Es geht nicht mehr

6.

Als ich Julien diese harten Worte entgegen schleuderte, musste ich mich fast übergeben, denn die Schmerzen waren unerträglich. Es tat so weh in sein Gesicht zu blicken und dort seine Enttäuschung und seine Trauer zu sehen und trotzdem so gemein zu ihm zu sein, ihm in einem Zug das Herz zu brechen. Durch die kleine Scheibe in der Tür sah ich wie er auf dem Flur fast zusammen brach und das wegen mir, doch ich durfte nicht schwach werden, ich musste einen Schlussstrich hinter die sinnlosen Geschichten ziehen die sich mein Leben nannten. Auch wenn Ju wahrscheinlich das einzige war das Sinn machte, gehörte er dazu. Doch es stand mir auf keinen Fall zu ihn mit zunehmen. Dieser Mann war unglaublich stark und tapfer, er würde es schaffen, anstatt mir. Gerade ging es ihm vielleicht schlecht, aber ich war gerade mal eine Woche seines Lebens, eine von vielen, er würde drüber ja wohl hinweg kommen. Mir war klar, dass man mich nach ein paar Tagen irgendwo einweisen würde, aber bis dann war ich weg und beim zweiten Versuch schlauer. Egal wie groß die Schmerzen dabei waren, einmal und nie wieder, danach konnte ich gehen und alles Leid war Geschichte.

Die nächste Zeit war nicht weiter schlimm für mich. Mit den Wissen, dass ich allen Emotionen und Gefühlen bald ihren Lauf lassen konnte, überspielte ich diese gekonnt und wunderte mich sogar wie gut ich schon im Unterdrücken war. Selbst die Stunden beim Psychologen ließ ich über mich ergehen, beantwortete seine nutzlosen Fragen mit ausgedachten Phrasen und täuschte ihm irgendwelche Komplexe vor. Hilfe ließ ich nicht an mich heran, mein Wille alles zu beenden war zu stark und ich hatte beim ersten Mal ja auch schon mit allem abgeschlossen, ich war bereit zu gehen. Trotz meinem festen Plan konnte ich Ju selbst auf diese Ferne nicht ansehen, wenn er jeden Tag vor meinem Raum herumschlich und nachfragte wie es mir ging. Er nahm ernst was ich gesagt hatte und kam nie herein und versuchte auch nicht mich zu bedrängen oder um zu stimmen, doch er ließ sich durch nichts davon abhalten bewegungslos im Gang zu sitzen. Dann drehte ich mich auf die Seite und tat als würde ich schlafen bis er weg war. Da mir kein Handy, geschweige denn Internet erlaubt wurde, wusste ich nicht was auf Youtube und Twitter vorging, aber ich konnte mir nicht vorstellen dass Ju noch ordentlich arbeitete wenn er so viel Zeit im Krankenhaus mit Nichtstun verschwendete und was seine Community davon dachte. In der Nacht vor der Überweisung war es dann an der Zeit abzuhauen. Denn erst am Tag davor hatte man mich von dem Injektionsbeutel genommen und so reisefähig gemacht, ich musste nur noch mal wieder kommen um mir die Fäden aus den vernähten Wunden ziehen zu lassen, aber das wäre dann sowieso egal. Vorsichtig glitt ich vom Bett und zog mir Klamotten aus meiner Tasche an, die Julien bei den Schwestern abgegeben hatte. Dann zog ich mir noch eine weite Jacke mit Kapuze und Springerstiefel an und öffnete vorsichtig die Tür. Die gläserne Schwesternstation lag halb versteckt hinter einer Ecke und so tat ich als wäre ich ein Besucher und käme aus einer anderen Richtung und lief scheinbar in Eile ohne nach rechts oder links zu sehen an den Angestellten vorbei. Niemand nahm von mir Notiz und auch der Rest war erstaunlich einfach. Durch den Fahrstuhl gelangte ich schnell in die gut ausgeschilderte Aula, fand den Ausgang und war ab da spurlos verschwunden.

