Ein richtig mieser Tag

„Cleoluna, du fragst dich sicher, warum ich die habe rufen lassen. Vor etwa einem Monat hat mich ein Schreiben des allusischen Königshauses erreicht. Nach einigen gründlichen Unterhaltungen mit meinen Beratern, habe ich beschlossen, deine Verlobung mit dem Kronprinzen Fabriz von Alussi bekannt zu geben.
Du bist nun im richtigen Alter und kannst schließlich nicht dein ganzes Leben hier verbringen. Es wird Zeit, dass du deinen eigenen Weg gehst.
Zudem können wir auf eurer Ehe eine stabile Verbindung zu Alussi aufrechterhalten.
Wie du sicherlich weißt, lehnen sie normalerweise jeglichen fremdländischen Einfluss ab und dadurch kommt es nur sehr selten zu Verträgen und Handel zwischen ihnen und anderen Ländern. So können wir dadurch endlich eine stabile Handelsbasis entwickeln und aufrechterhalten.
Du weißt, was das bedeutet, oder? Dieses Bündnis würde uns einen großen Vorteil gegenüber den anderen Ländern bieten, und zwar einen großen.“ Fassungslos starrte sie ihn an. War das sein ernst?! Nie hatte er auch nur etwas in die Richtung erwähnt und nun sollte sie heiraten?! Sie kannte diesen Prinzen nicht einmal! Geschweige denn, dass sie überhaupt heiraten wollte!
Niemals würde sie einem solchen Schwachsinn folgen!
„Sie sagen, ich soll meinen eigenen Weg gehen? Warum wird diese wichtige Entscheidung dann ohne mich getroffen? Es ist zwar durchaus nachvollziehbar, allerdings werde ich doch mindestens darauf bestehen können, Prinz Fabriz von Alussi vorher zu treffen. Sollte sich herausstellen, dass er von barbarischer Natur ist, so sollte mir die Möglichkeit erhalten bleiben, abzulehnen. Eine unglückliche Ehe kann unseren Ländern nur schaden, meinen Sie nicht?“
Sie konnte regelrecht sehen, wie er sauer wurde. Er wurde dann immer rot, so als würde er vergessen zu atmen.
Es war zwar nicht sonderlich klug von ihr ihrem Vater zu wiedersprechen, aber sie musste einen Ausweg finden und zwar dringend! Betont langsam stand der König auf und stellte sich ans Fenster. Selbst die Dienerschaft schien unter der Stille zu leiden und immer nervöser zu werden.
Niemand wiedersetzte sich dem König. Niemand!
Ihr Vater war bekannt dafür, gnadenlos und unbarmherzig zu sein. Wer nicht seiner Meinung war, war ein Feind des Königreiches. Deshalb ging sie ein hohes Risiko ein.
„Nun.“ Er ließ das Wort betont lange im Raum stehen, ohne weiter zu reden. „Nun, ich denke, das wäre gar keine schlechte Idee. Es macht bei der Bevölkerung einen besseren Eindruck, wenn ihr euch vorher trefft und wir dann offiziell verkünden, dass ihr euch direkt voneinander angezogen fühlt.
Das erscheint den einfachen Leuten plausibler, als eine auf taktischen Zügen basierende Ehe. Ich werde ein Treffen vereinbaren.
Allerdings kann ich dir versichern, dass der Prinz durchaus wohlerzogen ist. Ich habe seine Bekanntschaft bereits gemacht, daher dürften eurer Ehe keine Bedenken im Wege stehen. Verstanden Cleoluna? Die Sache ist beschlossen und dient nur deinem Besten.
So wie ich dich kenne, würdest du alleine sterben und damit niemanden helfen.“ Sein Blick sagte allerdings mehr als nur das. Dies war keine Bitte, es war ein königlicher Befehl.
Sie biss ihre Zähne fest zusammen und ballte kaum merklich Fäuste.
„Ich habe verstanden, eure Hoheit.“
Danach wartete sie nicht einmal mehr auf eine Antwort, drehte sich um und war bereit hinaus zu stürmen. Doch bevor sie die Tür erreichte, rief er ihr etwas nach: „Ich denke es wäre das Beste, wenn du dich ausgiebig auf das treffen vorbereitest. Daher halte ich es für angemessen, dir Wachen einzuteilen, die dich durchgehend begleiten werden, solange du dich nicht in deinem Zimmer aufhältst. Warte in deinem Zimmer, bis der Hauptman der Palastwache sich bei dir meldet.“
Dieser Arsch! Wirklich?! Hausarrest!? Dachte er sie würde weglaufen oder was?
Sie war nicht seine Puppe verdammt nochmal! So schnell sie konnte rannte sie in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab.
Sie würde einen Weg finden verdammt noch mal! Niemals würde sie sich zwangsverheiraten lassen!
Sollte er doch eine andere Prinzessin heiraten, sie sicherlich nicht!
Eine Weile lang betrachtete sie sich im Spiegel.
Nein, das würde sie nicht zulassen.

