Erwachen

Suma fand sich in einer dunklen Kammer wieder. Nur das Funkeln zweier türkiser Augen war für ihn sichtbar. Diesmal wollte er nicht fragen, denn er wusste wer verborgen in der Dunkelheit vor ihm stand.
"Bereit einen weiteren Teil des Puzzles zu erhalten, Junge ohne Gedächtnis?", fragte Finn mit spöttischer Stimme.
Suma fragte sich, wie alt dieser Finn wohl sein mochte. Seine Stimme klang jung und beinahe unbeschwert.
"Bereit dazu war ich nie, aber das hast du ja bis jetzt auch gekonnt ignoriert!", witzelte er.
Das Licht ging an, viel zu hell nach zu viel Dunkelheit. Sumas Augen brannten und brauchten einen Moment, bis sie sich an die neuen Verhältnisse gewöhnt hatten. Da entdeckte er, dass er wieder im selben kellerartigen Labor wie in seiner ersten Vision stand. Dort, wo er Finn vermutet hatte, saß jetzt die einäugige Abscheulichkeit, die ihn immer wieder in seinen Träumen verfolgt hatte. Suma empfand den Ausdruck "Tempelkatze" für dieses Wesen als blanken Hohn.
"Schau genau hin.", krächzte sein unheimlicher Begleiter, "Die Geschichte des Schänders der Verstoßenen begann vor 99 Jahren, ein Jahr nachdem diese Welt in die Verdammnis gestürzt wurde." Suma folgte aufgeregt dem Blick des Tiers. In der Mitte des Raumes stand ein Behandlungsstuhl, auf den ein kleiner Junge geschnallt worden war. Kein normaler Junge, er wirkte edler, schöner als es ein Mensch je sein könnte.
"Was ist er?", fragte Suma seinen Begleiter, dessen widerlicher Gestank ihm fast die Luft zum Atmen nahm.
"Ein Elf, ein Mitbringsel aus einer anderen Welt. Der Doktor hat ihn gefangen, um ihm eine ganz besondere Gabe zu verleihen. Der Doktor hat ihn gesegnet, so wie er uns gesegnet hat!", erklärte die Tempelkatze. Suma fragte sich ob er an dem Verstand des Tieres oder doch lieber kollektiv an seinen eigenen geistigen Fähigkeiten zweifeln sollte.
Zwei Männer in weißen Kitteln betraten den Raum und näherten sich dem ängstlich zitternden Elfenjungen. Suma betrachtete ihn genauer. Man hatte ihm eine Glatze geschoren, seine Augen glänzten fiebrig in tiefem Smaragdgrün. Einer der beiden Männer spreizte dem Jungen den Mund mit Drähten auf, sodass er ihn nicht selbstständig schließen konnte. Man schien ihn nicht als Lebewesen wahrzunehmen, eher als ein Ding, mit dem man machen konnte, was man wollte. Suma schluckte schwer als er den Beistelltisch, den der zweite Mann im weißen Kittel herbeischob, erkennen konnte. Darauf lagen die Eisenbeschläge, die er schon im Maul der Verstoßenen entdeckt hatte und Nägel mit Widerhaken. Dem Elfenjungen rannen Tränen über die Wange. Er zitterte weiter.
"Kann ich denn nichts tun? Kann ich ihm nicht helfen? Oder du? Bitte unternimm doch etwas!", flehte Suma die Tempelkatze an, welche nur traurig den Kopf schüttelte. Ein Teil des Puzzles, eine weitere Vision, in welcher er bloß Zuschauer war. Aber diesmal war es schlimmer, denn es nahm ihn mehr mit als die Dinge, die er zuvor gesehen hatte. Dr. Jaseia betrat den Raum. Er starrte gelassen und völlig tiefenentspannt auf das Klemmbrett in seiner Hand: "Objekt Nummer 8, Elf. Wir implantieren Zähne aus hartem Stahl, geschliffen. Dazu Krallen und wir verwenden die Augen von Objekt Nummer 1. Das erste Mal, dass wir das beim lebenden Objekt versuchen... Und Hörner, einfach um zu sehen wie viel diese Rasse aushält!"
Suma wurde schlecht, er konnte nicht fassen, was der Doktor da so einfach von sich gab. Ein Experiment, er sah in dem Jungen nicht mehr, als ein Experiment. Eine bessere Laborratte, ein Wegwerfprodukt.
