angst, Zorn, all die Emotionen, die Götter und Titanen innewohnten, die mich in meinem Kern formten, fehlten meiner Schöpfung.

Aphrodite, Göttin der Liebe, bot mir ihre Hilfe an, um mein Problem zu lösen. Doch nicht ohne hohen Einsatz. Diese Frau, beschenkt mit wunderschönem Körper und einem noch berauschenderem Gesicht, beherbergt die dunkelste Seele aller Götter. Unter höhnischem Lachen nahm sie mir einen Teil meiner selbst und beschenkte die Menschen mit all den Emotionen, die sie jetzt fühlen, aber verteilte diese bewusst ungerecht. Dem einen gab sie den größten Hass, den schlimmsten Neid oder die tiefste Verachtung, einem anderen vergab sie unnachgiebige Liebe, hoffnungslose Hingabe oder verzweifelte Sehnsucht. Dies befriedigte ihre bestialische Seele jedoch immer noch nicht. So verfluchte sie die Menschen mit einer lebenslangen Suche. Das ewige Verlangen nach dem einen Menschen, der euch vervollständigt, der euer Wesen ganz macht, heilt. Dieses unvergängliche Begehr, welches so viel Hass und Krieg nach sich zog. Das tiefe Verlangen eine Seele zu finden, die euch ergänzt, euch beisteht um aus einem halben Menschen einen ganzen zu formen. Nur ein Bruchteil wird ihn finden. Alles andere ist nur ein Kompromiss, eine traurige Alternative von dem, was ich euch eigentlich andachte, euch wundersamer Schöpfung. So seid ihr alle halb, zerrissen und auf ewiger Suche.

Jetzt seid ihr wie ich.

Kommentare

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    Starker Text! Schön, wieder einmal etwas von dir zu lesen! :-)

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