 

                                                                      *

 

Nicht im ernst oder? Hoffentlich habe ich es geschafft mich da raus zu manövrieren. Sonst habe ich ein Problem mehr an der Backe und zwar ein riesiges. Ein Blick auf die Uhr, es ist 2 Uhr morgens. Scheiße, noch drei Stunden. Frustriert schlage ich mir die Hände vors Gesicht.

Nach dieser Erinnerung wird es mir deutlich schwerer fallen wieder einzuschlafen. Verdammte Scheiße! Das kann nicht wahr sein, bitte, bitte nicht!

Ich will nicht verlobt sein! Ich bezweifle ja alleine schon die Ehe aus Liebe, aber eine Zwangsehe!? Niemals. Niemals! NIEMALS! Nein, nein, nein.

Das geht nicht. Warum um alles in der Welt musste ich mich DARAN erinnern? Konnte es nicht etwas Schönes sein? Wie mein Haustier oder so etwas?

Oder etwas Wichtigeres, wie zum Beispiel die Geschichte oder etwas über die Königreiche überhaupt!

Ich hätte Robin wirklich mehr ausquetschen sollen. Hoffentlich bekomme ich noch eine Gelegenheit dazu, bevor ich ihrem „Auftraggeber“ begegne.

Ich kann ja schlecht in ein Land bzw. in eine Welt reisen, über die ich absolut nicht weiß. Das wäre praktisch Selbstmord oder zumindest sehr, sehr naiv.

Ob Jerome und Wilhelm vielleicht noch etwas darüber wissen? Eine Frage ist es zu mindestens Wert. Ich seufze. Aber das ändert leider nichts an meinem Problem nicht einschlafen zu können.

Mir schwirrt der Kopf schon voller lauter Kleider, Schuhe, Benimmregeln und viel schlimmer meiner Erinnerungen.

Wie konnte es nur passieren, dass ich all dies vergaß? Alleine die Reise durch das Portal konnte ja schlecht der Grund sein. Und selbst die Verletzungen können dafür nicht die Erklärung sein, oder?

In Filmen sind es doch meist irgendwelche schwer belastende Probleme, die den Kopf dazu bringen, die Erinnerungen weg zu schließen.

Wieder seufze ich und setze mich genervt auf. Toll, jetzt bin ich komplett wach. Diese ganze Grübelei bringt mich doch auch nicht weiter. Und jetzt bringt mich das Ganze auch noch um meinen Schlaf. Ausgerechnet heute, wo es doch ein wichtiger Tag ist. Schließlich ist das meine einzige Chance Raff und Simone die Wahrheit zu sagen und ich will nicht einfach abhauen, ohne ihnen die Wahrheit zu sagen, mich von ihnen zu verabschieden.

Das wäre das Letzte.

Entschlossen stehe ich auf und mache ich mich schon einmal fertig, zumindest so gut es geht, ohne Lärm zu machen. Marie muss ja nicht auch noch um 3 Uhr morgens aufstehen.

Da ich allerdings schon nach nicht einmal 10 Minuten meine Sachen rausgelegt habe und auch schon im Bad fertig bin, setze ich mich an meinen Computer.

Ein wenig eigen Recherche schadet bestimmt nicht und wenn ich so einem weiteren Vortrag von Wilhelm entgehen kann, umso besser. Von seinem gestrigen Vortrag weiß ich schon jetzt so gut wie nichts mehr.

Aber mir kamen die „Regeln“ auch alle sehr bekannt vor. Von wegen niemanden unterbrechen, Hände beim Essen auf den Tisch, aber nicht die Ellbogen, niemals mit den Händen essen, während eines Gespräches immer dem anderen in die Augen sehen etc. etc.. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir so manche Regel nicht immer leichtfallen wird. Vor allem, wenn in an meine Begegnung mit meinem Vater denke.