"Finn bitte, ich will das nicht sehen, hol mich hier raus, hörst du? Bitte hör auf!", schrie Suma und wandte sich von dem schreienden Elfenjungen ab.
"Wie willst du je führen, wenn du nicht sehen kannst, was andere erleiden, um zu dienen?", flüsterte Finns Stimme in seinem Kopf, "Etwa mit Güte und Nächstenliebe? Dann wende dich nicht ab, dreh dich wieder um!"
Suma wartete noch einen kurzen Augenblick, als er bemerkte, dass die Schreie aufgehört hatten, drehte er sich zitternd wieder um.
Die Szene hatte sich verändert.
"Objekt Nummer 8, Einheit für Nahkampf, vortreten!", die Stimme von Dr. Jaseia hallte durch den langen Gang voller offener Käfige. Aus einem der Ersteren trat der Junge heraus. Er war erwachsener geworden. Erst jetzt viel Suma auf, dass Dr. Jaseia keinen Tag gealtert war und auch in seiner Zeit in der Firma immer noch genauso aussah.
"Was bist du?", brüllte Dr. Jaseia den Jungen an. Dieser öffnete nun seine Augen. Sie funkelten in einem unnatürlichen grellen Gelb: "Ich bin der Schänder. Ich vernichte alle, die sich gegen die Firma stellen!"
Suma kannte die Stimme, sie gehörte Treplew und doch klang sie fremd, so mechanisch und ferngesteuert, ohne jegliche Emotion. "Mein Zweck ist es zu töten!", sprach er weiter und grinste.
Sumas Augen brannten, das Bild verschwamm, er hörte Schreie, entsetzliche Schreie von Menschen und Tieren ...

"Du bist der Schänder von Zöne!", entfuhr es Suma, als er schweißgebadet aus dieser schrecklichen Vision hochfuhr.
"Auch ich gehöre zu jenen, die Verstoßen sind", erklärte Treplew ihm ruhig, "Deshalb mach mir keine falschen Hoffnungen. Ich habe mehr als 50 Jahre gekämpft und gelitten..."
Lumen wurde in diesem Moment kalkweiß im Gesicht. Sie biss sich auf die Unterlippe und fasste insgeheim einen Entschluss. Schließlich wandte sie sich an die beiden: "Ich schätze, wir alle haben in den Jahren, die wir bereits auf dieser Welt wandeln die halbe Hölle durchgemacht, aber wir sollten genau jetzt die Hoffnung nicht aufgeben!"
Treplews Augen funkelten unheimlich, kurz blitzten seine Zähne auf, dann schossen die implantierten Eisenkrallen aus seiner linken Hand. Einen kurzen Moment dachte Suma, er würde auf Lumen losgehen, doch er wandte seine aggressive Attacke geschickt gegen den Baum hinter ihr, der bereitwillig zersplitterte.
Lumen starrte ihn schockiert an. Allmählich brach auch ihre Illusion. Je weiter sie sich dem Schattenberg näherten, desto mehr konnte sie von Treplews wahrer Gestalt sehen.
Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. Weder Lumen noch Suma wussten, was sie sagen sollten. Treplew hatte einen ganzen Baum durch seine abnorme Kraft zerbrochen, in Sekunden. Sie folgten ihm einfach still weiter durch den Wald, hatten keine Ahnung, ob sie das Schattengebirge oder die Verstoßenen finden konnten. Erst als sie den riesigen Gebirgskamm, dessen Spitzen im Nebel verborgen lagen, erreichten, verringerte Treplew das Tempo und sah sich verwirrt um.
"Die Stiegen nach Nirgendwo, direkt vor uns? Das ist zu einfach!", erklärte er den beiden anderen misstrauisch.
Suma entdeckte nun auch die in den Stein geschlagene Treppe, welche er bereits aus seiner Vision kannte. Nur diesmal ohne eine halb gehäutete Großkatze davor. Außerdem war sie verwittert, wirkte alt und von Unkraut überwuchert.
"Was jetzt?", fragte Lumen und blickte zu Suma, der immer noch verwirrt auf die Treppe starrte. "Wir dürfen nicht einfach hinauf gehen!", rief Lumen aus, als Suma sich der Treppe näherte.
"Weil uns die Verstoßenen sonst in Fetzen reißen...", erläuterte Treplew.
