Finns Aufzeichnungen

Shanora fand ein Dokument in der Handschrift ihres Bruders, es musste wohl eingescannt worden sein. Gespannt begann sie die wirren Sätze und Bemerkungen zu lesen: 


Der neunte Kreis, unerforschtes Gebiet.
Am Meer, der Schwarzwasser-Dschungel, versunkene Königreiche von Gaap. Hauptstadt Schwarzwasser, Achtung Nutten! Und Regen, immer, vielleicht ein alter Fluch? Ein paar kleine Städte, sehr süß, aber nachts gefährlich!
Im Süden die Feuerwüste, Südhafen am Schwarzwassergraben. Kein Einlass durch die Tore, wer weiß was sich hinter den Mauern von Südhafen verbirgt.
Im Osten die Einöde von Windun, Steppe bis leichtes Grasland. Achtung Kannibalen und andere schreckliche Monster.
Im Westen die Berge von Harmun, Festung Harmun. Schnee und kein Leben mehr, der Dunkle hat Harmun erfolgreich besetzt! Bis heute hat niemand versucht die Festung und ihre Schätze zurückzuerobern! Das werde ich noch machen!
Schwarzwasser wird seit dem Sturz von Gaap von Kobolden, Wichteln, Dämonen aller Art, Huren und anderen niederen Lebensformen bewohnt. Viele Krankheiten haben die früher
stolze Kriegerbevölkerung dezimiert und zur Flucht aufs Land gezwungen. Vielleicht ist darum nur noch Abschaum in der Stadt.
Südhafen wird von den Schatten belagert, deren Treue immer noch König Baal gilt. Sie quälen das Volk, weil sie ihre Schwäche für den Fall des Königs und die Flucht der Sippe Argares, des Königsgeschlechts, verantwortlich macht. Sie haben sich einem großen Herren angeschlossen um Rache an Elensar und dem Dunklen zu nehmen, aber sie wurden betrogen. Der Dunkle machte sie zu seinen Dienern, den Ginn. Also alle, die nach dem Massaker von Bularak noch übrig waren. Bin ich für das Massaker verantwortlich? Waren es meine Worte, die den Raben dazu trieben? War es der Rabe?
Windun, die Steppenreiche, werden von eigenartigen Tiermenschen besiedelt. Die kennen keinen König und keine Gesetze. Sie kämpfen gegen eine Gattung, die als Wiedergänger
bekannt sind. Sie ähneln den Elfen, sind aber allesamt Kannibalen und ein Tiermensch bietet ihnen eine interessante Jagd. Ihre Anführerin Minriva erzählt eine Geschichte von früheren Elfen und dem Tod durch den Dunklen, als sie versucht hatten die Arages vor dem Dunklen und seinen Ginn zu schützen.
Harmun, die große Festung des Westens, war einst die Zentrale großer Schmiedekunst. Guren Blitzhammer war der Name der Sippe, die nicht nur besondere Waffen, sondern auch
Elektrizität herstellen konnten. Der Dunkle aber erachtete sie als zu gefährlich, zu mächtig.
Er ließ die ganze Sippe ausrotten, seit dem liegt Harmun verloren im Schnee der Berge.
Deseis, der Verräter, hat beinahe alle Schatten ausgelöscht, obwohl er selbst einer von ihnen war. Ihre Art die Jungen zu gefühllosen Monstern zu erziehen ertrug er nicht, er war ein Kind, als der Dunkle den Krieg über den neunten Kreis brachte und will nicht, dass so etwas wieder passieren kann.
Aber da ist noch mehr, das spüre ich, er spricht nur nicht darüber. Nachdem ich ihm gezeigt hatte, was er Caja angetan hat, schlachtete er die Schatten ab. Das war nicht was ich erreichen wollte, die übrigen werden nun dem Dunklen dienen, da bin ich sicher!
Außerdem äußert er sich immer wieder interessiert wegen Church. Ob ich es ihm sagen soll? Sein Begleiter, ein widerlicher Typ namens Claude, behauptete neulich der letzte Druide zu sein. Die Geschichte, die er mir erzählt hat, kann ich kaum glauben.
Anscheinend hat der Dunkle die Druiden, die einst in den Wäldern vor Windun lebten, ausgerottet. Die Begründung erstaunt mich aber, sie sollen ihm sein Kind gestohlen haben. Im Grunde sind Druiden Gestaltenwandler, verwandeln sich in mächtige Tiere.
Kann es sein, dass der Dunkle diese Gene für mich und die anderen verwendet hat? Und wo kam dieses Kind hin?