Ich meine, dass war nicht unbedingt ein herzliches Vater- Tochter Gespräch. Eher ein Treffen zwischen Vorgesetzter und Angestellter und dabei nicht einmal eins der freundlichen Sorte.

So einen Vater will ich wirklich nicht, da wäre Jerome mir lieber. Er ist zwar nicht so oft da, aber er zeigt wenigstens, dass er seine Kinder liebt. Bei meinem Vater hatte ich eher das Gefühl, als würde er mich nur wie ein Werkzeug benutzen.

Vielleicht irre ich mich aber auch und es lag nur an der gegebenen Situation, das wäre schön, aber wirklich Hoffnungen mache ich mir da nicht. Mein bequemes Leben ist wahrscheinlich fürs erste einmal vorbei.

Ich kann es mir schon vorstellen, lauter Treffen mit Leuten, deren Namen und Gesichter ich schon nach wenigen Tagen vergessen haben werde. Lauter falsche Freundlichkeit und Schleimerei. Als ich so im Internet einen Artikel nach dem anderen lese, fasse ich einen Entschluss.

Scheiß auf dieses ganze Getue! Normalerweise halte ich mich automatisch an die meisten Regeln, aber ich werde sicherlich nicht mein ganzes Wesen verstellen, nur um den Anforderungen einer Bilderbuch Prinzessin gerecht zu werden. Sicherlich werde ich nicht sofort anfangen pinke Rüschenkleider toll zu finden und mit anderen Prinzessinnen zusammensitzen und mir eine Ehe mit einem Prinzen auszumalen.

Würg. Niemals.

Wieder muss ich an die Zwangsehe denken und es läuft mir kalt den Rücken hinunter. Vielleicht tue ich diesem Prinzen damit ja unrecht und er ist genauso dagegen wie ich, aber falls nicht, hoffe ich einfach mal, das er mittlerweile eine andere geheiratet hat.

Mittlerweile ist es schon fast vier. Nur noch eine Stunde und dann kann ich mich endlich fertigmachen. Jetzt, wo der Mörder hinter Dach und Fach ist, müssen wir auch nicht mehr mit dem Roller fahren. Mit einem Schlag wird mir bewusst, dass ich meinen Mp3-Player nicht mit in die andere Welt nehmen kann, ich würde nie wieder so eine Bandbreite an Musik zur Verfügung haben.

Fest beiße ich die Zähne zusammen. In den ersten Wochen und Monaten würde mir das vielleicht nicht sonderlich fehlen, aber ich würde schließlich mein ganzes Leben in der anderen Welt verbringen müssen.

Früher oder später würde ich sie vermissen. Vielleicht lässt sich Jerome ja davon überzeugen, dass ich mir meinen Mp3-Player mitnehme und dazu vielleicht eine von diesen kleinen Solarbatterien. Falls nicht, kann ich bestimmt Marie oder Lukas davon überzeugen und beides dann heimlich mitschmuggeln.

Ich lehne mich im Stuhl zurück und starre an die Decke. Jetzt noch einmal einzuschlafen brauche ich gar nicht erst zu versuchen, deswegen starte ich mein Computerspiel und spiele solange, bis mein Wecker klingelt.

Die Stunde vergeht wie im Flug und da ich schon alles vorbereitet habe, dauert es nicht einmal 5 Minuten bis ich fertig bin. Da ich noch so viel Zeit übrig habe, mache ich mich daran, mein Essen zusammen zu packen.

Zuerst brate ich mir ein paar Würstchen und etwas Rührei. Danach schmiere ich mir noch vier Brote und schneide mir noch einige Paprika und Möhren klein.

Für mich alleine wäre das natürlich viel zu viel, aber dieses Mal plane ich schon damit, dass Raff und Simone etwas abhaben wollen. Wenn allerdings nicht, habe ich noch für den Rest des Tages genügend. Maries Auflauf darf natürlich auch nicht verschwendet werden und deswegen nehme ich davon auch noch eine ordentliche Portion mit. Kalt schmeckt er zwar nicht einmal halb so gut, aber immer noch genial.

Da ich immer noch genug Zeit habe, wärme ich mir schnell eine kleine Portion auf. Kurz bevor ich aufgegessen habe, kommt Marie dann auch endlich runter. Schnell schmiert sie sich ein paar Brote und dann machen wir uns auch schon auf den Weg.

