Die Schwierigkeit, das Überleben zu überleben

Esther würde sich wohl nie an diese riesigen Konsumhallen gewöhnen, die bei ihr zusammen mit den daraus resultierenden Menschenmassen immer ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend verursachten. Verloren stand sie vor einem Lageplan, der ihr wohl den Weg zu ihrem gewünschten Ziel zeigen sollte. Doch das Fieber und ihre Müdigkeit erschwerten ihr diese simple Tätigkeit des Lesens ungemein. Schüttelfrost ließ ihr in beinahe regelmäßigen Abständen Kälteschauer über den Rücken jagen, und das laute Stimmengewirr ihrer Mitmenschen dröhnte in ihrem Kopf. Die grellen Farben stachen in ihre beinahe tränenden Augen und verschwammen zu abstrakten Formen. „Alles in Ordnung mit ihnen? Kann ich vielleicht helfen?“ Esthers Herz setzte einige Takte lang aus. Als sie ihren Kopf zur Seite drehte, erkannte sie nach einigem Blinzeln das freundliche, runde Gesicht eines jungen Mannes, der wohl kaum viel älter war als sie. „Ist schon in Ordnung. Wissen sie, wo…“ Jetzt müsste sie nur noch das Wort für Apotheke wissen… Dabei hatte sie es doch extra heute Morgen noch einmal nachgeschlagen. Verzweifelt fuhr sie sich durch ihre kurzen Haare. „Wissen sie, wo ich Medizin bekomme?“