 

Ein Klingeln ließ mich aus meinem unruhigen Schlaf schrecken und ich schlurfte im Schlafanzug zur Tür, denn Vince war bei Tija und Joon wurde von sowas nicht wach. Als ich öffnete und zwei Polizisten draußen standen, war ich allerdings schnell hellwach und relativ geschockt. „Guten Morgen, sind sie der Youtuber Julien Bam?“ „Ähm, ja? Wieso?“ „Das ist mein Kollege Herr Holzer, ich heiße Schank. Wir sind hier wegen einer Fe, eine Angestellte meint sie im Krankenhaus erkannt zu haben. Waren sie dort?“ „Ja, vorgestern das letzte Mal, aber warum denn?“ „Können wir herein kommen?“ „Nein, nein können sie nicht, sagen sie mir einfach was los ist!“ „Also gut, Fe ist in dieser Nacht aus dem Krankenhaus verschwunden, hat sie sich bei ihnen gemeldet?“ „Sie ist was?“ „Ja, uns wurde gesagt sie hätten eine Beziehung mit ihnen, also war sie hier? Und das läuft doch erst seit sie volljährig ist, oder etwa nicht?“ „Verschwinden sie.“ Ich sah sie feindselig an. „Beantworten sie die Fragen!“ es war witzig zu sehen wie der Polizist wütend wurde und sein speckiges Gesicht rot anlief. „Ich muss ihnen gar nichts sagen! Lassen sie mich in Ruhe und suchen sie sie selbst!“ „Bitte,“ Mit den Zähnen knirschend bohrte er so freundlich wie möglich weiter. „Das Kind ist eine große Bedrohung für sich und andere. Junger Mann, sie wollen doch nicht, dass ihr etwas passiert.“ „Sie ist kein Kind, sie kann auf sich selbst aufpassen, verlassen sie das Grundstück!“ Damit knallte ich den Beamten die Tür vor der Nase zu. Nach einem Atemzug lief ich zurück zur Wohnung und sank innen an der Wand hinunter. Was sollte ich tun? Sie würde es wieder versuchen. Sie würde sich umbringen, es würde funktionieren und damit wäre ich allein. Hatte sie bei der ganzen Sache auch mal an mich gedacht? Nein und das war meine Schuld. Nie hatte ich ihr gesagt wie viel sie mir bedeutete, dass ich sie liebte denn das tat ich. Aber nein, es hatte ein paar Küsse gegeben, wunderbare Küsse, aber eben nur Küsse und küssen konnte man viel. Das war schlicht und einfach nicht genug gewesen um sie von ihrem Weg in den Tod abzulenken. Jetzt war sie höchst wahrscheinlich schon weg, oder gerade im Zug dazu, die Klinge schon in der Hand oder den ersten Fuß schon auf den Bahnschienen. Ich konnte nichts anderes tun als hier auf dem Fußboden sitzen und auf einen Bericht in der Zeitung, eine Todesanzeige, zu warten, oder auf die winzige Chance eines Sinneswandels zu hoffen. In mir wurde es plötzlich einfach nur leer, alle Gefühle verschwanden und ich überlegte ob das gerade der Moment war indem sie starb. Sterben, dieses Wort war mir zu wieder, man sollte es mit Rentnern oder Kranken verbinden, nicht mit jungen Mädchen die keinen Sinn mehr darin sahen weiter zu machen. Und dabei hätte ich ihr Sinn sein können, ich hätte derjenige sein müssen in dessen Armen sie liegen sollte und bei dem sie sich sicher fühlte. Mir wurde alles zu viel und ich musste raus aus der Wohnung. Kurzerhand schnappte ich mir Jacke, Schuhe und mein derzeitiges Longboard und rannte nach draußen auf die Straße. Dann fuhr ich einfach raus aus der Wohngegend in die Stadt am Dom vorbei und weiter zum Fluss. Dort setzte ich mich am Ufer ins Gras und war mit meinen immer gleichen Gedanken und Sorgen sofort wieder allein. Die Gewissheit nichts tun zu können nagte und zog an mir wie Klauen die sich in meine Haut krallten und sie blutig kratzten. Verloren ließ ich meinen Blick über Kölns Skyline auf der anderen Seite schweifen, über jedes einzelne Haus und Gebäude. Auf einmal glaubte ich auf einem Hochhaus eine Gestalt zu entdecken. Sofort richtete ich mich auf, lief bis das Wasser schon fast meine Schuhe durchdrungen hatte und starrte angestrengt hinüber. Ja, dort auf dem Dach stand jemand viel zu nah an der Kante, die dunklen Haare wurden vom Wind aufgeweht, weite schwarze Klamotten hingen an ihrem dünnen Körper herunter, das konnte man sogar von hier erkennen. Fe! Das war Fe! Wie vom Blitz getroffen hetzte ich mit den Board zurück auf die Straße und fuhr so schnell wie nur irgend möglich über die nächste Brücke zu dem Haus. Auf dem Weg dorthin übersah ich eine rote Ampel und fiel fast, aber dann stieß ich endlich die Tür des Bürogebäudes auf und hechtete die Treppen bis zum obersten Stockwerk hinauf.




Ja das war kurz aber ihr könnt euch auf jeden Fall auf das nächste freuen.

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