Unterwegs spüre ich, wie Marie mir immer wieder besorgte Blicke zuwirft. Also nehme ich einen meiner Kopfhörer raus und frage:

„Ist was?“

Marie lächelt beruhigt und schüttelt den Kopf: „Anscheinend nicht.“

„Keine Sorge, das wird schon alles.“

Wahrscheinlich klinge ich nicht einmal halb so überzeugend wie ich es gerne hätte, aber Maries Lächeln beruhigt mich ein wenig. Es wird schon alles gut gehen. Dieses Mal halte ich keinen Abstand zu Marie mehr.

Es ist ja auch nicht mehr wichtig, schließlich ist heute das letzte Mal, dass ich diesen Weg hier gehe.

Marie scheint das zu freuen und als wir an einer Kreuzung ankommen, winkt sie Johannes freudig zu, der anscheinend auf uns gewartet hat. Als er Marie sieht muss er grinsen.

Nach wenigen Schritten sind wir auch schon bei ihm angekommen.

„Einen wunderschönen guten Morgen, eure Hoheit. Ich hoffe ihr hattet angenehme Träume.“

Nach einem anfänglichen Grinsen antworte ich genauso spöttisch: „Aber, aber, wo bleibt denn die Verneigung?“

Johannes grinsen wird noch breiter und zu meiner Überraschung verneigt er sich wirklich. Trotz all der erschrockenen Blicke der Mädchen um uns herum, kann ich mir ein lautes auflachen kaum verkneifen. Selbst Marie hält sich vor Lachen schon den Bauch. Langsam machen wir uns auf den weg und Johannes fragt neugierig: „Und? Schon überlegt, wie du es ihnen sagst?“

Deprimiert schüttle ich den Kopf: „Keine Ahnung. Wahrscheinlich werde ich es einfach sagen. Auch wenn mir das nicht gerade leichtfallen wird.“

„Kopf hoch, das wird schon.“

„Ja. Die beiden scheinen dich echt gern zu haben. Mach dir also keine Sorgen.“ Sagt Marie bekräftigend. Ich seufze noch einmal und packe meine Musik dann ganz weg.

„Und? Wann fangen die Tanzstunden an?“

Ich werfe ihm einen skeptischen Blick zu.

„Sag mir bloß nicht, dass du da auch hinkommen willst?“

Johannes sieht mich übertrieben verständnislos an.

„Natürlich komme ich! Zum einen kann ich mir diese Gelegenheit wohl kaum entgehen lassen und zum anderen braucht unsere Prinzessin doch auch einen Tanzpartner.“

Ich grinse gequält. „Tanzen fängt erst morgen an. Heute habe ich nur noch Fechtunterricht.“

Marie und Johannes sehen mich regelrecht geschockt an und ich frage verwirrt: „Was? Habe ich was im Gesicht?“

Marie schüttelt nur den Kopf, doch Johannes fängt schon fast diabolisch an zu grinsen.

„Dir ist es also recht, das ich mit dir tanze?“

Ich beiße mir auf die Lippe und fluche innerlich.

„Was soll`s? Immer noch besser als mit irgendeinem Fremden. Außerdem kann ich dir so auf die Füße treten, ohne dass du dich beschweren kannst.“

Johannes schaut bei der Vorstellung gequält drein, muss aber dennoch grinsen. Den Rest des Weges unterhalten wir uns über die andere Welt und stellen immer neue Thesen auf. Als ich ihnen von meiner vermeidlichen Verlobung erzähle, schauen mich beide entsetzt an.

„Nicht dein ernst oder?“

Ich hebe abwehrend die Hände, als ich Johannes Gesichtsausdruck sehe. Er scheint ein wenig blass geworden zu sein.

„Ich bin mir ja nicht einmal sicher, ob es immer noch so ist. Vielleicht hat sich das ja auch schon geklärt.“

Marie sieht mich entsetzt an und schlägt mit einem Mal ihre Hände vor ihren Mund.

„Oder schlimmer, was, wenn du schon längst verheiratet bist?!“

Ich sehe sie entsetzt an und quäle mich zu einem schiefen Grinsen.