Wie sie es zu ihrer Wohnung geschafft hatte, wusste Esther schon gar nicht mehr. All ihre Gedanken und Empfindungen rauschten unerkannt an ihr vorbei, als sie den Schlüssel drehte und beinahe in die heruntergekommene Wohnung fiel. Sofort zog sie den Schlüssel wieder ab, knallte die Tür zu und ließ sich gleich auf dem Fußboden nieder. Nach einigen, schweren Atemzügen kramte sie in ihrem Rucksack nach der Medizin, die sie hat mitgehen lassen. Sie sah überhaupt nicht ein, weshalb sie Geld ausgeben sollte, das sie nicht hatten, nur um halbwegs gesund zu sein. Auf gut Glück schluckte sie einfach wahllos von jeder Sorte etwas, nur die Schlaf- und Koffeintabletten ließ sie noch aus. Erschöpft schloss sie die Augen und lehnte ihren Kopf an die kühle Wand hinter ihr. Langsam beruhigten sich wieder ihr Herzschlag und ihre Atemzüge, bis ihr mit einem mal ein beißender Alkoholgeruch entgegenschlug, den sie bis jetzt wohl nicht bemerkt hatte. Mit einer bösen Vorahnung rappelte sie sich wieder auf die Beine. Auf dem ohnehin schon abgeranzten Teppichboden entdeckte sie nun auch undefinierbare Flecke, von denen sie sich sicher war, dass sie vorher noch nicht da waren. Sie ging einige Schritte in den Flur hinein und fand weiterhin eine umgekippte, leere Bierflasche. In der Tür zum Wohnzimmer lag auch schon die zweite und leise Stimmen kamen aus dem Raum. Als Esther eintrat konnte sie eine regelrechte Spur an leeren Alkoholflaschen ausmachen, die bei Bier anfing, über Wein und Whiskey ging und schließlich mit einer angefangenen Flasche purem Wodka in der Hand ihrer Mutter endete. In sich eingesunken hockte sie nur wenige Zentimeter vor dem Fernseher, auf dem gerade eine Sondersendung über die Zustände in ihrem Heimatland lief. „Mama?“ vorsichtig näherte sie sich. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Ihre Mutter hatte seit vielen Jahren nichts mehr getrunken, und noch nie derart exzessiv. „Weßt, über uns bring die janüscht.“ lallte Juno leise. „Nich ein Sterbets.... Bersted... Sterbenswörtschn. Als würds uns janich gebn.“ Esther schwieg. Ihre Mutter nahm einen weiteren Schluck aus der Wodkaflasche. „DA!“ rief sie auf einmal so laut aus, dass ihre Tochter vor Schreck zusammenzuckte. „Da, da ham wa gelä- gelejbt.“ sie zeigte auf das Bild einer zerbombten Ruine, das gerade eingeblendet wurde. „Mama, das ist am anderen Ende der Landesgrenze. Da waren wir noch nie.“ „DU... Du hast ja keine Ahnung!“ schimpfte sie plötzlich erschreckend nüchtern. „Ich glaube, du solltest jetzt besser aufhören...“ sagte Esther kleinlaut und versuchte so unauffällig wie möglich, den Wodka an sich zu nehmen. „Lass das!“ Juno war wieder in ein leichtes Lallen verfallen und schob ihre Tochter grob von sich weg. „ICH, ganz allen hab mir majn Frejhajt erkämpft! Ich kann trinken so viel ich will!“ daraufhin nahm sie gleich noch einen großen Schluck. „Mama, bitte, sonst musst du noch mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus...“ „DIESE MIESEN SCHWEINE KÖNNEN MICH MAL AM ARSCH LECKEN!“ schrie sie laut und versuchte sich schwankend zu erheben. Esther stützte sie gerade noch rechtzeitig, bevor sie umfallen konnte, aber Juno schubste sie wieder weg. „Lass das! Dieser fiese Möchtegern-Arzt, die ham mich übahaupt nich ernst genomm! Hat nur abfällig gelächelt, dieses miese Schwein, hat mir untastellt ihn anzulügn! Un sum Schluss hatt der mir noch dreisst ne Stelle als Kra- Krankenpflege angebotn! Ich würd bestimmt sexy in Uniform aussehn, hat das miese Schwein gesagt!“ Wieder gönnte sie sich einen großen Schluck Wodka. „Vielleicht solltest du etwas kleiner anfangen, damit sie vertrauen zu dir fassen können...“ „Bisst du be- behindat? Ha, Momen - nakla bis du! Du bis ja eine von den, die sich von ihra Hejmat verscheuchen hat lassn. Haha, alle sin wa behindat!“ Juno lachte ein schrilles Lachen, dass Esther noch nie von ihr gehört hatte. Plötzlich hörte sie auf und schaute nur dumpf und ausdruckslos ins Leere. „Ich habe mich doch nicht durch acht Jahre Studium und Ausbildung gekämpft, um dann als Schwester zu Enden. Meine Mama hat ihren Körper verkauft, damit ich studieren konnte.“ eine Pause entstand, bis sie schließlich fast flüsternd fortfuhr: „Papa hat ihr das nie verziehen, weißt du.“ Mit diesen Worten ließ sie die Flasche auf den Boden fallen, sodass sich die komplette Flüssigkeit darauf verteilte. „Komm, Mama, du solltest jetzt besser ein bisschen schlafen.“ Behutsam führte Esther sie zu ihrem kleinen Schlafzimmer, das gleich gegenüber dem Wohnzimmer lag, legte sie aufs Bett und deckte sie vorsichtig zu. „Meinst du, Mama und Papa leben noch irgendwo?“ fragte Juno und sah ihre Tochter mit großen Augen an. Nein, dachte sie. Mit großer Sicherheit nicht. „Bestimmt. Oma Anna und Opa Benjamin sind doch schlau, die haben sich bestimmt durchgebissen und sind auch schon längst an einem besseren Ort.“ Juno zeigte keine Reaktion mehr. Sie starrte nur emotionslos und dumpf an die dreckige Wand hinter Esther. Diese fühlte sich Schrecklich. Im Grunde genommen war es doch ihre Schuld. Warum war sie nicht gleich arbeiten gegangen? Warum hatte sie tatsächlich nachgegeben als ihre Mutter wegen falschem Stolz darauf bestand, dass sie noch ihren höheren Abschluss machte? Das bisschen Unterstützung, womit sie sich Wohnung und Lebensmittel leisten konnten würde in ein paar Monaten auslaufen, und was tat sie? Sie saß in der Schule ihre Zeit ab und lag mit ihren benötigten Schulsachen ihrer Mutter noch zusätzlich auf der Tasche.

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