Suma hielt inne und blieb stehen, die Verstoßenen hatten ihn doch gerufen. Warum sonst sollten sie ihm die Treppe zeigen, ihm den Weg verraten? "Aber Treplew...", warf Suma ein, "Du bist doch selbst ein Verstoßener, dich werden sie doch anhören! Außerdem wollten WIR doch hinauf, um mit diesem Finn zu sprechen!"
Treplew verdrehte die Augen, er schien noch gereizter als zuvor: "Wenn du wirklich Visionen hattest, dann solltest du wissen, dass ICH keine Tempelkatze bin!"
Suma überlegte, Treplew war der Einzige, den er zu den Verstoßenen zählen konnte, welcher keine Tiergestalt hatte. Aber warum? Was hatte es überhaupt mit diesen Monsterkatzen auf sich, und warum sollten gerade sie und ein Mann namens Finn, der Dämonen beschwor, die Rettung dieser Welt einläuten?
Und warum nannte man Treplew den "Schänder" – kein wirklich positiv behaftetes Wort, selbst für eine Armee aus Abscheulichkeiten.
"Was jetzt?", fragte Lumen zickig, "Was sollen wir tun? Gehen oder bleiben oder zurück in die Firma?"
"Keiner geht irgendwohin!", brüllte Suma seine Gefährten an, "Ich muss nachdenken! Haltet beide die Klappe und setzt euch hin!"
Umso erstaunter war Suma, dass beide genau das taten, ohne Widerworte, ohne nachzufragen.

"Du willst die Augen nicht öffnen, oder?"
"Wer ist da? Ladira?"
"Ja. Du musst endlich aufwachen, Junge!"
"Aufwachen, ich verstehe nicht!?"
"Wach auf, bitte, wach auf!"
"Ich bin wach!"
"Bitte, öffne die Augen, bevor es zu spät ist!"
"..."
"Bitte gib nicht auf, kämpf weiter, mein Junge!"
"Was, bitte, ich verstehe nichts mehr!"
"Ladira? Ladira bitte rede mit mir!"

Suma fand sich plötzlich in purem Nichts wieder. Um ihn herum nur tiefste Dunkelheit. Er konnte sich nicht erklären, was ihm die Stimmen und Visionen noch sagen wollten. Es ergab alles keinen Sinn. Die einen verlangten, er solle "sterben um zu leben", die andere, er solle "endlich aufwachen". Und keiner von ihnen hatte ihm auch nur einen kleinen Hinweis auf seine Identität gegeben. Er war immer noch Niemand. Herr Niemand, der von Gestalten, welche direkt aus der Hölle stammen könnten, zum Ort Nirgendwo geschickt wurde. Aber niemand konnte ihm sagen wie er dort hingelangen sollte. Nur Rätsel, egal was oder wen er fragte.
Verzweiflung machte sich in ihm breit. Er fühlte sich verlorener, als je zuvor, wobei das wohl übertrieben war, bei der kurzen Zeitspanne über die sein Gedächtnis verfügte. Er ließ sich in dieser Schwärze einfach auf die Knie fallen, hatte keine Idee, in welcher Art Vision er jetzt schon wieder gefangen war oder ob sein Verstand sich nicht nun endgültig verabschiedet hatte.
"Wer wird denn gleich verzweifeln?", die warme, wunderschöne Stimme eines Mädchens hinter ihm ließ ihn erschaudern und füllte sein Herz gleichzeitig mit großer Trauer. Er drehte sich nicht um, ging davon aus, dass die Stimme wieder nur in seinem Kopf existierte: "Was möchtest du mir für Rätsel aufgeben?"
"Aber, aber, hör auf immer alles so negativ zu sehen", das kurze Lachen zwischen den Sätzen erfüllte Sumas Herz mit Freude, aber auch mit unglaublich tiefen Schmerz, der ihm die Tränen in die Augen trieb, "So warst du doch früher auch nicht. Du hast immer einen Ausweg gesucht und gefunden!" Suma schauderte. Er wusste nicht, zu wem die Stimme gehörte, aber sie klang so vertraut, so altbekannt.
"Du weißt wer ich bin?", fragte er zögerlich. Sie lachte wieder und wieder fühlte er sein Herz dabei zerspringen: "Natürlich. Jeder kennt dich und ich dich ganz besonders!"