„Das glaube ich nicht, dann hätte ich doch einen Ring umgehabt als ich hergekommen bin. Außerdem wäre ich dann sicherlich nicht in meinem Königreich gewesen, sondern in diesen komischen Alussi. Und von da hätte man mich sicherlich nicht entführen können.“

Johannes runzelt die Stirn. „Das gefällt mir ganz und gar nicht.“

Ich schüttle nur den Kopf und flüstere: „Frag mich mal.“

Ich spüre, wie ihre Blicke weicher werden und Marie harkt sich bei mir ein.

„Das wird schon. So wie ich dich kenne, hat sich die Sache schon längst erledigt.“ „Das wäre zu schön.“

Wir sind schon fast an der Schule angekommen, als ich Simone erspähe. Sie sieht mich fast im gleichen Moment, erst sieht es so aus, als würde sie mir entgegenkommen, aber dann läuft sie rot an und dreht sich schnell weg. Mir ist sofort klar, warum. Johannes. Sie muss wirklich in ihn verknallt sein.

Ich mache mich schnell von Marie los und verabschiede mich, danach renne ich schnell zu Simone und ziehe sie weiter. Am Anfang ist sie noch ganz still und muss sich wahrscheinlich erst einmal erholen. Nach nicht einmal 2 Minuten platzt sie dann aber damit heraus.

„Sind du und Johannes zusammen!?“

Ich starre sie verständnislos, mit offenen Mund an. Das kann sie nicht ernst meinen oder? Ich meine, er? Und Ich?! Niemals.

„Wie kommst du denn darauf? Niemals!“

Sie blickt erleichtert drein und atmet einmal tief durch.

„Keine Sorge, ich nehm` dir deinen Schatzi nicht weg.“

Wieder läuft sie knallrot an. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen und als sie versucht, mich spielerisch zu schlagen, laufe ich weg. Natürlich nicht wirklich. Nach drei Schritten drehe ich mich um und warte auf sie. Mittlerweile muss auch sie grinsen. Kleinlaut fragt sie:

„Ist es so offensichtlich?“

Ich winke ab: „Nein, überhaupt nicht! Ich meine jeder läuft mal knallrot an und wendet sich dann genau in dem Moment immer wieder vom gleichen Typen ab.“ Erneut versucht sie mich zu schlagen und auch dieses Mal weiche ich gekonnt aus. Allerdings stolpere ich dabei gegen jemanden.

Schnell drehe ich mich um und entschuldige mich. Vor mir steht ein großer Mann. Er wirkt schon fast wie ein Bär. Er trägt einen Hut, hat aber ganz eindeutig eine Glatze und sein Kopf ist voller Tattoos. Er trägt Anzug und Mantel. Dazu sieht er noch sehr grimmig drein.

Schnell entschuldige ich mich noch einmal und mache mich dann schnell auf den Weg. Simone sieht mich beunruhigt an:

„Wer war das denn? Der muss sich wohl verlaufen haben, so nah an unserer Schule. Gruselig. Ich könnte schwören, dass er uns hinterher starrt.“

Mir läuft es kalt den Rücken hinunter und ich bekomme furchtbare Kopfschmerzen. „Ich weiß nicht, irgendwie kommt er mir bekannt vor.“

Simone sieht mich zweifelnd an. „Sicher? Ich meine so ein Gesicht vergisst man sicherlich nicht.“

Ich nicke stumm. So ein Gesicht vergisst man wirklich nicht, oder? Irgendwoher kenne ich ihn. Irgendwoher... Marie und Johannes holen schnell auf und Marie packt mich am Arm.

„Alles in Ordnung?“

Ich winke ab, diese Kopfschmerzen bringen mich um. Johannes legt mir eine Hand auf die Stirn.

„Cleo! Du hast wieder Fieber!“

Ich runzle die Stirn, wie als ich mich erinnert habe. Meine Erinnerungen, daher kenne ich ihn! Ja, sein Name. Wie war sein Name?

„Toya.“ Flüstere ich. Ja! Das war Toya! Die Kopfschmerzen lassen langsam nach und ich drehe mich schnell um. Er ist weg. Wie ist das möglich!? Er kann nicht hier sein. Marie und Johannes sehen sich erschrocken an.

„Toya? Der Toya?“

Ich nicke gedankenverloren, bis Simone mich an der Hand nimmt.

„Cleo? Was ist denn? Wer ist dieser Toya?“

Langsam sehe ich sie an und versuche zu lächeln.