Shanora schauderte, so viel Unheimliches hatte sie selten gelesen. Jetzt kannte sie Finns Pläne und Gedanken zum 9. Kreis.
Entschlossen zog sie ihren Block aus ihrer Tasche und schrieb sich ihre nächsten Ziele auf. Den Raben finden und befragen, genau wie seinen Kameraden. Südhafen bereisen und, wenn nötig, befreien. Den Erben des Dunklen finden. Harmun erobern. Den Dunklen stürzen.
Wenn das alles nur so einfach klappen würde. Müde entschied sie sich hinzulegen, ein paar Stunden Schlaf konnten nicht schaden. Ihre Gedanken schweiften zu Lillet ab, sie fragte sich, ob es eine Chance gab ihr zu helfen. Dann weiter zu Allister und Yalhan, Sassy und Alpha. Diese beiden Paare bewiesen, das es Liebe gab, die selbst in dunkelsten Zeiten entstehen konnte.
Aber was genau war eigentlich Liebe? Shanora kannte diese Art von Liebe nicht. Sie fand des Öfteren männliche Wesen attraktiv.
Peinlich berührt erinnerte sie sich, dass sie Deseis, Churchs Onkel, attraktiv gefunden hatte. Sie kannte nur die Liebe, die man für seine Familie empfinden konnte. Finn, Ladira und auch Church waren ihre Familie, auch wenn niemand davon mit ihr verwandt war.
Der kühle Wind, welcher durch die geöffnete Balkontüre wehte, erinnerte sie an das Zimmer ihres Bruders. Seine Vorhänge hatten auch immer im Abendwind getanzt, wenn er einmal wieder verschwunden war. Langsam wurden ihre Gedanken wirrer und sie sank in einen traumlosen Schlaf.
Trotz der Ausrichtung ihres Zimmers waren es nicht die ersten Sonnenstrahlen, die Shanora weckten.
Es war ein lautes "Bling".
Verwirrt sah sie sich um, schließlich hatte sie kein Handy und keinen Wecker dabei. Ihr Blick blieb an dem Macbook auf ihrem Schreibtisch hängen. Schnell sprintete sie aus dem Bett und klappte ihn auf. Ein neuer Ordner war dem schwarzen Bildschirm hinzugefügt worden.
Er trug den Titel "Kontakte - 9.Kreis", Shanora öffnete ihn aufgeregt:


Name: Lupus
Alter: 55
Größe: 1,83m
Haarfarbe: braun-grau, kurz
Augenfarbe: blassblau
Passwort: Seid ihr auch einer dieser Kopfgeldjäger? Nein, ich jage die Finsternis selbst!
Standort: Ilks, Bäckerei
- Kontaktlinsen, Masken, Informationen, Waffen

Name: Norbert
Alter: sehr alt, man sieht es ihm aber nicht an
Größe: 2,10m
Haarfarbe: grau-weiß, lang, Zopf! Langer geflochtener Bart
Augenfarbe: wasserblau
Passwort: Wahrheitsfinder
Standort: unbekannt, wollte Finn treffen um ihm etwas Wichtiges zu sagen
Angebot: Nordmann, unglaublich stark, auffällige Tätowierungen, Informationen?

Name: Ranchied
Alter: unbekannt
Größe: 1,86m
Haarfarbe: ein Golem, also Lehm?
Augenfarbe: unbekannt
Passwort: Thronhüter
Standort: Ein Dorf kurz vor Südhafen
Angebot: Rüstung

Das sind die letzten Bewohner dieser Hölle, mit denen Finn Kontakt hatte. Du solltest vielleicht mit ihnen sprechen. Ich wollte erwähnen, dass Finn Aktien und Firmen besitzt die ihn reich machen. Eine Weltenkreditkarte befindet sich im Visitenkartenfach der Laptoptasche.