Suma bemerkte, wie ihm die erste Träne über die Wange lief. Er verstand nicht warum, aber er konnte sie nicht zurückhalten. Er hatte das Gefühl sein Herz, sein ganzer Brustkorb würde jeden Moment zerspringen, weil dieser den Schmerz nicht mehr aushalten konnte.
"Bitte weine nicht. Du musst dir selbst vergeben. Dich trifft keine Schuld, an dem, was mit mir passiert ist!", flüsterte ihre Stimme sanft.
Suma wurde schwindlig. Er kannte die Stimme, kannte das Gefühl, welches in ihm aufstieg bei ihrem Klang, aber er wusste den Namen nicht, hatte kein Gesicht zu der Stimme und den tiefen Gefühlen, die sie in ihm hervorriefen.
"Vor der Dämmerung ist die Nacht am Finstersten, das hast du mir einmal gesagt, als ich keine Hoffnung mehr hatte!", hallte die Stimme, diesmal nur ein seinem Kopf, sich entfernend.
"Nein", Suma presste sich die Hände an die Schläfen, ein kläglicher Versuch die Stimme irgendwie fest zu halten "bitte bleib, bitte geh nicht..."

"Guten Morgen Schlafmütze!", Lumens lächelndes Gesicht war das erste, was Suma erblickte als er die Augen öffnete, "Lange genug geschlafen. Komm runter zu uns und iss mit uns!"
Verwirrt sprang er auf. Hektisch sah er sich in dem eigenartig ruhigen Jugendzimmer um, in dem er sich befand. Die Stimme war weg. Suma presste die Lippen zusammen, versuchte diesen Schwall an Emotionen, welcher in ihm hochkochte unter Kontrolle zu halten. Das einfache Bett stand an der Wand, darüber ein Poster von einem Sonnenuntergang am Strand. Eine Kiste, ein Kasten mit Gewand, ein grüner Stoffteppich und einige Fotos an den Wänden. Ein Schreibtisch, ein Computer, Schulbücher. Nichts davon passte in Sumas Konzept.
"Eva", flüsterte er, bekam im selben Moment einen Ellbogen in die Rippen.
Lumens braune Augen funkelten wütend: "Wer bitte ist denn Eva?"
Suma verstand die Situation nicht. Er verstand den Ort nicht. Er verstand gar nichts mehr.
Ein Klopfen an der Holztür des Zimmers ließ ihn aufschrecken, Treplew trat ein.
"Ich hoffe ich störe nicht, aber die Bahn geht in einer halben Stunde. Wir müssen uns beeilen, wenn wir heute noch an den Strand fahren wollen!", erklärte er.
Suma starrte ihn fassungslos an: ein normaler junger Mann. Keine Hörner, Klauen oder gelbe Augen. Freizeitkleidung, kurze Hose und Poloshirt. Lumen trug ein Strandkleid. Verwirrt ging Suma zu der Wand mit den Fotos, er sah sich und Lumen beim Eis essen in einem Kaffeehaus, Fotos von einem Picknick in einem Park, gemeinsamem Kochen mit Treplew und viele weitere Bilder von ihnen bei allerlei Aktivitäten.
"Wir sind also ein Paar?", fragte Suma, und verzog sein Gesicht dabei zu einem Grinsen, als er die verwirrten Gesichter der beiden sah, "Natürlich, weiß ich ja!"
Treplew musterte ihn streng: "Seit du vor einer Woche bei unserer Radtour gestürzt bist, wirkst du noch verwirrter auf mich als sonst!"
Suma fragte sich, ob das alles, die Firma, die Verstoßenen, Dämonen und Stimmen nur ein Traum gewesen waren. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung erlitten die sein Gedächtnis geschwächt hatte. Fakt war, dass es ja schließlich Bilder von diesem Leben gab, die vor ihm an der Wand hingen.
Und das dies wohl die bessere Erklärung war.
"Ich werde gleich morgen einen Arzt aufsuchen", erklärte er den beiden, "Aber ich denke, ich habe einfach nur mies geschlafen und schlecht geträumt."
Lumen legte den Kopf schief: "Ich hoffe doch, dass du keinen angenehmen Traum von einer Eva hattest!"
Treplew lachte augenscheinlich über ihre Eifersucht.
"Ich kenne doch gar keine Eva, oder?", warf Suma in den Raum.
"Nein, nicht das ich wüsste!", kicherte Treplew und winkte den beiden zu "lasst uns aufbrechen!"

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