„Erklär` ich dir später ok?“

„Vielleicht solltest du Papa anrufen, vielleicht weiß er darüber ja etwas.“

Ich nicke und hole schnell mein Handy aus meiner Tasche, wenn einer weiß, warum Toya hier ist, dann Jerome. Simone will allerdings nicht so schnell lockerlassen.

„Cleo? Was ist hier los? Wer ist dieser Toya? Hab` ich irgendwas verpasst?“

Ich winke ab, denn ich habe die Nummer schon gewählt und warte nur darauf das er endlich abnimmt. Zum Glück mischt sich Johannes ein, bevor sie weiter nachhaken kann.

„Wie wärs, wenn wir schon einmal vorgehen? Marie und Cleo bekommen das schon hin und jemand muss sie schließlich beim Lehrer entschuldigen, falls sie zu spät kommen.“

Mit einem fast schon heilig wirkenden Lächeln, was ich ihm nie im Leben abgekauft hätte, bringt er Simone dazu, zu verstummen und mit knallrotem Kopf mit ihm mitzugehen. Ohne irgendwelche weiteren Einwände begleitet sie ihn in die Schule.

Währenddessen versuche ich schon das zweite Mal Jerome zu erreichen. Marie sieht mich besorgt an, was ich verstehen kann. Wenn er hier ist, heißt das, dass er mich abholt? Muss ich schon jetzt los? Aber warum? Ist etwas passiert? Geht es Robin gut? Ach verdammt nochmal, warum geht er ausgerechnet jetzt nicht ans Handy?!

Verzweifelt sehe ich zu Marie, auch sie ist mittlerweile an ihrem Handy und versucht Jerome zu erreichen.

„Was jetzt? Was wenn irgendwas passiert ist?“

Maire schüttelt langsam ihren Kopf. „Das wüssten wir. Falls irgendetwas passiert wäre, hätte Papa dich sofort abholen lassen. Oder zumindest eine Nachricht geschickt.“

„Ja da hast du vermutlich recht. Aber das ist trotzdem nicht sonderlich beruhigend.“

Marie nickt zustimmend. Vielleicht würde ich es ja schaffen, ihn in der Pause zu erreichen. Mit etwas Glück würde er mir vorher auch schreiben. Was zur Hölle war hier nur los? Marie und ich entscheiden uns dazu, uns in der ersten Pause zu treffen und es dann noch einmal zu probieren.

Ich will ihr nicht unnötige Probleme mit ihren Lehrern einheimsen, nur weil sie wegen mir zu spät kommt. Wir beeilen uns so schnell wir können und Marie kommt gerade noch rechtzeitig. Leider kann ich das vergessen, meine Klasse ist mit am weitesten vom Eingang entfernt und befindet sich in der obersten Etage. Selbst trotz meiner Anstrengungen, komme ich zu spät. Überraschender Weise herrscht in der Klasse allerdings reges Treiben und es ist weit und breit kein Lehrer in Sicht. Simone kommt sofort zu mir gelaufen.

„Was war denn los? Ich hab` mir Sorgen gemacht.“

Ich winke ab. „Viel wichtiger, wie war es mit deinem Schatzi zusammen in die Schule zu gehen?“

Checkpott, sie schaut aus dem Fenster und murmelt etwas Unverständliches. Wie kann man nur so sehr verknallt sein? Und dann noch in jemanden, den sie nicht einmal kennt? Egal, so habe ich wenigstens eine Möglichkeit die Erklärerei noch ein wenig aufzuschieben. Als sie fertig ist und sie wieder ansetzen will, frage ich schnell:

„Wo ist eigentlich der Lehrer? Ich bin doch eigentlich schon zu spät.“

Simone zuckt genauso ahnungslos mit den Schultern wie ich. „Keine Ahnung, vielleicht kommt er ja einfach zu spät?“

Ich nicke stumm. „Gut möglich.“

Wir setzen uns auf unsere Plätze und ich sehe, wie Raff uns neugierig anstarrt. Wahrscheinlich hat Simone ihm das Drama von heute Morgen schon ausführlich geschildert. Gerade als er Anstalten macht sich zu erheben, schwingt unsere Klassentür schwungvoll auf. In der Tür:

Ein gehetzt wirkender Herr Hedsa. Simone und ich werfen uns verwirrte Blicke zu, nach Plan hätten wir jetzt einen gewissen Herr Friefel. Sofort kehrt Stille in der Klasse ein und auch die Letzten huschen schnell zu ihren Plätzen zurück.