Die letzten vier Sätze waren wohl Cajas Werk.
Shanora war erstaunt, dass sie ihr doch noch wirklich zu helfen schien. Sie fand die Kreditkarte und betrachtete sie eingehend.
Darauf stand Finn Treplew Pierre, wohl ein makaberer Deckname.
Aus Hartplastik, pechschwarz mit einer Rune darauf. Shanora steckte sie in ihre Jackentasche und beschloss sich beim Bäcker ein paar Brötchen und Informationen, zu holen. Die Sonne ging gerade auf und sie zog die Sonnenbrille ihres Bruders über ihre türkisen Augen.
Dann setzte sie die Kapuze ihres Mantels auf und spazierte über die noch menschenleere Straße in Richtung des Krankenhauses. Schon auf Höhe des Krankenhauses stieg ihr der Geruch von frisch gebackenem Brot in die Nase, sie ging schneller und hoffte, dass man ihre Kreditkarte akzeptieren würde. Schnell trat sie durch die Türe des kleinen Ladens, die Auslage versprach frischen Kaffee und leckere Backwaren.
Innen gab es nur eine Theke, sie drückte auf die Klingel, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Hintertüre hinter der Theke schwang auf und ein freundlich aussehender Mann mit weißer Schürze kam heraus. Eindeutig Lupus, die Beschreibung passte wie die Faust aufs Auge.
"Wie kann ich dir helfen, junges Fräulein?", fragte er und lächelte sie an.
"Kann ich damit hier bezahlen?", fragte Shanora und zog die Kreditkarte aus ihrer Jacke. Die Miene des Bäckers verhärtete sich augenblicklich.
"Seid ihr etwa einer dieser Kopfgeldjäger?", fragte er und starrte sie an.
"Nein!", antwortete Shanora und nahm die Sonnenbrille und Kapuze ab, "Ich jage die Finsternis selbst!"
Schockiert starrte der Bäcker auf ihre Augen: "Du musst die Schwester von Finn sein, komm mit!"
Sie folgte ihm in das Hinterzimmer, das sich als Backstube und vollwertiger Laden entpuppte.
Hier schien es beinahe alles zu geben, vor allem aber alles, um sein Äußeres zu verbergen.
"Was benötigst du?", fragte Lupus, dann deutete er auf die Kontaktlinsen, "Die solltest du auf jeden Fall tragen, eure türkisen Augen sind einzigartig!"
Shanora nickte, sie entschied sich für ein sattes Nußbraun. Lupus erklärte ihr, wie sie die Linsen einsetzen konnte, und wie sie sie pflegen musste. Shanoras Augen brannten zwar, aber sie gewöhnte sich schnell daran.
"Hier!", Lupus reichte ihr noch einen Satz weißer Porzelanmasken.
"Es sieht zerbrechlich aus, aber niemand kann dir diese Maske abnehmen!", erklärte er. Shanora nickte und packte die überraschend leichten Masken in ihre Tasche, gemeinsam mit dem Behältnis für ihre Kontaktlinsen.
"Ich suche Norbert, den Nordmann, weißt du etwas über ihn?", wollte Shanora wissen.
Lupus wirkte überrascht: "Er war vor ein paar Tagen hier, fragte nach deinem Bruder. Er erschien wohl nicht zu ihrem geplanten Treffen..."
Shanora schluckte: "Er wird so schnell nirgends mehr erscheinen, darum bin ich hier. Finn liegt im Koma, es sieht nicht gut aus!"
Lupus wurde kreidebleich: "Aber wer beschützt... Wer wird sie aufhalten..."
Shanora war verwundert: "Vor was müsst ihr beschützt werden?"
Lupus deutete auf den Ausgang: "Du solltest gehen, Norbert wird weiter Richtung Windun gehen, um dort nach dem rechten zu sehen! Vielleicht kannst du ihn einholen! Aber bitte, verschwinde von hier! Sie werden dich sonst kriegen!"
Lupus schob Shanora förmlich aus dem Laden, ohne Brötchen. Dann schlug er die Türe zu. Verwirrt wirbelte sie herum und wollte zurück zu Marbas Anwesen laufen.
Aber sie wurde einfach umgerannt und landete unsanft auf dem Rücken. Schmerzerfüllt setzte sie sich auf, um zu sehen, wer sie da zu Boden gerammt hatte.
"Tut mir leid", sagte der junge Mann mit sanfter Stimme. Er streckte seine in einem ledernen Handschuh steckende Hand nach ihr aus.
Dankbar griff Shanora danach, er zog sie mit Leichtigkeit wieder auf die Beine. Shanora starrte ihn kurz verlegen an.
Er trug eine Kapuze, darunter war nur ein Teil seiner hellgrauen Haare zu sehen, die ihm ins Gesicht fielen. Das störte aufgrund seines makellosen Gesichts aber kein bisschen. Zumindest war das, was davon sichtbar war, schön.
Einen Großteil verbarg ein schwarzer Schal, er schien nicht auffallen zu wollen. Seine Augen faszinierten sie am meisten, das Linke blutrot und das rechte Violett.
Er schien ihren Blick zu bemerkten und kratze sich mit seiner freien Hand verlegen am Hinterkopf: "Äh ich glaube du stehst wieder!"
Shanora blickte verwirrt auf ihre Hand, die immer noch an seiner klammerte. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg und lies los.
"Danke," murmelte sie, ihr Bauch kribbelte und sie konnte nicht aufhören ihn anzustarren, "ich bin Shanora!"
Sofort bereute sie schon wieder einem Wildfremden ihren Namen verraten zu haben. Sie musste dringend damit aufhören.
Er sah sie kurz überrascht an, dann lächelte er herzlich: "Wie gesagt, tut mir Leid, das ich dich umgerannt habe!" Shanora wurde noch verlegender bei seinem Lächeln. Er war ein ganzes Stück größer als sie und schmal gebaut.
"Ist alles in Ordnung, soll ich dich zum Arzt bringen?", fragte er nun besorgt.
Shanora versuchte einen halbwegs normalen Eindruck zu machen: "Nein, mir geht es gut ich bin nur verwirrt, aber das ist oft so! Also eigentlich nicht, ich bin normal!"
Sie hatte es versaut, ihr Name wurde im Hintergrund gerufen.
Church, er schien bemerkt zu haben, dass sie weg war.
Shanora wandte sich um und winkte ihm: "Ich bin hier! Ich habe gerade mit..." da bemerkte sie, dass sie alleine war.
"Was machst du hier?", fuhr Church sie an, er schien sich große Sorgen gemacht zu haben.
"Ich wollte Brötchen holen!", murrte sie, genervt von der beinahe schon elterlichen Kontrolle, "Und mit jemandem sprechen der Informationen für mich hatte!"
Unauffällig sah sie sich um, doch der junge Mann schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Churchs schwarze Augen prüften nun ebenfalls die Umgebung.
"Gut, was konntest du herausfinden?", fragte er in einem versöhnlichen Tonfall.

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