Herr Hedsa stellt sich hinter das Pult und legt einen Stapel Blätter hin.

„Eurer Lehrer Herr Friefel hat sich heute Morgen kurzfristig als Krank gemeldet. Daher habe ich die Freiheit besessen euch für den heutigen Unterricht einige Arbeitsmaterialien zusammen zu stellen. Allerdings muss ich selbst eine Klasse unterrichten, daher vertraue ich darauf, dass Sie ihre Aufgaben pflichtbewusst erfüllen."

Irgendwie habe ich das Gefühl, als würde er mich anstarren. Hat Jerome mich etwa schon Abgemeldet? Nicht, dass er jetzt auch noch eine Erklärung von mir verlangt. Das würde den Tiefpunkt des Tages noch ein wenig in den Boden graben. Immer wieder taste ich nervös nach meinem Handy.

Vorsichtshalber habe ich es auf Vibration gestellt. Aber nichts. Nach einem langen Blick in die Runde macht sich Herr Hedsa wieder auf den Weg. Ich werde das Gefühl einfach nicht los, dass er schon bescheid weiß.

Nachdem er noch nicht einmal ganz aus der Tür hinaus ist, fangen schon wieder alle an kreuz und quer miteinander zu reden. Ich kann schon jetzt spüren, wie meine Kopfschmerzen wiederkommen.

„Wie wär`s, wollen wir draußen Arbeiten? Oder in der Bücherei?“

Simone nickt begeistert. „Draußen klingt perfekt und wenn wir dann schon einmal dabei sind, kannst du uns das von vorhin erklären.“

Sie grinst mich schelmisch an, aber ich kann sehen, dass sie sich wirklich Sorgen macht.

„Ja, Draußen klingt wirklich gut.“

Erschrocken fahre ich zusammen. Wie ein Ninja hat sich Raff an uns angeschlichen und steht nun, bekräftigend nickend vor unseren Tischen.

„Ich bin wirklich gespannt, was für eine Erklärung du auf Lager hast. Simone ist total ausgeflippt. Also wollen wir los?“

Simone nickt bestimmt und ich seufze. Dann ist es jetzt wohl so weit, die Stunde der Wahrheit. Ich schnappe mir meinen Rucksack und einen Zettel und mache mich auf den Weg in den Innenhof. Simone und Raff beeilen sich mit mir Schritt zu halten. Draußen stehen ein paar Tische und Bänke, daher bleibt uns das Suchen eines guten Platzes erspart.

Ich setze mich direkt an den ersten Tisch und warte nicht einmal, bis sie sitzen. Am besten kurz und schmerzlos, ohne viel hin und her Gerede.

„Mein voller Name ist Cleoluna Lucia Katriz von Bendabitz, anscheinend bin ich schon 19 Jahre alt und habe vor zwei Jahre mein Gedächtnis verloren, als ich durch ein Protal, aus einer anderen Welt hergekommen bin.“

Zunächst tauschen die Beiden nur beunruhigte Blicke, als ich aber todernst bleibe fragt Simone verunsichert: „Du machst Witze oder? Wer soll dir das denn glauben?“

„Nimm es uns nicht böse Cleo, aber das klingt tatsächlich ausgedacht. Bist du sicher, dass es dir wieder gut geht?“

Ich beiße mir verärgert auf die Lippe, aber ich habe ja gewusst, dass es nicht so einfach werden wird. Nach einem lautstarken Seufzer versuche ich es erneut.

„Ich weiß, dass es echt schwer zu glauben ist, ich konnte es ja selbst kaum glauben. Selbst jetzt wünsche ich mir noch, dass das alles ein Traum ist, aus dem ich bald möglichst aufwache. Marie und Johannes können es euch sogar bestätigen. Natürlich war das auch noch nicht alles, anscheinend bin ich auch noch eine Prinzessin.“

Bevor die Beiden mir antworten können, hebe ich abwehrend die Hände.

„Keine Sorge, ich verlange nicht, dass ich mir glaubt. Ich wollte nur nicht einfach verschwinden, ohne euch zu sagen, was los ist. Der Typ von vorhin ist aus der anderen Welt, zumindest glaube ich das. Deswegen war ich so erschrocken, denn das ist eigentlich nicht möglich. Aber egal, darum geht es mir gar nicht. Was ich eigentlich sagen möchte ist, dass heute mein letzter Schultag ist und ich in nicht einmal 2 Wochen in die andere Welt zurückgehen muss.“

Ihre Blicke werden immer ungläubiger. Nach einer Weile bringt Raff es dann endlich zustande etwas zu sagen: „Und das können Marie und Johannes uns bestätigen? Das klingt viel zu verrückt um wahr zu sein.“

Simone sieht mich verzweifelt an. „Wehe du lügst Cleo. Das würde ich nicht verkraften.“

Ich schüttle traurig den Kopf. „Leider ist es wahr.“

„Aber wie um Himmels Willen bist du dann hier gelandet?“

Das ist eine wirklich gute Frage. „So genau weiß ich es auch nicht, meine meisten Erinnerungen habe ich vergessen. Aber laut der Person, mit der ich hergekommen bin wurden wir von Banditen oder so gejagt und sind auf der Flucht dann durch ein Portal gelaufen, welches von meinem `Vater´, Jerome, geöffnet wurde. Er und sein Kollege haben uns dann versorgt und in dieser Welt untergebracht.“ Ungläubig schüttelt Simone den Kopf und Raff sieht mich verunsichert an. „Also heißt das, dass wir dich nach heute nicht mehr wiedersehen werden?“

Ich nicke und Simone fängt fast an zu weinen. „Sag mir bitte, dass das ein schlechter Scherz ist! So etwas passiert doch nur in Filmen und nicht in echt!“ „Genau das gleiche habe ich mir auch gesagt.“

Langsam kommen mir die Tränen, wieso muss das so schwer sein? Schnell beeile ich mich noch zu sagen.

„Aber, wenn ihr wollt, könnt ihr nachmittags zu meinen Tanzstunden kommen, das wäre kein Problem. Also vorausgesetzt ihr wollt überhaupt. Wir könnten euch auch abholen, da bin ich sicher.“

Raff sieht mich verzweifelt an und stützt seinen Kopf ab. Simone sieht auch nicht unbedingt überzeugt aus. Gequält lächle ich und versuche sie zu beruhigen: „Keine Sorge, ich verschwinde ja nicht schon morgen. Ich komme nur nicht mehr zur Schule. Ihr habt also Zeit es euch zu überlegen und wie gesagt, ich kann es euch nicht verdenken, wenn ihr mir nicht glauben könnt. Das klingt ja schließlich alles sehr suspekt und wie aus einem Film entsprungen.“

Beide nicken nur stumm und starren auf ihre Arbeitsblätter. So sitzen wir da, niemand redet und alle starren auf einen Fleck vor sich. Warum habe ich mir überhaupt so ein dummes Arbeitsblatt mitgenommen? Entschlossen zerknülle ich das Papier und werfe es weg. Simone und Raff sind erschrocken zusammengezuckt, als ich plötzlich aufgestanden bin. Ich lächle noch einmal traurig und mache mich dann daran, Jerome anzurufen.

Immer wieder bemerke ich, wie Raff und Simone neugierig zu mir schauen und anscheinend etwas bereden. Jeromes Stimme reißt mich aus meinen Gedanken: „Cleo, was ist los? Du versuchst ja schon den ganzen Morgen mich zu erreichen.“ Erleichtert atme ich durch.

„Endlich antwortest du! Du hast nicht zufällig noch mal das Portal geöffnet, oder?“ Jerome stockt.

„Woher weißt du das? Hast du eine Art Verbindung zu dem Portal?“

Ich seufze.

„Nein, aber ich habe heute Morgen jemanden getroffen, von dem ich glaube, dass er aus der anderen Welt kommt. Aber eigentlich sollte doch nur Robin rübergeschickt werden. Warum hast du es wieder geöffnet?“

Stille, ob er wohl nach Ausflüchten sucht?

„Ich hatte mit Robin abgesprochen, dass wir uns heute früh noch einmal Treffen, damit ich sichergehen kann, dass er angekommen ist und alles gut gelaufen ist. Allerdings ist nicht alles so gelaufen, wie geplant.“

Angst überkommt mich.

„Wie? Was ist passiert? Geht es Robin gut?“

Simone und Raff sehen besorgt zu mir rüber. Mein Ton muss sie beunruhigt haben.

„Ja, keine Sorge, es geht ihm gut. Aber er ist nicht alleine zu unserem Treffen erschienen.“

 

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